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Die Frau lehnte sich an Lot-Ionan. »Es ist erstaunlich«, sagte sie leise. »Wir haben alle so unterschiedliche Ziele und sind uns dennoch einig.«

»Hast du geglaubt, dass Maira als Älteste von uns etwas dagegen haben würde? Sie kennt die Auswirkungen des Toten Landes genau und versammelt die edelsten, reinsten Geschöpfe in ihren Wäldern, um ihnen eine sichere Bleibe vor den Orks zu bieten.«

»Ja, ich habe gehört, dass sich die letzten Einhörner in ihrem Reich versammeln. Dort sind sie vor den Bestien geschützt«, stimmte sie zu. »Wir sind auf dem besten Weg, dass es bald im ganzen Geborgenen Land wieder so sicher wie vor elfhundert Zyklen sein wird. Es wird auch dringend Zeit.«

Er genoss ihre seltene Nähe und legte einen Arm um sie. »Turgur erstaunte mich«, gestand er. »Ich dachte immer, er kreist nur um sich selbst. Sein Lebensstil wird von kultivierter Gepflegtheit, Schönheit und Künstlerischem beherrscht. Doch jetzt …«

Sabora lachte. »Er wird Angst um seine vollkommenen Pflanzen und Gärten haben, die er sich mit seiner Magie schuf. Das Tote Land würde sich über seine Schmuckplätze und Parkanlagen sehr freuen.« Sie richtete sich auf. »Ich habe gehört, Gorén sei hier gewesen. War er nicht einer deiner Famuli?«

»Gorén? Hier? In Porista? Er lebt doch in Grünhain.«

»Turgur erzählte mir, dass er sich nach der letzten Versammlung mit ihm und einem Famulus Nudins getroffen habe.«

»Wenn ich es nicht besser wüsste«, sagte der Magus im Scherz, »nähme ich eine Verschwörung an. Der Schöne setzt sich mit den Schülern seiner beiden Konkurrenten zusammen und entlockt ihnen die Forschungsergebnisse.«

»Das wäre eine seltsame Vermischung. Magische Schönheit, das Sehen von Magie und …« Sie zögerte. »Ich weiß gar nicht, was Nudin erforscht. Du?«

»Nein, er hat nichts darüber gesagt«, entgegnete er. »Aber es muss sehr aufwändig sein, sodass er kaum dazu kommt, sich zwischen seinen Experimenten zu bewegen.« Ihre Worte hatten seine Neugier geweckt, und er beschloss, Turgur später nach dem Wiedersehen mit Gorén zu fragen. Zärtlich schlang er beide Arme um sie und wiegte sie sanft. »Vergessen wir für ein paar Stunden die anderen, Sabora«, bat er sie sanft. »Wir sehen uns zu selten.«

»Viel zu selten«, bestätigte die Frau mit den kurzen silbernen Haaren. »Ich werde Andôkai vorschlagen, das Reich mit ihr zu tauschen, damit wir uns näher sind.«

»Ihre Untertanen würden den Wechsel begrüßen. Nach den Stürmen zöge die Stille in ihr Land«, neckte er sie.

»Du weißt, dass die stillen Wasser die tiefsten sind«, gab sie mit einem schelmischen Funkeln ihrer graubraunen Augen zurück.

Das Geborgene Land, das Königreich Gauragar im Jahr des 6234sten Sonnenzyklus, Frühsommer

Tungdils braune Zwergenaugen gewöhnten sich rasch an die Dunkelheit. Die Wände waren glatt poliert und sauber aus dem dunklen Fleisch des Berges herausgeschlagen worden. Es sah ganz nach zwergischer Bergmannskunst aus, Menschen machten sich diese Mühe sicherlich nicht.

So beeindruckend die Legende über den Goldberg auch anzuhören gewesen war, der Zwerg glaubte sie nicht mehr. Das Wenige, das er bisher entdeckt hatte, machte auf ihn den Eindruck einer Bleibe, nicht einer Goldmine.

Tungdil kletterte mehrere Treppen hinab und stand letztlich vor einem geöffneten Fallgitter. Dahinter war eine massive Eichentür angelehnt, dicke Eisenbänder umfassten das Holz, Stahlplatten verstärkten es zusätzlich. Wenn sie zufiele, säße er in der Falle.

»Ho?!«, rief er. »Jemand da? Herr Gorén?!«

Außer dem dumpfen Nachhall seiner Stimme war nichts zu hören, und nach einer Weile war es wieder still wie in einem Grab. Er ging weiter.

»Mein Name ist Tungdil. Magus Lot-Ionan schickt mich, hört Ihr?«, rief er laut, damit niemand auf den Gedanken käme, er sei ein Einbrecher. Auf der anderen Seite der Tür erkannte er mehrere Hebel, mit denen sich das Fallgitter heben und senken ließ, wie er durch neugieriges Ausprobieren herausfand. Die Geräusche, die dabei entstanden, waren sehr laut. Zu laut.

