Balendilín hatte ihm versprochen, dass er in aller Heimlichkeit Nachforschungen anstellen lassen wollte, woher Tungdil stammte, auch wenn er dem Vorhaben nur wenig Aussichten auf ein echtes Resultat einräumte. Obwohl der Berater es nicht aussprach, so hing immer noch der Verdacht in der Luft, dass Tungdil ein Kind der Dritten vom Stamme Lorimburs sein könnte. Das aber bestritt Tungdil heftig, weil er sich den Zwergen hier sehr verbunden fühlte und kein bisschen Argwohn ihnen gegenüber spürte. Doch darum würden sie sich später kümmern. Nun galt es, Tungdils Kampfkunst weiter zu verbessern, falls Gandogars Vorschlag auf einen kriegerischen Wettstreit hinausliefe. Er selbst wusste noch nicht, was er als Prüfung wählen sollte.
Das Los mit der fünften Disziplin, das als letztes gezogen wurde, blieb ein Quell der Unsicherheit. Jeder von ihnen durfte vier eigene Vorschläge niederschrieben und in den Beutel werfen, und was am Ende gezogen wurde, lag in Vraccas Hand …
Als Tungdil seine Kammer betrat, lagen die Bücher Goréns und der geöffnete Sack mit den Artefakten auf seinem Bett. Andôkai hat die Sachen in Augenschein genommen!
Er sah die Überreste zweier versilberter Karaffen und besah die verschnörkelten Gravuren. Wie schade. Wenn man nur einen Tropfen einer Flüssigkeit hineingab, so stand da geschrieben, füllten sie sich immer wieder von selbst auf. Zwischen dem Glas blinkten die zerbrochenen Überreste eines Handspiegels, der sein bärtiges Gesicht verzerrt reflektierte. Damit habe ich sieben Jahre Unglück. Er nahm eine Scherbe in die Hand und grinste voller Galgenhumor hinein. Als ob es darauf noch ankäme.
Als Nächstes begutachtete er zwei armlange Stücke Holz, die grau und metallisch schimmerten und die er nicht genau bestimmen konnte. Die Maserung verlief wirr und in alle Richtungen. Prügel? Was hat es denn damit auf sich? Achtlos warf er sie zurück aufs Bett.
Die Maga hatte ihm noch eine Nachricht hinterlassen, die er zuerst nicht lesen mochte, weil er eine rasende Wut auf sie verspürte und ihren Abschied sowie das Herumschnüffeln als Verrat empfand; aber die Neugier ließ ihn die Botschaft dann doch zur Hand nehmen.
Das Rätsel ist zu einem Großteil gelüftet.
Die Bücher geben tatsächlich einen Rat, was man gegen Nôd’onn tun kann, aber es ist unmöglich. Deshalb bin ich gegangen.
Die Aufzeichnungen aus dem Jenseitigen Land berichten von dämonischen Wesen, die an einem Ort namens Ödenland hausen und in die Menschen fahren, um von ihnen Besitz zu ergreifen und ihnen unvorstellbare Macht zu geben. Fortan sei der Mensch von dem Wunsch beseelt, alles zu unterwerfen und das Gute zu vernichten, wann immer er ihm habhaft werden könne.
Die Aufzeichnungen in dem anderen Buch berichten von einer Waffe, einer Axt, die von den »Untergründigen« geschmiedet wurde, um die Dämonen in den Menschen zu vernichten.
Die Klinge sei aus dem reinsten, härtesten Stahl, die Widerhaken am anderen Ende seien aus Stein, der Griff aus Sigurdazienholz, die Intarsien und Runen aus allen edlen Metallen, die sich in den Bergen finden; die Schneide aber sei mit Diamanten besetzt.
Geschmiedet soll sie sein in der heißesten Glut, die eine Esse zu entfachen vermag. Ihr Name sei Feuerklinge.
Damit muss der Mensch getötet werden. Die Schneide der Feuerklinge fährt durch Fleisch und Knochen des Lebenden, um das Dämonische in seinem Innersten zu treffen und zu vernichten. Alles, was es verursacht hat, wandelt sich zurück zum Guten.
Eine Passage hat sich mir verschlossen, somit bleibt ein Rest von Ungewissheit, was die Hoffnung vollends zerstört.
Ich weiß jetzt, warum Nôd’onn den Sack mit den Artefakten haben wollte. Es ging ihm um die Holzstücke, sie sind aus einer Sigurdazie gemacht.
