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Volodi lief das Wasser im Munde zusammen. So lange hatte er schon keinen Honigwein mehr getrunken. Nur das wässrige Bier, das in Aram gebraut wurde, und sauren Wein. Er seufzte. Der Abend würde wunderbar werden! Und morgen würde er Kopfschmerzen haben, aber das war ihm heute egal.

»Mit Verlaub, großmächtiger Krieger, aber es gibt in der Stadt keinen Ort, den man die Schwebende Halle nennt«, sagte sein selbsternannter Führer in einem Tonfall, der klarstellte, dass er es war, der sich hier auskannte. »Was Ihr jetzt braucht, Herr, ist eine Schenke, in der man Euch alle Wünsche von den Augen abliest, damit Ihr die Schrecken des Goldenen Pfades und der ewigen Finsternis hinter Euch lassen könnt.«

Volodi deutete zu jenem Ort, an dem etliche Wolkensammler den Himmel füllten und sich mit ihren langen Fangarmen an den Rundhölzern der Ankertürme festhielten. Zwar schwebten auch einige der furchteinflößenden Kreaturen über den Palästen der Goldenen Stadt und über den größten Handelskontoren, doch nirgends ankerten so viele wie an dem Platz, der den freien Lotsen gehörte.

Der Anblick der Wolkensammler erfüllte Volodi stets aufs Neue gleichermaßen mit Schrecken wie mit Staunen. Diese schwebenden Ungeheuer sahen aus wie eine Kreuzung aus Kraken und Quallen, nur am Himmel schwebend und unendlich viel größer. Schiffsrümpfe waren mit drahtverstärkten Seilen unter ihre aufgedunsenen Leiber gebunden. Die Wolkensammler zogen mit dem Wind über Nangog, und von ihren Wanderrouten hing es ab, wo neue Städte entstanden.

»Dort hinten finden wir die Schwebende Halle.« Volodi wies zu den Ankertürmen der Freihändler. »Und wenn wir unterwegs etwas essen könnten, was nicht von Ratten stammt, wäre das nett.«

Der Führer musterte ihn vom Scheitel bis zur Sohle. »Ihr seid also nicht neu hier, Herr?«

Volodi lächelte nur, sagte aber nichts.

»Ihr müsst Eure Schwerter besser verbergen, Herr, oder man hat Euch noch vor Morgengrauen die Kehle durchgeschnitten.«

Hörte sich ganz so an, als ob Kolja inzwischen die dunklen Gassen der Stadt regierte. »Erzähl mir ein wenig. Ich war schon eine Weile nicht mehr hier. Und sag mir, wie du heißt. Ich weiß gerne, mit wem ich rede.«

Der Ziegenbart des Führers zuckte nervös. »Ich bin …«

»Belüg mich nicht, ich merke so etwas sofort.«

Das lächerliche Bärtchen zuckte noch stärker. »Ilmari ist mein Name.«

»Ein Name aus dem Grenzland. Daher sprichst du also meine Sprache. Was hat dich hierher verschlagen?«

Ilmari ging voraus und führte ihn durch das Gedränge auf dem weiten Platz, vorbei an den riesigen Getreidesilos. »Bin gekommen, um reich zu werden. So wie alle. Anfangs war ich Wolkenschiffer. Dann habe ich Angst vor den weiten Himmeln bekommen.«

»Ist was passiert?«, fragte Volodi aufgeräumt. Sie folgten einer der Hauptstraßen und passierten eine schier endlose Kolonne von Männern, die Reiskörbe auf ihren Köpfen balancierten.

»Diese Dinger …« Ilmari hielt kurz und deutete zu einem Wolkensammler, der hoch über dem Ankerturm eines valesischen Handelskontors schwebte. »Habt Ihr einmal die Fangarme betrachtet? Da gibt es welche mit langen Haken dran. Seit ich die bemerkt habe, hatte ich keine Ruhe mehr an Bord. Die Viecher sind nicht friedlich. Diese Arme sind dazu geschaffen zu töten. Irgendwann werden sie sich gegen uns auflehnen! Ich jedenfalls bin lieber Fußgänger als Wolkenschiffer.«

Volodi dachte an die Schlacht im Himmel. Er musste sich nicht vorstellen, was diese Fanghaken anstellen konnten, er hatte es gesehen. »Wo geht man hin, wenn man als Mann Spaß haben will?«, wechselte er abrupt das Thema.

»Es gibt einen einarmigen Drusnier, dem mehrere Hurenhäuser gehören sollen, aber die kann ich nicht empfehlen.«

»Warum? Weil du einen Vetter hast, der ein Hurenhaus betreibt?«

Ilmari warf ihm einen boshaften Blick über die Schulter zu und winkte ihn in eine enge Gasse, die von der Hauptstraße abzweigte. Es stank hier nach Urin und angebranntem Brot. Abgetragene Wäsche hing auf Dutzenden Leinen kreuz und quer, sodass Volodi kaum noch ein Stück Himmel sehen konnte.

