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Lot-Ionan freute sich über den Anblick und das bevorstehende Wiedersehen mit den anderen, auch wenn ihn der Anlass der Zusammenkunft in Unruhe versetzte. Er zügelte Furo und ritt gemessen durch das Tor in die Stadt. Der Hengst schnaubte aufsässig, weil er lieber laufen und den Wind in der Mähne spüren wollte.

Aus alter Tradition heraus tagte der Rat der Magi in diesem Prachtbau. So hielten es die Zauberkundigen seit mehr als zweitausend Sonnenzyklen. Die Gründe dafür waren verschiedener Natur. Zum einen lag die Stätte im Zentrum des Geborgenen Landes, zum anderen hatte Lios Nudin nicht umsonst die Umrisse eines menschlichen Herzens. Die Magiefelder, die in den fünf Zauberreichen auftraten, schienen hier ihren Ursprung zu nehmen; ähnlich einer Quelle speiste Lios Nudin die Reiche Ionandar, Turguria, Saborien, Oremaira und Brandôkai mit der Zaubermacht.

Der Magus lachte und streichelte den Hals des unzufriedenen Fuchshengstes.»Du wirst auf dem Nachhauseweg genügend laufen dürfen«, versprach er ihm und richtete seine Aufmerksamkeit auf das Treiben rings um ihn herum.

Poristas Mauern boten vierzigtausend Menschen Schutz und Unterkunft. Da die Stadt in der Ebene der Gräser lag, die sich über hunderte von Meilen erstreckte, gingen die Bewohner einfacher Landwirtschaft und Viehzucht nach, und davon ließ es sich gut leben. Die Qualität ihrer Erzeugnisse konnte es beinahe mit der Tabaîns aufnehmen, das im Nordwesten des Geborgenen Landes lag und auch Ährenebene genannt wurde.

Lot-Ionan lenkte Furo durch die Straßen der geschäftigen Stadt. Immer wieder musste er Karren und Wagen ausweichen und darauf achten, keine Passanten unter die Hufe zu bekommen. Schon bald sehnte er sich die Abgeschiedenheit des Stollens herbei.

Endlich stand er vor dem Portal des Palasts, in den einfache Menschen nur auf Einladung des Rates gelangten. Tollkühne, die versuchten, ungesehen über die Mauern zu klettern, hielt eine unsichtbare Sperre auf; wie Fliegen auf Leimruten klebten sie an der Wand, bis sie verhungerten und verdursteten. Erst wenn von ihnen nichts mehr außer den Knochen übrig war, gab die Fessel sie frei. Die Magi kannten bei diesem Vergehen keine Gnade, denn im Palast hatte niemand außer den Sechs und ihrem Gefolge etwas zu suchen.

Lot-Ionan rief die Formel, um die Torflügel zu öffnen. Von unsichtbaren Kräften bewegt, schwangen sie zurück und gewährten ihm den Zutritt.

Vor der breiten Freitreppe aus chamoisfarbenem Marmor hieß er den Hengst anhalten und rutschte aus dem Sattel. Sein Weg führte ihn über die breiten Stufen und durch lichtdurchflutete Arkadengänge, deren Böden mit kunstvollen Mosaiken gestaltet waren. Die weißen Säulen leiteten das Licht, das durch die halbkugelförmigen Glasdächer fiel, geschickt um und hoben die akkurat gesetzte Farbvielfalt hervor. Der Gang erstreckte sich bis zur Beratungshalle, hinter deren Türen er erwartet wurde. Auf ein magisches Wort hin gaben sie den Durchlass frei.

Da saßen sie, am mächtigen runden Malachittisch vereint: Nudin der Wissbegierige, Turgur der Schöne, Sabora die Schweigsame, Maira die Hüterin und Andôkai die Stürmische.

Sie gehörten zu den mächtigen Sechs, die über geradezu unvorstellbare Kräfte verfügten. Jeder von ihnen strebte mithilfe der Magie nach dem Erreichen eines selbst gesteckten Ziels. Die sieben weltlichen Königinnen und Könige des Geborgenen Landes zu stürzen und die Länder zu erobern wäre ihnen ein Leichtes, aber daran war keinem gelegen. Ihnen ging es um die Vervollkommnung von Magie, nicht um irdische Macht.

Lot-Ionan grüßte zuerst Sabora, dann die anderen fünf und begab sich zum Tisch, um zwischen ihr und Turgur Platz zu nehmen. Sie erwiderten seine Höflichkeitsgeste mit knappem, erhabenem Kopfnicken.

Sabora fasste seine Hand, drückte sie kurz und schenkte ihm ein herzliches Lächeln. »Ich freue mich, dass du da bist, Lot-Ionan.« Sie trug ein hochgeschlossenes, enges und ein wenig strenges Kleid aus gelbem Samt, das bis auf den Boden reichte. Die kurzen Haare waren noch silberner geworden, doch die graubraunen Augen blickten munter und suchten seinen Blick. »Die Stürmische hat es nicht mehr ausgehalten.« Sie senkte die Stimme zu einem Flüstern, damit nur er sie hörte. »Ich auch nicht. Aber aus einem anderen Grund.«

Lot-Ionan lächelte und fühlte sich mit einem Mal wie ein verliebter junger Mann. Ihre Zuneigung basierte auf Gegenseitigkeit.

