Die beiden übrigen Oger hielten inne; schließlich wichen sie aus Angst vor der siegreichen Magierin in die nächste Halle zurück und verschwanden aus ihrer Sicht.
Narmora hob den Arm grüßend in Richtung Andôkais; diese erwiderte die Geste und zog in einer fließenden Bewegung ihr Schwert. Mehr besaß sie nicht mehr, um sich zu verteidigen.
»Na, also. Narmora lebt. Würdest du mir nun bitte wieder zur Hand gehen, oder hast du jemand anderen dazu auserkoren, die Hauptrolle im nächsten Stück zu spielen, und willst mich einen heldenhaften Tod finden lassen?«, sagte Rodario liebenswürdig zu Furgas.
Andôkai stürmte die Stufen des Heiligtums herab; ihre Klinge wütete schrecklich gegen die Feinde.
»Verflucht, die feigen Oger verschwinden! Deine Herrin verdirbt mir alles«, ärgerte sich Boïndil und stürzte sich umso wütender auf die flüchtenden Bogglins. »Wenigstens habe ich mit denen meinen Spaß.«
Er rannte ihnen hinterher, ohne auf die Warnungen Tungdils zu achten; die Beile schlugen in die Hälse der Feinde, und er scheuchte sie wie eine Herde Schweine vor sich her. Auf der Schwelle zur anschließenden Halle blieb er wie angewurzelt stehen.
»Was ist? Hat dich die Vernunft ereilt?«, fragte Goïmgar gehässig, während sie zu Ingrimmsch aufschlossen. Dann aber erstarrten auch sie.
»Diese Szene lassen wir auch weg«, raunte Rodario mit trockenem Mund. »Sie gefällt mir nicht.«
Die Ausmaße des Raumes betrugen sicherlich dreitausend Schritt in der Länge und zweitausend in der Breite; die verlassenen Hochöfen, Rampen und Seilzüge, die umherstehenden oder umgestürzten Schlacke- und Roheisenpfannen und die Kohlehalden verrieten, was die Fünften hier einst trieben.
Wo früher Eisen und Stahl entstanden, lagerte nun eine Streitmacht von mindestens eintausend Orks, Bogglins und Trollen, die ihnen den Zugang zur Esse verwehrten.
Schon trafen die in die Flucht geschlagenen Bogglins und Oger auf die ersten Reihen der Bestien und berichteten hastig, was sich in der anderen Halle zugetragen hatte. Ein Ruck lief durch die Masse, die Ersten standen auf und packten grölend ihre Waffen, um sich kampfbereit zu machen.
»Das ist …« Boïndil wusste nicht, was er zu diesem Anblick sagen sollte, und seine Arme mit den Beilen senkten sich kapitulierend. Dieses grauenvolle Heer bedeutete für ihren tapferen Haufen mehr als eine »große Herausforderung«, von der er so gern sprach. Selbst er sah ein, dass es für sie kein Durchkommen gab.
»Könnt Ihr auf die andere Seite schweben und uns mitnehmen, so wie Ihr es bei Goïmgar tatet, um ihn zu retten?«, schlug Tungdil der Maga heiser vor.
»Ich bin vom Gefecht gegen den Golem und den Magus erschöpft, meine Magie ist verbraucht.« Andôkai schaute mit bitterer Miene über die Ungeheuer. »Hätte ich geahnt, was uns erwartet, hätte ich mich vorhin zurückgehalten. Und selbst dann …«
»Lasst uns nach Hause gehen«, bat Goïmgar flehentlich und wandte sich an Gandogar. »Mein König, du bist …«
Tungdil brachte ihn mit einem Blick zum Verstummen. »Wir können nicht gehen. Allenfalls sterben wir bei dem Versuch, unser Ziel zu erreichen«, sagte er, und sein Kopf senkte sich trotzig. »Außer uns kann keiner mehr an diesen Ort vordringen, wir sind das letzte Aufgebot gegen Nôd’onn.«
»Wir bleiben.« Gandogar nickte zu Goïmgars Entsetzen. »Ich stehe euch bei.« Er hob die doppelköpfige Streitaxt.
»Wir sind Zwerge«, setzte Ingrimmsch grollend hinzu, der sich wieder gefangen hatte. Auch er neigte den Kopf, zog ihn zwischen die Schultern und holte tief Luft. »Wir werden niemals aufgeben!«, schrie er den Bestien entgegen, schlug die Axtrücken gegeneinander und ließ das Klirren durch die Erzschmelze fliegen. »Hört ihr das, ihr Scheusale!? Das ist der Laut eures Untergangs.«
Tungdil betete stumm zu Vraccas. »Der Kampf durch die Reihen ist das Einzige, was mir einfällt.« Er schaute in die Gesichter seiner Begleiter. »Vermutlich werden nicht alle von uns auf der anderen Seite der Halle ankommen. Achtet darauf, dass die Richtigen zur Esse gelangen.« Er schaute zu Balyndis. »Ich bin entbehrlich, ich werde mein Leben geben, damit das Geborgene Land mit all seinen Völkern weiterhin hoffen kann.«
Furgas küsste Narmora leidenschaftlich und mit Tränen in den Augen; sie gehörte zu denen, die unter allen Umständen durchkommen mussten. Sie strich ihm zärtlich übers Gesicht.
