»Deine Oma ist nicht dumm, was?«, keuchte er, als sie atemlos an der Straßenecke anhielten. »Aber die Hühner haben wir ihr trotzdem unterm Beil weggeschnappt!« »Ja!«, japste Sprotte und stützte sich auf den Lenker. »Ja, das haben wir!«
»Dann bringt sie jetzt mal ins Nest!«, sagte Fred. »Wo immer das ist.« Er wendete sein Rad und gab den ändern Pygmäen ein Zeichen.
»Lasst euch nicht vom Fuchs erwischen!«, rief Steve in den Autolärm. Von Oma Slättbergs Gezeter war nichts mehr zu hören. Fred winkte, dann fuhren die Jungs davon. Ohne sich noch mal umzusehen.
»Scheint, als hielten sie ihr Ehrenwort wirklich«, sagte Wilma, während sie den Pygmäen mit zusammengekniffenen Augen nachsah. »Kaum zu glauben.« »Kommt!«, rief Frieda. »Oder wollen wir hier anfrieren?« Sprotte guckte sich ein letztes Mal um.
Dann trat sie in die Pedale, und die fünf Wilden Hühner fuhren mit ihren gefiederten Schwestern davon, als wäre Oma Slättberg mit einer echten Pistole hinter ihnen her.
14
Am nächsten Morgen rief Oma Slättberg das erste Mal um sechs Uhr an. Der Anrufbeantworter lief, wie immer, wenn Sprottes Mutter bis spät in die Nacht Taxi gefahren war. Gleich beim ersten Klingeln war Sprotte hellwach, und sie wusste auch sofort, wer dran war. Oma Slättberg sprach nicht gern auf >die Abwimmelmaschine<, wie sie den Anrufbeantworter nannte. Auch diesmal war nur ein Klicken auf dem Band, als Sprotte in den Flur schlich, um es abzuhören. Aber es konnte nur O. S. gewesen sein. Wer sonst rief an einem Sonntagmorgen um sechs Uhr an?
Wenn sie uns bloß nicht gesehen hätte!, dachte Sprotte, als sie in ihr warmes Bett zurückkroch. Wenn sie uns nicht gesehen hätte, würde sie bestimmt denken, es war ein ganz normaler Einbruch gewesen. Obwohl Einbrecher ja eigentlich nicht rumlaufen und Hühner klauen. Aber so! Ihre Großmutter war zwar überzeugt davon, dass es überall von Einbrechern nur so wimmelte, aber verrückt genug, um an eine Bande Einbrecher-Zwerge zu glauben, war sie bestimmt nicht. Nein, sie hatte in dem Augenblick Bescheid gewusst, in dem sie aus dem Küchenfenster geguckt hatte. Wenn bloß dieser Feistkorn nicht gewesen wäre, dachte Sprotte und verkroch sich ganz tief unter ihrer Decke. Ohne den wären wir nicht so spät gekommen, Oma hätte vorm Fernseher gehockt, und wir hätten uns ganz in Ruhe wegschleichen können. Ob sie zur Polizei gehen würde? Hören Sie, meine Enkelin hat mich bestohlen, zusammen mit ihren Freunden. Finden Sie heraus, wer alles dabei war, und verhaften Sie die kleinen Ratten. Ich will meine Hühner zurück. Sprotte kaute so heftig auf ihrem Daumennagel rum, dass es schmerzte. Vielleicht hatte Wilma Recht und Kinder kamen doch ins Gefängnis? Selbst wenn sie bloß ein paar arme, zähe Hühner geklaut hatten ...
Gestern Abend hatten sie über so was nicht nachgedacht. Sie hatten die Hennen in ihren neuen Stall gebracht und sich danach im Wohnwagen
zusammengesetzt. Es war so gemütlich gewesen! Oma Slättbergs Hühner hatten zwar ziemlich verdutzt geguckt, als sie sie in den kleinen Schuppen sperrten, aber jetzt waren sie in Sicherheit, und die Wilden Hühner hatten mit einer Schachtel Weinbrandbohnen ihre heldenhafte Befreiung gefeiert. Trude hatte die Dinger von ihrem Cousin geschenkt bekommen.
