Es passte ihm gar nicht, dass er immer näher an die Front zum Toten Land geriet. Die Nordseite des Zauberreiches grenzte unmittelbar an dessen vorderes Ende; der Hain lag allerdings immer noch sichere einhundertzehn Meilen davon entfernt. Sollten die Magi eines Tages nicht mehr Herren der Lage sein, müsste sich Gorén mit dem Gedanken anfreunden, den Wald zu verlassen.
Kurz hinter dem Schwarzjoch entdeckte er eine Niederlassung der Meldeboten. Damit sich Lot-Ionan keine Sorgen um ihn und seinen Verbleib machte, setzte Tungdil einen weiteren knappen Brief auf, in dem er schilderte, was ihm bislang widerfahren war und wohin er nun unterwegs war. Der Auftrag kostete ihn seine letzten geliebten Goldmünzen.
Das Wetter meinte es gut mit ihm. Die Sonne schien warm und freundlich vom Himmel, und der Wind sorgte dafür, dass es ihm unterwegs nicht zu heiß wurde. Wenn die Temperaturen dennoch stiegen, setzte sich der Zwerg in den Schatten eines Baumes und wartete ab, bis es Nachmittag wurde. Seine Beine fühlten sich viel kräftiger an als früher, das Gewicht des Kettenhemdes spürte er nicht mehr. So hatte die Wanderung noch mehr Gutes.
Tungdil fand nur wenig Gefallen an Lios Nudin. Das Land war eher flach, und die sanften Hügel wurden von den Bewohnern des Zauberreiches ehrfurchtsvoll »Hochland« genannt. Dafür gab es Wiesen und Felder, so weit seine Augen reichten. Kühe und vor allem Schafe, die von aufmerksamen Hunden gehütet wurden, standen wiederkäuend umher. Die wenigen Wälder waren licht, dafür sehr alt. Wo die Bäume einmal ihre Wurzeln eingegraben hatten, schienen sie bis in alle Ewigkeit stehen zu wollen.
Lios Nudin kannte keine großen Städte. Abgesehen von der Hauptstadt, die er in weiter Entfernung südlich passierte, gab es noch Lamtasar und Seinach, in denen mehr als dreißigtausend Menschen lebten.
Die vielen Dörfer und Gehöfte machten es Tungdil einfacher, unterwegs Gelegenheitsarbeiten als Schmied zu finden, um seinen Proviantbeutel mit geräuchertem Speck, Brot und Käse als Lohn für seine Dienste aufzufüllen; nach Gold fragte er die einfachen Bauern nicht einmal.
Seit vier Umläufen lief er nun auf der Landstraße nach Westen. Sobald er die Grenze überquerte, stünde er wieder in Gauragar und müsste schräg nach Norden gehen, um Grünhain zu erreichen.
Ich hoffe, dass Gorén sich inzwischen nicht mit seiner Elbin zerstritten hat und an einen anderen Ort gezogen ist. Tungdil sah sich in seinen Albträumen den Rest seines Lebens damit verbringen, dem ehemaligen Famulus von Lot-Ionan hinterherzulaufen, um die verfluchten Artefakte zurückzugeben. Andererseits machte er viele neue Erfahrungen, und auch an das Leben an der Oberfläche hatte er sich inzwischen gewöhnt.
Die Eindrücke des Orküberfalls lagen nun Wochen zurück und hatten allmählich ihren Schrecken verloren. Tungdil gefiel es, den Geschichten der Bauern zuzuhören, die Düfte des Landes einzuatmen und die verschiedenen Dialekte der Menschen zu hören. Das Geborgene Land bot tagtägliche Vielfalt.
In einsamen Stunden vermisste er die Geborgenheit des Stollens mit seiner übersichtlichen Weite, den schützenden Gängen und niedrigen Räumen. Die Bücher fehlten ihm ebenso wie die Gespräche mit den rangniederen Famuli und mit Sunja oder Frala, deren Halstuch noch immer an seinem Gürtel hing.
Dabei hoffte er die ganze Zeit über, dass sich sein Volk um ihn als den verlorenen Zwerg kümmerte und seinem Ziehvater eine Antwort schickte. Tungdil dachte Tag für Tag daran und betete zu Vraccas, dass sie ihn überhaupt sehen mochten.
Gegen Nachmittag wurde die Umgebung bewaldeter; immer mehr Bäume ragten in den Himmel, bis sie einen hellen, freundlichen Forst bildeten. Es handelte sich um die ersten Ausläufer seines Ziels: Grünhain lag zum Greifen nahe.
Laut seiner Karte befand er sich fünfzig Meilen westlich von Lios Nudin und einhundert Meilen südwestlich von der Grenze des Toten Landes entfernt und somit auf sicherer Erde. Es hätte ihn verwundert, hier auf Orks zu treffen.
