»Mit den Hühnerrettern? Grüß sie von mir.« Ihre Mutter lächelte Sprotte noch mal verschlafen zu, dann verschwand sie wieder in ihrem Zimmer.
Sprotte aber zog sich glücklich die Decke über die Nase und schlief wieder ein. Das Telefon klingelte nicht noch einmal.
Das Hühnerfüttern übernahm Wilma an diesem Morgen, trotz ihrer Erkältung. »Kann man Hühner mit Grippe anstecken?«, hatte sie Sprotte besorgt gefragt. »Küss sie nicht auf den Schnabel«, hatte die geantwortet. Als Sprotte aufstand, schlief ihre Mutter noch. Um zwölf waren die Wilden Hühner auf dem Stadtteilfest verabredet. Frieda stand sich dort schon seit zehn Uhr die Beine hinter einem Infotisch in den Bauch. Sprotte kochte ihr eine Thermoskanne heißen Kakao, bevor sie losfuhr. Auf dem Marktplatz herrschte ein ziemliches Gedränge. Es dauerte eine Weile, bis Sprotte den Stand von Friedas Gruppe zwischen all den Würstchenwagen, Losbuden und Glühweinständen fand. Zwei Jungs standen noch mit Frieda hinter dem Tapeziertisch, sie waren ungefähr in
Titus' Alter. Alle drei waren bester Stimmung, trotz der Kälte. Frieda winkte, als Sprotte sich durch das Menschengewimmel zu ihnen durchkämpfte.
»Da bist du ja!«, rief sie. »Ich dachte schon, du hast einen Kater von den ganzen Weinbrandbohnen, die du gegessen hast.«
»Melanie hatte mindestens die doppelte Portion«, sagte Sprotte, als sie endlich am Tisch lehnte. »Meine Güte, war hier letztes Jahr auch so viel los?«
»Allerdings!« Frieda rückte ein paar Stapel Faltblätter zurecht. »Aber Melli ist enttäuscht, dass es keinen Autoscooter gibt. Sie und Wilma hängen irgendwo dahinten bei den Losbuden rum.« Frieda beugte sich über den Tisch. »Wir haben schon jede Menge Spenden gekriegt. Und drei neue Fördermitglieder geworben. Toll, was?«
»Frieda kann den Leuten wunderbar ein schlechtes Gewissen machen«, sagte der Junge, der neben Frieda stand. »Sie wird so wütend, wenn sie ihnen was über Polizisten erzählt, die Straßenkinder verprügeln, oder über Kinder, die an Durchfall sterben, weil sie sich keine Medikamente leisten können. Ich kann dir sagen, die Leute kriegen gar nicht schnell genug das Portmonee raus.«
»Na, da werd ich auch wütend drüber!«, rief Frieda und gab ihm einen Stoß mit dem Ellbogen. »Wenn ich nicht wütend würde, dann würd ich losheulen. Wär dir das lieber?« »Ach was, das war doch als Kompliment gemeint«, sagte er. »Ehrlich.«
Sprotte schob Frieda die Thermoskanne hin. »Hier, zum Auftauen.«
»Oh, danke!« Frieda goss sich schnell einen Becher ein und wärmte sich die Finger daran. »Vielleicht sollte ich mir den Rest über die Füße gießen. Ich spür sie kaum noch. Das hier«, sie zeigte auf die beiden Jungs, »sind übrigens Bo und Marc. Frag mich nicht, welcher der Frechere ist.« »Hüpfen, Frieda, hüpfen!«, rief Bo. »Das ist das Einzige, was gegen kalte Füße hilft.« Und die zwei fingen an, hinter dem Tisch rumzuhüpfen wie Fußballspieler, die sich am Spielfeldrand warm machen. Frieda gähnte. »Ich bin heut zu müde für so einen Blödsinn«, murmelte sie. »Ich hab den beiden erzählt, dass ich gestern Nacht helfen musste, unschuldige Gefangene vor dem Henkerbeil zu retten, aber sie glauben mir nicht.«
»Stimmt aber«, sagte Sprotte und guckte sich um. Das Gedränge auf dem Marktplatz wurde immer dichter. »O. S. hat heute Morgen angerufen«, flüsterte sie Frieda zu. »Seit sechs Uhr hat sie's pausenlos klingeln lassen! Meine Mutter und sie haben sich ganz schön gestritten, aber Mam hat beschworen, dass wir alle vor ihrem Fernseher gesessen haben. O. S. hat sogar damit gedroht, zur Polizei zu gehen, aber Mam sagt, das wagt sie nicht.«
»Na, hoffentlich«, murmelte Frieda. »Deiner Oma ist echt alles zuzutrauen.
Hast du deiner Mutter erzählt, dass wir’s waren?«
Sprotte nickte. »Ich konnte nicht anders. Weißt du was? Sie war ganz begeistert.«
»Wirklich?« Frieda schüttelte den Kopf. »Wenn meine Eltern das wüssten, die ...« »Was wüssten?«, fragte Titus und lehnte sich über den Tisch.
