Trude kicherte.
Melanie aber zog Willi die Wohnwagentreppe rauf. »Komm«,
sagte sie. »Bei uns gibt's leider immer nur Tee.«
»Meistens«, sagte Frieda, während sie den beiden folgte.
»Melli würde allerdings lieber jeden Tag Glühwein trinken.«
Sprotte blieb noch draußen vor der Treppe stehen. Mit gerunzelter Stirn blickte Sprotte zur Straße zurück. Sie hätte es wissen müssen! In dem Augenblick, als Fred ihr anbot, die Kartons zu besorgen. So was machten die Pygmäen nicht aus purer Freundlichkeit. Naja, selten jedenfalls. »Reis!«, murmelte sie. »So ein hundsgemeiner Trick.« Und ärgerte sich einen Krampf in den Bauch, dass sie nicht besser aufgepasst hatte.
17
Im Wohnwagen war noch alles so, wie sie es hinterlassen hatten. Nur der Schlafsack und das zerdrückte Kissen auf der Matratze verrieten, dass Willi die Nacht hier verbracht hatte. Verlegen rollte er den Schlafsack zusammen und klopfte das Kissen platt. Trude verkniff sich ein Kichern. »Was meinst du, wann Fred draufkommt, wo du bist?« Sprotte hockte sich auf die Tischkante. »Oder weiß er's schon?« »Woher denn?«, brummte Willi und verstaute das Kissen wieder in dem Schrank, in dem er es gefunden hatte. »Wie seid ihr eigentlich an den Wohnwagen gekommen? Stand der hier einfach leer rum?«
»Trude hat ihn von ihrem Vater geschenkt gekriegt«, rief Frieda aus der Küchenecke, wo sie Wasser für den Tee aufsetzte. »Er wollte nicht, dass Trudes Mutter ihn nach der Scheidung kriegt.«
»Aha.« Willi setzte sich auf die Matratze und guckte sich um. »Ihr könntet noch Poster aufhängen. Oder steht ihr mehr auf Hühnerbilder?«
»Darüber zerbrich du dir mal nicht den Kopf«, sagte Sprotte. »Das ist unser Bandenquartier. Wir gewähren dir nur für eine Weile Asyl, klar?«
»Klar.« Willi guckte sie spöttisch an. »Und ihr schmeißt mich raus, wenn ich mich nicht wie ein Huhn benehme.« »Haargenau«, sagte Sprotte. »Außerdem lässt du die Finger von den Schränken.«
»Mensch, Sprotte!« Melanie verzog das Gesicht. »Hör doch auf, so blöd rumzutönen. Er hat wirklich schon genug Ärger!«
Sprotte zuckte nur die Achseln und guckte aus dem Fenster. »Schafft unsere Räder hinter die Hecke«, sagte sie zu Wilma und Trude. »Ich wette, wir kriegen bald noch mehr Besuch. Fred ist schließlich nicht blöd.«
Wilma stürzte mit Feuereifer nach draußen. Trude trottete gelangweilt hinterher.
»Übrigens, Willi, Frau Rose hat uns erzählt, dass der Wächter vom Schrottplatz deine Eltern angerufen hat«, sagte Frieda, während sie ein Paket Eiscreme aus dem Kühlschrank holte. Sie hatten es am Tag vorher reingelegt. Es war ein bisschen matschig, aber noch genießbar. Melanie half ihr, die Pampe auf sechs Schüsseln zu verteilen, und streute Schokostreusel drüber.
»Der Kerl kennt meinen Vater von der Arbeit«, knurrte Willi. »War verdammtes Pech, dass ausgerechnet der in dem Haus gehockt hat.«
»Kann aber auch Glück gewesen sein.« Melanie drückte ihm eine Schale Eis in die Hand. »Ein Fremder hätte bestimmt Anzeige erstattet. Aber so kann dein Vater den Bagger unter der Hand wieder in Ordnung bringen lassen. Das wird nicht halb so teuer.«
»Das wird immer noch teuer genug«, murmelte Willi und stocherte misstrauisch in dem Eisbrei herum. »Ein fremder Wächter hätte bloß erzählen können, dass es irgendein Junge war. Wie hätten sie da ausgerechnet auf mich kommen sollen? Übrigens, ich hab mir heute Morgen ein paar Eier gebraten und was von euerm Brot genommen. Könnte ic h davon vielleicht noch was haben?«
»Brot? Sicher«, Melanie schoss zurück in die Küchenecke. »Wo ist das Brot?«
Ohne ein Wort schob Frieda ihr ein Paket Knäckebrot, Wurst und Butter hin.
