„Das ist eine großartige Idee", sagte der Rechtsanwalt. „Wir wollen uns einen Plan ausdenken, wie wir ihn fortkriegen." Als David wiederkam, sahen sie ihm alle ganz unschuldig und harmlos entgegen. Und er hatte keine Ahnung, daß sie etwas gegen ihn im Schilde führten.
Am nächsten Morgen fuhr die Witwe wieder zu der Tierhandlung und verkaufte Tiger noch einmal. Für die tausend Dollar, die sie bekam, kaufte sie sich auf der Stelle ein neues Kleid.
9. KAPITEL
Erinnert Ihr Euch noch, wie im vorigen Kapitel alle sagten, sie wollten etwas unternehmen, um sich Davids zu entledigen, damit sie das nächste Videoband ohne ihn anschauen könnten? Glaubt Ihr wirklich, sie würden so etwas Gemeines tatsächlich tun? Ja, doch, leider, dazu sind sie imstande. Sie können es gar nicht erwarten, David loszuwerden. Und so kommt es, daß am nächsten Montagvormittag, als es fast schon Zeit ist, wieder in die Bibliothek zu gehen und das nächste Videoband mit Samuel Stones Hinweisen für die nächste Schatzsuche einzulegen, David, als er unten im Frühstücksraum erscheint, von dem ,Neffen zu hören bekommt: „Da war ein Anruf für dich, Dayid! Du sollst sofort in dein Büro kommen."
„Und daß es sehr eilig wäre", ergänzte auch noch der Anwalt. David war verwundert. „Hat man denn nicht gesagt, worum es sich handelt?"
„Nein. Nur, daß es sehr wichtig für Sie wäre, schnellstmöglich dort zu sein."
David zögerte. Er wußte ja, daß es gleich Zeit für den nächsten Fernsehauftritt von Samuel Stone war. Aber er war nun einmal so ein gutmütiger und hilfsbereiter Mensch, daß er der Hilfe für andere, die in Not sein mochten immer den Vorrang vor allem anderen gegeben hätte.
„Also gut", sagte er, „dann will ich gleich mal los." Die anderen atmeten erleichtert auf. Ihr Plan hatte gewirkt. Sie wurden David los. Jetzt konnten sie endlich einmal ohne ihn die Hinweise enträtseln und das Preisgeld der Schatzsuche nur unter sich aufteilen und vor allem einmal behalten. Sie warteten, bis David weggefahren war, und schickten dann sogleich nach dem Butler.
„Wir sind bereit", sagte der Neffe. „Legen Sie das neue Band ein."
Der Butler sah sich um. „Aber wo ist Mr. David?"
„Ach, der mußte weg. Kümmern Sie sich nicht darum, legen Sie das Band ruhig ein."
„Und beeilen Sie sich!" sagte die Witwe. Sie konnte es nicht mehr erwarten, endlich wieder etwas Geld in die Hand zu bekommen.
Doch der Butler schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, aber das darf ich nicht. Meine strikten Anweisungen lauten, daß alle im Raum versammelt sein müssen, ehe ich ein Band abspielen darf."
„Was?" empörte sich der Rechtsanwalt. „Das ist doch lächerlich. Von wem wollen Sie diese Anweisungen haben?" „Von Mr. Stone persönlich."
„Na und? Er ist tot. Also, ich weise Sie hiermit an, das Band jetzt abzuspielen."
Doch der Butler war nicht einzuschüchtern. „Tut mir leid, Sir, aber das kann ich nicht machen."
Nichts konnte ihn dazu bringen, seine Meinung zu ändern. Sie hatten sich selbst ein Bein gestellt. Es blieb am Ende nichts übrig, als auf Davids Rückkehr zu warten. Als David schließlich wieder da war, sagte er: „Da muß ein Irrtum vorgelegen haben. Als ich zu meinem Büro kam, war überhaupt niemand da."
„Dann hat sich wohl jemand einen schlechten Scherz erlaubt", meinte der Neffe.
Die Witwe nickte dazu. „Manche Leute schrecken vor nichts zurück."
Der Neffe sagte nun ungeduldig zum Butler: „Also los, spielen wir endlich das Band ab." „Jetzt ja, Sir."
Er ging zum Fernsehgerät und schaltete ein.
