»Aber du kannst doch nicht …«
Galar überhörte ihn und trat durch das Tor in den Tunnel. Der Tatzelwurm hob sein Haupt und bleckte die Zähne in Vorfreude auf sein nächstes Mahl. Zwischen den Fangzähnen des Oberkiefers sah Galar ein verbogenes Silberfläschchen schimmern. Er erinnerte sich, wie es Teil seiner Gesellenprüfung gewesen war, diese fein ziselierten Fläschchen herzustellen. Er hatte nur gerade eben bestanden. Sie waren seinem Meister nicht gut genug gewesen. Das lag ein halbes Leben zurück.
»Komm her, du Wurm, und ich stecke dir meine Axt gleich neben das Silberfläschchen.«
Der Tatzelwurm legte seinen Kopf leicht schief und starrte ihn mit großen, gelben Augen an.
»Glaubst du, ich habe Angst vor dir?« Galar hob die Axt. »Ich habe schon weit größere Drachen in Stücke gehackt. Wenn du Feuer spucken könntest, hättest du vielleicht geringe Aussichten zu überleben. Kannst du das?«
Der Tatzelwurm starrte ihn verwundert an. Er schien es nicht gewöhnt zu sein, dass seine Beute freche Reden schwingend auf ihn zuging, statt panisch schreiend vor ihm wegzulaufen. Galar hörte, wie das Steintor hinter ihm knirschend tiefer sank. Wenn er den Wurm noch ein bisschen hinhalten könnte, schaffte er es vielleicht sogar zurück zu seinen Kameraden.
»Ich mach dir ein Angebot. Wenn du jetzt verschwindest, vergebe ich dir, dass du meinen Schatz verschlungen hast.« Er blieb stehen. Es trennten ihn kaum mehr als zehn Schritt von dem Ungeheuer. Galar ließ den Schaft der Axt in seine offene Hand klatschen. »Wenn du allerdings versuchst mich anzugreifen, bin ich das Letzte, was du in deinem Leben siehst.«
Der Tatzelwurm stieß einen leisen Schnaufer aus. Seine Krallen klackten nervös auf dem Boden, und er schwang den Kopf hin und her. Galar dachte daran, wie Hornbori es wohl anstellen würde, ihm den Ruhm für diesen letzten Kampf zu stehlen.
Plötzlich stürmte der Tatzelwurm vor. Das Maul weit aufgerissen, um ihn mit einem einzigen Happen zu verschlingen.
Galar hob die Axt. Völlig überrascht von dem plötzlichen Angriff, wusste er einen Augenblick lang nicht, was er tun sollte. Zurückzuweichen kam nicht infrage. Dieses verdammte Tor war immer noch nicht weit genug unten. Die Bestie war fast über ihm. Er würde sich nicht einfach so fressen lassen, dachte er wütend und machte einen Satz nach vorn.
Hinter ihm schnappten die Kiefer zusammen. Geifer troff ihm in den Nacken. Er ließ sich auf die Seite fallen und rollte auf den Rücken, in der Hoffnung, einen Hieb gegen die Kehle des Tatzelwurms führen zu können.
Die Bestie riss den Kopf hoch, als habe sie in seinen Gedanken gelesen. Gleichzeitig griff sie mit den Krallen an. Sie waren lang wie Elfenschwerter. Galar rollte zur Seite und führte einen Hieb gegen den Bauch des Ungeheuers. Die Axt zerteilte die Schuppen, drang aber nicht tief ein.
Die Bestie stieß ein wütendes Fauchen aus und bog ihren schlangenhaften Leib zurück, um sich außer Reichweite der Waffe zu bringen.
Galar rollte über die Schulter ab und kam auf die Beine. »Wenn du jetzt abhaust, laufe ich dir nicht hinterher.«
Ein Prankenhieb war die Antwort. Galar wich zurück und stieß mit dem Rücken gegen die Tunnelwand. Ein zweiter Hieb folgte. Es gab kein Zurück mehr. Galar hob die Axt, um sich zu wehren, und ging gleichzeitig in die Knie, um den Krallen so gut wie möglich auszuweichen.
Seine Axt wurde einfach beiseitegefegt. Eine Kralle traf seine Schulter, durchschnitt Fleisch und ließ sein Schlüsselbein splittern.
»Ich liege schwer im Magen«, murmelte er mit zusammengepressten Lippen.
Ein gellender Schrei lenkte das Ungeheuer ab. Sein Kopf fuhr herum. Ein Armbrustbolzen schlug in die Lefzen des Tatzelwurms.
Hornbori hatte sich unter dem Steintor hindurchgeduckt und kam mit einem Speer in den Händen schreiend auf das Ungeheuer zugelaufen. Nyr kniete unter der Tür und lud eine Armbrust nach. Neben ihm lag Frar und versuchte dem Tatzelwurm entgegenzukrabbeln, kam jedoch nicht von der Stelle, weil Nyr einen Fuß auf einen Zipfel des langen Hemdes gestellt hatte, das der Kleine trug.
