Sprotte guckte sich immer wieder um, aber der Wächter sah ihnen nicht mal hinterher. Er hatte nur Augen für Willi. Der stieß alle helfenden Hände zur Seite, sprang zur Erde und rannte wie blind in den Wald zurück.
»Los, bloß weg hier!«, schrie Torte, als Fred und die Mädchen übers Tor kletterten.
»Ja, verschwindet!«, rief der Wächter und untersuchte den zerschlagenen Scheinwerfer. »Bevor ich mir eure Gesichter auch noch merke.«
Gemeinsam stolperten die Hühner und Pygmäen davon. Trude schluchzte, und Wilma prustete in einem fort in ihr Taschentuch.
»He, Steve!«, keuchte Fred, während sie zurück zum Baumhaus liefen. »Stand davon was in deinen Karten?« »Oh, Scheiße!«, japste Steve und schnappte nach Luft. »Das gibt Ärger. Und was für einen!«
»Was so 'ne Baggerscheibe wohl kostet!«, flüsterte Melanie. Immer schneller lief sie, schneller und schneller. Die ändern konnten kaum mit ihr Schritt haten.
»He, Melli, renn nicht so!«, rief Sprotte. »Jetzt ist sowieso alles zu spät.«
Aber Melanie hörte nicht auf sie. Sie achtete nicht darauf, ob sie sich die Schuhe dreckig machte, achtete nicht auf die Brombeerranken, die ihr die Hose zerrissen. Immer schneller stolperte sie durch den Wald, als wäre jemand hinter ihr her.
»Wenn das Willis Vater erfährt«, murmelte Torte. »Der schlägt ihn grün und veilchenblau.« Erschrocken guckte Trude ihn an.
»Der wird nicht nach Hause gehen«, sagte Fred. Keuchend erreichten sie den Tümpel. Melanie kletterte schon die Leiter zum Baumhaus rauf. »Er ist nicht
hier!«, rief sie verzweifelt.
»Klar, was soll er hier auch?«, rief Torte und guckte sich zwischen ihren aufgestapelten Habseligkeiten um. »Aber wohin ist er dann gelaufen?«, fragte Frieda. Besorgt guckte sie zu Melanie hoch. Die saß oben auf der leeren Plattform und weinte.
»Die große Taschenlampe ist weg«, stellte Fred fest. »Und ein Schlafsack auch.«
Sie suchten Willi, bis es dunkel wurde. Erst zu Fuß im Wald, dann nahmen sie die Räder. Sie riefen bei ihm zu Hause an und bei seiner erwachsenen Schwester, die vor einem Jahr in eine eigene Wohnung gezogen war. Willi war nicht da. Nirgendwo.
Erst als es stockdunkel war und sie einfach keinen Ort mehr wussten, an dem sie suchen konnten, gaben sie auf. Die Sachen der Pygmäen lagen immer noch am Tümpelufer. »Ich überred meinen Vater, zweimal zu fahren«, sagte Fred, als sie niedergeschlagen zum Wald zurückkehrten. »Er müsste sowieso gleich kommen.« »Können wir noch was helfen?«, fragte Frieda.
Aber Fred schüttelte den Kopf. »Lasst mal. Fahrt ihr zu den Hühnern. Nach denen wolltet ihr doch noch sehen, oder?« »Stimmt«, murmelte Sprotte. »Dann bis morgen.« Schweigend schoben die Mädchen ihre Fahrräder zurück zur Straße.
»Wir müssen ja nicht alle noch zum Wohnwagen raus«, sagte Sprotte. »Es ist schon ziemlich spät, und wenn ihr nach Hause müsst . . .« Sie guckte die ändern an. »Ich war nur froh, wenn wenigstens eine mitkäme. Ist schon reichlich dunkel.« »Ich weiß nicht . . .« Melanie schluchzte schon wieder los. »Du fährst nach Hause«, sagte Frieda und legte ihr den Arm um die Schultern. »Ich fahr mit Sprotte zu den Hühnern.« »Gut. Ich hab nämlich auch keine Zeit mehr«, sagte Wilma. »Mein Vater will noch mit mir Mathe üben. Ich krieg sowieso Ärger, weil ich so spät komme.«
Trude scharrte verlegen mit dem Fuß im Dreck. »Ich wollte eigentlich mit Paolo ins Kino. Er fährt doch morgen wieder nach Hause, aber . . .«
»Ab mit euch«, sagte Sprotte und schob ihr Rad neben Friedas. »Wir sehen uns morgen. Hoffentlich wird das ein erfreulicherer Tag.«
Den Hühnern ging es gut. Sie hockten alle im Schuppen. Als Sprotte mit der Taschenlampe hineinleuchtete, um sie zu zählen, zeterten sie los, als hätten sie zwei Wochen nichts zu fressen gekriegt.
