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»Wir haben es zwar groß gebaut«, erklärte Tylwyth, »damit wir darauf auch Jagdbeute transportieren können, aber zu viert wird es wohl doch ein wenig eng werden an Bord. Ihr solltet euch besser anseilen. Es wird ein wilder Ritt werden.«

Gonvalon betrachtete das Gefährt noch immer mit unübersehbarer Skepsis. »Und warum wagen sich nicht mal Mäuse an dieses Leder?« So wie er das sagte, klang es ganz so, dass Elfen vollkommen verrückt sein müssten, wenn sie sich etwas anvertrauten, das selbst Nager verabscheuten.

Cullayn hob einige der Schnüre auf, die um die Lederhülle gewickelt gewesen waren. »Du hast zwar verlernt, Zauber zu weben, Schwertmeister, aber vielleicht vermagst du doch zu erkennen, was das hier ist.«

Nandalee reckte sich neugierig vor. An den Schnüren hingen Amulette, die aus Horn gefertigt waren. In die Scheiben waren verschlungene Schriftzeichen geschnitten, die Gesichter bärtiger Männer und eine merkwürdige geflügelte Kreatur.

»Lamassu!« Gonvalon blickte ungläubig zu Cullayn auf.

Cullayn schnitt eine Grimasse, die sein Gesicht so entsetzlich aussehen ließ, dass Nandalee sich abwenden musste. Sie hatte das Gefühl, dass er es diesmal absichtlich getan hatte. »Ich bin weit herumgekommen, Schwertmeister, und kenne mehr als nur meinen Wald und die Snaiwamark. Ich habe Freunde, wo du sie niemals vermuten würdest.«

»Ich wollte nicht herablassend erscheinen«, murmelte Gonvalon wenig überzeugend.

Nandalee öffnete ihr Verborgenes Auge und bewunderte die komplexe Struktur des Zaubers, der die Amulette umgab. Ihnen haftete etwas an, das Unbehagen, ja Furcht verursachte. Vielleicht war Gonvalon deshalb dieser seltsame Segler nicht geheuer. Vielleicht reagierte auch er auf den Zauber.

Während ihrer Zeit in der Höhle des Schwebenden Meisters hatte sie von den Lamassu gehört. Es hieß, dass sie mehr Künstler als Zauberer waren und verrückt. Angeblich wurden sie in prächtigen Grabmälern lebendig eingemauert, wenn ihr Wahnsinn begann gefährlich zu werden. Sie hatten den Leib von Stieren, den Kopf eines bärtigen Mannes, und große Adlerschwingen wuchsen aus ihren Flanken. Da sie keine Arme hatten, bedurften sie selbst für so alltägliche Dinge wie Essen und Trinken der Magie oder der Hilfe von Dienern. Und Diener fanden sie nur schwer, da sie als launig bis jähzornig galten.

Nandalee blickte zu Cullayn und Tylwyth, die ihre Ausrüstung mit Riemen am Deck des Seglers festschnallten. Was die beiden wohl zu den Lamassu geführt hatte?

Gonvalon half, das wenige an Gepäck zu verstauen. Es war mehr eine Geste als eine Notwendigkeit. Und auch, wenn die beiden kein Wort miteinander wechselten, spürte Nandalee, dass Cullayn diese Art Frieden zu schließen akzeptierte.

Endlich war alles fertig, und gemeinsam schoben sie den Segler auf das Eis des Sees hinaus. Nandalee schwang sich an Bord und griff nach einem der Haltetaue. Sie stand ganz vorne auf der Plattform aus Leder, die das Deck bildete. Gonvalon war an ihrer Seite. Als Tylwyth und Cullayn aufsaßen, federten die Streben aus Walbein unter ihrem Gewicht. Das Gefährt knarrte, und Gonvalon seufzte. »Hoffen wir, dass die beiden uns nicht umbringen werden.«

»Sie wissen, was sie tun«, entgegnete Nandalee zuversichtlich.

Er lächelte. »Sie sind Maurawani. Denen sollte man niemals ganz vertrauen.«

Sie hoffte, dass Cullayn das nicht gehört hatte.

Ihre beiden Gefährten zerrten an einem Tau. Rasselnd glitt das große, dreieckige Segel den Mast hinauf und bauschte sich im Nordwind. Knirschend begann ihr Segler Fahrt aufzunehmen. Langsam erst, doch als sie die Mitte des Sees erreichten, war er schon so schnell wie ein galoppierendes Pferd. Ein bockiges Pferd! Wenn sie über Unebenheiten im Eis glitten, machte er manchmal kleine Sprünge. Dann knirschten die Streben unter ihnen, und das lederne Deck gab federnd nach. Sie liebte den Ritt über das Eis. Selbst Gonvalon schien mit der Zeit Gefallen daran zu finden.