»Hau ab, Schisser.« Galars Stimme war nur noch ein schwaches Krächzen. Ihm standen Tränen in den Augen.
Der Tatzelwurm ließ von ihm ab und wandte sich fauchend Hornbori zu. Der Klugschwätzer schien alle Angst vergessen zu haben. Er erwischte das Ungeheuer in der Drehung. Sein Speer traf den vorderen Arm. Das stählerne Blatt durchdrang die Schuppen. Dunkles Blut spritzte aus der Wunde. Mit einem Tatzenhieb zersplitterte der Wurm den Schaft des Speers. Hornbori stand der Bestie jetzt nur noch mit einem Stock bewaffnet gegenüber und schrie sie trotzig an.
Die Bestie hob den gesunden Arm, um Hornbori mit einem einzigen Hieb zu zerfetzen.
Galar stieß sich von der Wand ab. Der Schmerz raubte ihm fast die Sinne. Er zog die Axt hinter sich her, unfähig, die Waffe noch anzuheben.
Der Wurm stieß einen eigenartigen, jaulenden Laut aus. Statt Hornbori zu zerfetzen, riss er die Tatze zum Kopf hinauf. Ein Armburstbolzen steckte in seinem rechten Auge.
»Weg hier!«, rief Hornbori, packte ihn und zerrte ihn mit erstaunlicher Kraft neben sich her.
Die schwere Steinplatte war nur noch zwei Ellen vom Tunnelboden entfernt. Sie mussten auf den Knien hindurchkriechen. Nyr hatte seine Armbrust zur Seite gelegt und zog ihn zu sich hoch.
»Musst du dir bei jedem Kampf irgendetwas in den Leib stoßen lassen, du Idiot?« Er bemühte sich um einen unbeschwerten Tonfall, aber in seinen Augen stand Sorge.
»Ich glaube, den nächsten Kampf lasse ich aus«, murmelte Galar. Er schob Nyr zur Seite und versuchte aus eigener Kraft zu stehen.
Eine Tatze schob sich unter der Steinplatte hindurch und zerfetzte den Zipfel von Frars Hemdchen. Die keilförmige Schnauze folgte. Fauchend schob sich der Tatzelwurm unter dem Steintor hindurch. Seine Schuppen kratzten über die Unterseite der mächtigen Granitplatte.
Hornbori schlug ihm mit der blanken Faust auf die Schnauze.
Ein Kopfstoß fegte den Zwerg zur Seite. Dann heftete sich das eine gesunde Auge auf Galar. Das riesige Maul klaffte auf. Geifer floss zwischen den Fangzähnen hinab, hinter denen eine dunkle Zunge unruhig zuckte.
»Sehe ich so köstlich aus?« Der Schmied trat auf den Spannfuß der Armbrust, die Nyr auf den Boden gelegt hatte. Die Waffe schnellte hoch. Er griff nach den beiden Kurbeln seitlich am Waffenschaft und begann die Sehne zu spannen. Dabei tanzten ihm grelle Lichter vor den Augen. Ihm war schwindelig. Nur der Gedanke an seine Rache hielt ihn noch auf den Beinen. Der Tatzelwurm schnappte nach ihm, doch die Fänge verfehlten Galar um einige Zoll.
»Schwer, dieses Tor, nicht wahr?«
Die Bestie fauchte. Feuchtwarmer Atem schlug ihm entgegen. Die Krallen des Tatzelwurms hinterließen Furchen im Stein, als die Bestie mit aller Kraft versuchte sich nach vorne zu ziehen und freizukommen.
Die Sehne rastete ein. Galar bückte sich und tastete nach einem der Armbrustbolzen, die auf dem Boden verstreut lagen. Blut floss von seiner Schulter den Arm hinab. Seine Finger waren glitschig. Er brauchte mehrere Versuche, bis es ihm gelang, einen der Bolzen aufzuheben und ihn auf die Führungsschiene der Armbrust zu legen.
»Ich hatte dir gesagt, ich werde das Letzte sein, was du in deinem Leben siehst, wenn du nicht abhaust, du blödes Vieh.« Er musste sich setzen, weil seine Hände zu sehr zitterten, um einen sicheren Schuss abzugeben.
Der Tatzelwurm versuchte sich nun rückwärtszubewegen, doch er war hoffnungslos unter dem schweren Tor eingeklemmt. Seine Bewegungen wurden immer hektischer. Blut tröpfelte aus seiner Schnauze.
»Na, bricht dir der Stein das Rückgrat?« Galar zog seine Knie an und stützte den Schaft der Armbrust darauf auf. Sein Finger tastete nach dem Abzug.
Die Bestie schrie, und der Geifer spritzte ihm entgegen.
Galar zog den Abzug durch. Der Bolzen verschwand im offenen Maul des Ungeheuers und stanzte ein Loch in das rote Fleisch des Oberkiefers. Der Tatzelwurm riss den Kopf weit zurück. Ein Zucken durchlief seinen Körper. Das verbliebene gelbe Auge starrte ihn hasserfüllt an. Dann sank das Lid über die geschlitzte Pupille.