»Wir haben inzwischen erfahren, warum du unserem ersten Ruf nicht gefolgt bist«, sagte Andôkai, und es klang wie ein Vorwurf. Ihre Schönheit konnte man getrost als herb bezeichnen, und ihre Gestalt war für eine Maga merkwürdig muskulös; angeblich kämpfte sie so gut wie ein Krieger. Die blonden langen Haare trug sie zu einem strengen Zopf geflochten, und ihre blauen Augen schienen beständig auf der Suche nach Streit zu sein.

»Friedegard und Vrabor sind tot«, fügte Maira hinzu. Sie war hochgewachsener und schmaler als Andôkai. Ihre roten Haare fielen offen auf die nackten, weißen Schultern; das hellgrüne, schlichte Kleid passte hervorragend zu ihren Augen und dem Goldschmuck, den sie an den Ohren und um den Hals trug »Die Nachricht erreichte uns kurz vor deiner Ankunft, Lot-Ionan.« Sie schaute zu Nudin. »Wir sind uns darüber einig, dass nur die Albae als Mörder infrage kommen. Das Tote Land muss sie geschickt haben, um das Zusammenkommen der Sechs zu verhindern.«

Lot-Ionan runzelte die Stirn. »Es wäre das erste Mal, dass die Macht aus dem Norden ihre gefährlichsten Diener tief in den Süden entsendet. Nudin hat mir berichtet, dass unsere Barrieren nachgeben«, antwortete er. »Unser Gegner erhält von jenseits des Nordpasses neue Kraft – mehr als bisher. Solange wir das nicht endgültig unterbinden, werden wir uns stets aufs Neue in Porista einfinden müssen, um die magischen Fangnetze zu spannen.« Sein Zeigefinger pochte energisch auf den Tisch. »Es muss enden! Vernichten wir die Kraft des Toten Landes, Freunde!«

»Sicher«, fiel ihm Turgur herablassend ins Wort. Ein ebenmäßiges, sorgfältig rasiertes Gesicht, ein dünner Oberlippenbart und lange, wallende schwarze Lockenhaare waren die Markenzeichen des Schönen. Kein Mann im ganzen Geborgenen Land konnte es mit der Schönheit des Magus aufnehmen; Frauen jeden Alters lagen ihm zu Füßen, Männer bewunderten oder hassten ihn deswegen. »Nichts einfacher als das, Lot-Ionan. Gut, dass du es uns sagst. Warum nur kam noch keiner vor dir auf den Gedanken?«

»Spitzfindigkeit ist hier nicht angebracht«, wies Nudin den Schönen mit seiner krächzenden Stimme zurecht.

Der Rat schwieg.

Die Frauen und Männer erinnerten sich stumm an all die zurückliegenden Versuche, den unsichtbaren Gegner zurückzuschlagen.

»Welche Formeln wir auch angewendet haben, das Tote Land liegt wie ein schwarzes, fettes Tier in Gauragar, Tabaîn, Âlandur, dem ehemaligen Lesinteïl und der Goldenen Ebene, das heute Dsôn Balsur ist«, sagte Lot-Ionan.

»Mit den Kräften, die wir dabei freigesetzt haben, hätten wir Gebirge sprengen und Seen verdampfen können«, fügte Andôkai hinzu, die sich mit Zerstörung sehr gut auskannte. Die Maga bekannte sich zu Samusin, dem Gott der Winde, und strebte danach, auch das kleinste Lüftchen zu beherrschen. So unberechenbar wie der Wind war auch ihr Temperament, und nicht selten hatte sie den Ausbruch eines Sturmes verursacht.

»Offensichtlich hat es nicht ausgereicht«, meinte Turgur. »Das Tote Land hat seine Krallen in die Erde geschlagen und verharrt.«

»Eben nicht!«, widersprach Andôkai harsch. »Es lauert und scheint nun zum Sprung bereit. Wenn wir nichts unternehmen, wird der Angriff mit Sicherheit erfolgen!«

Lot-Ionan ergriff wiederum das Wort. »Ich habe nachgedacht. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Kräfte ausreichen, um die Bedrohung in Schach zu halten. Doch wenn wir unsere Schülerinnen und Schüler nach Porista holen und sie in das Ritual einbinden, könnte es uns gelingen, die Kraft zurückzuschlagen.« Er schaute abwartend in die Runde. Schon seit einiger Zeit hatte er über dieser Frage gebrütet. Jeder von ihnen hatte mindestens dreißig junge Famuli und Famulae, die sich zumindest in der Lage befanden, Magie zu nutzen. »Wenn wir die Gewalt von mehr als einhundertachtzig Magiekundigen gegen das Tote Land bündeln, werden wir einen Erfolg erzielen.«