Es gibt keine Sigurdazien mehr im Geborgenen Land. Ihr Holz war zu hart und zu schwer, um es mit den üblichen Werkzeugen bearbeiten zu können. Die Menschen glaubten, es sei von den Göttern verzaubert, und nutzten es wegen des intensiven Geruchs und der dunkelroten Flammen als heiligen Brennstoff, bis alle Sigurdazien ausgerottet waren. Ich sah einst in meinem Reich eine, die bei einem Fest zu Ehren Palandiells angesteckt wurde, und das muss schon vor einhundert Zyklen gewesen sein.
Selbst wenn es gelänge, diese Wunderwaffe zu schmieden, wird es nun niemandem mehr gelingen, so nahe an Nôd’onn heranzukommen, um ihn damit zu töten. Es ist unmöglich, ein Wunschtraum, ein Wahnwitz.
Wenn die Zwerge Verstand haben, sollten sie das Gebirge verlassen und im Jenseitigen Land nach einer neuen Heimat Ausschau halten. Vielleicht nehmen die Untergründigen sie auf.
Mich hält nichts mehr.
Tungdil las das Schreiben mehrmals, bis er begriff, dass es eben doch ein Mittel gegen den Mörder Lot-Ionans gab. Es ist alles da. Wir haben selbst das Holz!
Er rannte zu Balendilíns Kammer, in der kleine Öllampen für Licht sorgten. Die ganze Einrichtung war wie überall sorgfältig aus dem Stein herausgehauen worden; die umsichtigen Handwerker hatten selbst das Bett und die Schränke aus dem Felsen getrieben, sodass es aussah, als hätte das Gebirge eigens ein Zimmer für Balendilín geformt.
Tungdil reichte ihm die Zeilen der Maga.
»Es gibt Schriftrollen, in denen von Verwandten unseres Volkes auf der anderen Seite der Gebirge die Rede ist«, murmelte der Berater nachdenklich, als er über die Bezeichnung »Untergründige« stolperte. »Dort scheint man mehr Erfahrung mit dem Toten Land zu haben.«
Tungdil hob das Blatt. »Nun wundert mich nicht mehr, dass Nôd’onn Jagd auf die Bücher und den Sack gemacht hat, aber es ist zu spät. Balendilín, wir kennen jetzt seine verwundbare Stelle! Wir müssen den Königreichen der Menschen davon berichten, damit sie Hoffnung schöpfen und ausharren, während wir die Klinge schmieden«, sagte er begeistert. »Das Menschenheer muss ihn so lange aufhalten.«
Nachdenklich las Balendilín den Abschnitt über die Zusammensetzung der Feuerklinge. »Wir brauchen die Vierten, welche die besten Diamantschleifer in ihren Clans haben. Unser Volk kann die Steinmetzen stellen, doch die besten Schmiede fehlen uns.«
»Borengar?«
»Richtig. Auch die Fünften waren einst Meister darin, aber sie existieren nicht mehr. Die neun Clans vom Stamm der Ersten sind nicht zu unserer Versammlung erschienen.« Balendilíns Miene verfinsterte sich. »Das ist nicht die einzige Hürde. Die heißeste Esse, die jemals im Geborgenen Land glomm, stand im Königreich der Fünften. Sie hieß Drachenbrodem und brachte das härteste Metall zum Schmelzen. Doch seit mehr als eintausend Zyklen herrscht dort nun das Tote Land.« Er bedeckte das Gesicht mit seinen breiten Händen. »Die Zauberin hatte Recht. Es ist unmöglich.«
»Nein, ich gebe nicht auf. Rufen wir die Versammlung ein und lassen sie entscheiden«, verlangte Tungdil. »Wir sollten wenigstens zu den Ersten reisen und sie um Hilfe bitten. Danach …« Er verstummte. »Ich werde die alten Schriftrollen durchsehen, vielleicht entdecke ich noch etwas, das uns helfen könnte.«
»Ich wünsche dir dabei viel Glück.«
Der Zwerg verließ die Unterkunft, um sich in die Gewölbe mit dem gesammelten Wissen der Zweiten zu begeben. Nach dem Freudentaumel folgte die schmerzhafte Ernüchterung, trotz der neuen Erkenntnisse kaum gegen den Untergang aufbegehren zu können.
Nein. Ich gebe nicht auf. Gerade die Aussichtslosigkeit ihrer Lage rief Tungdils Trotz hervor.
Mit der Eigensinnigkeit und Hartnäckigkeit, die seinem Volk zu Eigen war, machte er sich daran, die Schriften des Stammes zu lesen. Tungdil schwor, nicht eher in seinen Bemühungen nachzulassen, bis er einen Ausweg fand.