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Es war ein mühsamer Marsch. Die Einzigen, denen es nichts auszumachen schien, waren Djerůn und der untote Bavragor, die ihnen einen Weg durch die Schneeverwehungen bahnten. Ihr Proviant gefror und musste abends am Feuer langwierig aufgetaut werden, ehe man ihn verzehren konnte. Ohne die wärmenden Kleider, die sie von Xamtys erhalten hatten, wären sie sicherlich erfroren.

Ingrimmsch wurde immer unruhiger, er wollte kämpfen, Bavragor dagegen hatte alles verloren, was ihn früher ausgemacht hatte. Er trank nicht mehr, er sang nicht mehr, er lachte nicht mehr und glotzte nur stur geradeaus. Seinen Hunger stillte er mithilfe eines gefangenen Schneehasen, den er bei lebendigem Leib verschlang; nur das Fell und die ausgesogenen Knochen blieben übrig. Sein gieriges Schmatzen und das Krachen der Knochen machten Goïmgar noch ängstlicher, dessen Hand nun stets am Griff seines Kurzschwertes lag.

Das Graue Gebirge schob sich näher und näher. Die Gipfel erweckten bald den Eindruck, zum Greifen nah zu sein, und dennoch dauerte es lange, bis sie sich durch Tabaîn gekämpft hatten, die Grenze zu Gauragar überschritten und nach weiteren anstrengenden Wandertagen in den Ausläufern des bleifarbenen Massivs standen.

Sie trafen weder auf Orks noch auf andere Scheusale, nur gelegentlich auf ihre Spuren. Gewaltige Heeresverbände mussten sich in den Süden aufgemacht haben, denen sie immer um Haaresbreite entgingen.

Schließlich näherten sie sich dem ersten Verteidigungsring der Festung der Fünften; schon von weitem erkannten sie, dass hier niemand stand, um Eindringlinge aus dem Geborgenen Land abzuwehren.

Die Wesen aus dem Norden hatten keinen Stein auf dem anderen gelassen, Mauern waren eingerissen und Türme abgetragen worden, damit nichts mehr an die Macht der ehemaligen Bewohner erinnerte. Tungdil und die anderen konnten sich nicht einmal mehr vorstellen, wie es zu Lebzeiten Giselbart Eisenauges, dem Stammvater der Fünften, im Grauen Gebirge ausgesehen haben musste, denn das vollkommene Vernichtungswerk der Bestien ließ es nicht zu. Die Fragmente zeugten allerdings von großer Handwerkskunst der Erbauer. Nun waren aus den kunstfertig errichteten Verteidigungsanlagen traurige Ruinen geworden, deren Anblick die Zwerge schmerzte.

Dennoch trauten sie dem trügerischen Frieden nicht, als sie sich den steilen Pfad hinaufschleppten und dem Einlass näherten.

»Seid leise«, mahnte Ingrimmsch. »Narmora und ich sehen nach, ob sie tatsächlich keine Aufpasser aufgestellt haben.«

Die beiden huschten davon und bewegten sich im Schutz der grauen Felsen und Mauerfragmente, die aus dem Schnee herausragten, auf das geöffnete, haushohe Tor zu, das unmittelbar in den Berg hineinführte.

Tungdil schaute und hörte sich um. Der eisige Wind pfiff und säuselte an den zerklüfteten Wänden eine zufällige Melodie. Eiszapfen hingen wie gläserne Stalaktiten an den Bergvorsprüngen, und ein Wasserfall, fünfzig Schritt von ihnen entfernt zu ihrer Linken, war zu einer bizarren Skulptur gefroren.

Nichts, keine Orks, keine Oger, keine Albae oder sonstige Angreifer.

»Seid leise, hat er gesagt«, lachte Goïmgar bitter. »Der sollte sich selbst mal zusehen und zuhören.«

»Eine Ausgeburt an Grazie ist er jedenfalls nicht, auch wenn der Vergleich mit der reizenden Narmora ein wenig unlauter ist«, bestätigte Rodario.

Tungdil sah zu, wie sie sich anpirschten. Der Zwerg nutzte seine geringe Größe aus, während die Halbalbin elegant wie eine Tänzerin zwischen den Blöcken hin und her sprang. Das Weiß unter ihren Füßen gab keinen verräterischen Laut von sich, sie schien leicht wie eine Feder darüber zu schweben. Boïndils Kettenhemd dagegen lärmte regelrecht, obwohl er einen Pelz darüber trug.

Sie gelangte als Erste an den Eingang, presste sich an die Wand und lauschte in den nachtdunklen Stollen hinein, ehe sie sich hineinbegab. Ihre Silhouette verschmolz mit der Finsternis, und sie verschwand.

Furgas wollte gar nicht mehr damit aufhören, an seinen Handschuhen herumzunesteln. »Sie war schon immer zu wagemutig«, raunte er.