»Verzeiht«, rief er wieder und eilte weiter, um Gorén endlich zu finden.

Es ging tiefer und tiefer in den Tafelberg hinein. Tungdil kam sich vor, als wäre er in einem Zwergenreich gelandet. Treppen und Stufen führten in die steinerne Geborgenheit und gaben ihm einen ungefähren Eindruck, wie es in den Gebirgen seines Volkes aussehen musste. Schließlich stand er in der Küche, einem sauber aus dem Gestein gehauenen, großen Raum mit Öfen, die ebenso wie das Geschirr schon lange nicht mehr benutzt worden waren.

»Herr Gorén?!« Tungdil setzte sich, stellte sein Gepäck ab und wartete eine Weile. Ihn beschlich ein schrecklicher Verdacht. Ob er gestorben ist? Energisch beschloss er, seine Zurückhaltung aufzugeben und nach Hinweisen auf den Verbleib des Famulus zu suchen.

Er marschierte die erstbeste Tür hinaus und den dahinter liegenden Gang entlang. Zunächst gelangte er in eine große Höhle, die sich über zweihundert Schritt Länge und vierzig Schritte Breite erstreckte. Ein Garten war darin nach allen Regeln der Kunst angelegt worden, doch das Fehlen einer pflegenden Hand sorgte dafür, dass er verwildert war. Das benötigte Licht fiel über Spiegel herein und brachte die Pflanzen trotz der Kühle zum Wachsen. Der Regen, der durch Kanäle im Stein von oben durchsickerte, bewässerte sie; vereinzelt tropfte Wasser von der Decke.

Tungdil ging weiter, bahnte sich einen Weg durch das wuchernde Grün, folgte dem Gang und fand sich in einem Studierzimmer wieder. Der Anblick war ihm wohl vertraut: lose Pergamente und voll gekritzelte Papyri, aufgeschlagene Bücher, die auf den Tischen und auf dem Boden übereinander lagen …

»Ein Teil seiner Aufzeichnungen?«, wunderte er sich laut. Das würden andere schon als Bibliothek bezeichnen. Zögerlich machte er sich an die Arbeit, nach einem Hinweis auf den Verbleib Goréns zu suchen.

Die meisten verstaubten Werke, in denen er herumblätterte, verstand er nicht. Sie waren in der Gelehrtensprache der Zauberer verfasst, die nur hochgradige Famuli und Magi beherrschten. Reichtum? Langes Leben? Ewige Gesundheit? Woran mag er geforscht haben? Doch das konnte ihm gleichgültig sein, seine Aufgabe bestand darin, den Sack mit den Artefakten endlich an den richtigen Mann zu bringen.

Hinter einem Schrank fand er einen Packen Briefe. Darin tauschte sich Gorén mit zwei anderen Gelehrten über Besessenheit aus: welche Formen es davon gab, welche bekannt und welche aufgetaucht waren und ob es möglich sei, durch einen Geist beherrscht zu werden.

Einer der Gelehrten musste ein hochgradiger Magus sein, denn Tungdil konnte nichts davon lesen. Der andere schrieb wie ein Famulus ersten Grades und beschrieb Veränderungen eines Mannes, äußerlich und charakterlich. Aber einen Hinweis auf den Verbleib Goréns entdeckte er nicht.

Der Zwerg durchforstete weitere, angrenzende Zimmer, betrat kleinere Laboratorien, zum Teil geleerte Bibliotheken, Lagerräume für Zauberspruchzutaten, und entfernte sich dabei immer weiter vom Mittelpunkt des Tafelberges.

Dabei überdachte er seine Lage. Gorén war ganz offensichtlich nicht mehr hier; gleichzeitig hatte er Lot-Ionan hoch und heilig versprochen, die Dinge abzuliefern. Das bedeutete, dass er nicht eher nach Hause zurückkehren würde, bis er seinen Auftrag erfüllt hätte. Auf den Schwur eines Zwerges war Verlass. Und Jolosin wird noch länger Kartoffeln schälen müssen. Auch nicht schlecht.

Plötzlich stieß Tungdil auf Inschriften, die eindeutig zwergischen Ursprungs waren. Der Schreck fuhr ihm in die Glieder. Hasstiraden, abgründige Feindschaften standen vor ihm für die Ewigkeit in Fels graviert. Wer immer den Meißel geführt hatte, hatte eine inbrünstige Verachtung und die schrecklichsten Todeswünsche gegen vier Stämme und all ihre Clans in die Schriftzeichen gelegt.

Das bedeutete ganz sicher eines. Diese Festung gehörte einmal dem Stamm Lorimbur! In Gauragar, im Menschenland, stolperte er also über ein Kapitel in der Geschichte seines Volkes, das in den herkömmlichen Aufzeichnungen verborgen blieb.