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In der Mitte der Straße, zwischen den Söldnern, näherte sich ein von zwei Tharlarion gezogener, kostbar verzierter Karren. Ein Offizier, ein bärtiger Mann mit einem Federbüschel am Helm, vielleicht der Hauptmann der Söldnerarmee, ritt neben dem Fahrzeug. Auf einem Thronsessel, den man oben auf dem Karren festgemacht hatte, saß unter einem Seidenbaldachin eine Frau – stolz und anmutig anzuschauen, gekleidet in eine kostbare Verhüllungsrobe. Von einer Halskette mitgezerrt, lief ein junger Rothäutiger neben dem Wagen her.

»Halt!« sagte die Frau bei meinem Anblick und hob die kleine Hand, an dem ein weißer Handschuh steckte.

»Halt!« rief auch der Offizier, drehte die Kaiila herum und hob die Hand.

»Halt! Halt!« riefen andere Stimmen.

Die Reihen der Männer blieben stehen. Die Frau senkte die Hand.

Sie sah mich an. »Tal«, sagte sie.

»Tal, meine Dame«, antwortete ich.

Nonchalant löste sie mit einer Hand den äußeren Schleier. Ihre Gesichtszüge waren durch den zweiten Schleier nur noch unzureichend verhüllt, der kaum mehr als ein durchscheinender Seidenstreifen war. Anscheinend handelte sie so, um leichter mit mir sprechen zu können. Sie lächelte. Ich lächelte ebenfalls, aber nur innerlich. Ein Herr mochte seiner Sklavin einen solchen Schleier schenken, als Witz. Sie war eine eitle Frau. Ich sollte sehen, daß sie atemberaubend schön war. Ich erkannte, daß sie eine ganz akzeptable Sklavin abgeben würde.

»Wie ich sehe, trägst du ein Schwert«, sagte sie.

»Ja, meine Dame.«

»Wer bist du?«

»Ein reisender Schwertkämpfer.«

»Dies ist die Lady Mira aus Venna«, sagte der bärtige Offizier. »Ich bin Alfred, Hauptmann dieser Kompanie, Söldner aus Port Olni.« Venna ist ein Erholungsort westlich der Voltai-Berge, nördlich von Ar. Port Olni liegt am nördlichen Ufer des Olni-Flusses und gehört der Salerianischen Konföderation an.

»Anscheinend möchtest du uns deinen Namen nicht sagen«, bemerkte die Frau.

»Der Name eines unbedeutenden Burschen wie ich«, sagte ich, »kann für eine so vornehme Dame kaum von Interesse sein.«

»Bist du ein Räuber?« wollte sie wissen.

»Nein, meine Dame.«

»Kannst du mit der Klinge umgehen, die da an deiner Hüfte hängt?« fragte sie.

»In gewisser Weise schon, meine Dame«, sagte ich.

»Wir stellen Schwertkämpfer ein.«

»Vielen Dank, meine Dame, aber ich möchte mich nicht in fremde Dienste begeben.«

»Zieh deine Klinge!« rief der Offizier.

Mit schneller, eleganter Bewegung zog ich die Waffe und trat zurück. Wird man von einem Goreaner aufgefordert, die Klinge blank zu ziehen, ist es meistens nicht angebracht, noch lange über die Frage zu diskutieren. Er könnte etwas im Schilde führen.

»Greif ihn an!« sagte der Offizier zu einem der Männer, die in seiner Nähe standen.

Unsere Klingen hatten sich noch nicht einmal gekreuzt, als die Spitze meines Schwertes schon am Hals des Burschen lag.

»Töte ihn nicht!« sagte der Offizier hastig.

Ich steckte die Klinge wieder fort, und der bleich gewordene Söldner kehrte auf unsicheren Beinen ins Glied zurück.

»Einen Silber-Tarsk pro Monat«, sagte der Offizier. Dieser Sold konnte sich sehen lassen. Es war bestimmt mehr, als die meisten Männer ringsum bekamen.

»Wo liegt dein Ziel, Hauptmann?« fragte ich. »Und in welcher Angelegenheit seid ihr unterwegs?«

»Wir ziehen nach Kailiauk und von dort weiter ins Ödland. Es gilt, Wilden eine Lektion zu erteilen.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Du hast gewiß von den Scheußlichkeiten gehört, die sich gestern ereignet haben?« fragte er.

»Deine Streitmacht ist bestimmt nicht erst seit gestern zusammengestellt worden«, sagte ich.