»Ach, Unsinn. Sie ist eine Frau, die um ihre Fähigkeiten weiß und sich darauf verlässt, alter Freund«, beruhigte ihn Rodario. »Du weißt, was sie alles vor unserer gemeinsamen Zeit am Theater gemacht hat. Da wird sie mit den paar Herausforderungen hier gewiss auch fertig werden.«

»Ich will nicht wissen, was sie gemacht hat«, sagte Goïmgar rasch. »Sie ist mir auch so unheimlich genug.«

Inzwischen erreichte auch Boïndil den Eingang ins Reich derer, die vor mehr als eintausend Zyklen gegen die Macht des Toten Landes unterlagen. Ein wenig ratlos stand er herum und spähte umher, ohne etwas Gefährliches entdecken zu können.

Plötzlich glitt Narmora aus dem Dunkel. Die Schwärze des gigantischen Tunnels haftete wie Spinnweben an ihr, umschmeichelte sie und gab sie nur zögerlich frei. Sie winkte ihnen, ihre gelöste Haltung verriet, dass es nichts gab, wovor sie sich fürchten mussten.

»Habt ihr das gesehen? Wie Tinte, die von ihr abperlt«, raunte Goïmgar verschreckt. »Das …«

»Halbmagie. Es ist eine angeborene Fertigkeit«, schätzte die Maga. »Die Albae sind Kinder der Dunkelheit.«

»Sie wird gewiss die Seiten wechseln, wenn wir auf Albae treffen«, prophezeite er bang. »Blut ist dicker als Wasser.«

»Aber nicht stärker als die Liebe, die uns verbindet«, widersprach Furgas energisch. »Eher stirbt sie, als dass sie mich hintergeht. Und ich würde eher sterben, als dass ich zulasse, dass ihr ein Leid geschieht.«

Der schmächtige Zwerg brummelte etwas vor sich hin und folgte der Gruppe zum Eingang. Den Schild hielt er abwehrbereit vor sich.

»Hier ist niemand«, sagte sie und hielt es nicht für notwendig, die Stimme zu senken. »Sie haben sich damit begnügt, die Mauern zu schleifen und die Tore so zu beschädigen, dass man sie nicht mehr schließen kann.«

»Aber wo sind die ganzen Viecher?« Boïndil wirbelte kampflustig mit den Beilen.

»Am Steinernen Torweg vermutlich«, schätzte Tungdil, der sich an die Karte in einem der vielen Bücher aus Lot-Ionans Bibliothek erinnerte. »Wir können froh sein, dass sie dort sind.« Er wandte sich dem Eingang zu. »Gehen wir die Esse Drachenbrodem entfachen.«

Seinen ersten Schritt machte er mit Bedacht, mit Ehrfurcht, Zaudern und einer gehörigen Portion Regung in seiner Brust. Das Reich der Fünften wurde zum ersten Mal wieder von einem lebendigen Zwerg betreten.

Rodario und Furgas entzündeten Lampen, und das rotgelbe Licht erweckte das Leben im Gebirge neu. Der Schein, den die Wände zurückwarfen, blendete sie, sodass sie schnell die Leuchtkraft verringerten.

Sie standen in einem Gang, dessen Wände mit poliertem und gehärtetem Palandium verkleidet worden war. Tausend Zyklen in Einsamkeit hatten dem weißen Metall nichts von seinem Glanz geraubt. In die Platten waren Bildnisse der Könige getrieben worden; die bärtigen Gesichter der Zwergenherrscher schauten freundlich auf sie herab und hoben ihre aus rotgelbem Vraccassium gegossenen Äxte zum Gruß.

»Welch ein Reichtum«, raunte Rodario.

Ergriffen sanken die Zwerge auf die Knie und beteten zu Vraccas. Selbst Bavragor konnte sich trotz seiner Veränderung der Wirkung nicht entziehen. Sein Gebet gelang ihm nur mit größter Konzentration, das Böse in ihm versuchte, seinen Willen, seine Gedanken, seine Überzeugung zu brechen und stattdessen die Kontrolle zu übernehmen, doch mit der Beharrlichkeit des zwergischen Verstands, der viel gerühmten Dickköpfigkeit, hatte es nicht gerechnet.

Die Menschen, Andôkai und Djerůn warteten geduldig.

Tungdil erhob sich und atmete ein. Der Gang roch alt, staubig, ehrwürdig, die Horden von Orks und anderen Bestien hatten ihm nichts nehmen können. »Wir müssen uns umsehen, um den Weg zum Feuersee zu finden«, erklärte er und setzte sich in Bewegung. Boïndil lief an seiner Seite.

Staub wirbelte zu ihren Füßen auf, gelegentlich huschte ein kleines Tier vor ihnen davon, hier und da lagen Knochenstücke, Reste von Kettenhemden und Schilden am Boden.

Schweigend legten sie die Strecke bis zu einem aus den Angeln geschlagenen Tor zurück, das sie in eine säulengetragene Halle führte. Sie war fünfeckig aus dem Stein getrieben worden und enorm groß; fünfzehn Ausgänge gingen von hier aus ab, und die Hinweistafeln lagen zerschlagen am Boden.