Die Witwe fragte sogleich drängend: „Sie kennen ihn also?" „Sehr gut sogar, Samuel Stone hat eine meiner Erfindungen finanziert. Sie ist fast fertig. Ich war sehr betrübt, als ich von seinem Tod las. Er hat sie nie mehr gesehen." „Nun ja",. sagte der Anwalt, „dies hier sind seine Erben. Also gehört diese Erfindung jetzt ihnen."
„Können wir sie mal sehen?" fragte der Neffe neugierig. „Haben Sie sie hier?"
Die Witwe war sofort sehr viel direkter. „Wieviel ist sie wert?" Doch Mr. Yamamoto sagte achselzuckend: „Schwer zu sagen. Genaugenommen ist sie unbezahlbar."
„Habt ihr das gehört?" rief der Neffe. „Unbezahlbar!" Und er sah bereits im Geiste vor sich ganze Armeen von Autos, schönen Mädchen und Jachten.
„Könnten wir also mal einen Blick darauf werfen?" fragte David.
Der kleine alte Mann verbeugte sich. „Gewiß doch, da sie nun Ihnen gehört. Wenn Sie mir bitte folgen wollen."
Sie folgten ihm hinaus und durch einen langen Korridor bis zu einer großen Garage. In deren Mitte stand ein Auto. Es sah alt, staubig und abgefahren aus.
„Hier", sagte Mr. Yamamoto.
„Was denn?" stammelte der Neffe, als er den Mund wieder zubrachte. „Das nennen Sie eine Erfindung? Das dürfte eine der häßlichsten Blechkisten von Auto sein, die ich je gesehen habe."
„Es ist ein ganz besonderes Auto", sagte Mr. Yamamoto. Aber auch die Witwe höhnte: „Unbezahlbar, wie? Wenn man für dieses Wrack noch hundert Dollar bekommt, muß man froh sein." Sie wandte sich angewidert den anderen zu. „Das ist so typisch Samuels Idee von einem schlechten Scherz. Auf unsere Kosten!" Zu dem Professor sagte sie: „Wenn Samuel Ihnen für den Zusammenbau dieses Schrotthaufens mehr als hundert Dollar gab, haben Sie ihn sauber hereingelegt." Der Neffe meinte: „Na ja, zumindest können wir das Ding zum Heimfahren benutzen."
„Ach", schimpfte die Witwe, „den Kasten möchte ich nicht einmal vor dem Haus geparkt wissen. Was sollen die Nachbarn denken? Daß wir schon auf dem letzten Loch pfeifen?" Aber dann stiegen sie doch nacheinander ein. Der Neffe saß am Steuer.
„Ich erkläre Ihnen, wie es funktioniert", sagte Mr. Yamamoto. „Ach was, ich fahre seit Jahren", tat ihn der Neffe ab. „Ich brauche keine Erklärungen. Leben Sie wohl, Professor!" Und er drehte den Zündschlüssel um.
Eine Rauchwolke puffte hoch, und etwas donnerte und röhrte los, als hätte sich der Himmel aufgetan. Und sie fanden sich im Weltraum, taumelnd und sich endlos überschlagend. Es schien überhaupt nicht mehr aufzuhören.
Bis es dann einen plötzlichen Ruck gab.
Sie standen auf einem großen Feld, und Leute in Toga und mit Pferdewagen kamen ihnen entgegengeeilt.
„Wo sind wir?" begehrte die Witwe zu wissen.
David sah sich um. „Ich würde sagen, im Kolosseum des Alten Rom." Er blickte auf ihr seltsames Fahrzeug. „Das hier ist eine Zeitmaschine!"
„Mach keine faulen Witze!" rief der Neffe.
Die ersten Pferdewagen waren bei ihnen angekommen. „Was ist denn das? Was seid ihr für Leute?"
„Wir sind Besucher", sagte der Anwalt, der seine Angst zu verbergen suchte.
„Warum seid ihr so seltsam gekleidet, ihr Besucher?" fragte der Anführer und sagte zu seinen Leuten: „Nehmt sie fest!" Und so fanden sich alle vier gefesselt und in den Kerker abgeführt.
„Ich werde dem großen Cäsar von euch berichten", sagte der Anführer. „Dann kann er selbst entscheiden, was mit euch geschehen soll." Und er ließ sie allein. Außer ihnen war niemand in ihrem Verlies. „Warum hat Mr. Yamamoto denn nichts davon gesagt, daß seine Erfindung eine Zeitmaschine ist?"jammerte der Neffe. „Weil du ihm gar keine Zeit dazu gelassen hast!" fauchte ihn die Witwe an. „Er wollte dir doch erklären, wie es funktioniert. Aber nein, du wußtest ja alles, nicht?"
