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»Und ihren Feinden auch! Es ist die ideale Waffe, um Trolle zu töten«, entgegnete sie angespannt.

»In einer Feldschlacht vielleicht. Aber in den Höhlen wird dich der Zweihänder eher behindern, als dass er dir nutzt.«

»Liebster, du kannst mich durch nichts umstimmen, ganz gleich, was du auch sagst. Wenn ich nicht gehe, wäre ich nicht mehr ich selbst. Und auch nicht die Nandalee, in die du dich verliebt hast. Ich muss es tun. Ich schulde es meiner Sippe.«

»Dann gehe ich mit dir …«

Sie griff nach seinen Händen. »Bitte … Ich muss es allein tun. Ich weiß …« Sie stockte. Wie sollte sie das sagen? Ihr war bewusst, dass ihr Vorhaben ihm als blanker Leichtsinn erscheinen musste und wie gering ihre Aussichten waren, lebend aus dem Königsstein herauszukommen, falls sie entdeckt würde. »Wenn du etwas für mich tun willst, dann lass uns nicht mehr darüber reden. Du kannst mich nicht umstimmen. Aber ich brauche deine Liebe. Gerade jetzt …« Bei den letzten Worten brach ihre Stimme.

»Wie du willst«, entgegnete er mit einer Härte, die sie von ihm nicht gewohnt war. »Dann habe auch ich eine Bedingung. Ich werde dieses Biest, das den verborgenen Eingang bewacht, ablenken, damit du in den Königsstein hineinkommst. Davon wirst du mich nicht abbringen können. Ich sorge für einen guten Anfang.«

Sie wollte noch etwas sagen, doch er schüttelte so entschieden den Kopf, dass überdeutlich wurde, dass er von seinem Entschluss ebenso wenig abweichen würde wie sie von dem ihrigen.

Sie schluckte. Wieder stand ihr das Bild vor Augen, wie er sich zwischen sie und den Goldenen gestellt hatte. So pathetisch seine Worte auch klangen, sie wusste, es gab nichts, was er für sie nicht wagen würde. Sie hatte so etwas noch nicht erlebt. Staunend stellte sie fest, dass es sie verlegen machte.

Er griff ihre Hand, drückte sie und rang sich ein Lächeln ab, das seinen Schmerz nicht verbergen konnte. »Lass uns den Augenblick genießen. Das ist alles, was uns bleibt.«

Ihn das sagen zu hören, schnitt ihr ins Herz. Es klang wie eine Totenrede auf ihre Liebe. »Ich werde zurückkehren. Und dann werde ich mit dir das weiße Licht suchen. Wir werden es erreichen.«

Er lächelte. Diesmal glückte es ihm ein wenig besser. »Ich liebe dich, Nandalee.« Er zog sie an sich und küsste sie.

Das Seil um ihre Hüften ruckte.

»Was macht ihr da oben?« Diesmal war es Cullayn, der rief. Und seine Stimme klang, als hätte er nicht das geringste Verständnis für die Nöte zweier Liebender.

Schweigend gingen sie den Hang hinab. Er hielt ihre Hand, ließ sie nicht mehr los, doch sie wusste, er hatte sich in das Unvermeidliche gefügt. Er würde sie ziehen lassen, nicht mehr hinterfragen, warum sie ging.

Bald schon ließen sie den Nebel hinter sich, und am frühen Nachmittag erreichten sie die Baumgrenze. Der Winter hielt die Westseite der Slangaberge fest in seinem Griff. Die Sonne blieb hinter dichten, grauen Wolken verborgen, und eisiger Nordwind beugte die schneebeladenen Wipfel.

Gonvalon bemühte sich, sich nichts mehr anmerken zu lassen. Er erzählte davon, wie kläglich er gescheitert war, als er sich als Dichter versucht hatte. Falls er diese Geschichte nicht erfunden hatte, hatte er seine lyrischen Versuche heimlich den Kobolden der Weißen Halle vorgetragen, weil er es nicht wagte, damit vor die anderen Elfen zu treten. Und die Kobolde waren eingeschlafen …

Er schaffte es, sie zum Lachen zu bringen. So gerne hätte sie eines seiner Gedichte gehört. Er behauptete, alle vergessen zu haben. Nandalee glaubte ihm nicht.

»Du hast nichts aufgeschrieben?«

Er lächelte. »Ich war einmal ein angesehener Meister der Weißen Halle.« Er schaffte es, bei diesen Worten nicht verbittert zu klingen. »Ich habe doch keine Beweise meines peinlichsten Scheiterns überdauern lassen. Sie sind alle verbrannt.«

»Wirst du eines Tages für mich ein Gedicht schreiben?«

Er sah ihr tief in die Augen. »Wenn wir so lange miteinander gelebt haben, dass nichts mehr geblieben ist, was wir nicht miteinander teilen könnten, und ich selbst vor peinlichen Augenblicken keine Furcht mehr habe.«

Sie wünschte sich so sehr, dass sie diesen Tag erleben würden. Dass sich sein Fluch, seine Liebsten stets zu verlieren, nicht in den Trollhöhlen erfüllen würde.

