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Der Anwalt überquerte eben die Straße, als ein Auto mit großer Geschwindigkeit auf ihn zukam. Er entging dem Überfahrenwerden nur knapp, weil er gerade noch rechtzeitig zurücksprang.

David geriet in keine solche Gefahr, weil er das Haus gar nicht erst verließ. Aber auch er wurde das Gefühl nicht los, daß sie alle miteinander in großer Gefahr schwebten. Die Leute, die die Formel an sich bringen wollten, hatten bereits einen Mord begangen, und für David war klar, daß sie darum .vor nichts zurückschreckten. Die reichen und mächtigen Ölgesellschaften standen vor dem sicheren Ruin, wenn die neue Formel erst einmal heraus war. Sämtliche Tankstellen der Welt mußten dann ja zusperren.

Das Abendessen an diesem Tag verlief sehr schweigsam. „Ich habe Angst", sagte die Witwe.

Sie hatten alle Angst, wollten es aber nicht eingestehen. Sie gingen früh zu Bett, konnten aber nicht einschlafen. Sie hörten Geräusche in der Nacht, schrieben sie aber ihrer Einbildung zu. Als sie am Morgen zum Frühstück hinunterkamen, sahen sie als erstes nach, ob der Safe, in den sie die Formel verschlossen hatten, noch unversehrt war. Aber alles war in Ordnung. Trotzdem beunruhigte David etwas. Wenn ich nur wüßte, was, dachte er. Er sah sich im Raum um und spürte, daß irgend etwas nicht stimmte. Dann plötzlich wußte er es. Verschiedene Dinge waren nicht an ihrem üblichen Platz. Eine Stehlampe war verschoben, ein Tisch verrückt worden. Es war also jemand im Haus gewesen! Die Geräusche, die er nachts gehört hatte, waren keine Einbildung! Aber warum kam jemand ins Haus und nahm doch nichts mit? Auch dafür wußte er mit einem Schlag die Antwort. Er ging zu der Stehlampe und nahm den Lampenschirm ab - und tatsächlich da sah er die „Wanze", das Abhörmikrophon. Und unter dem Tisch, der nicht mehr an seinem Platz war, fand er eine zweite. Die anderen sahen neugierig zu, was er da machte. „Was machst du da, David?" wollte der Neffe wissen. David richtete sich auf. „Ach, nichts", sagte er. Er legte den Finger auf den Mund und winkte sie in den Garten. „Was ist los?" fragte der Anwalt.

„Sie haben das Haus verwanzt", sagte David. „Sie hören alles mit, was gesagt wird. Würde mich nicht wundern, wenn auch versteckte Kameras installiert worden wären."

„Sie meinen, man beobachtet uns heimlich?" flüsterte der Neffe.

„Schon möglich", sagte David.

„O mein Gott", stöhnte die Witwe. „Sie bringen uns alle um!" „Ich hätte wissen müssen, daß dies eine Nummer zu groß für uns ist", sagte David. „Was wir hier in der Hand haben, bedeutet schließlich einen gewaltigen Einschnitt in das Gefüge der gesamten Weltwirtschaft. Lieber bringen sie uns um, als daß sie das zulassen."

„Wir könnten die Polizei einschalten", regte der Anwalt an. „Ach was, die sind viel mächtiger als die ganze Polizei. Haben Sie eine Vorstellung, wie groß diese Sache ist? Nein, wir müssen uns schon etwas anderes ausdenken." „Jedenfalls liefern wir ihnen die Formel auf keinen Fall aus!" erklärte die Witwe. Sie hatte doch keine Absicht, das ganze Geld wegzugeben, mit dem sie sich ihre schönen Kleider und eine Jacht und prächtige Häuser in Südfrankreich kaufen konnte!

„Absolut nicht!" pflichtete ihr der Neffe bei. Er gab doch nicht das ganze Geld auf, mit dem er sich schnelle Autos und schöne Frauen kaufen konnte!

„Völlig richtig!" sagte auch der Anwalt. Er gab doch nicht seinen Traum von dem großartigen Gebäude auf, mit dem er seine Mandanten beeindrucken konnte! David war der einzige, der sich nicht so sicher war. Auch er hätte zwar gerne das viele Geld gehabt, mit dem er dann den Armen und Obdachlosen hätte helfen können. Aber er fürchtete doch mehr das Risiko für ihrer aller Leib und Leben. Die Leute, mit denen sie es da zu tun hatten, waren zu mächtig, als daß sie ihnen hätten Einhalt gebieten können. Und sie waren auch ganz offensichtlich mit Nachdruck darauf aus, sich der Formel zu bemächtigen.

