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»Wir haben einen riesigen Haufen Knochen unten an der Steilwand gefunden. Gebeine von Trollen, aber auch einen Mammutschädel«, sagte Tylwyth, der bislang schweigend dem Gespräch gelauscht hatte. »Es ist ein böser Ort.«

»Die Trolle werden also niemals damit rechnen, dass jemand von dort in den Königsstein eindringt.«

»Weil es unmöglich ist, Nandalee«, mischte sich nun Gonvalon ein. »Du hast doch gehört, was sie sagen.«

»Würdet ihr mich zu dem gefrorenen Wasserfall bringen?«

»Manchmal müssen wir akzeptieren, dass Dinge, die geschehen sind, unumkehrbar sind«, sagte Tylwyth einfühlend. »Wäge ab, was du gewinnen kannst und was du zu verlieren hast, wenn du dorthin gehst.«

»Ich habe mich entschieden.«

Gonvalon schlug die Augen nieder. Diesen Tonfall kannte er an ihr. Es gab nichts mehr zu bereden. Sie würde sich nicht umstimmen lassen. Im Zweifelsfall würde sie auch alleine gehen. Doch das würde er niemals zulassen. Er würde an ihrer Seite bleiben. Für immer. Selbst wenn für immer in ihrem Fall vielleicht nur noch ein paar Tage bedeutete.

Cullayn lächelte, was sein Gesicht nur noch mehr verzerrte. Gonvalon hatte den Eindruck, dass der Jäger gewusst hatte, dass dieses Gespräch so enden würde. »Ich bringe dich bis zum Wasserfall, dann entscheiden wir, was möglich ist.«

Er musste das verhindern, dachte Gonvalon. Wenn sie dorthin gelangte, war sie so gut wie tot. Und wenn er sie aufhielt … Er wusste, dass ihre Liebe das nicht überleben würde.

Weißes Licht

»Siehst du das weiße Licht?« Gonvalon zeigte mit ausgestrecktem Arm zum Horizont, dorthin, wo Wolken und Himmel an diesem strahlenden Morgen zu diffusem Licht verschwammen. »Dort möchte ich mit dir hin. Ich stelle mir immer vor, dass die Welt dort vollkommen ist. Erreicht man das weiße Licht, dann hat man Frieden gefunden.«

Nandalee blickte auf das weite Wolkenmeer. Sie waren vom Wald der Maurawani hoch hinauf in die Slangaberge gestiegen, um einem Pass nach Osten zur Snaiwamark zu folgen. Ihr Weg hatte sie weit über die Baumgrenze hinaus ins ewige Eis geführt. Nun war der schwerste Teil geschafft. Es war ein strahlender Morgen. Sie standen über den Wolken auf einem sanft abfallenden Gletscher.

Nandalee lehnte sich an Gonvalons Schulter. Sie hatte ihm das Amulett, das sie an Bord des Blauen Sterns erhalten hatte, überlassen, um ihn vor der tödlichen Kälte der Berge zu schützen. Ihr selbst fiel es inzwischen leicht, jenen Zauber zu weben, der ihren Körper in einen Kokon warmer Luft hüllte. Sie genoss es, mit der Welt und dem magischen Netz in Einklang zu sein.

»Wie sollten wir je dorthin gelangen, zu dem weißen Licht?« Gonvalon war seit Tagen in ungewohnt träumerischer Stimmung. Er sprach immerzu davon, was sie gemeinsam tun sollten, wenn all dies hier vorüber war. Sie hatte ihn so völlig anders kennengelernt. Immer ganz konzentriert auf das Hier und Jetzt. Auf seine Aufgaben als Lehrmeister. Auf den nächsten Auftrag der Drachenelfen. Er fing sein Leben neu an. War auch sie dazu bereit?

»Du wirst deinen Pegasus erwählen. Wir werden nach Bainne Tyr gehen. Du wirst auf den saftigen Weiden des Milchlandes die Pegasi beschleichen und nach dem richtigen Reittier für dich suchen.«

»Ich dachte, einen Pegasus zu reiten sei allein den Drachenelfen vorbehalten«, entgegnete sie.

Gonvalon lächelte verschwörerisch. »Nicht, wenn es dir gelingt, einen zu fangen und zu zähmen.«

Cullayn winkte ihnen von weiter unten auf dem Gletscher, ihm zu folgen. Er und Tylwyth waren erfreulich zurückhaltend. Sie bemühten sich, ihnen Freiraum zu schaffen. Sie wussten, wie jung ihre Liebe war und welcher Schatten darüber lag.