»Der Drusnier bringt Ärger.« Ilmari hatte seine Stimme gesenkt. »Er ist neu in der Stadt und schert sich einen Dreck um die, die vor ihm da waren. Man munkelt …« Er wurde noch leiser. »Die anderen Luden haben sich zusammengetan. Alle. Sie wollen ihn weghaben. Für immer. Wenn das beginnt, möchte ich nicht Gast in einem seiner Häuser sein.«

»Eine kleine Schlägerei. Dagegen habe ich nichts einzuwenden. Bring mich doch in eines dieser Häuser.«

Ilmari sah ihn an, als sei er vollkommen verrückt.

»Könnt Ihr mich vielleicht jetzt schon bezahlen, Herr?«

Volodi angelte eine Kupfermünze aus seiner Börse. »Die hier hat einen silbernen Bruder, wenn du mich in eines der drusnischen Hurenhäuser bringst.« Er blickte sich in der Gasse um. Zur Not würde er den Weg alleine finden, aber mit seinem Führer ging es gewiss schneller.

»Kann ich den silbernen Bruder einmal sehen, Herr?«

Volodi lachte. »Du misstraust mir!«

Ilmari breitete in übertrieben verzweifelter Geste die Hände aus. »Das kommt von einem Leben voller schlechter Erfahrungen.«

Der Drusnier zeigte ihm die Münze. Der alte Nabor würde warten müssen. Die Götter hassten ihn, dachte Volodi verzweifelt. Alles, was er gewollt hatte, war ein Abend, an dem er in friedlicher Runde einen Met trank, über harmlose Dinge plauderte, um zuletzt unter der Bank, auf der er gezecht hatte, einzuschlafen, ohne sich Sorgen darüber machen zu müssen, dass ihm jemand die Kehle durchschnitt.

Ilmari war still geworden. Er beschleunigte seinen Schritt und führte Volodi in der schnell hereinbrechenden Dämmerung über Seitenstraßen tief hinein ins Labyrinth der Goldenen Stadt. Es ging über steile Treppen bergauf und bergab. An Wasserrädern vorbei und unter den Brücken der Aquädukte hindurch, quer über einen Viehmarkt, auf dem im Schein von Fackeln zwei Bullen geschlachtet wurden.

Eine schwüle Hitze hatte sich zwischen den Mauern der Stadt eingenistet. Fledermäuse glitten dicht über ihren Köpfen hinweg durch die Dunkelheit. Es roch nach Moder, feuchtem Leinen und Kohlsuppe. Kinder hüpften in einem Netzwerk von Linien, das sie mit Kreide auf das Pflaster gemalt hatten. Mehrere Frauen wachten strengen Blickes über sie, denn Kinder waren ein seltener Anblick in Nangog. Frauen verloren ihre Fruchtbarkeit, wenn sie in diese Welt kamen, und soweit Volodi wusste, war den neuen Siedlern noch nie ein Kind geboren worden.

Sie passierten eine wackelige Brücke aus Fußbrettern und Seilen, die zwischen zwei Türmen eine Felsspalte überspannte. Die Gegend kam dem Drusnier vertraut vor. Hier war er schon einmal gewesen. Die Gassen, durch die sie nun schritten, waren stiller. Nur einzelne Gestalten duckten sich lauernd in Hauseingänge. Ein wahrer Dschungel an Pfeifenkrautblättern hing an Seilen zum Trocknen. Darüber waren breite Segeltuchbahnen gespannt, um etwaigen Regen fernzuhalten.

Der Tabakduft lastete schwer in den Gassen, in die sich kaum ein Lichtstrahl der Zwillingsmonde verirrte. »Jemand folgt uns«, flüsterte Ilmari.

Auch Volodi hatte die beiden Gestalten hinter ihnen bemerkt, die sich nun deutlich gegen das Licht einer Laterne abzeichneten. Der Drusnier tastete nach seinem Schwert und lockerte es in der Scheide, als zwei weitere Männer aus einem Hauseingang stürmten, um ihnen den Weg zu versperren. Ein einzelner Lichtstrahl ließ eine Bronzeklinge aufblitzen. Mit ihren Dolchen waren diese Halsabschneider gegen sein Schwert in der engen Gasse klar im Vorteil, dachte Volodi und zog blank.

Wirtschaftsmacht

Der Halsabschneider ließ seine Waffe sinken. »Wir sind Freunde, Hauptmann! Kolja hat uns geschickt, um dich sicher zu ihm zu bringen.«

Volodi konnte das Gesicht des Mannes nicht erkennen, aber er benutzte die Sprache Arams, untermalt vom Akzent der aegilischen Inseln. Er musste einer der Zinnernen sein, der Söldner, die sich Aaron angeschlossen hatten, nachdem er und sein Feldherr Juba allein die Piraten der Aegilen besiegt hatten.