Auf der Böschung des trockenen Flusses stand die geflügelte Išta. Sie sah hinüber zum feindlichen Heerlager. Der Wind spielte in den Federn ihrer schwarzen Schwingen. Sie trug ein fast knöchellanges, weißes Gewand. Gekreuzte Waffengurte lagen über ihren Hüften, von denen prächtige Schwerter hingen. Kein Sterblicher wagte sich in ihre Nähe. Das Ufer war verwaist. Das Lager in ihrer unmittelbaren Nähe verlassen.
So schön sie war, so Furcht einflößend wirkte sie zugleich.
»Du hast dir viel Zeit gelassen«, empfing sie ihn kühl, ohne sich zu ihm umzudrehen.
»Mein Mundschenk hat versäumt, mir zu sagen, wie dringlich dein Wunsch ist, mich zu sehen.«
Sie wandte sich abrupt um. Hinter ihr stoben Vögel auf, erschrocken über die plötzliche Bewegung. Geier! Mit schwerfälligem Flügelschlag strebten sie dem Himmel entgegen.
»Du benötigst es, daran erinnert zu werden, dass du unverzüglich zu erscheinen hast, wenn es mein Wunsch ist, dich zu sehen?«
»Das habe ich wohl unglücklich ausgedrückt …«
»Ich fand es klar verständlich.«
Muwatta vermochte ihrem Blick nicht standzuhalten. Ihr Zorn war von geradezu körperlicher Intensität. Mit einem Mal sah er sich selbst bei vollem Bewusstsein in dem Graben mit den Leichen liegen. Ätzkalk verbrannte seine Haut. Ratten fraßen sich in seine Eingeweide. Er konnte nicht schreien, konnte sich nicht bewegen, aber er war lebendig.
»Erinnerst du dich wieder an deine Sterblichkeit?«
Muwatta kniete nieder. »Bitte verzeiht, wenn ich Euch enttäuscht habe, Herrin der Blitze und des Todes.«
»Steh auf!« Sie deutete zum Fluss hinab. »Ich wollte, dass du das hier siehst.«
Er trat auf die Uferböschung. Unter ihnen war eine Reihe von Pfählen ins Flussbett gerammt. Auf jedem steckte ein Kopf. Nackte Leichen lagen im Staub.
»Das sind alle siebzehn Meuchler, die gestern dein Lager verlassen haben, um wie in jeder Nacht Unruhe unter die Wachen des Feindes zu tragen.«
»War das der Löwenhäuptige?«, fragte er sehr leise und darauf bedacht, sie nicht noch weiter zu erzürnen.
»Nein. Mein Bruder mischt sich nicht ein. Er ist anders als ich. Das waren ihre neuen Wachen. Söldner aus Zapote. Jaguarmänner, die sonst nur für die Priesterschaft der Gefiederten Schlange kämpfen.«
Jaguarmänner? Darunter konnte Muwatta sich nichts vorstellen. »Was tun wir?«
»Wir überlassen ihnen das andere Ufer«, entgegnete die geflügelte Göttin leichthin.
»Aber …«
»Ziehst du mein Urteil in Zweifel?« Sie lächelte ihn an, aber er musste an das offene Grab denken.
»Wir geben diese Schlacht also verloren?«
»Sie ist nicht verloren. Sie ist einfach beendet. Wir wissen alles, was wir über sie wissen müssen.«
»Und diese Mörder? Können uns die Männer, die meine Meuchler getötet haben, nicht gefährlich werden? Werden sie den Ausgang der Schlacht verändern?«
Sie lachte. »Es sind nur zweihundert. Ich weiß, du machst dir Sorgen wegen deiner Toten, aber selbst die Männer, die du als Reserven aufbietest, haben mehr Kampferfahrung als Aarons Bauern. Es gibt keinen Zweifel daran, wie diese Schlacht enden wird. Allerdings erweckt sie viel Aufmerksamkeit unter meinen Brüdern und Schwestern. Deshalb kann ich nicht auf das andere Ufer gehen und unsere Meuchler rächen. Aber sollten die Jaguarmänner auf unsere Seite kommen, dann werden sie das nicht überleben.«
Sie war schön, voller Macht und ganz ohne Skrupel. Muwatta bewunderte sie. Er würde sie auch anbeten, wenn sie keine Göttin wäre. Warum konnte er kein Weib wie sie finden?
»Lass diese Männer dort nicht lange hängen. Das ist schlecht für die Moral deiner Truppen. Ihre Leichen sollen in die Massengräber geworfen werden. Und du solltest dich noch heute nach Isatami begeben. Es sind nur noch drei Tage bis zur Heiligen Hochzeit. Es ist gut, wenn du ein Auge auf jene Satrapen hast, die lieber beim Fest weilen, als hier bei ihren Truppen zu sein.«
»Und diese Pferdeprinzessin?« Er konnte nicht fassen, dass Aaron bislang noch nichts unternommen hatte, um sie befreien zu lassen. Bedeutete sie ihm weniger, als er erwartet hatte?