»Komm, Gonvalon. Wir müssen gehen.«

Er hielt sie am Arm fest. »Einen Augenblick noch. Sieh mit mir zum weißen Licht. Lass uns diesen Traum gemeinsam träumen. Getragen auf den Schwingen der Pegasi dorthin zu reisen.«

Nandalee hielt das für eine romantische Träumerei. Sie glaubte nicht, dass man diesen Ort je erreichen könnte. Ebenso wenig, wie man das Ende eines Regenbogens fand. Was wollte er ihr damit sagen, dass er sie dazu anhielt, mit ihm gemeinsam das Unmögliche zu versuchen? Wollte er ihr Hoffnung machen, dass sie den Kampf gegen das Ungeheuer, das über dem gefrorenen Wasserfall auf sie wartete, bestehen würden? Manchmal kam sie sich an seiner Seite ungebildet und dumm vor. Er war in einem Palast aufgewachsen. War an die schönen Künste herangeführt worden. Er kannte sich aus in der Dichtung und der Geschichtsschreibung. Er beherrschte etliche Sprachen. Und für ein Palastkind kam er auch erstaunlich gut in der Wildnis zurecht. Sie hingegen konnte so weniges. Sie war eine Jägerin aus Carandamon, eine Mörderin, und gerade begann sie sich die Kunst des Zauberwebens zu erschließen. Sein Leben währte schon seit Jahrhunderten. Verglichen mit ihm war sie ein Kind. Nandalee musste lächeln. Ein gefährliches Kind.

»Wenn du lächelst, siehst du unwiderstehlich aus.«

Sie grinste. »Du wirst mir aber widerstehen müssen. Ich fürchte, ein Gletscher ist nicht ganz der richtige Ort, um meinen Reizen zu erliegen.«

Er runzelte die Stirn. »Du veränderst dich. Vor gar nicht allzu langer Zeit hättest du dich weit weniger gewählt ausgedrückt.«

»Keine Sorge, das habe ich nicht verlernt. Aber der Umgang mit dir hinterlässt Spuren.« Sie lächelte ihm zu und hoffte, dass er sie nicht falsch verstand. Manchmal war er einfach zu dünnhäutig.

Nandalee ging voran. Sie hörte seine Schritte hinter sich im Schnee knirschen. Spürte seinen Blick in ihrem Rücken. Immer wieder musste sie daran denken, wie er sich in der Tiefen Stadt zwischen sie und den Goldenen gestellt hatte. Er hatte alles für sie gewagt. Wenn sie ihn in ihrer Nähe wusste, fühlte sie sich unbesiegbar.

Bald erreichten sie die Wolken. Sie hüllten den Gletscher in dichten Nebel. Cullayn bestand darauf, dass sie einander anseilten. Nandalee konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Das Seil an ihrem Gürtel hing durch und verschwand im Nichts. Gonvalon hinter ihr war kaum mehr als ein Schemen, wenn sie zurückblickte. Der Schnee hier war nass. Er klebte an den Stiefeln, und das Knirschen, das weiter oben am Hang ihre Schritte begleitet hatte, war zu einem schmatzenden Geräusch geworden.

Als Kind hatte sie sich vorgestellt, wie es wäre, auf Wolken zu laufen. In ihrer Fantasie war sie bis zu den Knien in weichen Daunen eingesunken. Nun war sie am Ziel dieser Kinderträume, und nichts als Nebel umfing sie. Wäre es mit dem Weißen Licht am Horizont genauso? Vielleicht war es besser, wenn manche Träume für immer unerfüllt blieben.

Gonvalons Hand streifte ihre Schulter. Sie wandte sich um, und er stahl ihr einen Kuss.

»Cullayn sagte, wir sollen nicht zu dicht beieinandergehen. Vielleicht gibt es unter dem Schnee Gletscherspalten. Es ist klüger, unser Gewicht zu verteilen.«

Er sah sie seltsam an. Ein wenig melancholisch. »Manchmal ist es besser, nicht zu klug zu sein.«

Nandalee traute ihren Ohren kaum. War das Gonvalon, der da sprach? Der umsichtige, stets auf die Vermeidung unnötiger Risiken bedachte Schwertmeister?

»Sieh dich um, wie klein unsere Welt geworden ist. Außer uns beiden ist alles verschwunden. Träumst du nicht auch davon, dass es so einfach sein könnte?«

Daher also wehte der Wind. »Lass uns erst aus dem Königsstein zurückkehren!«

»Ich gehe für dich dort hinein.«

Die Leine ruckte. »Was ist los, Nandalee?«, rief Tylwyth aus dem Nebel.

Sie beeilte sich weiterzugehen.

Gonvalon blieb an ihrer Seite. »Ich gehe an deiner Stelle«, beharrte der Schwertmeister. »Ich habe mehr Erfahrung in solchen Missionen, und ich schleppe nicht diese verfluchte Waffe mit mir herum.« Er deutete auf den großen Zweihänder, den sie in einem Ledergurt auf ihrem Rücken trug. »Ich werde keine Ruhe haben, wenn du mit diesem Schwert in den Kampf ziehst. Es hat seinen früheren Besitzern Unglück gebracht.«