Geschaffen gegen die Vier, gefallen gegen die Vier, erinnerte er sich an die Worte im Fels. Das mochte heißen, dass die Dritten eine Befestigung mitten im Geborgenen Land geschaffen hatten. Um was zu tun? Um von hier aus die anderen Kinder des Schmiedes anzugreifen? Offensichtlich hatten sie eine Niederlage gegen ihre Verwandten erlitten, wenn er den Spruch treffend auslegte. Verflucht von den Vier, verlassen von allen Fünf. Anscheinend sollte eine Verwünschung verhindern, dass das Schwarzjoch jemals wieder bewohnt wurde.
Der Zwerg glaubte zu ahnen, was geschehen war. Gorén hatte durch einen glücklichen Zufall von den Tunneln und Räumen des Berges erfahren und beschlossen, sich sein eigenes Refugium zu schaffen. Sein Können hatte ausgereicht, um den Zwergenfluch zu verstehen und zu brechen, und er hatte sich hier eingenistet. Die Verse Erbaut mit Blut, gefärbt vom Blut hatten ihn wohl nicht weiter gestört.
Unvermittelt hörte Tungdil ein Flüstern, und seine Nackenhaare stellten sich auf. Die Wände sprachen zu ihm, Geister schienen ihn zu umkreisen und auf ihn einzuwispern.
Es ist nur meine Einbildung, sagte er sich.
Sie ließen ihn das Krachen der Äxte, das Klirren der Kettenhemden und das Schreien der Kämpfer hören. Die Geräusche schwollen an, das Getöse wurde lauter, die Rufe der Verletzten und Sterbenden unerträglich.
»Nein!«, rief Tungdil und presste die Hände auf die Ohren. »Lasst mich!« Doch die Illusion endete nicht, sondern wurde lauter und bedrohlicher, und daher lief er so schnell zurück wie er konnte. Ihn hielt nichts mehr hier, er wollte nur mehr aus dem Schwarzjoch und vor den Geistern fliehen.
Das Wispern, Schreien und Krachen ließen nach, je weiter er sich aus dem Stollenabschnitt entfernte.
Tungdil empfand selten Furcht, aber der Tafelberg stellte sein Herz auf eine harte Probe. Lieber stand er in strahlendem Sonnenschein oder im dichtesten Regen, als eine Nacht in diesem Gestein zu verbringen. Jetzt, wo er das entsetzliche Geheimnis der Festung zu einem Teil kannte, sah er die Geister seiner toten Ahnen um sein Nachtlager stehen.
Nach unzähligen Stunden der Suche entdeckte er zwar keinen ausdrücklichen Verweis auf den Verbleib Goréns, aber er fand den Namen einer Elbin mehrfach in selbst verfassten Liebesgedichten. Ein Ort war so oft auf den brüchigen Landkarten eingekreist worden, dass Tungdil annahm, Gorén sei dorthin weiter gezogen: nach Grünhain.
Um dorthin zu gelangen, standen Tungdils Füßen weitere dreihundertfünfzig Meilen nach Nordwesten bevor. Der Famulus hatte sich allem Anschein nach in den Forst zurückgezogen, der als Ausläufer des Ewigen Waldes galt, welcher wiederum im Elbenreich Âlandur lag. Legenden sprachen von der besonderen, friedvollen Stimmung, die zwischen den Stämmen herrschte; das Laub fiel und spross stets neu, ohne sich um Winter, Sommer, Frühjahr und Herbst zu kümmern.
Tungdil zählte die Hinweise zusammen und grinste. Er hat sich in ein Spitzohr verliebt und ist zu ihr gegangen. Die unbekannte Elbin bescherte ihm also eine Verlängerung seines Abenteuers, und das sorgte nicht unbedingt dafür, dass er die Spitzohren lieber mochte.
Der Zwerg wollte in die Küche zurückkehren, um von dort aus den Gang nach draußen zu nehmen, doch in Gedanken versunken verpasste er eine Abzweigung. Auf diese Weise sah er noch mehr von der Festung der Dritten. Er erkannte, dass sich der Stamm Lorimburs zwar Mühe gegeben hatte, Eindrucksvolles zu schaffen, aber es war ihnen nicht gelungen. Wände hingen schief, die Abstände zwischen den Tritten passten nicht, waren unregelmäßig gehauen. Der Fluch von Vraccas, der auf ihnen lastete, ließ sie das Elementarste aller Zwergenhandwerke mehr schlecht als recht beherrschen.