„Was sie hier wohl mit uns machen?" fragte der Anwalt. Auch David dachte darüber nach. Würde man ihnen ihre Geschichte glauben? „Ich weiß nicht", antwortete er dem Anwalt. „Ich denke, sie werden uns freilassen." Nach einer Stunde kam der Wachhabende wieder. Er lächelte ihnen zu. „Ich habe mit dem großen Cäsar gesprochen", sagte er. „Er läßt euch hinaus."
„Oh, das ist wunderbar!" rief die Witwe. „Übermitteln Sie ihm doch unbedingt unseren Dank!" „Folgt mir!" sagte der Wachhabende.
„Da haben wir Glück gehabt", sagte der Neffe. „Ich dachte schon, sie haben etwas Schlimmes mit uns vor. Ihr wißt doch, diese alten Römer gelten als ziemliche Barbaren!"
Der Wachhabende führte sie direkt in die Arena. Die Ränge waren voller Menschen. „Wartet hier", sagte er.
„Vielen herzlichen Dank", erklärte der Anwalt. „Wenn wir jemals etwas für Sie tun können..." ..
„Kommt", sagte die Witwe. „Machen wir, daß wir wegkommen."
Als sie durch die Arena gingen, öffnete sich am anderen Ende ein Käfig, und daraus kamen vier Löwen hervor. „Sie sehen aus wie Löwen", sagte die Witwe. „Das muß hier so eine Art Zoo sein, oder?"
David blickte auf die jubelnde Menschenmenge und wurde blaß. „Sie werfen uns den Löwen vor!" sagte er. „Was?" kreischte die Witwe. „Das können sie doch nicht machen!"
„Haben sie aber gerade gemacht", sagte der Anwalt. Die Löwen kamen bereits auf sie zu.
David sah sich um. In der ersten Reihe saß ein Mann in einer Toga mit einer goldenen Krone auf dem Kopf. „Das muß Cäsar sein", sagte er. Die Löwen kamen schnell näher.
„Die fressen uns!" schrie die Witwe.
David rannte auf die Loge Cäsars zu und sagte zu ihm: „Großer Cäsar, wenn du uns von den Löwen fressen läßt, kostet dich dies das Lösegeld für einen König in Gold!"
„Wovon redest du?" sagte Cäsar streng.
„Wir haben Gold mitgebracht. Tonnenweise."
Cäsars Miene wurde freundlicher. „Tonnenweise?"
„Ja. Laß die Löwen wegschaffen."
Cäsar rief den Wachhabenden. „Laß die Löwen wegschaffen." „Ja, mächtiger Cäsar!"
David wartete, bis die berittenen Soldaten die Löwen zurück in ihren Käfig getrieben hatten.
„Also", sagte Cäsar, „zeige mir dein Gold!"
„Es ist in dem Automobil, in dem wir gekommen sind."
Cäsar sah ihn verdutzt an. „Automobil? Was ist das?"
Jetzt wurde David erst wieder bewußt, daß in dieser Zeit das Auto ja noch gar nicht erfunden war.
„Ich zeige es dir, hoher Herr, wenn deine Leute mich dorthin bringen, wo wir angekommen sind."
Cäsar gab seinem Wachhabenden einen entsprechenden Befehl. „Bringe sie dorthin, wo ihr sie aufgegriffen habt, aber behaltet sie im Auge. Ich will dieses Gold haben. Haben sie keines, dann bringt sie hierher zurück, und sie werden den Löwen vorgeworfen."
„Was tust du denn da?" flüsterte der Neffe David zu. „Wir haben doch gar kein Gold!"
„Sie bringen uns alle in Teufels Küche!" zischte auch der Anwalt.
David aber sagte nur: „Pst! Laßt mich nur machen." Man brachte sie wieder zu ihrem Automobil. Die Soldaten beäugten es total verständnislos. Das war schon ein sehr eigenartiges Gebilde.
„Also, wo ist das Gold?" fragte der Wachhabende. „Gleich!"
sagte David. Er bedeutete den anderen einzusteigen. Der Neffe saß wieder am Steuer.
„Jetzt!" sagte David.
Der Neffe drückte auf den Anlasser.
Aber nichts geschah.
„Wo das Gold ist, habe ich gefragt?" forschte der Wachhabende bereits ungeduldig.
„Kommt ja gleich!" sagte David.
Der Neffe drückte auf einen anderen Knopf.
Wieder passierte nichts.
Er drückte sämtliche Knöpfe.
Dem Wachhabenden wurde es zu dumm. „Gut", sagte er, „aussteigen, alle. Zurück zu den Löwen." Schließlich drückte der Neffe auch noch auf den allerletzten Knopf, den es gab.