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»Ich fass es nicht!« Entgeistert starrte Sprotte ihn an. »Ja, spinnst du denn total?«

»Was kann ich denn dafür?«, rief Steve beleidigt. »Was die Karten sagen, sagen sie eben.«

»Gar nichts sagen die!«, fuhr Sprotte ihn an. »Mann, wärst du bloß bei deinen kindischen Kartentricks geblieben! Damit konntest du wenigstens keinen Schaden anrichten!« Frieda guckte Steve nur ungläubig an.

»Hört mal«, sagte Fred zu Sprotte. »Ich weiß nicht, was heute los ist. Torte rennt hinter Frieda her, und Willi ist total verschwunden. Aber ich kann's euch ja auch so sagen. Wir wollen unsern Gutschein einlösen. Wir brauchen Hilfe, um unsere Sachen vom Baumhaus wegzubringen, bevor morgen die Bagger alles platt machen. Ich dachte, wir schaffen's allein, aber das klappt nicht.« Die drei Hühner sahen sich an.

»Klar«, sagte Frieda. »Ihr habt uns geholfen, jetzt helfen wir euch. Wie abgemacht.«

»Genau.« Sprotte zuckte die Schultern. »Gutschein ist Gutschein. Wir hatten heute Nachmittag zwar eigentlich ein Bandentreffen, aber was soll's, kommen wir eben erst zu euch. Wenn wir Melanie und Trude vorher finden.« »He, Boss, da ist Willi!« Steve zeigte auf das Gedränge vor der Würstchenbude. Willi zwängte sich durch die Schlange der Anstehenden und kam auf sie zu. »Was liegt an?«, fragte er, als er neben ihnen stand.

»Mann, wo hast du die ganze Zeit gesteckt?«, fuhr Fred ihn ärgerlich an. »Wir haben noch jede Menge Arbeit vor uns. Oder willst du, dass morgen unsere ganzen Sachen weggebaggert werden?«

Willi zuckte die Achseln. »Ist doch jetzt sowieso alles egal«, murmelte er.

»He, Willi«, sagte Wilma plötzlich, »hast du zufällig Melanie gesehen?«

Willi guckte sie an. Dann schüttelte er den Kopf. »Nee, wieso?«

»Ach, war bloß so eine Frage. Wir suchen sie, weißt du?«, sagte Wilma.

Sprotte und Frieda wechselten einen Blick. »Ich habe nur Trude gesehen«, brummte Willi. »Mit so 'nem dünnen schwarzhaarigen Kerl. Stiegen gerade ins Kinderkarussell, als wir vorbeikamen.« »Ins Kinderkarussell?«, fragte Sprotte ungläubig. Willi grinste. »Ja, schienen viel Spaß zu haben, die zwei. Trude ist auf ein rosa Pferd geklettert und ihr Typ in den Feuerwehrwagen.«

»So, so.« Mit einem Seufzer hakte Sprotte sich bei Wilma und Frieda ein. »Dann werden wir uns mal durchdrängeln. Vielleicht finden wir Melli ja auch beim Kinderkarussell. Sobald wir sie aufgestöbert haben, kommen wir zum Baumhaus, in Ordnung?« »Klar!«, sagte Fred.

»Falls ihr Torte seht«, rief er ihnen nach, »Steves Karten sagen: Wenn er nicht bis Mittag beim Baumhaus auftaucht, ist er Krötenfutter.«

»Richten wir ihm aus!«, rief Wilma. »Wortwörtlich. Mit dem größten Vergnügen.«

15

Sie fanden Melanie beim Kinderkarussell. Sie stand da und guckte Trude und ihrem Cousin beim Feuerwehrwagen-Fah-ren zu. Die beiden hatten sich zusammen in das kleine Auto gequetscht. Paolo klingelte wie verrückt mit der Glocke, die ihm fast an den Kopf stieß, und Trude saß kic hernd auf dem Rücksitz.

»Mensch, Melli, wo bist du denn vorhin plötzlich abgeblieben?«, fragte Wilma. »Du hast dein Los nicht mal aufgemacht. Hier ist es.«

»Danke«, murmelte Melanie. Abwesend faltete sie den kleinen Zettel auseinander. »Natürlich, eine Nie te. Fahren wir gleich zum Wohnwagen? Ich hab noch mehr Kassetten mitgebracht und ein paar Poster.«

»Nee, wir müssen erst zu den Pygmäen!«, sagte Sprotte. Die Karussellmusik dröhnte ihr in den Ohren. »Sie wollen ihren Gutschein einlösen«, erzählte Wilma. »Ach ja.« Melanie nickte. »Die Bagger kommen morgen. Sie sind ganz schön fertig deswegen.«

Das Karussell wurde langsamer und hielt an. Steifbeinig kletterten Trude und Paolo aus dem Feuerwehrwagen. »Können wir noch eine Runde drehen?«, rief Trude. »Nein!«, rief Sprotte zurück. »Wir müssen los. Den Jungs helfen, ihr Baumhaus leer zu räumen!«

Enttäuscht biss Trude sich auf die Lippen. Paolo nahm sie bei der Hand und bahnte sich einen Weg zwischen drängelnden Kindern, die die nächste Fahrt mitmachen wollten. »Na, dann«, murmelte Trude und blieb neben den anderen Hühnern stehen.

