»Ich möchte zunächst, daß Sie ein Konto bei der Handelsbank am Hollywood Boulevard anlegen. In der Tasche meines Überziehers finden Sie eine Rolle Banknoten. Bitte zahlen Sie sie darauf ein.« Sternli blickte kurzsichtig nach dem Schrank, und während er die Tür aufmachte, nahm ich das Scheckbuch aus meiner Brieftasche und schrieb: »Auf das Konto von Herrn Anton Sternli, Dollar 100 000.–, Roger Hinds.«
Sternli kam mit dem Geld in der Hand zurück. »Wieviel soll ich nehmen?« fragte er.
»Alles. Zählen Sie nicht erst nach – zahlen Sie es einfach ein. Und nehmen Sie das hier mit.« Ich händigte ihm den Scheck aus.
Plötzlich hörte der Befehl des Hirns auf. Ich fühlte, wie der Schmerz mich übermannte, und nahm die Morphiumspritze, die Janice im Falle eines Anfalls vorbereitet hatte.
Sternli nahm den Scheck und den Schlüssel. Er hielt das Papier dicht an die Augen und starrte es mit offenem Munde an. Er hatte Donovans Handschrift erkannt.
Zweiter Dezember
Heute bin ich zum erstenmal aufgestanden. Ich muß noch wochenlang den Gipsverband tragen. Mein Rücken schmerzt immer noch, und wenn ich mich bewege, komme ich mir wie eine Schildkröte vor.
Ich kann nicht länger im Bett bleiben. Donovan befiehlt mir aufzustehen, und mir tut der ganze Körper weh von seinen Befehlen ...
Janice muß mich anziehen, ich kann mich nicht vornüber beugen.
Sie hat mir Riesenhemden gebracht und einen Anzug, der einem Barnum'schen Wundermenschen passen würde, damit ich ihn über den lästigen Gipsverband ziehen kann.
Das Hirn hat enorm an Kraft gewonnen. Seine Befehle kommen so klar zu mir, als hörte ich sie dicht an meinem Ohr ausgesprochen, mit lauter Stimme und höchst energisch.
Wenn ich ihm nur mitteilen könnte, daß ich noch nicht zu gebrauchen bin. Ich habe Schratt beauftragt, dem Hirn diese Nachricht in Morse zu übermitteln, aber ich weiß nicht, ob er genug Morse kann, um die Botschaft deutlich zu klopfen.
Ich möchte in die Wüste zurück. Ich möchte die Entwicklung des Hirns selbst überwachen. Aber es befiehlt mir hierzubleiben.
Es hat mir befohlen, mich mit Cyril Hinds, dem Mörder, in Verbindung zu setzen, dessen Verhandlung nahe bevorsteht.
Dritter Dezember
Sternli hat das Konto unter seinem eigenen Namen eröffnet und eine Vollmacht für mich mitgebracht. Jetzt kann ich Schecks ausstellen, ohne auf Donovans Unterschrift zu warten. Ich fragte Sternli, wie ihm zumute sei – daß er nun wieder fünfzig Dollar pro Woche verdiene, und Schecks über Tausende ausstellen könne.
Er schien ganz erschrocken über diesen harmlosen Scherz und sah mich durch seine dicken Brillengläser entgeistert an. Er stammelte ein paar Worte, und ich mußte ihn förmlich beruhigen. Er betrachtet mich oft besorgt, seit ich Donovans Unterschrift so geschickt »gefälscht« habe.
Als Janice hereinkam, leuchteten Sternlis blaue Augen auf, und er vergaß, daß ich im Zimmer war. Er betet sie an. Ich weiß nicht, was Janice tut, daß alle Männer sie vergöttern.
Sie ist selbstlos. Was immer sie tut, sie denkt nie an sich selbst.
Vielleicht ist das ihr einfaches Geheimnis.
Vierter Dezember
Zu gewissen Zeiten lähmt mich das Hirn geradezu. Wenn es früher Befehle gab, so habe ich willig gehorcht. Zuerst mußte ich mich sogar sehr konzentrieren, um zu verstehen, was es wünschte. Sonst hätte meine eigene Persönlichkeit sich dazwischen geschoben. Jetzt kann ich keinen Widerstand leisten.
Ich habe es versucht, ich habe dagegen angekämpft. Vergebens!
Heute befahl es mir, eine Feder zu nehmen und zu schreiben. Janice war im Zimmer, und ich wollte sie nicht sehen lassen, daß ich mich wie die Kreatur eines Hypnotiseurs benahm.
Sie hatte mir gerade mein Abendessen gebracht. Wir sprachen über Sternli und seine seltsame Verehrung für sie, die sie lächelnd verteidigte, als das Hirn sich dazwischendrängte. Ich fühlte, wie meine Zunge steif wurde. Ich war gezwungen aufzustehen und zum Schreibtisch hinüberzugehen. Ich sah mein eigenes Betragen so losgelöst wie ein Fremder, der meterweit von mir entfernt ist. Ich wollte nicht weiter. Jedoch ich bewegte mich völlig mechanisch.