„Was machen wir jetzt?" fragte der Neffe. „Wenn das ganze Haus verwanzt ist, können sie doch jedes Wort mithören, das wir reden!"

Doch genau das gab David nun eine Idee ein. „Eben!" rief er. „Das ist es!"

„Das ist was?" fragte die Witwe.

„Ist doch ganz einfach", erläuterte David. „Nachdem sie alles mithören können, was wir sagen, sagen wir auch nur Sachen, die sie hören wollen."

„Was wollen wir sie denn hören lassen ?" fragte der Anwalt. „Daß wir die Formel gar nicht mehr haben!" „Aber wir haben sie doch!" sagte der Neffe. „Wir vernichten sie."

Alle starrten ihn ungläubig an. „Bist du verrückt?" „Natürlich nicht wirklich", erklärte David. „Wir tun nur so, als vernichteten wir sie. Dann lassen sie uns wieder in Ruhe." Alle sahen ihn bewundernd an.

„Großartige Idee!" sagte der Anwalt. „Aber wie machen wir es?"

„Ich bereite einen zweiten Umschlag vor", sagte David, „mit leeren Blättern darin. Dann gehen wir ins Haus und führen ein Gespräch, in dem wir so tun, als würden wir beschließen, die Formel lieber zu vernichten. Wir machen Feuer im Kamin und verbrennen diesen zweiten Umschlag darin. Dann denken sie, das Problem ist gelöst, und kümmern sich nicht mehr weiter um uns. Nach ein paar Tagen gehen wir zum Patentamt und melden die Formel an. Sobald das aber geschehen ist, ist es für sie zu spät, noch etwas zu unternehmen. Es hat dann keinen Sinn mehr, uns weiter zu verfolgen"

Die Witwe war so begeistert, daß sie David sogar umarmte und erklärte: „David, du bist ein Genie!"

„Und wann wollen wir es machen?" erkundigte sich der Neffe. „Gleich morgen früh als erstes", sagte David. „Aber jetzt sollten wir wieder hineingehen, damit sie hören können, was wir reden." „Richtig."

Und sie gingen wieder ins Haus hinein und begannen zu reden, aber alles war nur dafür gedacht, daß es die versteckten Abhörmikrophone auffingen.

David begann. „Wißt ihr", sagte er laut und deutlich, damit es auch wirklich mitgehört werden konnte, „ich habe über diese Sache mit der Formel nachgedacht. Sie ist viel zu gefährlich, als daß wir sie behalten sollten."

„Daran habe ich auch schon gedacht", sagte nun der Anwalt.

„Aber was können wir in der Sache tun?"

Der Neffe meldete sich. „Am besten verbrennen wir Sie."

Die Witwe bekräftigte dies. „Das ist eine gute Idee, finde ich."

„Gut, wir sind uns einig", stellte David laut fest. „Dann verbrennen wir die Formel gleich morgen früh."

„Richtig!" riefen sie alle im Chor.

„Jetzt ist mir bedeutend wohler", sagte David. „Danach brauchen wir uns keine Sorgen mehr zu machen."

Und sie blinzelten sich gegenseitig zu, weil sie die heimlichen Mithörer irregeführt hatten.

David gähnte sogar noch laut. „Na, dann will ich mal zu Bett gehen."

„Ich auch", sagte die Witwe. „Jetzt, wo klar ist, daß wir diese dumme Formel verbrennen, kann ich hoffentlich wieder ruhig schlafen."

Sie wünschten alle einander gute Nacht und begaben sich auf ihre Zimmer.

Alle außer David. Er huschte leise zu dem Schreibtisch und entnahm ihm einen Umschlag, der genauso aussah wie der mit der echten Formel darin. Er legte einige leere Blätter hinein und verschloß ihn. Morgen früh würden sie dann diesen falschen Umschlag verbrennen, den richtigen aber behalten. Als er mit diesen Vorbereitungen fertig war, ging auch er schlafen. Er träumte in dieser Nacht wild von einer ganzen Armee, die ihn mit Maschinengewehren angriff.

Am nächsten Morgen kamen sie alle nach unten zum Frühstück. David nickte zu der Stehlampe hin, um sie alle daran zu erinnern, daß der Raum verwanzt war.

„Ich fühle mich wirklich sehr erleichtert", sagte die Witwe, „daß wir diese Formel verbrennen."

„Ich auch", sagte der Neffe.

„Wir bringen es am besten gleich nach dem Frühstück hinter uns", erklärte David. „Ich wollte sowieso, wir hätten nie etwas von dieser Formel gehört." Aber natürlich meinte er das nicht wirklich. Vielmehr war er fasziniert von der Idee, eine. solche Riesenmenge Geld zu bekommen, die er an die Armen und Obdachlosen verteilen konnte.