»Nun sag schon ...«, flüsterte Fred ungeduldig. »Meine Oma hat sich eine Pistole gekauft«, murmelte Sprotte.
Mit einem Ruck riss Steve sich die Strumpfmaske vom Kopf. »Was?«
»Eine Pistole?«, flüsterte Wilma fassungslos. Nur Willi lachte leise. »Du meine Güte, eine Oma mit Pistole ! Macht euch nicht ins Hemd. Die wird sie doch sowieso nicht benutzen.«
»Ach ja?«, flüsterte Melanie und drängte sich eng an ihn. »Man merkt, du kennst Sprottes Oma nicht.« Bestürzt schwiegen alle. Hockten hinter Oma Slättbergs Hecke und schwiegen.
»Eine Pistole!«, hauchte Steve. »Nee, wenn die durchgeknallte Oma eine Pistole hat, geh ich da nicht rein.« »Aber dann bringt sie die Hühner um!« Vor Aufregung vergaß Trude zu flüstern. »Wir sind doch hier, um sie zu retten. Das ... «
»Also, wenn die Wahl lautet: Hühner geschlachtet oder ich erschossen«, unterbrach Torte sie, »dann bin ich für Schlachten. Da gibt's keine zwei Meinungen.« »Na gut!« Sprottes Stimme klang ganz zittrig, ob vor Wut oder vor Angst, wusste sie selbst nicht genau. »Dann mach ich's eben allein. Ist mir doch egal. Kann wenigstens einer von euch Helden Wache halten, falls dieser Feistkorn noch mal auftaucht?«
»Spiel dich nicht so auf!«, knurrte Fred und verschwand lautlos wie ein Marder in Oma Slättbergs Garten. Sprotte folgte ihm.
»Ich geh vor«, zischte sie und drängte sich an ihm vorbei. Geduckt liefen die beiden auf den Stall zu. Als Sprotte sich vor der Tür noch mal umsah, schlichen vier Hühner mit drei Pygmäen an Oma Slättbergs Gemüsebeeten vorbei. Nicht einer fehlte. Sprotte konnte nicht anders, sie musste lächeln. Fred grinste spöttisch zurück. »Los, mach schon die Tür auf«, raunte er. Die Hennen blinzelten verwirrt, als Sprotte das Licht anschaltete. In drei Reihen hockten sie auf ihren Stangen, dick aufgeplustert und dicht aneinander gedrängt. »Schnell«, flüsterte Sprotte, »packt sie euch, bevor sie sich an das Licht gewöhnt haben. Und wenn das nicht klappt, haltet ihnen die Fleischwurst vor die Schnäbel!« Einige Hennen zogen nur erschrocken die Köpfe ein, glucksten schicksalsergeben und schlössen die Augen, als sechzehn kalte Menschenhände nach ihnen grapschten. Die meisten aber stimmten ein entsetzliches Gezeter an, schlugen wild mit den Flügeln, sperrten die Schnäbel auf und trippelten mit scharfkralligen Füßen aufgeregt auf den Stangen hin und her. Die Fleischwurststreifen beruhigten sie etwas, aber sie waren schnell verschlungen. Sechs Hennen fingen die Hühnerretter noch auf den Stangen, aber die anderen retteten sich flatternd hinunter ins Stroh, und damit begann die Jagd erst richtig.
Nach draußen entwischen konnten die Hennen nicht. Das Loch, durch das sie tagsüber ein und aus gingen, hatte Sprottes Großmutter wie jeden Abend verschlossen, doch selbst in dem engen Stall war es nicht leicht, die aufgeregt hin und
her rennenden Hühner zu packen. Die Federn flogen, während Wilde Hühner und Pygmäen gegeneinander stolperten, sich ins Stroh warfen und gegen die Stallwände knallten. Aber irgendwann hatten sie es tatsächlich geschafft. Alle Hennen hockten in den Pappkartons, glucksten beleidigt vor sich hin und hackten mit den Schnäbeln Löcher in die Pappe.
Abgekämpft, die Haare und Kleider voll Stroh, die Hände zerkratzt von den Hühnerkrallen, torkelten die acht Retter mit den voll gestopften Kartons zur Stalltür. »Mann, ich fühl mich, als war ich auf Löwenjagd gewesen«, schimpfte Fred und spuckte eine Feder aus. »Pssst!« Sprotte lauschte an der Stalltür und klopfte zweimal. Wilma, die draußen Wache stand, klopfte zweimal zurück. Das hieß, die Luft war rein. Vorsichtig öffnete Sprotte die Tür.
»Habt ihr sie?«; flüsterte Wilma und hielt sich noch gerade die Nase zu, bevor sie losnieste.
Sprotte nickte und sah sich um. Dunkel und still lag der Garten vor ihnen. Hinter Oma Slättbergs Wohnzimmerfenster flimmerte der Fernseher. Nebenan bei Feistkorn rührte sich nichts. Beruhigt winkte Sprotte den ändern, ihr zu folgen. Mit klopfendem Herzen schlich sie zwischen Rosenkohl- und Kräuterbeet hindurch Richtung Gartentor. Im Karton unter ihrem Arm rutschten die Hennen hin und her, scharrten und klopften mit den Schnäbeln gegen die Pappe.