Da brach ein Ast im Wald.
Da Tungdil die Geräusche der Natur inzwischen gut kannte, wusste er, dass ein solches Geräusch nicht von einem kleinen Zweig stammte. Etwas Schweres hatte das Holz zum Krachen gebracht. Er legte die Hand an den Stiel seiner Axt und spähte dorthin, woher der Laut gekommen war.
Wieder knackte es.
»Holla!«
Seine fordernde Stimme schreckte das Reh auf, das zwischen den Bäumen nach saftigem Gras suchte. Das Wild sprang davon, er sah das weiße Hinterteil auf und nieder wippen, ehe es von einem Stamm verborgen wurde.
Erleichtert lachte er auf. Was hätte es auch sonst sein sollen? Während Tungdil durch den Wald wanderte, fühlte er, wie Ruhe und Ausgeglichenheit von ihm Besitz ergriffen. Die Bäume schienen einen Frieden zu verströmen, den er in sich aufnahm; das Vogelgezwitscher klang lebendiger, freudiger als bisher. Die Tiere begrüßten ihn, wie man einen lange vermissten Freund empfängt, der nach einer langen Reise zurückkehrte.
Aus der dreckigen, staubigen Straße wurde ein mit Gras überzogenes, grünes Band, das sich harmonisch in die Natur einfügte. Seine Sohlen liefen auf federndem, verführerisch weichem Untergrund. Selbst die drückende Sommerhitze, die ihm in den letzten Tagen zu schaffen gemacht hatte, war im Schatten des hellen Blätterdachs erträglich. Ein leichter Wind trug die Schwüle davon, und das Marschieren fiel ihm leichter denn je.
Die Geräusche des Hains wurden ihm vertrauter, das Knacken wiederholte sich öfter. Er sah Rehe, Hirsche und Wildschweine rasch im Schutz der Bäume verschwinden, wenn er in ihrer Nähe vorbeikam. Es wimmelte nur so von Tieren. Sie schienen die Stimmung des Waldes ebenso zu spüren wie er und sich wohl zu fühlen.
Ich werde dem Spitzohr gegenüber zurückhaltend und abwartend auftreten, dachte Tungdil. Das Volk der Zwerge und das der Elben hassten sich, aber er persönlich dachte nicht daran, jemanden zu hassen, der ihm nachweislich nichts Böses getan hatte. Ich will sehen, wie sie mich empfängt.
Wieder krachte ein Ast. Dem lauten Geräusch nach zu urteilen würde er gleich vor einem stolzen Hirsch stehen und voller Ehrfurcht dessen Geweih betrachten.
Die nächsten dünnen Stämme brachen, Zweige knackten, dann wurde geflucht. Auf Orkisch.
Die Harmonie des Hains zerbrach wie dünnes Glas unter der Wucht eines Schmiedehammers. Tungdil roch durchdringenden Schweiß, ranziges Fett. Eben glaubte er sich noch in Sicherheit, nun purzelten die Orks aus dem Gebüsch und wollten ihn in Scheiben schneiden.
Vor ihm trat eine besonders hässliche Grünhaut auf den Weg. Sie war bis an die vorstehenden Fänge gerüstet und beinahe doppelt so groß wie der Zwerg.
»Verfluchtes Grün! Wir brennen das Zeug nieder, dann ist es einfacher zu marschieren.« Wütend klaubte sich das Ungeheuer einen Ast aus der Rüstung. Noch bemerkte es den Zwerg nicht.
Seine Begleiter, die hinter ihm aus dem Wald kamen, waren aufmerksamer als er. »He, Frushgnar! Vor dir!«
Der kurze Ruf genügte, und der kantige Schädel fuhr herum. Das breite Maul öffnete sich zu einem einschüchternden Drohgebrüll. Die winzigen, tief in den Höhlen sitzenden Augen richteten sich funkelnd auf Tungdil. »Ein Unterirdischer! Du kommst mir recht«, schrie der Ork und zog sein gezacktes Schwert.
»Ich wollte, ich könnte das Gleiche von dir sagen.« Als der Zwerg über seine Schulter schaute, verlor er seine Gesichtsfarbe. Es krochen immer mehr Bestien aus dem Wald, bei dreißig hörte er auf zu zählen. Ein Kampf war dieses Mal unvermeidbar. Wie ein Kind des Schmiedes wollte er sich den Orks stellen und gegen sie fallen. Vielleicht schaffte er das Kunststück, wenigstens einen zu töten und damit vor Vraccas nicht ganz so unzwergisch zu erscheinen. Der Wille zählte. »Aber da ihr nun mal da seid, muss ich euch erschlagen.«