Er lachte. Gewiß konnten solche Heere in das Ödland eindringen und schweren Schaden anrichten, indem sie beispielsweise über Dörfer der Staubfüße herfielen. Zu oft werden dabei aber die Friedlichen und Unschuldigen hingeschlachtet. Darin mag die Lehre liegen, daß es ratsam ist, zu friedlich oder zu unschuldig zu sein. Im Schatten von Wölfen gibt es kein Überleben, indem man sich in ein Schaf verwandelt: Dieser Weg ist nichts anderes als eine Abkürzung ins Verderben.

»Im Ödland gibt es Tausende von Wilden«, gab ich zu bedenken.

»Diese Männer sind Berufskämpfer«, erwiderte er. »Ein solcher Söldner ist tausend halbnackte Krieger wert.«

Ringsum wurde gelacht.

»Schon wenn sie unsere Trommeln hören, werden sie die Flucht ergreifen«, fuhr er fort.

Ich schwieg.

»Die Grenzzone hält sich schon zu lange«, sagte er. »Wir werden sie weiter nach Osten vorschieben. Wir halten das Banner der Zivilisation in Händen.«

Ich lächelte und fragte mich, ob es sich bei den Barbaren stets um Angehörige solcher Zivilisationen handelte, die nicht die eigene waren.

»Willst du die Frau mit ins Ödland nehmen?« fragte ich weiter. »Du kannst dir sicher vorstellen, was die roten Wilden mit ihr anstellen würden.«

»Ich bin völlig sicher, das kann ich dir versichern«, sagte Lady Mira lachend. Ich überlegte, wie ihr zumute sein würde, wenn sie nackt und gefesselt vor gierigen Kriegern am Boden lag.

»Lady Mira gehört der Kaufmannskaste an«, fuhr der Offizier fort. »Sie besitzt die Vollmacht, mit den besiegten Stämmen über die Lieferung von Fellen zu verhandeln.«

»Wer ist das?« fragte ich und deutete auf den zerlumpten rothäutigen Jüngling, der am Wagen festgekettet war.

»Urt, ein Staubfuß, ein Sklave«, gab der Offizier Auskunft. »Wir haben ihn im Süden gekauft. Er spricht die Sprache des Staubfuß-Stammes und kennt die Zeichen.«

Haßerfüllt blickte der Junge mich an.

»Wie lange war er schon Sklave?« fragte ich.

»Zwei Jahre.«

»Von wem wurde er ursprünglich gekauft?«

»Von Staubfüßen«, sagte der Offizier.

»Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Wilden einen Angehörigen des eigenen Stammes verkaufen würden«, meinte ich.

»Es sind Wilde«, bemerkte der Offizier.

»Du bist kein Staubfuß«, sagte ich zu dem Jungen.

Er antwortete nicht.

»Ihr wollt einem solchen Burschen bei Verhandlungen die Übersetzung anvertrauen?« fragte ich.

»Am deutlichsten werden wir mit dem Stahl sprechen«, sagte der Söldnerführer.

»Du hast viele Männer«, sagte ich. »Deine Expedition muß viel Geld kosten. Wäre sie von mehreren Städten vereinbart worden, hätte ich bestimmt davon gehört. Woher stammt das Gold für diese hohen Aufwendungen?«

Zornig blickte der Offizier mich an.

»Wir werden durch den Kaufmannsrat von Port Olni unterstützt«, sagte die Frau. »Unsere Papiere sind in Ordnung.«

»Ich verstehe«, bemerkte ich.

»Nur selten habe ich eine Klinge so raffiniert und schnell im Kampf erlebt wie die deine«, sagte der Offizier. »Mein Angebot gilt. Rationen und einen Silber-Tarsk für jeden Monat, den du bei uns im Dienst stehst.«

»Rationen und einen Gold-Tarsk«, fiel die Frau ein und blickte aus der Höhe des Karrens auf mich herab. Die Augen über dem Seidenschleier funkelten. Sie hatte das Angebot ausgesprochen, ohne den Offizier zu fragen. Offensichtlich war sie sehr mächtig. Ich fragte mich, wie sie als hilflos gefesselte Sklavin aussehen würde.

»Sei bedankt, meine Dame«, erwiderte ich. »Aber ich stehe in meinen eigenen Diensten.«

»Man könnte einen Posten für dich finden, sogar in meiner engsten Gefolgschaft«, sagte sie.

»Ich stehe in meinem eigenen Dienst«, sagte ich.

»Weiter!« rief sie, hob die behandschuhte Rechte und lehnte sich in ihrem Sessel aufgebracht zurück.