»Aber du hast keine Angst, in die Um el-Amad zu gehen. In die Mine, in deren Stollen schon Dutzende Männer gestorben sind.«
»Nicht Dutzende, Erhabener. Nicht Dutzende … Das ist etwas anderes. Diese Arbeit ist unser Leben. Aber das hier …« Er zuckte mit den Achseln. »Das hier ist ein dunkler Ort.«
Artax sah sich die Bilder an, die auf die Wände geschmiert waren. Die meisten zeigten kämpfende Männer. Seltsam für einen Holzfäller, der vermutlich niemals an einer Schlacht teilgenommen hatte. Es waren Männer, die mit Äxten aufeinander einschlugen oder sich mit langen Messern durchbohrten. Obwohl wenig kunstvoll ausgeführt, waren die Zeichnungen von beklemmender Grausamkeit. Sie zogen ihn in ihren Bann, als sei er selbst Zeuge dessen, was die Bilder zeigten. Artax entdeckte ein Bild, auf dem zwei Männer einen dritten an Armen und Beinen festhielten. Ein vierter war dazugetreten und hatte damit begonnen, dem Wehrlosen Glieder abzusägen. Angewidert wandte Artax sich ab. Und dann begriff er! Das war keine Schlacht. Die Äxte und Messer. Die Säge! Die Bilder zeigten Holzfäller, die miteinander kämpften! Was war dort oben in den Bergen geschehen?
Aufmerksam musterte er Bild für Bild an den Wänden und suchte nach einem Schlüssel zu dem Rätsel. Es schien, als hätten sich die Holzfäller und Köhler gegenseitig bekämpft, doch nichts wies darauf hin, warum sie es getan haben könnten. Nah am Kaminschacht entdeckte er ein Bild, das ganz anders war. Es zeigte ein großes, etwas unregelmäßiges V, auf dessen Schenkeln grob skizzierte Fichten zu erkennen waren. Das untere Drittel war fast vollständig schwarz, bis auf einen verschwommenen Fleck in gelblichem Grün. Obwohl er konturlos war, schien es, dass der Verrückte besondere Sorgfalt darauf verwandt hatte, den Fleck zu malen. Er hatte es geschafft, den Eindruck zu erwecken, dass dieses Licht aus dem Dunkel herausfloss.
Je länger Artax die Zeichnung betrachtete, desto unwohler fühlte er sich. Das Licht weckte halb vergessene Erinnerungen an Geschichten, die sich die Siedler in der Neuen Welt erzählt hatten. Geschichten um plötzliche Tode und unerklärliche Gewaltausbrüche. Die Grünen Geister!
Aber es gab sie nicht hier in Aram! Hier war man in Sicherheit! Dies war die Welt der Menschen, und die Devanthar, ihre Götter, hielten solche Schrecken fern!
Artax richtete sich auf. Jitro stand noch immer in der Tür.
»Gibt es unter deinen Arbeitern jemanden, der schon mal in der Neuen Welt war?«
»Nein.« Der Schmelzmeister schüttelte entschieden den Kopf. »Wer dorthin geht, wird reich. Niemand, der hierherkommt, ist reich. Aber manche, die gehen.«
»Wie viele Köhler und Holzfäller sind in den Bergen umgekommen? «
»Es gibt immer wieder Unfälle … Ihr müsst verstehen, Erhabener. Steinschlag, Bären oder plötzliche Kälteeinbrüche. Es ist ein hartes Brot, dort zu arbeiten. Von zwanzig, die im Frühling gehen, kommt einer im Herbst nicht zurück.«
»Und von denen, die mit dem Mann gegangen sind, der hier gestorben ist?«
Jitro seufzte. »Außer ihm kam keiner zurück. Und niemand hat es gewagt, zum Dunklen Tal zu gehen, um nach den anderen zu suchen.«
Über dem Bild, das das grüne Licht zeigte, war ein großer rotbrauner Fleck an der Wand, von dem Schlieren hinab bis zum Bild reichten. »Möge deine Seele Frieden finden«, murmelte Artax. Er versuchte sich vorzustellen, was dieser Mann durchlitten haben mochte. Gefangen, hier in der Einsamkeit des abgeschiedenen Hauses. Allein mit seinen schrecklichen Erinnerungen.
Artax sah den Bronzering in der Wand, an dem die Kette befestigt gewesen sein musste. Sein Blick wanderte über all die Zeichnungen von Mord und Todschlag, um schließlich wieder bei dem unheimlichen grüngelben Farbfleck zu verharren. »Ich werde mit meinem Gefolge zum Dunklen Tal reiten«, entschied er. »Ich brauche Lastesel mit zusätzlichem Proviant. Und zwei Führer, die uns dorthin bringen.«
Das verbotene Tal
Artax’ Pferd schnaubte unruhig. Seit sie in das enge Tal eingeritten waren, hatten die Tiere Angst. Und den Reitern ging es nicht besser. Artax wusste, dass in seinem Gefolge Geschichten darüber kursierten, was sie hier erwartete. Am Vorabend hatte er am Lagerplatz eine Rede gehalten und ganz offen gesagt, was er über dieses Tal wusste und was er vermutete. Er hatte sogar jedem freigestellt zu gehen. Alle waren geblieben.