»Du denkst an Shaya?«
Er schluckte. Er schaffte es nie, in Ištas Anwesenheit seine Gedanken zu beherrschen. Sie wusste, dass er sie begehrte … Wahrscheinlich lachte sie insgeheim über seine einfältigen Fantasien.
»Im Gegenteil. Ich wäre enttäuscht, wenn du mich nicht begehrenswert fändest.« Sie schenkte ihm ein Lächeln, das sein Herz aufgehen ließ. »Allerdings werde ich immer nur ein Traum für dich bleiben. Dafür verspreche ich dir, dass du an Shaya sehr viel Freude haben wirst. Ich weiß, du bist enttäuscht von den Frauen, die in letzter Zeit dein Lager teilten. Shaya wird dein Feuer entfachen. Nach dieser Heiligen Hochzeit werden alle Gerüchte, dass du nach der Verwundung durch Aaron vielleicht kein ganzer Mann mehr seist, für immer verstummen.«
Dong, Dong
Das kratzende Geräusch verstummte nicht. Nie. Nicht einen Herzschlag lang. Niemals hätte es Galar für möglich gehalten, dass ihn ein einfaches Geräusch so zermürben könnte. Er kauerte an der massigen Granitplatte, die den Zugang zum Hafen im Höhlenpalast von Hornboris Sippe abriegelte. Der Felsplatte, die den Tatzelwurm getötet hatte.
Auf der anderen Seite fuhren Krallen über den Fels. Und ihr unablässiger Einsatz begann Wirkung zu zeigen. Erste feine Haarrisse breiteten sich an drei verschiedenen Stellen der Granitplatte aus.
Galar betrachtete den abgetrennten Teil des Tatzelwurms, der ein kleines Stück neben ihm lag. Den schmalen, langen Kopf und die mörderischen Krallen. Sie besaßen Verstand, diese Tatzelwürmer! Der Schmied konnte sich sehr genau vorstellen, was auf der anderen Seite vor sich ging. Sie kratzten an verschiedenen Stellen der Platte. Und es war auf jeden Fall mehr als nur ein Tatzelwurm. Es würde nicht so kommen, dass sie ein einfaches Loch durch den Granit brachen und dann mühsam erweiterten, bis es groß genug war, um ihren schlangenhaften Leib hindurchzuzwängen. Wenn die Granitplatte brach, wäre die Öffnung sofort groß genug.
Galar betrachtete die Risse. Jetzt kratzten sie oben links. Er konnte sehen, wie sich das Netz der feinen Risse ausbreitete. Nicht mehr lange … Eine Stunde? Vielleicht weniger.
Er hob Frar auf, der neben ihm in einem aufgesägten Fass geschlafen hatte. Der Junge stank erbärmlich. Seit sie versuchten, ihn mit einem Brei aus vorgekauten Datteln zu füttern, hatte er Durchfall. Seiner Laune schien das aber keinen Abbruch zu tun.
Er blinzelte, als Galar ihn auf den Arm nahm. Es tröpfelte aus dem Tuch, das sie um seine Hüften gewickelt hatten. Sie hätten ihn doch Draupnir nennen sollen.
Frar griff nach seinem Bart und krallte eine Hand hinein. Es war erstaunlich, wie viel Kraft der Junge hatte. Und er selbst war kaum mehr in der Lage, dieses Fliegengewicht zu tragen. Seine Wunde war zwei Mal aufgebrochen, als er mitgeholfen hatte, den Aal für den Tauchgang vorzubereiten. Danach hatten Nyr und Hornbori dafür gesorgt, dass er kein Werkzeug mehr in die Hand nahm.
Hinter ihm fiel mit leisem Klicken ein Stück Stein zu Boden. Es war aus dem Netzwerk von Haarrissen herausgesprungen. Ein schlechtes Zeichen!
Galar beschleunigte seine Schritte. Seine Wunde spannte. Er hatte Nyr auf die Finger gesehen, als er sie vernäht hatte. Schön war es nicht geworden, aber es würde halten. Der Richtschütze hatte irgendwo ein Knäuel aus dem starken Garn aufgetrieben, mit dem die Frachtsäcke hier im Hafen vernäht wurden. Diesmal war die Wunde mit vielen, eng gesetzten Kreuzstichen vernäht.
»Sie kommen!«, rief er und war entsetzt, wie schwach seine Stimme klang. Sie ging im Lärm der Hammerschläge von Nyr und Hornbori unter. Die beiden verstärkten den hölzernen Rumpf des Aals mit Kupferblechen. Galar hatte es so gewollt. Das Boot musste sehr stabil sein, wenn er es steuerte. Er wusste, dass er an Felsen entlangschrammen würde und dass die starken, im Bogen geschwungenen Eisenbügel, die vom Rumpf zum Einstiegsluk und den beiden Schwimmflossen an den Seiten verliefen, vermutlich nicht reichen mochten, um sie vor Schaden zu bewahren.