„Was täte ich denn mit einem Bären?" sagte sie.
Sie saßen auf der Terrasse beim Essen.
„So eine Zeitverschwendung!" sagte die Witwe.
„Der ganze Aufwand für nichts und wieder nichts."
„Ach, für nichts war es nicht", widersprach David.
„Na, was denn?" fuhr ihn die Witwe böse an. „Da habe ich eine Million für dieses Halsband bekommen und die ganze Summe im Zoo abliefern müssen."
„Eben", sagte David. „Das war doch der Sinn der ganzen Sache. Ich habe heute morgen noch einmal mit dem Zoodirektor gesprochen. Er benutzt das Geld zum Ankauf weiterer Tiere und für neue Gehege und Tierpfleger. Deinetwegen kann unser Zoo jetzt einer der schönsten im ganzen Land werden. Da solltest du stolz darauf sein!"
Alle starrten David an.
„Wissen Sie, David", sagte der Anwalt, „es gibt etwas, das Sie einfach nicht verstehen. Nämlich, was die Welt anstachelt und vorantreibt: die Gier."
10. KAPITEL
Es war wieder Montag vormittag, Zeit für Samuel Stone, seinen nächsten Fernsehauftritt zu absolvieren und seinen Erben versteckte Hinweise auf einen weiteren Teil seines gigantischen Vermögens zu geben. Die Witwe, der Neffe, der Anwalt und David saßen auf ihren angestammten Plätzen und warteten darauf, daß es an- ging. Der Butler kam herein und legte das nächste Band in den Videorecorder. „Sind Sie bereit?" fragte er. „Wir sind bereit."
Das Band lief. Das Gesicht Samuel Stones erschien auf dem Bildschirm. „Da sind wir wieder", sagte er. „Alle habt ihr gedacht, wenn ich erst mal tot bin, habt ihr endlich ein für allemal Ruhe vor mir. Wie ihr seht, ganz so einfach ist das nicht. Am liebsten wäre es mir ja gewesen, ich hätte mein ganzes Geld mit ins Grab nehmen können. Keiner von euch verdient auch nur einen Teil davon. Aber ich habe nun einmal keine anderen Hinterbliebenen, denen ich es hinterlassen könnte."
Sein Blick richtete sich auf den Stuhl, auf dem die Witwe zu sitzen hatte. „Wenn du mein Geld findest, verschleuderst du es nur für alberne Kleider und wahrscheinlich eine blöde Jacht." Womit er den Nagel auf den Kopf traf, was die tatsächlichen Absichten seiner Witwe anging.
Dann wandte er sich der Stelle zu, wo der Neffe immer saß. „Und so wie ich dich kenne, würdest du mein schönes Geld auch nur für schnelle Frauen und schnelle Autos hinauswerfen."
Womit er ebenfalls den Nagel auf den Kopf traf, soweit es die tatsächlichen Absichten seines Neffen betraf. Und weiter wanderte sein Blick zum Platz des Anwalts. „Und was Sie betrifft, mein Lieber, haben Sie doch im ganzen Leben noch keinen Dollar ehrlich verdient. Sie versuchen, denke ich mir, soviel zu ergattern, wie es nur geht, um sich davon dann zum Eindruck schinden auf Ihre Klienten ein prächtiges Bürogebäude zu bauen."
Genau das waren ja auch tatsächlich die Pläne des Anwalts. Schließlich richtete Samuel Stone vom Bildschirm herunter auch noch den Blick auf David. „Und du", sagte er, „bist überhaupt der Schlimmste von allen. Die anderen werden zumindest Spaß dabei haben, mein Geld zu verprassen. Aber was machst du mit an dem schönen Geld, das du findest? Du wirfst es den Armen vor. Und die verdienen es überhaupt nicht." „Tun sie schon!" rief David.
„Diskutier gar nicht erst mit mir", sagte Samuel Stone „Ich verabscheue Arme."
„Wann bekommen wir endlich die neuen Hinweise zu hören?" murrte der Neffe.
Aber da sagte Samuel Stone auch bereits: „Ich gebe euch jetzt die neuen Hinweise." Er lachte leise auf. „Dieser ist wunderschön. Und er ist mindestens eine Milliarde Dollar wert."
Ein hörbares Atemholen ging durch den Raum.
„Hat er wirklich Milliarde gesagt?" fragte die Witwe. Und auch der Anwalt sagte, und er sprach direkt zum Bildschirm:
„Sagten Sie tatsächlich: eine Milliarde?"
„Ihr habt es doch gehört", sagte Samuel Stone.
Der Neffe meinte: „Wir sollten vielleicht..."
„Pst!" mahnte ihn der Anwalt zum Schweigen. „Wir wollen doch nichts verpassen."