Cullayn führte sie einen steilen Hang hinab. Vorbei an einem Wildwasser, dessen Ufer Bärte aus grauem Eis säumten. Unter ihnen lag ein Tal mit einem weiten, gefrorenen See. Nandalee bemerkte die Fährte eines Fuchses. Sie sehnte sich nach den langen Jagdausflügen, die sie mit Duadan unternommen hatte. Sein Gesicht stand ihr ganz klar vor Augen. Sein letzter Augenblick, der ganz der Sorge um andere gegolten hatte. Sie wünschte sich, dass er Gonvalon noch begegnet wäre. Hätte er den Schwertmeister gemocht? Den Mörder, den seine Liebe zum Rebellen gemacht hatte?

Cullayn führte sie über das Eis des Sees, auf dem dichter Schnee lag. Sie durchquerten einen Birkenhain, so fahl wie dieser Winterabend, und erreichten schließlich eine steile Felswand, an deren Fuß schneebestäubtes Brombeerdickicht wucherte.

»Hier ist es«, verkündete Cullayn. »Den schwersten Teil des Weges haben wir hinter uns. Von nun an werden wir auf den Flügeln des Windes reisen.«

Nandalee musste schmunzeln. Ein solch poetischer Ausbruch passte so gar nicht zu Cullayn in seinen abgerissenen Gewändern, die nun auch noch nach dem Bärenfett stanken, mit dem er und Tylwyth sich eingerieben hatten, um sich vor dem Nordwind zu schützen.

Der Jäger legte Bogen, Köcher und den Gürtel mit dem langen Jagdmesser ab. Dann zwängte er sich in eine Höhlung unter dem Dickicht, die aussah wie der Eingang zu einem Dachsbau.

Neugierig folgte Nandalee ihm. Dornenranken zerrten an ihrem Haar und schrammten über das Leder ihres Wamses. Vor langer Zeit hatte ein Bach den Fuß der Steilwand unterhöhlt. Dort lag hinter Eiszähnen verborgen etwas Längliches, das mit gut gefettetem Leder eingehüllt war.

Cullayn, dem die Dornen die Kapuze vom Kopf gezerrt hatten, bedachte sie mit seinem schrecklichen Lächeln. »Gut, dass du mitgekommen bist. Das hier durch die Dornen herauszuschaffen wird kein Spaß.«

Er sollte recht behalten. Cullayn bestand darauf, dass sie sich nicht mit ihren Messern den Weg durch die Ranken hackten. Er wollte das Versteck noch nutzen können, wenn sie zurückkehrten. Und so dauerte es über eine Stunde, die mehr als drei Schritt lange Lederrolle hinaus auf das Eis zu bringen.

»Wie schaffst du es, dass dieses Ding nicht zum Mäusefraß wird?«, fragte Gonvalon verwundert. »Und: Was ist es überhaupt?«

»Wirst du gleich sehen.« Gemeinsam mit Tylwyth löste er die Verschnürung.

Gleich war mehr als nur ein wenig untertrieben. Der Mond stand als blasse Laterne hoch am Himmel hinter den Wolken, als die beiden Maurawani ihr Werk vollendet hatten. In der Lederrolle waren stählerne Kufen verborgen gewesen, ein Mast, der sich in drei Teile zerlegen ließ, und etliche hölzerne Querstreben. Das Ganze setzten sie mit Geduld und einigen Flüchen zu einem Eissegler zusammen.

»Das ist das seltsamste Boot, das ich je gesehen habe. Das ist doch ein Boot … Oder?« Gonvalon sah ganz so aus, als sei er wenig davon begeistert, sich diesem Gefährt bald anvertrauen zu müssen.

Nandalee kannte Eissegler und Windschlitten aus Carandamon, obgleich sie noch keinen mit Stahlkufen, schmal wie Schwerter, gesehen hatte. Neugierig umrundete sie den Segler. Er hatte einen ungewöhnlich hohen Mast, von dem ein großes, schmutzig weißes Segel hing. Die untere Hälfte des Gefährts sah mehr wie ein Schlitten aus. Aus den Kufen ragten Streben auf, die aus Bündeln von Barten bestanden. Fast einen Schritt über dem Boden lag das Deck. Es wurde an der Unterseite von Holzstreben und Hanfseilen gestützt und bestand aus der Lederhülle, in die das zerlegte Boot eingeschlagen gewesen war.