„Genau wie ich", heuchelte der Neffe. „Ich meine, versuchen kann man es doch."
„Eben", sagte der Anwalt, „ganz meine Meinung. Wir haben ja nichts zu verlieren dabei."
Als sie landeten und durch die Einreisekontrolle waren, fuhren sie zu einem Hotel und begannen, im Telefonbuch nach Iwan Popow zu suchen.
Es gab mehrere.
Der erste, den sie aufsuchten, war ein Metzger. „Wir haben heute kein Fleisch", sagte er sofort.
„Wir wollen gar kein Fleisch", flüsterte der Neffe. „Wir wollen das Ei."
„Eier haben wir auch keine", sagte der Metzger. Danach fuhren sie zu einem Obstmarkt. Als sie hineingingen, sagte der Obsthändler sogleich: „Obst ist aus. Kommt morgen wieder."
„Wir wollen gar kein Obst", flüsterte diesmal die Witwe. „Wir wollen das Ei."
„Da müßt ihr zu einem Eierladen gehen. Aber die haben auch keine Eier."
Ihre nächste Station war ein Schuhgeschäft. „Keine Schuhe", sagte der Ladenbesitzer. „Schuhe sind aus."
Hier sagte David nun: „Wir sind eigentlich nicht wegen Schuhen hier. Sondern wir sind auf der Suche nach dem Ei."
„Sind Sie nicht gescheit? Seit wann kauft man Eier im Schuhgeschäft?"
Der Neffe konstatierte: „Sieht so aus, als wären wir mit unserem Latein am Ende. Das alles ist ein Schuß ins Blaue." „Eine Adresse ist immerhin noch übrig", sagte David. „Richtig", bestätigte der Anwalt.
Es war eine Buchhandlung, ein kleiner Laden in einer winzigen Seitenstraße. Draußen stand der Besitzername: Iwan Popow. Sie gingen hinein. Drinnen saß ein Hüne von Mann hinter der Ladentheke.
„Mr. Popow?" fragte David.
„Ja." Er musterte sie kurz. „Ihr seid wohl Amerikaner?" „Richtig", sagte die Witwe. „Und ich war mit Samuel Stone verheiratet."
Popows Miene hellte sich sofort auf. „Ah, da seid ihr wohl wegen des Faberge-Eies gekommen!" „Haben Sie es?" fragte der Anwalt.
„Gewiß doch. Ich bewahre es für meinen Freund Samuel auf. Er hat es bereits bezahlt. Ich sollte es behalten, bis er wiederkommt. Und keinem außer ihm persönlich geben. Wo ist er denn?"
„Tot ...", sagte die Witwe.
Aber da unterbrach David sie bereits hastig: „Todmüde, meint sie! Er erholt sich."
Die anderen sahen ihn verdutzt an.
„Dann sagen Sie ihm doch einen schönen Gruß", meinte Iwan Popow, „und daß ich ihn erwarte. Nur ihm persönlich händige ich es aus."
Die Witwe machte noch einen schwachen Versuch. „Das hat er gesagt?"
„Ja. Er befürchtete, man würde es ihm zu stehlen versuchen. Er sagte wörtlich: Bewahren Sie mir das Ei gut auf, bis ich komme und es mir hole."
Der Neffe sagte langsam: „Also, Sie würden es niemandem anderen geben?"
„Kommt nicht in Frage", sagte Iwan Popow. „Sagen Sie Samuel, er soll bald kommen. Ich kann es kaum erwarten, ihn wiederzusehen."
„Ja, gut, das sagen wir ihm", erklärte die Witwe schwach. Dann standen sie niedergeschlagen wieder draußen vor dem Laden und beratschlagten.
„Das wäre es dann wohl", sagte der Anwalt. „Jetzt können wir genausogut wieder heimfliegen."
David dachte nach. „Nicht unbedingt", sagte er dann. Er hatte sogleich wieder die allgemeine Aufmerksamkeit. „Was meinen Sie damit?"
„Ich habe da eine Idee", sagte David. „Wir treffen uns im Hotel wieder."
Und sie sahen ihm nach, wie er davonging, und fragten sich, was er wohl vorhatte.
Wären sie ihm gefolgt, hätten sie festgestellt, daß er in einen Laden für Theaterschminke und -masken ging. Er kaufte dort ein halbes Dutzend Artikel und kehrte anschließend ins Hotel zurück.
Die Witwe war dort bereits beim Packen zum Heimflug, als es an ihrer Tür klopfte. „Augenblick!" rief sie. .. Dann ging sie zur Tür und öffnete sie. Draußen stand der leibhaftige Samuel Stone und lächelte sie an. Sie kreischte auf. „Du .. du kannst doch nicht hier sein, du bist tot!" „Pst!" flüsterte David. Er trat rasch in ihr Zimmer und machte die Tür hinter sich zu. Die Witwe sah ihn mit offenem Mund an. Er war runtergerissen das Ebenbild ihres verstorbenen Ehemanns. Derselbe Schnurrbart, derselbe Kinnbart, dieselben Koteletten.