Janice war nie zuvor Zeugin einer Willenskundgebung Donovans gewesen, und sie hatte Angst. Immerhin war sie beherrscht genug, den Arzt vom Dienst nicht zu rufen.
Ich setzte mich an den Schreibtisch und fing an zu schreiben. Janice sprach zu mir, sie war zuerst erstaunt, dann schnell beunruhigt, daß ich nicht antwortete.
In meiner Haltung war nichts Ungewöhnliches – außer dem Ausdruck meines Gesichtes. Während der Perioden telepathischer Verbindung werden meine Augen starr, mein Gesicht verliert jeden Ausdruck und wird leer, wie aus Wachs gemacht.
Janice kannte mich gut genug, um sofort zu wissen, daß ich mich wie in einem hypnotischen Trancezustand benahm.
Ich schrieb auf das Papier: »Cyril Hinds, Nat Fuller.«
Cyril Hinds war der Mörder. Nat Fullers Name erschien zum erstenmal ...
Der Bann brach so schnell, wie er gekommen war. Ich bekam wieder Gewalt über meine Bewegungen.
Janices Gesicht war kalkweiß. In ihren Augen lag abgründiges Entsetzen. »Du hast mit der linken Hand geschrieben«, stammelte sie, »das Hirn ...«
Ich ging zum Tisch zurück und begann zu essen. Ich versuchte mich so gelassen wie möglich zu benehmen ... Aber ich hatte zum erstenmal zu meinem eigenen Entsetzen entdeckt, daß ich unfähig war, dem Befehl des Hirns Widerstand zu leisten.
»Nun, und wenn?« fragte ich. »Du weißt ja, daß das Hirn lebt. Von Zeit zu Zeit sucht es die Verbindung mit mir. Dieser Schritt vorwärts in meinem Experiment wird Geschichte machen! Nachdem das menschliche Hirn während des Lebens des menschlichen Körpers niemals seine volle Entwicklung erreicht, werde ich vielleicht fähig sein, es reifen zu lassen, indem ich es künstlich am Leben erhalte. Dieser telepathische Kontakt ist nur ein Anfang. Hast du nie gehört, daß ein Wissenschaftler, der experimentiert, jede persönliche Gefahr willig auf sich nehmen muß? Die Welt ist vielen Forschern Dank schuldig, die ihre eigenen Meerschweinchen wurden, um zu großen Entdeckungen zu gelangen!«
»Aber es beherrscht dich ... du beherrschst es nicht!« Sie war aufgebracht.
»Da irrst du dich!« antwortete ich, um die Diskussion abzubrechen, die ich vorausgesehen und gefürchtet hatte. Wenn sie nur eine angestellte Sekretärin gewesen wäre, hätte sie nie gewagt, mich herauszufordern. Aber sie war meine Frau.
»Ich unterwerfe mich freiwillig den Befehlen des Hirns und kann damit zu jeder beliebigen Zeit aufhören!«
Janice sah mich an – sie war bleich, ihre großen Augen dunkel. Sie las meine Gedanken und wußte, daß ich log.
»Donovan ist tot!« sagte sie.
»Tot?« entgegnete ich langsam. »Ein Arzt bestimmt den Begriff ›Tod‹ anders als ein Laie. Selbst wenn ein Mann legal für tot erklärt ist, kann sein Hirn fortfahren, elektrische Wellen auszusenden. Manchmal ist ein Mensch für den Arzt schon tot, wenn er noch atmet. Wo beginnt das Leben ... wo endet es? In den Augen der Welt ist Donovan tot – aber das Hirn lebt weiter. Bedeutet das nun, daß Donovan noch lebt?«
»Nein«, sagte sie, »aber er lebt durch dich. Er zwingt dich, für ihn zu handeln!«
»Das ist ein Widerspruch«, sagte ich. »Das hält keiner Analyse stand.« Janice sah mich an. Ihr Gesicht war kleiner geworden und durchsichtig wie chinesische Seide. Sie hatte sich jahrelang um mich gegrämt, und die Überzeugung, daß ich mich in diesem Experiment selbst verloren hatte, durchbrach ihre Selbstbeherrschung. Ich wußte, sie wollte jede ernste Diskussion vermeiden, über was es auch sei, aber ihre Sorge war stärker als ihr Entschluß.
»Donovan ist tot und verbrannt«, sagte sie. »Was du sein lebendes Hirn nennst, ist eine künstliche Mißgeburt, eine gefährliche, krankhafte Erschaffung, die du in einer Versuchsretorte genährt hast.«