»Na, bist du schon durchgefroren, Schwesterchen, oder wird einem ganz warm vom Gutes-Tun?«
»Probier’s doch selbst mal aus.« Frieda drehte ihm den Rücken zu und lächelte eine Frau an, die Geld in die Spendendose auf dem Tisch warf.
»Wo sind denn die anderen Hühner?« Titus guckte sich suchend um.
»Meinst du vielleicht ein ganz bestimmtes?«, fragte Sprotte. »Eins steht gerade hinter dir, aber ich glaub, das ist das falsche.«
Mit genervter Miene drehte Titus sich um. »Hallo, Pingpong-Assel!«, sagte Wilma und hielt ihm die Wasserpistole unter die Nase. Dann schob sie sich neben Sprotte an den Tisch. »Habt ihr Melli gesehen? Wir standen dahinten vor der Losbude, und plötzlich war sie verschwunden. Die Hühner sind total begeistert von ihrem neuen Zuhause«, wisperte sie Sprotte ins Ohr. »Den halben Auslauf haben sie schon umgegraben. Aber morgen früh vor der Schule muss eine von euch mitkommen zum Füttern. Ich ...«, verlegen prustete sie in ihr Taschentuch, »... ich find’s im Dunkeln zu einsam da draußen. Dauernd hab ich das Gefühl, dass mich aus’m Wald irgendein Perverser anstarrt.«
»Kein Problem«, flüsterte Sprotte zurück. »Heute Nachmittag wollen wir uns doch sowieso alle im Wohnwagen treffen, oder?« Sie drehte sich zu Frieda um, die gerade jemandem Informationsblätter in die Hand drückte. »Wann bist du hier fertig?«
»Sie ist jetzt fertig«, sagte Bo. »Wir machen weiter. Obwohl wir garantiert nur noch halb so viel Spenden kriegen, wenn sie weg ist.«
»Ach, Blödsinn.« Frieda grinste ihn an. »Legt noch ein paar Broschüren über das Straßenkinder-Projekt hin, die sind fast ausverkauft.«
»Jawohl, Chefin«, sagten die zwei mit einer tiefen Verbeugung. Frieda streckte ihnen die Zunge raus, fischte ihren Rucksack aus einem Pappkarton unter dem Tisch und machte sich mit Sprotte und Wilma davon. Gelangweilt schlenderte Titus ihnen hinterher. »He, Titus, hast du keinen zum Spielen?«, fragte Sprotte über die Schulter.
»Ha, ha, bin schon weg«, knurrte Titus, »ich wollte meinem Schwesterchen nur sagen, dass ihr Schatten wieder da ist.«
Erschrocken guckte Frieda sich um. Keine fünf Schritte entfernt lungerte Torte vor einem Imbissstand herum. Von da hatte man den Infotisch gut im Blick. Er hatte eine Sonnenbrille auf der Nase, was bei dem grauen Himmel ziemlich albern aussah. Als er Friedas Blick bemerkte, versteckte er sich schnell hinter zwei Frauen mit Kinderwagen. »Oje!«, seufzte Frieda. »Macht's gut, ihr Gackereisen!«, rief Titus und verschwand im Bierzelt. »Ach, übrigens«, rief er noch. »Falls es euch interessiert - euer heißer Feger knutscht hinter der Würstchenbude rum.« Dann war er endlich weg. »Dein Bruder ist ein Ätzmittel!«, knurrte Sprotte - und erwischte sich dabei, dass sie einen Blick zur Würstchenbude rüberwarf. Frieda und Wilma starrten auch hin. Aber nur Steve und Fred tauchten aus dem Gewühl auf, Fred mit einer, Steve mit drei Currywürsten.
»Hallo!«, rie f Fred, als sie aufeinander zuschlenderten. »Was machen eure geretteten Schwestern? Alle sicher gelandet?« Sprotte nickte. »He, Stevie«, sagte sie. »Lies deinem Busenfreund Torte doch mal aus den Karten, dass Frieda nicht die Richtige für ihn ist.«
Fred guckte sich mit gerunzelter Stirn um. »Wieso? Stiefelt er immer noch hinter ihr her?«
Frieda seufzte. »Vergiss es. Irgendwann wird's ihm schon langweilig werden.«
»Hm. Okay.« Fred zuckte die Achseln und zupfte an seinem Ohrring herum. »Aber das mit den Karte n ...«, er stieß Steve an, »das ist gar keine schlechte Idee. Erzähl Torte irgendwas, das ihn abkühlt. Erzähl ihm, dass er bald seiner großen Liebe begegnet, schmück's so richtig schön aus.« »Hab ich doch schon!«, murmelte Steve. Nervös rückte er sich die Brille zurecht. »Das istja das Problem. Die Karten sagen, Frieda ist, naja, sie ist«, hilflos hob er die Hände, »seine große Liebe. Sagen die Karten. Eindeutig.«