Schließlich stand er vor einem Torbogen, den die Erbauer mitten in den Fels gehauen hatten. Laut las er die Runen, die auf dem Schlussstein standen, und schon wurde eine Fuge in der massiven Wand sichtbar. Die Flügel aus Stein schoben sich malmend auseinander, um ihn nach draußen zu entlassen. Kaum hatte Tungdil ihn passiert, verschloss sich der Ausgang hinter ihm. So sehr er tastete und suchte, er entdeckte keine verräterische Spalte, die auf den Eingang hinwies. Wenigstens das konnten die Dritten.
Der kurze Weg durch den dichten Tannenwald erleichterte ihm die Gewöhnung an das Tageslicht, und als er schließlich die Straße entlang in Richtung Grünhain trottete, machte ihm die Helligkeit schon nichts mehr aus.
Zum ersten Mal auf seiner Reise freute sich Tungdil über das Summen der Bienen, den Geruch von Gras und den hellen Sonnenschein. Alles war besser als das Schwarzjoch.
V
Am Abend versammelten sich die sechs Frauen und Männer im Saal, um ihre Vorbereitungen zu treffen.
Die Stühle um den Malachittisch herum wurden entfernt. Auf den Marmorboden zeichneten sie einen großen Kreidekreis und versahen ihn mit farbigen Symbolen, Runen und Schriftzeichen; diese dienten dazu, die beschworene Magie nach der gelungenen Beschwörung festzuhalten und eine gewisse Zeit zu binden, damit sie nicht wirkungslos verpuffte. Dann sollten die Energien gleichzeitig in den Tisch in der Mitte geleitet werden.
Es dauerte Stunden, bis diese Arbeiten beendet waren. Kein Wort wurde gesprochen, denn eine Unterhaltung gefährdete die Konzentration, und ein falscher Strich hätte zur Folge gehabt, dass alles von neuem hätte aufgemalt werden müssen.
Lot-Ionan war als Erster fertig und betrachtete den dunkelgrünen Malachittisch, mit dem es eine besondere Bewandtnis hatte. Er hatte das ungewöhnliche Möbelstück einst bei einem Krämer entdeckt und mehr in dem Stein gesehen. Seine Nachforschungen hatten ergeben, dass die Mine, aus der der dunkelgrüne Malachit stammte, im Ausläufer eines Magiefeldes lag. So hatten seine Versuche die besondere Fertigkeit des Gesteins aufgedeckt, Magie zu speichern und auf Befehl freizusetzen. Der Malachit bewahrte die beschworenen Kräfte und formte daraus gebündelte Magie. Diese Erkenntnis kam seinen Nachfolgern und dem Geborgenen Land hunderte von Sonnenzyklen später zu Gute, denn ohne den Speicherkristall wäre es den Sechs niemals gelungen, das Tote Land aufzuhalten. Generationen von Magi und Magae hatten diese Eigenschaft des Malachits genutzt, und so sollte es heute wieder geschehen.
Turgur erhob sich und betrachtete seinen Kreis zufrieden; dann beobachtete er Nudin. »Etwas stimmt nicht«, raunte er Lot-Ionan zu. »Gib auf Nudin Acht.«
»Wieso?«, fragte der Magus verwundert. »Was …«
Nudin richtete sich auf und schaute zu ihnen herüber; sein aufgedunsenes Gesicht wirkte misstrauisch, als er die leise tuschelnden Männer bemerkte.
»Nicht jetzt. Ich erkläre es dir und den anderen später«, meinte Turgur. »Stehst du mir bei?«
»Dir beistehen?« Der Magus mit dem langen weißen Bart hatte seinen Verstand voller magischer Formeln; er wusste mit dem geheimnisvollen Getue des Schönen nichts anzufangen.
Bevor er nachfragen konnte, wies sie Maira an, ihre Plätze einzunehmen. Der Mond und die Sterne standen am Himmel, als die Zauberkundigen in die Kreise um den Tisch traten. Die Zeremonie konnte beginnen. Die Kuppeldecke über ihren Köpfen geriet in Bewegung und schwenkte zur Seite, sodass sie nichts als das Firmament über sich hatten.
Die Sechs breiteten die Arme aus, hielten sie waagrecht von ihren Körpern abgespreizt und rezitierten mit geschlossenen Augen die Formeln, welche die magischen Kräfte zusammenzogen.
Jeder sprach seine eigenen Silben. Maira sang, Andôkai zischte wütend und aufbrausend, Turgurs Formeln klangen so arrogant wie er, wohingegen Sabora kaum vernehmbar flüsterte. Die Stimmen mischten sich zu einem verworrenen, beschwörenden Choral, dem die Magie nicht widerstehen konnte.
Nudin und Lot-Ionan hörten sich beinahe identisch an. Sie trugen die Worte feierlich, erhaben vor, als stünden sie vor einem König und begrüßten ihn ehrfürchtig.