»Eins zu Hundert«, schätzte Boïndil die Verhältnisse ab. »Es hätte schlimmer kommen können.« Dieses Mal übernahm er es, das Horn zu blasen und ein altes Zwergensignal erschallen zu lassen, das von den Gegnern mit aufforderndem Rufen erwidert wurde. »Wer zuerst auf der anderen Seite ankommt«, knurrte er, »hat gewonnen.«
Nach fünfhundert Schritten hatten sie sich festgekämpft, es ging weder vorwärts noch rückwärts.
Eingekreist von den widerlichsten Kreaturen, standen sie Schulter an Schulter und mussten sich darauf beschränken, ihr Leben zu verteidigen, bis die Arme zu schwer würden, um den Attacken länger standzuhalten.
Schlimm genug war, dass sie Rodario auf den ersten zehn Schritten einbüßten; er verschwand zunächst unbemerkt zwischen den Rüstungen der Orks, und zu spät merkte Tungdil, dass der Schauspieler Opfer eines Schlages geworden war.
Damit verloren sie das notwendige Drachenfeuer, um die Esse anzufachen.
Ich bin so dicht vor meinem Ziel, Vraccas. »Wir müssen umkehren«, rief er über die Schulter. »Rodario und die letzte Fackel gingen verloren.«
Andôkai setzte zu einer Entgegnung an, als helle Flammen am Durchgang emporloderten.
»Zurück«, hörten sie eine krächzende, herrische Stimme. »Sie gehören mir.«
Die Bestien verstummten abrupt; sie stoben augenblicklich auseinander und bildeten eine Gasse, um Platz zu schaffen. Tungdil erkannte die feiste Gestalt in der malachitfarbenen Robe wieder, die sich nach vorne schob, und der letzte Hauch Hoffnung, der sich mit zwergischem Trotz gehalten hatte, verflüchtigte sich.
»Nôd’onn«, ging das Raunen ehrfürchtig durch die Reihen der Ungeheuer, die gebannt auf ihn starrten. Einige verneigten sich oder fielen vor ihm auf die Knie.
»Ich dachte mir, dass ich euch bei der Esse antreffe«, begrüßte er sie schnarrend und musste husten. Ein hellroter Speichelklumpen klatschte dem nächsten Bogglin ins Gesicht, der ihn freudig ableckte. »Daher sandte ich meine Diener, um euch aufzulauern.« Schritt für Schritt kam er auf sie zu. »Das Vergnügen, euch eigenhändig zu vernichten, wollte ich mir nicht entgehen lassen.«
Ein Ork sprang diensteilig vor, riss sein Schwert heraus. »Ich tue es für dich, Herr!«, quiekte er.
»Unwürdiger!« Der Magus reckte seine Hand; es blitzte kurz auf, und ein Flammenstrahl traf den Ork, der sofort brannte und blind umhertaumelte, bis er ohnmächtig vor Schmerzen auf den Steinboden fiel. »Weichet!«, befahl er wieder. »Macht Platz, damit ich sie mit meinen Kräften vernichten kann, ohne euch zu schaden.« Das bleiche Gesicht war unter der Kapuze, die er trug, nur mehr als heller Fleck zu erkennen.
»Ich werde es versuchen«, flüsterte Andôkai Tungdil zu. »Ihr lauft los.« Sie wischte sich die blonden Haare aus dem herben Antlitz, packte ihr Schwert und setzte zu einem Sprung an, hielt aber inne.
Tungdil bemerkte ihr Zögern. »Was ist?«
Sie wirkte irritiert. »Er hat seinen Stab nicht dabei. Der echte Nôd’onn würde seinen Stab niemals ablegen, so wenig wie ich mein Schwert anderen überließe. Es ist eine Täuschung …«
»Bei allen Göttern! Es ist Rodario!«, raunte ihr Furgas zu und bemühte sich, nicht zu glücklich zu wirken und die Maskerade des Freundes zu verraten. »Was immer er auch von uns verlangt, wir müssen sein Spiel mitspielen.«
Der Zwerg machte große Augen. Die Verwandlung in den Verräter gelang dem Mann ebenso vollendet wie damals im Theater, doch dieses Mal stand er vor einem Publikum, das ihn aufspießen würde, wenn sein Können zu gering wäre. Wie hat er das geschafft?