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»Meine Oma ist alles andere als scheintot!«, zischte Sprotte.

»Sie braucht im Moment eine Krücke, aber damit ist sie wahrscheinlich immer noch schneller als Steve mit seinem Hängebauch.«

»He, mein Bauch geht dich gar nichts an, klar?«, sagte Steve beleidigt.

Sprotte ignorierte ihn. »Die Kartons sind nicht gerade groß«, stellte sie mit einem Blick auf Freds Gepäckträger fest.

»Habt ihr an das Grünzeug gedacht?« »Klar«, knurrte Fred genervt.

Torte sah sich suchend um. »Wo ist Frieda? Bei ihrer Allerheiligen­ Gruppe?«

»Sie ist mit einem anderen Jungen zusammen!«, flüsterte Melanie ihm zu. Wütend starrte Torte sie an. »Allerdings!« Wilma kicherte. »Sie ist mit ihrem kleinen Bruder aufm Laternenumzug.«

»Auf jeden Fall kommt sie noch«, raunte Sprotte. »Trude, knips noch mal die Taschenlampe an. Uhrenvergleich.« »Sechs Minuten nach acht«, sagte Willi. »Meine geht hundertprozentig richtig.«

»Um Punkt Viertel nach acht«, flüsterte Sprotte, während Melanie und Steve ihre Uhren nachstellten, »schleichen wir uns in den Garten. Aber vorher muss ich noch das Tor ölen, weil meine Oma es extra quietschen lässt. Das hab ich heute nicht mehr geschafft.«

»Viertel nach acht!«, stöhnte Torte. »Da können wir uns ja noch verdammt

lange die Beine in den Bauch stehen. Und das bei der Kälte.«

»Also, ich hab's nicht eilig, bei O. S. rumzuschleichen«, sagte Melanie und begann sich ihren schwarzen Schal um den Kopf zu schlingen.

»Warte, ich helf dir«, murmelte Willi und schob ihr eine Haarsträhne unter den Schal. Sprotte und Wilma schmierten sich gegenseitig schwarze

Farbe ins Gesicht, während Trude mit ihrer Taschenlampe für Licht sorgte. Wilma hatte doch noch Theaterschminke besorgt, nachdem sie einmal an der schwarzen Schuhcreme geschnuppert hatte.

Die Pygmäen zogen sich schwarze Strumpfmasken über die Köpfe. »Na, wie sehen wir aus?«, fragte Fred. »Seid ihr verrückt geworden?« Entgeistert guckte Sprotte die vier an. »Soll meine Oma vor Schreck einen Herzinfarkt kriegen?«

»Na, meinst du, ihr seht besser aus?«, antwortete Fred ärgerlich.

»Er hat Recht, Sprotte.« Kichernd nahm Melanie Trude die Brille ab und schwärzte ihr das Gesicht. »Ihr seht wirklich nicht besser aus.«

»Vorsicht!« Wilma zog Melanie und Trude etwas tiefer unter die Tannen. »Hundebesitzer im Anmarsch.« Ein dicker Mann bog mit seinem Schäferhund in die Straße ein. Er ging den Bürgersteig auf der gegenüberliegenden Straßenseite entlang, aber immer wieder guckte er misstrauisch zu ihnen herüber.

»Mensch, das ist Feistkorn, der Nachbar von meiner Oma«, flüsterte Sprotte entsetzt. »Wenn der unsere schwarzen Gesichter sieht...«

»Masken ab!«, zischte Fred. Hastig rissen sich die Pygmäen die Strümpfe von den Köpfen. »Und jetzt für die Schwarzgesichter Tarnung >Liebespaar<. Schnell.« Fred legte Sprotte den Arm um die Schulter, zog sie ganz nah an sich ran und grinste ihr ins bemalte Gesicht. »Wunderbar siehst du heute Abend aus«, säuselte er. »Atemberaubend wunderbar!« »Lass das!«, zischte Sprotte und lugte über seine Schulter. Omas Nachbar war jetzt fast auf ihrer Höhe. Neugierig guckte er zu ihnen herüber. Melanie versteckte den Kopf an Willis Schulter, Trude duckte das schwarze Gesicht kichernd unter Steves Kinn, und Wilma drückte sich an Torte. »Wenn der mich erkennt«, flüsterte Sprotte Fred ins Ohr, »dann ist alles vorbei.«

»Wie soll der dich mit einem Pfund schwarzer Schminke im Gesicht erkennen?«, flüsterte Fred zurück. Feistkorn stand auf der anderen Straßenseite, den Hund ganz kurz an der Leine. »Wohnt ihr hier?«, rief er über die Straße. »He, ihr da!«

»Verflixt«, murmelte Willi. »Im Film funktioniert die Liebespaarnummer immer.«

Da drehte Torte sich um. »Seht doch! Was für ein Glück!«, rief er mit schriller Stimme. »Ein Eingeborener. Können Sie uns sagen, wo hier das Schützenfest stattfindet? Unsere Damen sind schon halb erfroren. Wir irren seit einer Ewigkeit durch diese Einöde, und unsern Chauffeur haben wir leider nach Hause geschickt!« Sprotte stöhnte leise auf.