„Du siehst genau wie Samuel Stone aus", stammelte sie schließlich.
„Und wir beide gehen jetzt das Faberge-Ei holen", erklärte ihr David.
„Ja, glaubst du denn, du kannst Popow täuschen?" fragte die Witwe.
Eine halbe Stunde darauf betrat David erneut den Buchladen des Iwan Popow. Der stand auf und bekam vor Überraschung den Mund nicht mehr zu. „Samuel!" rief er schließlich. Und er umarmte ihn heftig.
David verstellte seine Stimme tiefer, so daß sie einigermaßen wie Samuel Stone klang. „Schön, dich wiederzusehen, mein lieber Iwan! Hast du das Ei noch?"
„Selbstverständlich, Samuel. Ich habe es die ganze Zeit für dich aufbewahrt, lieber Freund."
David sah zu, wie Popow zu einem kleinen Panzerschrank in der Ecke ging, ihn öffnete und ein wunderschönes Faberge-Ei herausholte, das über und über mit Edelsteinen besät war. „Hier ist es", sagte Popow. „Nimm es, es ist deines." David hielt das Ei bewundernd in der Hand. „Wirklich schön", sagte er. „Ich danke dir. Aber ich muß gleich wieder gehen, ich muß mein Flugzeug noch kriegen." „Komm bald wieder", sagte Popow. Die anderen warteten schon draußen.
„Hast du es?" fragte die Witwe begierig. David hielt es hoch. „Wunderschön!" rief die Witwe und hielt es selbst in der Hand. „Ich nehme es in Verwahrung."
David zögerte ein wenig, sagte aber dann: „Na gut, meinetwegen!"
Der Anwalt sah auf die Uhr. „Das nächste Flugzeug geht in einer Stunde. Wenn wir es noch kriegen wollen, müssen wir uns beeilen."
Als sie am Flughafen waren, sagte der Neffe: „Zeigt das Ei nur nicht her. Sie wollen hier solche Sachen nicht aus dem Land lassen."
„Keine Sorge", sagte die Witwe, „das mache ich schon. lch habe es in meinem Koffer verstaut."
Sie waren in solcher Eile zum Flughafen gefahren, daß David seine Samuel-Stone-Maske nicht mehr abschminken konnte. Als sie bei der Zollkontrolle waren, sah der Beamte den Paß der Witwe durch und stempelte ihn. Dann nahm er den Paß des Neffen und stempelte ihn ebenfalls. Dann sah er den Paß des Anwalts an und stempelte ihn. Dann sah er den Paß Davids an und dann David und wieder den Paß und erklärte: „Das ist nicht Ihr Paß."
„Aber selbstverständlich ist er das", sagte David. „Aber das ist nicht Ihr Foto. Das ist ein gestohlener Paß." Da wurde David plötzlich klar, was los war. Er lachte los. „Nein, nein, das bin ich schon. Hier meine Freunde bestätigen das und bürgen für mich."
Er wandte sich an die Witwe. „Sag ihm, wer ich bin."
Und die Witwe sagte: „Diesen Mann habe ich noch nie gesehen."
David war perplex. „Was redest du da, sag mal?" Und er wandte sich an den Neffen und den Anwalt. „Sagt dem Beamten, wer ich bin!"
Der Neffe sagte: „Ich kenne diesen Mann nicht." Der Anwalt sagte: „Nie gesehen." „Sie sind verhaftet", sagte der Beamte zu David. „Das könnt ihr mir doch nicht antun!" rief David.
Der Beamte trillerte auf seiner Pfeife; woraufhin sofort zwei Polizisten gerannt kamen. „Festhalten den Mann, bis der Chefinspektor kommt", sagte der Beamte und winkte die anderen drei weiter. „Sie können zu Ihrem Flugzeug gehen." „Danke sehr", flötete die Witwe. Sie und der Neffe und der Anwalt bestiegen ihr Flugzeug und waren sehr zufrieden. „Jetzt brauchen wir nicht mehr mit David zu teilen", sagte die Witwe, „und alles ist für uns drei." „Gut gemacht", lobte sie der Anwalt.
David wurde inzwischen in einen Raum eingesperrt. „Der Chefinspektor kommt gleich", beschied ihn einer der Polizisten.
Der Zollbeamte eilte inzwischen sehr zufrieden, einen Verbrecher geschnappt zu haben, in das Büro des Chefinspektors. Vielleicht werde ich dafür befördert, dachte er. Er zeigte dem Chefinspektor den Paß. „Sehen Sie her", sagte er, „dieser Mann versucht mit einem falschen Paß aus Rußland zu fliehen. Wahrscheinlich ist er ein gesuchter Schwerverbrecher!"