»Ein Glück!«, seufzte Sprotte. »Alle da.« »Hörst du ihr Gezeter? Sie benehmen sich genau wie bei deiner Oma«, sagte Frieda und verschloss das Loch zum Auslauf mit einem Brett. Einen großen Stein rollte sie vorsichtshalber auch noch davor. Gegen ungebetene Besucher. »Wilma hat Recht«, flüsterte Frieda, als sie wieder nach draußen traten. »Es ist unheimlich hier im Dunkeln.« Pechschwarz ragten die Bäume in den Himmel. Die nächste Laterne stand ein ganzes Stück entfernt an der Straße. Nur die Sterne schienen vom Himmel, und irgendwo sah man ein paar erleuchtete Fenster.
»Hast du das gehört?«, flüsterte Frieda und griff nach Sprot-tes Arm.
»Was?«, fragte Sprotte und verriegelte den Schuppen. Zwei Riegel hatte sie an die Tür geschraubt, einen unten, einen in der Mitte. Vorsichtshalber.
»Ich weiß nicht...«, murmelte Frieda und sah sich um. »Ach, komm.« Sprotte lachte leise. »Wollen wir noch mal nach dem Wohnwagen sehen?«
»Nee«, sagte Frieda schaudernd. »Lass uns nach Hause fahren.«
Gemeinsam schlenderten sie durch das nachtfeuchte Gras zur Straße zurück. Sprotte verschloss das Gatter mit einem Stück Draht.
»Wer ist morgen mit Füttern dran?«, fragte Frieda, während sie die dunkle Straße entlangfuhren.
»Melanie und Trude«, antwortete Sprotte. »Wird dann auch nicht viel heller sein als jetzt.« »Verdammter Winter«, murmelte Frieda. »Ja, aber wir haben ein Bandenquartier«, sagte Sprotte. »Und die Jungs haben morgen keins mehr. Auch wenn der eine Bagger jetzt eine kaputte Scheibe und keine Scheinwerfer mehr hat.«
»Ich ma g gar nicht dran denken«, murmelte Frieda. Und auf dem Heimweg fragten sie beide sich, wo Willi wohl war und ob er auch Angst im Dunkeln hatte.
16
Am nächsten Tag fehlte Willi in der Schule. Nach Hause war er auch nicht gekommen. Fred hatte ein paar Mal dort angerufen, und schließlich hatte Steve behauptet, Willi wäre bei ihm, damit Willis Mutter sich keine Sorgen machte. Aber lange würden sie mit der Lüge nicht weiterkommen. Ausgerechnet an diesem Montagmorgen schrieben sie eine Mathearbeit.
Fred starrte die halbe Zeit bloß auf sein Heft, und Steve und Torte strichen fast alles wieder durch, was sie hinschrieben. Den Hühnern ging es nicht besser.
Sprotte schwirrte der Kopf, weil Oma Slättberg vorm Frühstück angerufen hatte. »Hühnerdiebe haben bei mir nichts zu suchen«, hatte sie Sprotte ins Ohr geschnarrt. »Ab sofort hast du Haus- und Gartenverbot.« Eigentlich hätte Sprotte sich ja freuen können, schließlich musste sie jetzt nicht mehr in der kalten Erde rumbuddeln, aber fröhlich war sie ganz und gar nicht. Melanie fummelte den ganzen Morgen nervös an ihren Haaren herum, und als Frieda ihr vor der Mathearbeit eine Flasche Teebaumöl aufs Pult stellte und behauptete, das würde bei Pickeln besser wirken als jede Superteuer-Creme, fauchte sie sie so an, dass Frieda den ganzen Morgen kein Wort mehr mit ihr wechselte. Dabei wussten sie alle, was mit Melli los war. Ihre schlechte Laune hatte nichts mit Mathe zu tun oder mit ihren Pickeln. Bei Melanie zu Hause standen nur noch Umzugskartons in den Zimmern. An diesem Montag zog ihre Familie in die neue Wohnung. Aber bei einer Mathearbeit brachte auch das keine mildernden Umstände.