Feistkorn machte ein Gesicht wie eine bissige Bulldogge. »Macht, dass ihr wegkommt!«, schnauzte er und zerrte den Hund weiter. »Sonst werden wir ja sehen, ob ihr die Polizei genauso veralbert wie mich.«

Der Schäferhund fing an zu bellen. Feistkorn zerrte ihn weiter die Straße runter, aber er sah sich immer wieder um. »Los!«, flüsterte Sprotte und schubste Fred zurück. »Wir müssen so tun, als würden wir verschwinden. Sonst geht der nie ins Haus.«

Sie schoben die Räder zurück zur Hauptstraße. Als sie alle um die Ecke gebogen waren, schlich Wilma dicht an eine Hecke gepresst zurück. Feistkorn stand immer noch an der dunklen Straße, als müsse er sich und seine unschuldigen Nachbarn vor einer Bande ausgewachsener Straßenräuber schützen. Endlich, als die Hühner es gründlich leid waren, ihre schwarzen Gesichter an den Schultern der Pygmäen zu verstecken, und der größte Teil der Schminke schon an deren Jacken klebte - da endlich stieß Wilma drei kurze Pfiffe aus.

»Was war das?«, fragte Fred. »Klang nach kaputter Kuckucksuhr.«

»Entwarnung«, sagte Sprotte. »Wie spät?« »Schon zwanzig nach acht«, flüsterte Steve. Sprotte guckte sich beunruhigt um. »Verdammt, wo bleibt Frieda?«

»Auf die können wir nicht mehr warten«, zischte Fred. »Los, bringen wir’s hinter uns. Dieser Dicke hat mich irgendwie nervös gemacht.«

Hastig schoben sie ihre Räder wieder in die schmale Straße. Wilma winkte ihnen zu. Von Feistkorn war nichts mehr zu sehen, aber an seinem Grundstück schlichen sie besonders vorsichtig vorbei.

Die Straße war feucht vom Regen. Seit Stunden nieselte es. »Verdammt, es wird glatt!«, flüsterte Melanie, als sie ihre Räder in das dichte Gebüsch gegenüber von Oma Slättbergs Garten schoben. Fred, Torte, Sprotte und Melanie klemmten sich die Pappkartons unter den Arm. Ein Blick nach rechts, einer nach links, dann liefen sie geduckt auf Oma Slättbergs Gartentor zu und hockten sich hinter die Hecke. »Oje, ich piss mir gleich in die Hosen vor Aufregung!«, stöhnte Steve.

Wilma hielt sich die Nase zu, um nicht loszuniesen. »Los, Sprotte, das Tor!«, zischte Fred. Sprotte zog ein kleines Ölkännchen aus der Tasche. In dem Moment stieß Trude einen spitzen Schrei aus und fuhr in die Höhe. Die ändern sprangen auf. Ein Fahrrad kam die Straße runtergerast. »Wer ist das?«, quietschte Wilma.

Melanie presste ihr die Hand auf den Mund. »Sei still! Das ist Frieda, du Meisterspionin.«

Es war Frieda, eine völlig atemlose Frieda. Gebückt huschte sie über die Straße und hockte sich zwischen Sprotte und Melanie hinter die Hecke. »Dieser Laternenumzug ...«, japste sie, »... nahm einfach kein Ende. Und dann hat Luki auch noch in die Hosen gemacht. Ich ...«

»Pssst!« Sprotte hielt den Finger vor die Lippen. »Wir sind spät dran, viel zu spät. Es ist gleich halb neun.« »So spät schon. Verdammt!« Melanie schmierte Frieda schnell noch etwas schwarze Schminke ins Gesicht. Vorsichtig, ganz vorsichtig öffnete Sprotte das Tor und bewegte es in den Angeln. Lautlos schwang es hin und her. »Warum lässt deine Oma ihr Tor quietschen?«, flüsterte Steve. »Steht sie auf das Geräusch, oder was?« »Sie hat Angst vor Einbrechern«, flüsterte Frieda ihm zu. »Umso besser«, knurrte Willi. »Dann steckt sie wenigstens nicht die Nase aus der Tür, wenn sie uns hört.« Zum zweiten Mal streiften sich die Pygmäen ihre Strumpfmasken über.

»Halt.« Sprotte holte tief Luft und guckte die ändern an. Sie musste es ihnen sagen.

»Hätt ich fast vergessen, euch zu erzählen. Meine Oma ...«, sie warf einen Blick zum Haus. Nur das Wohnzimmerfenster war hell erleuchtet. Ihre Großmutter verschwendete nie Strom.