»Bis heute Abend«, sagte Paolo, zupfte sie am immer noch roten Ohrläppchen und schlenderte davon. Sehnsüchtig guckte Trude ihm nach.

Wilma kicherte. »Ich glaub das nicht. Echt, Trude. Von dir hätte ich das nie gedacht.« Trude wurde so rot wie ihre Ohrläppchen. »Komm«, sagte Frieda und hängte sich bei ihr ein. »Wo hast du dein Fahrrad abgestellt?« »Bei der Post«, murmelte Trude.

»Unsere stehen auch da«, sagte Wilma. Schweigend schlenderten sie durch den Lärm. Der Würstchengeruch machte sie hungrig. Frieda kaufte eine große

Tüte Popcorn für alle, dann machten sie sich auf den Weg zum Schrottplatz

»Ich hoff nur, das dauert nicht zu lange«, sagte Sprotte, als sie ihre Räder vor dem hohen Zaun abstellten. »Gefällt mir gar nicht, dass die Hennen am ersten Tag allein sind.« »Eine von uns kann ja nachher schon mal vorfahren und nach ihnen sehen«, schlug Frieda vor. Sprotte nickte.

Über dem Wald kreiste ein Bussard. Sprotte guckte besorgt zum Himmel. »Hast du die Obstbaumnetze noch mal festgezogen?«, fragte sie Wilma, während sie zum Baumhaus stiefelten.

Wilma nickte. »Da kommt keiner durch. Übrigens«, sie putzte sich die Nase, »ich hab die Anzeige aufgegeben.« »Was für eine Anzeige?«, fragte Sprotte. Wilma grinste. »Na, die Kontaktanzeige für deine Mutter. Dienstag erscheint sie.«

Sprotte blieb stehen. Fassungslos starrte sie Wilma an. Melanie fing an zu kichern. »Ich glaub's nicht! Was hast du geschrieben, Wilma? Los, erzähl schon.« »Dienstag?«, rief Sprotte. »Dienstag erscheint sie? Das machst du sofort rückgängig. Meine Mutter kriegt einen Herzstillstand, wenn plötzlich lauter Kerle bei uns anrufen. Außerdem ...«, sie kriegte kaum Luft vor Wut, »... außerdem hat sie den schlechtesten Männergeschmack der Welt. Die sucht sich garantiert den Allerbescheuertsten aus, der sich meldet!« Zerknirscht prustete Wilma in ihr Taschentuch. »Ich dachte, du wolltest es auch«, murmelte sie. »Damit du nicht nach Amerika musst, damit wir zusammenbleiben können ...« »Ich fass es nicht!«, stöhnte Sprotte.

»Los, sag schon, Wilma«, Melanie kicherte immer noch. »Was hast du geschrieben?«

Wilma vermied es, Sprotte anzusehen. »Attraktive Taxifahrerin, mittelalt, sucht Mann zum Ruschein.« Trude biss sich auf die Lippen, aber Frieda und Melanie prusteten lauthals los. Sie lachten so sehr, dass sie sich aneinander festhalten mussten.

»Na ja, ein längerer Text war zu teuer geworden!«, rief Wilma.

Sprotte verdrehte nur die Augen. »Jetzt wandert sie garantiert aus«, knurrte sie. »Sobald das erste Papphirn anruft. Verdammt, Wilma!«

Wortlos stapften sie weiter. Melanie und Frieda kicherten immer noch.

»Eins ist ja wohl klar, für Bandentreffen werd ich bald keine Zeit mehr haben«, murmelte Sprotte. »Ich muss Englisch lernen.«

Diesmal drang vom Baumhaus der Pygmäen keine Musik herüber. Nur Gehämmer hörte man, keine Stimmen, kein Gelächter. Als die Wilden Hühner das Ufer des Tümpels erreichten, standen Torte und Fred am Fuß der Leiter und zogen Nägel aus Brettern, die sie in der le tzten Woche frisch gestrichen hatten. Vom Baumhaus stand nur noch ein Skelett. Sogar die Dachpappe hatten die Jungs schon abgemacht. Die Fenster, die Freds Großvater ihnen geschenkt hatte, als sein Schrebergartenschuppen abgerissen wurde, die Teppiche, die Steves Mutter ausrangiert, und die Petroleumlampen, die sie sich zusammengespart hatten, der Kistentisch, Matratzen, Töpfe, Geschirr - alles lag aufgestapelt, eingepackt und zusammengeschnürt am Rand des Tümpels.