Samuel Stones Gesicht erschien wieder auf dem Bildschirm. Er hatte die Stirn in Falten gelegt, und sein Blick wanderte über den Raum hin, von einem zum anderen. „Nun, ich nehme an, ihr seid wieder alle versammelt", sagte er. „Ehrlich gesagt, macht es mich ganz krank, daß ich euch Aasgeiern und Blutsaugern mein ganzes schönes Geld hinterlassen muß. Von euch hat doch noch keiner auch nur einen einzigen Tag im Leben mit anständiger Arbeit verbracht." Seine Augen wanderten zu der Stelle, wo Davids Stuhl stand. „Ausgenommen du natürlich, David. Aber dafür bist du so dumm und schmeißt mein ganzes schönes Geld diesen Armen in den Rachen. So eine Verschwendung!" „O nein, das ist keine Verschwendung!" protestierte David. Doch Samuel Stone funkelte ihn vom Bildschirm herunter an. „Ist es eben doch! Na gut. Also, der einzige Weg, glaube ich, euch den heutigen Hinweis zu geben, ist der, euch etwas zu sagen, was ich noch nie irgendjemandem gesagt habe. Einmal in meinem Leben habe ich jemanden geliebt." Er sah zu seiner Witwe hin. „Nur Ruhe, du warst es bestimmt nicht." Sein Blick wanderte zu dem Hausmädchen, das hinten an der Tür stand. Und er lächelte. „Und du leider auch nicht. Das mit dir war wieder eine andere Geschichte. Jedenfalls, es war eine junge Dame, die ich zu heiraten beabsichtigte. Damals war ich noch jung und dumm. Ich kaufte ihr ein sehr, sehr, sehr teures Collier und schenkte es ihr. Ausgerechnet am nächsten Tag schon entdeckte ich, daß sie mich mit einem anderen Mann betrog. Sie war ein triebhaftes Tier. Ich löste die Verlobung sofort und nahm ihr auch die teure Halskette wieder weg. Und ich gab sie einem anderen Tier diesmal einem vierbeinigen. Wenn ihr sucht, bis ihr bärtig seid, und sie findet, gehört sie euch."
Und schwarz war der Fernsehschirm.
„Das ist alles?" keifte die Witwe. „Er hatte eine blödsinnige Liebesaffäre, schenkte das Collier weg, und wir sollen herausfinden, wo es jetzt ist?"
„Richtig, was ist das für ein Hinweis?" fiel auch der Neffe in das Zetern ein.
Der Anwalt blies ins gleiche Horn. „Da hat man doch nichts, woran man sich halten kann!"
David aber blickte versonnen drein. „Doch", sagte er dann, „haben wir schon!"
Alle wandten sich ihm zu, weil er nun einmal der Intelligenteste war. „Was haben wir?"
„Er gab uns zwei Hinweise", sagte David. „Er sagte, er hat es einem vierbeinigen Tier gegeben, und, wenn wir suchten, bis wir bärtig wären. versteht ihr: bärtig, Bär!" „Aber ja!" rief der Neffe. „Ein Bär! Einem Bären hat er das Collier umgehängt." Dann wurde er nachdenklich. „Ja, aber es gibt doch gar keine Bären bei uns hier."
„Einen Moment!" sagte der Anwalt und war auf einmal ganz aufgeregt. „Da ist doch ein Zirkus in die Stadt gekommen!" „Der Zirkus", warf der Butler ein, „gastiert bereits seit zwei Wochen hier."
„Nämlich, als Mr. Stone noch am Leben war", vollendete der Anwalt diese Feststellung.
„Stimmt!" sagte der Neffe. „Das sähe Onkel Samuel wirklich ähnlich, daß er einen Schatz an einer Stelle verbirgt, wo man umkommen könnte, wenn man ihn sich holen wollte." „Richtig, das klingt ganz nach ihm", schimpfte die Witwe. Der Anwalt sah alle der Reihe nach an und erklärte: „Es gibt nur einen einzigen Weg, herauszufinden, ob wir recht haben."
Am Abend saßen alle, der Anwalt, die Witwe, der Neffe und David, im Zirkus und sahen sich die Vorstellung an. Sie war spektakulär. Es traten Clowns und Akrobaten auf, Seiltänzer und Zauberer, und das Aufregendste überhaupt waren die wilden Tiere. Ein Dompteur führte Löwen, Tiger und Leoparden vor. Aber für die Erben war das bei weitem Spannendste ein zweiter Tierbändiger mit einem dressierten Bären, ganz wie es David vorausgesagt hatte. Der Bär hatte ein Kostüm an, und er trug ein Halsband.
Sie waren alle wie hypnotisiert.
„Ich habe es gefunden!" rief die Witwe.
„Nicht doch"" widersprach der Anwalt. „Ich habe es gefunden!"
„Ach was", sagte der Neffe. „Wenn ich nicht gewesen wäre, säßen wir doch gar nicht erst hier!"
Alle waren sie nicht bereit, David ein Verdienst zuzugestehen. „Aber wie kommen wir an das Halsband?" fragte die Witwe. Der Neffe seufzte auf. „Ich fürchte, da gibt es keine Möglichkeit!"