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Trudes Blicke wanderten von den Mathe-Aufgaben ständig zum Fenster, weil ihr Cousin wieder nach Hause fuhr, während sie dasaß und zu rechnen versuchte. Wilma hing schniefend und hustend über ihrem Heft und fragte sich, was sie zuerst umbringen würde, die Grippe oder der Schulstress. Und Frieda - Frieda mochte sowieso keine Montage, außerdem setzte die Sache mit Willi ihr fast genauso zu wie den Pygmäen. Nein, an Mathe konnte einfach keiner von ihnen an diesem Montag denken.

In der Pause, als Hühner und Pygmäen einträchtig in düsterer Stimmung nebeneinander auf der Fensterbank hockten und hinaus in den Regen starrten, der wie aus Gießkannen vom Himmel prasselte, kam Frau Rose zu ihnen. Sie hatte immer noch eine rote Nase, und ihre Stimme klang heiserer als sonst, aber das konnte sie natürlich nicht zu Hause halten. »Auf dem Schrottplatz hat es gestern

Baggerglas-Scherben gegeben«, sagte sie. »Und heute Morgen, als ich gerade meinen Kaffee trinken wollte, rief Willis Mutter schluchzend an, weil Willi die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen ist und der Schrottplatz-Wächter sie angerufen und ihr erzählt hat, dass ihr lieber Sohn den Bagger demoliert hat.« »So ein Blödsinn«, murmelte Steve, ohne Frau Rose anzusehen. »Wie kommt der denn da drauf?«

»Der Wächter hat mal mit Willis Vater auf dem Bau gearbeitet«, sagte Frau Rose. »Er hat ihn auch mal zu Hause abgeholt und dabei seinen wilden Sohn zu Gesic ht bekommen.« »Na, der Vater ist ja wohl auch ziemlich wild, oder?«, knurrte Fred und starrte durch die regennasse Scheibe auf den Schulhof.

»Für Willis Vater wüsste ich ein paar noch weniger schmeichelhafte Adjektive«, antwortete Frau Rose. »Willi soll be i seinem Bagger-Angriff in Begleitung von ein paar Freunden gewesen sein, männlichen und weiblichen. Das wart ihr doch, oder? Könnt ihr mir erzählen, was da los war? Wisst ihr, wo er ist, damit ich seine Mutter trösten kann?« »Die wollten das Baumhau...« Weiter kam Steve nicht. Fred gab ihm einen so heftigen Stoß mit dem Ellbogen, dass er von der Fensterbank rutschte. Mit beleidigter Miene kletterte er wieder rauf.

»Aha. Schrottplatz - Baumhaus - Bagger, ich verstehe«, Frau Rose nickte. »Danke, Steve. Also war das keine Sonntag-nachmittag-Mann-ist-das-langweilig- Aktion. Das tröstet mich. Aber wo steckt der Verteidiger seines Heims jetzt?«

Kein Huhn, kein Pygmäe sah sie an. Alle hielten die Köpfe gesenkt oder guckten aus dem Fenster.

»Wenn ihr wisst, wo er steckt, sagt es mir bitte, dann überlegen wir uns was!«, sagte Frau Rose eindringlich. »So eine Baggerscheibe kostet ja kein Vermögen. Willis Mutter hat mir sogar erzählt, dass ein Freund von Willis Vater die Scheibe günstig auswechseln könnte. Der Wächter will keine Anzeige erstatten. Also ...«

»Wir wissen nicht, wo er ist«, sagte Frieda und hob den Kopf. »Wirklich nicht, Frau Rose.«

»Und wenn wir's wüssten, würden wir's nicht sagen«, knurrte Fred, ohne irgendwen anzusehen. »Willis Vater kann man nicht trauen, das wissen Sie ganz genau.« Frau Rose seufzte. Nervös spielte sie an ihrer Kette herum. »Ja, weiß ich«, sagte sie. »Aber seine Mutter macht sich Sorgen und ... «

»Ja, ja, Sorgen macht die sich dauernd«, sagte Steve. »Aber wenn Willis Vater ihn verhaut, macht sie gar nichts.« »Mann, der verhaut ihn schon, wenn er ihn mal beim Lügen erwischt«, sagte Torte. »Was meinen Sie, was los ist, wenn Willi Baggerscheiben zerschlägt und nachts nicht nach Hause kommt. Wenn ich Willi war, ich würd auch nicht nach Hause gehen!«

»Ja, aber wo ist er dann?«, rief Melanie. »Habt ihr da drüber schon mal nachgedacht? Guckt doch mal raus. Der holt sich doch Gott weiß was, wenn er irgendwo rumläuft.«

»Bitte!« Frau Rose guckte sie alle nacheinander an. »Bitte, wenn ihr was von ihm hört, sagt mir Bescheid. Ich verrate ihn nicht. Ehrenwort.« Misstrauisch guckten die Jungs sie an.