Samuel Stone sprach schon weiter.
„Findet ihr nicht, daß das, was wir einatmen und trinken, eine neue Attraktion bekommen sollte? Legt sie zusammen, und ihr erlebt eine wundersame Reaktion. Um dieses Rätsel zu lösen, müßt ihr sehr clever sein. Die Welt kann nicht ewig vom Öl leben."
Der Bildschirm wurde wieder dunkel.
Alle saßen da und sahen ratlos von einem zum anderen.
„Was für ein Hinweis ist das nun wieder?" kreischte wie üblich die Witwe sofort.
„Er muß total verrückt sein", sagte der Neffe. Sie schrien alle durcheinander und brüllten sich auch gegenseitig an. David versuchte, sie zu beruhigen. „Wir haben doch bisher alle seine Rätsel gelöst, nicht? Versuchen wir es also auch mit diesem."
Doch der Anwalt sprudelte hervor: „Wenn man nicht einmal weiß, wo man überhaupt anfangen soll!"
„Beim Anfang natürlich. Was war das erste, das er sagte?
Findet ihr nicht, daß das, was wir einatmen und trinken, eine neue Attraktion bekommen sollte?"
„Und was soll das heißen?" wollte die Witwe wissen.
„Nun", sagte David, „wir wissen, daß wir atmen. Wir atmen Luft."
„Und das Trinken?" sagte der Neffe. „Ist damit vielleicht Alkohol gemeint?"
David schüttelte den Kopf. „Das wäre zu kompliziert, weil es einfach zu viele Arten Wein und Spirituosen gibt. Nein. Was ist das auf der ganzen Welt verbreitetste Getränk? Wasser!" „Sie meinen, er sprach von Luft und Wasser?" „Ich glaube schon, ja. Und dann sagte er: Legt sie zusammen, und ihr erlebt eine wundersame Reaktion. Um dieses Rätsel zu lösen, müßt ihr sehr clever sein. Die Welt kann nicht ewig vom Öl leben."
„Was denn für eine Reaktion?"
„Das müssen wir eben herausfinden", sagte David.
„Nehmen wir uns mal den letzten Teil vor. Um dieses Rätsel zu lösen, müßt ihr sehr clever sein. Die Welt kann nicht ewig vom Öl leben."
„Verstehe ich nicht", sagte der Anwalt. „Was will er damit sagen?"
David runzelte die Stirn: „He, ich glaube, ich weiß, was er damit sagen will!"
Alle wandten sich ihm zu. „Was?"
David sagte langsam: „Ich denke mir, er hat einen Weg gefunden, wie man aus Luft und Wasser einen Treibstoff machen kann, der das Erdöl ersetzt." „Das ist doch verrückt!" rief die Witwe. „Völlig unmöglich!" sagte der Neffe.
„Ja, ich weiß, es klingt verrückt", räumte David ein. „Aber denken wir noch einmal an seinen Satz: Um dieses Rätsel zu lösen, müßt ihr sehr clever sein. Ich glaube, er meint das Auto. Und wenn wir diese Formel finden, kann das wirklich eine Milliarde wert sein." Er fragte den Anwalt: „Hat Mr. Stone in letzter Zeit irgendein Patent anzumelden versucht?" Der Anwalt verneinte kopfschüttelnd. „Nicht, daß ich wüßte." „Dann schauen wir alt aus", sagte der Neffe. „Den Mann könnte ich umbringen!" zischte die Witwe zornig; „Nicht mehr nötig", erinnerte sie der Anwalt, „er ist schon tot." Dann jedoch hellte sich sein Gesicht auf. „Moment mal! Samuel Stone sagte tatsächlich einmal etwas von einem Professor, den er wegen einer Erfindung anheuern wollte. Allerdings sagte er nichts davon, worum es sich handelte." „Wenn er jemanden anheuerte", bemerkte David, „muß er ihm doch einen Honorarscheck ausgeschrieben haben." Er wandte sich an die Witwe. „Hast du sein Scheckbuch?" „Das verwahrte er in einer Schublade im Schreibtisch seines Arbeitszimmers."
Alle stürmten sogleich in das Arbeitszimmer. Und da lag auch das Scheckbuch in der Schublade. Die Witwe nahm es und sah die Zahlungseinträge durch. „Da ist etwas. Ein Scheck auf fünfzigtausend Dollar für einen Professor Kevin Manning" „Das muß es sein", rief der Neffe. „Dieser Professor Manning kann uns sagen, wo sich die Formel befindet!" Die Witwe suchte bereits im Telefonbuch nach der Nummer des Professors. „Da ist sie, hier! Kevin Manning. Ich werde ihn gleich mal aufsuchen und euch dann mitteilen, was er zu sagen hat."