Du bildest dir doch nicht etwa ein, dass sie geblieben sind, weil sie dich lieben? Ich muss dir zugestehen, sie vor die Wahl zu stellen war ziemlich klug. Ein Lippenbekenntnis. Und vor deinem Gewissen bist du nun ein guter Mensch. Aber in Wahrheit hatten sie nie eine Wahl. Sie alle erinnern sich gut an die Priesterverfolgungen. An das viele Blut an deinen Händen. Außerdem, wer dich verlassen hätte, hätte für immer sein Gesicht verloren. Es war nur ein Possenspiel für dein Gewissen, Bauer.
Artax hatte Übung darin gewonnen, Aarons Stimme zu überhören. Er konnte sie nicht besiegen, aber nicht auf sie zu hören war dennoch jedes Mal ein kleiner Triumph. Aufmerksam ließ er den Blick über seine Gefährten streifen. Manche begegneten ihm mit einem trotzigen Lächeln und er konnte die Angst sehen, die dahinterlag. Er war für ihr Leben verantwortlich, dachte er beklommen. Sein Befehl hatte sie hierhergeführt. Alles, was hier geschehen würde, ereignete sich, weil er entschieden hatte, ihr Leben zu wagen, um seinen Zielen nachzujagen. Ob andere Herrscher auch von solchen Gedanken geplagt wurden?
Die Antwort ist einfach: Nein! Du plagst dich, weil du kein Herrscher bist. Dein Körper mag auf einem Thron sitzen, aber deine Bedürfnisse und Gedanken …
… sind noch immer die eines Bauern, beendete Artax in Gedanken den Satz seines Quälgeistes. Ich weiß. Und weißt du was? Es sind gute Gedanken. Aufrechte Gedanken. Es mögen nicht deine Gedanken sein, aber es sind Gedanken, die allen Herrschern sehr gut zu Gesicht stünden, mein lieber körperloser Aaron.
Sein Quälgeist verstummte und Artax grinste breit. Diese kleinen Dispute machten ihm mittlerweile tatsächlich Freude, und manchmal nahm er sich sogar die Zeit, Aaron nicht nur mundtot zu machen, sondern ihm seine Entscheidungen in Gedanken ausführlich zu erläutern, ganz so, wie ein Lehrer seinem Schüler etwas wieder und wieder erklärt, das dieser noch nicht verstanden hat. Artax wusste, dass er in seiner Zeit in Aarons Körper vieles würde bewegen können, und er war sich mittlerweile recht sicher, dass der Devanthar ihn nicht mehr Hals über Kopf ersetzen würde. Aber eines Tages würde auch er sterben und ein neuer Körper würde Aarons Unsterblichkeit weitertragen. Die Aarons in seinem Kopf sprachen mit nur einer Stimme zu ihm, obschon es Dutzende sein mussten, die miteinander verschmolzen waren. Er wusste nicht genau, welche Stimme diesen Quälgeist beherrschte, aber wenn Artax selbst eines Tages ein Teil von ihnen wurde, wäre er vielleicht nur einer von vielen und würde sich nicht durchsetzen können. Also hatte er beschlossen, Aaron schon zu seinen Lebzeiten seine eigenen Gedanken einzupflanzen, indem er sie immer und immer wieder wiederholte.
»Unsterblicher!« Der gehetzte Ruf schreckte ihn aus seinen Gedanken. Juba war ein Stück vorausgeritten und kam ihnen entgegengeprescht. Er winkte. Etwas stimmte nicht! Die anderen zügelten ihre Pferde.
»Erhabener!« Der Krieger parierte seinen großen Hengst und brachte ihn neben ihm zum Stehen. Das Tier versuchte auszubrechen und Juba musste ein weiteres Mal hart an den Zügeln ziehen, um es stillzuhalten. »Herr, dort im Tal … Ihr solltet mit mir kommen. Allein!« Leise fügte er hinzu. »Wir dürfen hier nicht lagern. Schickt die anderen zurück. Weit zurück!«
»Warum?«
»Wir können das hier jetzt nicht besprechen. Vertraut mir! Tut es einfach, Herr! War ich Euch jemals ein schlechter Diener?«
Artax war klar, dass jedes Zögern einer Beleidigung gleichkam. Er wandte sich im Sattel um und rief nach seinem Hofmeister. »Datames! Verlass mit dem Gefolge das Tal und dann reitet noch mindestens eine Meile. Vorher dürft ihr kein Lager aufschlagen.«