Was wird Mam sagen?, dachte Sprotte unter ihrer Bettdecke. Wird sie Kaution bezahlen, wenn ich eingesperrt werde? Im Film zahlen sie immer Kaution, damit einer nicht im Ge fängnis verschimmelt. Ich werde nie verraten, wo die Hennen sind, dachte Sprotte. Sonst war ja alles umsonst gewesen. Eisern schweigen werd ich, da können die mich die ganze Nacht verhören. Aber wer sollte die Hühner füttern, wenn ihre Retter im Gefängnis saßen? Die Pygmäen würden doch bestimmt auch verhaftet werden, schließlich konnte ihre Großmutter bis neun zählen. Würde Mam die Hühner füttern? Oder würde sie die Hennen zu O. S. zurückbringen, wenn Sprotte ihr verriet, wo sie waren? Um halb sieben klingelte das Telefon zum zweiten Mal, dann um sieben und um Viertel nach sieben wieder. Sprotte lag zusammengerollt wie ein Häufchen Elend unter ihrer Bettdecke. Um halb acht hatte Oma Slättberg es geschafft. Fluchend wankte Sprottes Mutter aus ihrem Zimmer und nahm den Hörer ab. Sprotte wusste, warum sie ranging. Sie hoffte, dass der Mistkerl dran war. Seit dem Abend, an dem sie das Geschirr zerschlagen hatte, war sie immer verdächtig schnell am Telefon.
»Ja, hallo!«, hörte Sprotte sie ins Telefon murmeln. »Mutter?! Das ist nicht dein Ernst! Weißt du, wie spät es ist? Ich bin die ganze Nacht gefahren!« Dann war es eine Weile still. Sprotte schob den Kopf ein kleines Stück unter der Decke hervor, um besser lauschen zu können.
»Blödsinn!«, sagte ihre Mutter ärgerlich. »Ja, das ist Blödsinn. Nein, ich weiß nicht, wer das sonst gewesen sein könnte, aber Sprotte war hier. Ja. Mit ihren Freundinnen. Sie haben sich zusammen einen Film angesehen ... Ja, da bin ich sicher ... Na ja, vielleicht treibt sich ja eine Liliputaner-Bande herum! Wie bitte?« Mams Stimme überschlug sich fast. »Wenn du zur Polizei gehst, dann sprech ich kein einziges Wort mehr mit dir ... Ist mir doch egal, wem du dein Haus vererbst. Das kannst du meinetwegen der Wohlfahrt schenken ... Gut, wie du willst, dann zeig ich dich wegen der Rundfunkgebühren an, die du seit Jahren nicht bezahlst ... O doch, das tue ich. Darauf kannst du Gift nehmen ... Nein, ich hol sie nicht. Sie schläft noch. Und ich geh jetzt auch wieder ins Bett. Gute Nacht!«
Sprottes Mutter knallte den Hörer so fest auf die Gabel, dass Sprotte es bis in ihr Zimmer hörte. Besorgt lugte sie über den Deckenrand zu ihrer Tür.
»Na«, sagte ihre Mutter und steckte den Kopf herein. »Dachte ich mir, dass du nicht mehr schläfst. Ist deine Großmutter neuerdings so vergesslich, dass sie sogar schon ihre Hühner verlegt, oder habt ihr die Hennen wirklich geklaut? Vielleicht als Bandenmaskottchen?« »Sie wollte sie schlachten!«, rief Sprotte und setzte sich im Bett auf. »Alle! Was sollte ich denn da machen?« Da lächelte ihre Mutter. Sie lächelte über ihr ganzes verschlafenes Gesicht. Dann sprang sie zu Sprotte ins Bett und drückte sie so fest, dass Sprotte kichern musste. »Komm her!«, rief sie. »Was für eine heldenhafte Tochter! Wie komm ich denn dazu? Nie hätte ich mich getraut, so was zu tun. Nie in tausend Jahren!« Sie gab Sprotte einen dicken KUSS und gleich noch einen und noch einen. »Hab ich dir schon mal erzählt, dass Oma immer meine Kaninchen geschlachtet hat? Die Augen konnte ich mir aus dem Kopf heulen, sie hat es trotzdem gemacht. Aber sag mir nicht, wo ihr die Hühner hingebracht habt. Du weißt, ich kann nicht lügen, wenn sie mich scharf anguckt.« »Weiß ich.« Sprotte grinste. »Mam ...?« »Ja?«
»Meinst du, Oma geht zur Polizei? Vielleicht sollte ich die ändern warnen?«
»Nein, keine Sorge«, sagte ihre Mutter. »Die geht nicht zur Polizei. Weißt du, so was sagt sie aus Wut, aber sie würde es nie tun. Außerdem sperrt die Polizei Kinder nic ht dafür ein, dass sie ein paar Hühner retten wollen.« »Das mit den Gebühren war gut«, sagte Sprotte. »Sie hat eine Höllenangst, dass irgendwann diese Kontrolleure zu ihr kommen.«
Ihre Mutter lachte. »Ich weiß.«
Gähnend kroch sie wieder aus Sprottes Bett rnd tapste zur Tür. »Mach’s gut, Süße«, murmelte sie. »Ich muss jetzt noch eine Runde schlafen. Aber wir könnten uns zum Frühstück in meinem Bett verabreden, in einer Stunde etwa. Oder nein, besser in zwei... Was hältst du davon?« »Geht leider nicht, Mam«, antwortete Sprotte. »Ich treff mich mit den ändern, auf dem Stadtteilfest.«