»Guckt nicht so«, sagte Sprotte. »Wenn Rose ihr Ehrenwort gibt, dann bricht sie's auch nicht.« »Danke, Charlotte!«, seufzte Frau Rose.

»Sagen Sie Willis Mutter erst mal, er ist bei Steve«, brummte Fred. »Damit sie beruhigt ist. Uns hat sie das nicht geglaubt, aber wenn Sie's sagen ... sonst rennt sie womöglich noch zur Polizei.«

Frau Rose nickte. »In Ordnung. Aber lange spiel ich da nicht mit.« Sie senkte die Stimme. »Ich komm in Teufels Küche, wenn das einer erfährt.«

»Wir fahren gleich nach der Schule wieder los, ihn suchen«, sagte Steve. »Meine Karten haben gesagt, er ist irgendwo unter Bäumen.«

»Deine Karten?« Verständnislos guckte Frau Rose ihn an. »Ach, vergessen Sie's.« Fred rutschte von der Fensterbank. »Wir werden ihn auf jeden Fall suchen, und die Hühner helfen uns, oder?«

»Klar«, sagte Sprotte und sprang auch von der Fensterbank. »Aber erst müssen wir unbedingt nach den ...«, sie kniff noch rechtzeit ig die Lippen zusammen. »Nach den was?«, fragte Frau Rose. »Ahm, nach den, den ...«, stammelte Trude.

»... nach den - Rädern sehen, ja«, sagte Wilma schnell. »Die sind ziemlich abgefahren, wissen Sie.«

»Aha.« Frau Rose schüttelte den Kopf und drehte sich um.

»Keine Sorge, eure Bandengeheimnisse will ich gar nicht wissen«, sagte sie.

»Sollen wir nicht besser getrennt suchen?«, raunte Sprotte Fred zu, als Frau Rose außer Hörweite war. »Das bringt doch nichts, als Horde durch die Gegend zu fahren.«

»Stimmt«, murmelte Fred.

»Ich weiß sowieso nicht, wo wir noch suchen sollen«, sagte Steve.

Das ging den ändern genauso.

»Trude und ich haben beschlossen, nächstes Mal, wenn wir im Dunkeln die Hühner füttern, den Hund von ihrem Nachbarn auszuleihen«, erzählte Melanie, als sie vor der verwilderten Weißdornhecke hielten.

»Stimmt«, meinte Trude, »wir haben ziemlich unheimliche Geräusche gehört, als wir heute Morgen hier waren. Als würde jemand durchs Gras schleichen.« Sie schauderte noch bei der Erinnerung.

»Verflixt! Das könnte der Fuchs gewesen sein! Oder ein Marder.« Sprotte lehnte ihr Fahrrad gegen die Hecke und zerrte die Tüte mit Gemüseresten vom Gepäckträger, die Fred ihr in der Schule gegeben hatte. »Ich seh mal nach, ob ich irgendwelche Spuren finde.«

»Ich hab doch gestern Abend auch was gehört«, sagte Frieda und öffnete das Gatter. »Vielleicht sind's Wasserratten. Muss ja nicht gleich ein Fuchs oder ein

Wiesel sein!« »Ratten?«, hauchte Wilma. Beunruhigt guckte sie sich um. »Wasserratten«, sagte Trude. »Die sehen sogar richtig niedlich aus.«

»Niedlich?« Melanie stöhnte auf und stakste durch das hohe Gras, als würde sie im nächsten Moment auf eine drauftreten. Die Hühner begannen zu zetern, als sie die Mädchen über die Wiese kommen sahen. Aufgeregt drängten sie sich gegen den Maschendraht.

»Naja, Hühner ziehen nun mal Ratten an«, erklärte Sprotte. »Ist für Ratten eine leichte Art an Futter zu kommen, all die Körner, die rumliegen, die rohen Eier ... « Sie sah sich um. »Vielleicht sollten wir ein paar Fallen im Gras aufstellen. Rund um den Auslauf.«

»Und dann selber reintreten, na danke«, meinte Melanie. »Die können doch nicht schon wieder hungrig sein!«, sagte Trude, als die Hühner beim Anblick von Sprottes Tüte so wild wurden, dass sie aufeinander sprangen und sich gegenseitig vom Zaun weghackten. Während die Hennen sich um das Grünzeug stritten, lief Frieda in den Stall, um nach Eiern zu sehen. Zehn Stück fand sie im Stroh. »Na, die scheinen sich ja wohl zu fühlen«, stellte Sprotte fest und trug die Eier zum Wohnwagen. Die ändern folgten ihr.

»Meint ihr, wir können noch Tee trinken, bevor wir wieder auf Willi-Suche gehen?«, fragte Wilma.