Cullayn stand am Heck. Er hatte ein Seil unter seinen Achseln hindurch um den Rücken geschlungen und schien den Eissegler dadurch zu steuern, dass er sein Gewicht verlagerte. Tylwyth blieb nahe beim Mast. Auch er hatte ein Seil um seinen Leib geschlungen, und wenn Cullayn ein allzu kühnes Segelmanöver wagte und ihr Segler nur noch auf einer einzelnen Kufe dahinschoss, eilte er zur Deckseite, die in die Höhe ragte, und beugte sich so weit hinaus, wie es nur eben möglich war, um durch sein Gewicht die zweite Kufe wieder auf das Eis zu bringen.

Der See, auf dem sie dahineilten, erstreckte sich über mindestens zehn Meilen. Sie legten die Strecke in weniger als einer Stunde zurück. Als sie die Enge am Ende des Tals erreichten, ließ der Wind ein wenig nach. Ihre Fahrt verlangsamte sich, als sie auf die weite Ebene der Snaiwamark hinausglitten. Das Land war von breiten Strömen und Seen durchzogen, zwischen denen sich einzelne, schroffe Felsen erhoben, die im Mondlicht wie die zersplitterten Säulen aus dem Palast eines Riesen anmuteten.

Cullayn brachte sie über vereiste Flüsse zu einem breiten Strom, auf dessen Eis sie nach Westen glitten.

Gonvalon stand die ganze Zeit über an ihrer Seite. Er hatte einen Arm um ihre Schulter gelegt und sie so eng an sich gedrückt, dass sie auch durch die Kleider hindurch die Wärme seines Körpers spürte. Es war ein unvertrautes Gefühl. Sie fühlte sich behütet und geborgen. Das Herz wurde ihr schwer. So schnell, wie sie mit Cullayns Segler durch die Nacht glitten, blieben ihr nur noch vier oder fünf Tage mit Gonvalon, bevor sich am Königsstein ihr Schicksal erfüllen würde.

Nur eine große Fleischwurst

»Unten bleiben!« Galar drückte sich so eng an die Mauer, dass die Phiolen in seinem Rucksack leise klirrend aneinanderstießen. Mit zusammengekniffenen Augen blickte er durch einen Mauerspalt auf die andere Seite des großen Grabens, der die Höhlen der reichen Sippen vom Rest der Stadt trennte. Dort drüben, wo die Werkstätten und der Hafen lagen, wand sich ein beängstigend großer Schatten über den Saumpfad am Abgrund. Ein fassdickes, schlangenhaftes Geschöpf glitt über den Weg. Die untere Hälfte wurde durch die Brüstung verdeckt, doch deutlich konnte Galar das Klicken der mörderischen Klauen auf dem blanken Fels hören. Vor einer halben Stunde noch waren sie dort gewesen, wo nun der Tatzelwurm kroch. Die Bestie ließ sich Zeit. Konnte sie ihre Fährte wittern wie ein Jagdhund, der seiner Beute nachstellte? Wie gut sah und hörte die Kreatur? Galar wusste fast nichts über diese Bestien. Dreimal hatte er sie von ferne gesehen, als er in die Tunnel hinaufgegangen war, um Nahrung zu suchen und auszuspähen, mit welchen Feinden sie zu rechnen hatten. Er hatte gesehen, wie die Ungeheuer von den Toten fraßen. Wenn er nur eine Waffe hätte …

»Ich kann Frar nicht ewig den Mund zuhalten. Ich ersticke ihn noch«, beschwerte sich Nyr.

»Dann lass ihn durch die Nase atmen«, mischte Hornbori sich ein.

»Er dreht und windet sich.«

»Wenn du mir erzählen willst, dass du im Begriff bist, von einem Säugling überwältigt zu werden, stürze ich dich in den Abgrund.« Galar mochte den Kleinen auch, aber für das Aufhebens, das Nyr um den Jungen machte, hatte er nur wenig Verständnis.

»Hat das Biest da hinten unsere Witterung?«, fragte Hornbori.

»Ich weiß es nicht, aber wenn ihr beiden noch weiterschwafelt, wird es uns ganz sicher bald hören.«

Als hätte er ihn gehört, hob der Tatzelwurm seinen Kopf und blickte in ihre Richtung. Seine dolchlangen Fangzähne waren selbst im Halbdunkel des Tunnels deutlich zu sehen. Die Kreatur hatte einen schmalen, keilförmigen Kopf. Dicke, fleischige Auswüchse wucherten um seine Nüstern. Von Weitem mochte man sie für Zöpfe halten, doch Galar hatte schon vor Langem alle Schriften über die unterschiedlichen Drachenvölker studiert, die er in der Tiefen Stadt hatte auftreiben können. Er wusste, dass diese Dinger aus Fleisch waren. Manche glaubten, sie dienten der Kreatur zur Witterung, andere behaupteten gar, sie könnten über Schwingungen in der Luft Bewegung wahrnehmen. Wahrscheinlich waren die Augen des Tatzelwurms eher schlecht, aber Galar würde es nicht darauf ankommen lassen.