Sprotte hatte den halben Weg hinter sich gebracht, als der Fernseher in Oma Slättbergs Wohnzimmer ausging. Die Hühnerretter erstarrten, als wären sie zu Gartenzwergen geworden. Nichts war zu hören, nur das Scharren und Picken der Hühner. Sprotte schnappte nach Luft, aber ihr rasendes Herz konnte das nicht beruhigen. Ohne einen Blick von dem dunklen Wohnzimmerfenster zu wenden, machte Sprotte einen lautlosen Indianerschritt vor, dann noch einen, dann einen weiteren. Leise wie Geister folgten die anderen ihr. Nur Oma Slättbergs säuberlich geharkter Gartenweg knirschte unter ihren Sohlen. Dann ging das Licht in der Küche an.
Steve stolperte vor Schreck gegen Torte, Torte rutschte der Karton weg, knallte auf die Erde, klappte auf - und eine Henne streckte mit empörtem Gezeter den Hals raus. Das war's.
Sprotte sah ihre Oma hastig am Küchenfenster vorbeihumpeln. Richtung Haustür.
»Schnell!«, schrie Fred und stieß Sprotte seinen Karton in den Rücken. Sprotte stolperte los, auf das Gartentor zu. Nur ein paar lächerliche Meter war es noch weg. Da flog die Haustür auf, und ihre Großmutter stand im Türrahmen, die Krücke unterm Arm wie Long John Silver, in der Hand die Pistole.
»Halt!«, schrie sie, so laut, dass Feistkorn drüben bestimmt aus seinem Fernsehsessel rutschte. »Stehen bleiben!«
Steve gehorchte sofort und riss die Arme hoch, während Torte nur mit offenem Mund neben seinem fallen gelassenen Karton stand. Wilma hob auch die Hände, als Nächste Trude. Dann Willi. Er war wohl nicht mehr so sicher, dass Oma Slättberg nicht schießen würde.
Sprotte stand schon am Tor. Was sollte sie tun? Sie schob ihren Karton auf den Bürgersteig, Fred drückte ihr seinen in die Arme - und stand dann ebenso ratlos da wie sie. »Na bitte!«, rief Oma Slättberg. »Und jetzt die Masken runter.«
Mit zufriedener Miene ließ sie die Pistole sinken - da löste sich ein Schuss.
»Platzpatronen!«, schrie Willi. »Mensch, das sind bloß verdammte Platzpatronen!« Mit einem Satz schnappte er sich Tortes Karton, aus dem immer noch die zeternde Henne guckte, und rannte damit zum Gartentor. Außer sich vor Wut ballerte Oma Slättberg hinterher, doch das erschreckte nun niemanden mehr. Nur Torte stand immer noch da wie vom Blitz getroffen, aber Frieda und Steve zerrten ihn mit sich. Als Letzte rannte Wilma durchs Gartentor, während Sprottes Großmutter wütend die Krücke schwenkte und mit schriller Stimme nach Feistkorn rief.
Aber den dicken Feistkorn hatten ihre Schüsse offenbar so beeindruckt, dass er sich nicht mal ans Telefon traute, um die Polizei zu rufen. Sonst tat er das schon, wenn irgendwo ein Radio zu laut spielte.
Seite an Seite hetzten die Wilden Hühner mit den Pygmäen über die Straße. Wie Melanie befürchtet hatte, war es spiegelglatt geworden, und sie schlitterten mit den Kartons voller flatternder, gackernder Hühner über den Asphalt, als hätten sie Schmierseife unter den Sohlen. Hinter ihnen pfefferte Oma Slättberg die Pistole in den Grünkohl und humpelte laut zeternd ans Tor.
Mit zitternden Fingern zerrten die Hühnerretter die Fahrräder zwischen den vereisten Zweigen hervor, klemmten die Kartons auf die Gepäckträger der Mädchen und schwangen sich auf die Sättel.
»Ihr diebischen kleinen Ratten!«, schrie Oma Slättberg und rüttelte an ihrem Gartentor. Aber Wilma hatte das Tor in weiser Voraussicht mit einem Fahrradschloss verrammelt. »Einbrecherpack, elende Hühnerdiebe!«, zeterte Oma Slättberg, während Hühner und Pygmäen Seite an Seite schlingernd davonfuhren. Dann war es einen Augenblick still, vielleicht, weil selbst Sprottes wilde Großmutter mal nach Luft schnappen musste. Aber als die Kinder fast das Ende der Straße erreicht hatten, hörte Sprotte sie wieder schreien. »Sprotte!«, gellte es über die stille Straße: »Sprotte, ich weiß, dass du dahinter steckst! Kommt sofort zurück!« Sprotte rutschten vor Schreck fast die Füße von den Pedalen. Entsetzt guckte sie sich um, aber in der Dunkelheit konnte sie ihre Oma natürlich nicht sehen. »Fahr weiter!«, rief Fred. »Los, komm schon!«