»Mann, Melli, das Brot kann er sich auch allein holen«, sagte Sprotte. »Du rennst hier rum wie seine Privatkellnerin.« Melanie wurde rot bis zum Haaransatz. »Na und?«, fauchte sie Sprotte an. »Du willst doch, dass er die Finger von den Schränken lässt. Wie soll er sich da selbst was machen, hm?« Wütend schob sie sich mit dem Knäckebrot an Sprotte vorbei, setzte sich neben Willi auf die Matratze und stellte ihm den Teller auf die Knie.
»Danke!«, murmelte er - und verschlang das Knacke schneller, als Oma Slättbergs Hühner Kohlblätter zerrupfen. »Ist auch egal, das mit dem Wächter«, sagte er mit vollem Mund. »Ich wollte sowieso irgendwann von zu Hause abhauen. Mach ich's eben jetzt.«
»Abhauen?« Entgeistert guckte Melanie ihn an. »Wieso abhauen? Wohin denn?«
»Auf irgendein Schiff«, antwortete Willi, ohne sie anzusehen. Die Wohnwagentür ging auf, und mit einem Stoß kalter Luft kamen Frieda und Trude wieder rein. »Auftrag ausgeführt«, meldete Wilma und ließ sich zufrieden auf eine Bank plumpsen. Trude setzte sich neben sie, spielte mit ihrem Ohrring und guckte unauffällig zu Melanie und Willi rüber. »Auf irgendein Schiff, du meine Güte!« Sprotte verdrehte spöttisch die Augen. »Wie soll denn das funktionieren? Du glaubst doch nicht, dass die dich einfach mitnehmen. Du kannst doch bestimmt nicht mal Backbord von Steuerbord unterscheiden oder wie das heißt!«
»Dann Schmuggel ich mich eben drauf!«, fuhr Willi sie ärgerlich an. »Liest man doch dauernd in der Zeitung. Einer hat es sogar geschafft, sich in ein Flugzeug zu schmuggeln. Bis Australien ist er gekommen. Der war auch nicht älter als ich. Außerdem will ich bloß bis nach Amerika.« »Schon wieder Amerika!« Frieda stellte den Tee auf den Tisch und setzte sich mit einem
Becher Jogurt ans Fenster. »Da kannst du dich mit Sprottes Mutter zusammentun.« »Nee, du vergisst Wilmas Anzeige«, sagte Melanie. »Bei Sprottes Mutter wird’s jetzt nichts mehr mit dem Auswandern. Kann natürlich auch passieren, dass sich so viele Idioten bei ihr melden, dass sie endgültig die Flucht ergreift.« Sie und Frieda kicherten. Verständnislos guckte Willi sie an. »Ha, ha, sehr lustig«, murmelte Sprotte. »Könnt ihr mal das Thema wechseln?« Sie drehte sich wieder zu Willi um. »Keiner kommt mal eben so nach Amerika rein, das kannst du dir abschminken. Nicht mal ’n Erwachsener. Glaub mir, ich weiß das, meine Mutter redet nämlich kaum noch von was anderem.«
»He, seid mal still!« Mit einem Ruck stellte Wilma ihren Tee ab und presste die Nase gegen das Fenster. »Da ist jemand am Gatter.«
»Wo?« Aufgeregt lugte Trude über ihren Kopf nach draußen. »Das sind die Jungs!«, rief sie. »Alle drei!« »Nehmt die Köpfe da weg!« Sprotte zerrte die zwei vom Fenster zurück und zog schnell die Gardinen zu. Durch einen Spalt spähte sie nach draußen. »Kommen sie her?«, flüsterte Trude. Sprotte nickte.
»Du meine Güte!«, seufzte Melanie. »Ihr wollt doch nicht allen Ernstes mit denen Versteck spielen? Sind wir hier im Kindergarten oder was?«
Die ändern vier beachteten sie nicht. Sie hingen alle hinter der geschlossenen Gardine und lugten nach draußen. »Die gucken, als würden sie sich an Wunder was Gefährliches ranschleichen!«, flüsterte Wilma.
»Psst!«, zischte Sprotte. »Wehe, du verrätst was!«, flüsterte sie in Willis Richtung. »Ein Mucks und du kannst dein Asyl vergessen.«
Willi zuckte nur die Achseln. Melanie schnitt Sprotte eine Grimasse und schob ihre Hand unter Willis. Er zog sie nicht weg. Sprotte hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Mit einem Satz sprang sie von der Bank, huschte zur Wohnwagentür und legte ein Ohr dagegen.
»Das ist doch eine total blödsinnige Idee!«, maulte Torte draußen. »Wieso sollte er sich hier verstecken? Die Mädels hängen doch ständig hier rum!«
»Ach ja, Klugscheißer? Und wo sind sie jetzt?« Das war Fred. »Willi?«, rief er. »Willi, bist du da?«
Sprotte warf Willi einen warnenden Blick zu. Der zeigte ihr bloß einen Vogel.
»Na, wer ist jetzt der Klugscheißer?«, fragte Torte höhnisch. »Er ist nicht hier.«