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Du kannst es dir leisten, deine Diener zu beleidigen. Sie werden es dir aus Angst um ihr Leben nicht nachtragen.

»Aber, Erhabener …«, protestierte der Hofmeister. Er war der einzige Mann ohne Bart in seinem Gefolge und wirkte mit seinem fein geschnittenen Gesicht, den eleganten Kleidern und dem goldfarbenen Haar weibisch, aber er versah seinen Dienst gut. Nichts geschah am Hof des Unsterblichen, um das er nicht wusste. Und Artax schätzte es sehr, dass ihm sein oberster Hofbeamter viel Arbeit und Ärger vom Hals hielt.

»Es ehrt dich, dass du an meiner Seite bleiben möchtest, aber ich bin ein Unsterblicher und du nur ein Mensch.« Er hob die Stimme, sodass alle ihn hören konnten. »Ich wäre euch ein schlechter Anführer, wenn ich euch an einen Ort mitnehmen würde, der für Menschen nicht geschaffen ist. Was hier zu tun ist, ist allein meine Pflicht. Nun geht! Und eilt euch! Schon greifen die Schattenfinger der Nacht nach dem Tal! Wenn ich binnen drei Tagen nicht mit Juba zurückkehre, ruft den Löwenhäuptigen. Denn dann wird Aram einen neuen Herrscher brauchen.«

Einige seiner Krieger widersprachen heftig und erinnerten ihn an ihre Eide. Artax dachte, dass sie nicht wirklich vor ihm niedergekniet waren. Und wenn sie wüssten, dass er nichts als ein einfacher Bauernsohn war … Schließlich schickte er sie fort, und er wusste, dass die meisten von ihnen insgeheim erleichtert waren. Als der Tross verschwunden war, saß Artax wieder auf. Sein Schimmel schnaubte. Obwohl die Abenddämmerung noch fern war, war die Sonne bereits hinter den steilen, mit schwarzen Fichten bewaldeten Berghängen verschwunden. Weiter vorn verengte sich das Tal zu einer Klamm. Dort herrschte bereits Finsternis.

Kein Vogelruf hallte aus den Wäldern. Der dumpfe Schlag der Hufe auf dem felsigen Grund war das einzige Geräusch, das sie begleitete.

Artax’ Rechte glitt über den Knauf seines Schwertes. Er hielt den Blick fest auf die dunkle Klamm gerichtet. Der schmale Weg, dem sie folgten, führte geradewegs in die Finsternis.

Wir sollten nicht dorthin gehen. Der Ort ist nicht geheuer.

»Angst?«

Juba drehte sich im Sattel um. »Wenn ich ehrlich bin, ja«, sagte er, ohne zu ahnen, dass sein Herr gar nicht ihn gemeint hatte. Manchmal sprach Artax Gedanken, die nur für Aaron bestimmt waren, versehentlich laut aus. Er war damit schon öfter bei Hof aufgefallen. Aber natürlich wagte es niemand, ihn auf diese neue Marotte anzusprechen.

»Ihr werdet gleich sehen, wovor ich mich fürchte. Wir sind fast dort.« Plötzlich schwenkte Juba nach links ab und hielt auf eine Stelle zu, in der sich das Wasser eines kleinen Bachs in einem Felsbecken staute. Die Fichten dort hatten ihre unteren Äste verloren. Artax entdeckte ein totes Pferd, das an einen der Fichtenstämme gezäumt war. Ein Stück weiter lag ein zweites. Sein Schimmel scheute und Jubas Pferd schnaubte ängstlich. Der stämmige Kriegsmeister schwang sich aus dem Sattel, schlang die Zügel seines Hengstes um einen Stamm und Artax tat es ihm gleich.

»Die Pferde …«

»… sind zehn Schritt neben einem Bach verdurstet«, beendete der Kriegsmeister den Satz. Seine Hand lag am Schwert. Er ging langsam und geduckt, so als erwarte er jeden Augenblick einen Angriff.

Bald darauf entdeckte Artax die erste Leiche. Ein skelettierter Krieger, aus dessen Brustkorb ein Pfeil ragte. Dann ein zweiter, der mit dem Gesicht voran auf dem weichen Boden aus Fichtennadeln lag.

»Ihn muss ein Schwerthieb in den Rücken getroffen haben«, erklärte Juba. »Dort drüben hat es angefangen. Drei Kriegern ist im Schlaf die Kehle durchtrennt worden. Mit solcher Kraft, dass die Klinge bis hinab zu den Halswirbeln schnitt und man Spuren von ihr auf den Knochen sieht.«

Artax betrachtete die Toten. Sie hatten ein Lager am Bach aufgeschlagen und zwei Feuerstellen eingerichtet. Scheuerstellen auf der Rinde der Bäume und einige durchgerissene Zügel, die von den Stämmen hingen, verrieten, dass die übrigen Pferde sich wohl hatten befreien können.

»Einer muss aufgestanden sein«, flüsterte Juba, als befürchte er, die Toten aus ihrem ewigen Schlaf zu wecken. »Er hat begonnen seine schlafenden Kameraden zu töten. Dreimal ging es gut, dann gab es einen Schrei. Vielleicht hat auch die Nachtwache Alarm gegeben. Ich glaube, der Mann auf Wache war der Bogenschütze. Ich bin kein Fährtenleser. Und die Toten liegen hier seit mindestens einem halben Jahr. Aber ich glaube, dass der Meuchler niedergemacht wurde. Trotz all der neuen Nadeln, die gefallen sind, kann man im weichen Boden noch die Spuren des Kampfes sehen. Aber sie haben einfach weitergekämpft, obwohl es keinen Grund mehr gab. Vielleicht hat die Dunkelheit sie verwirrt.«

Artax konnte seinem Kriegsmeister anhören, dass er an diese Erklärung nicht glaubte. Etwas anderes musste vorgefallen sein. Und er begriff, dass es gut war, dass sie nur zu zweit gekommen waren. Vielleicht waren zwei sogar immer noch einer zu viel. Hinter ihnen wieherten die Pferde ängstlich. Ein Schauer kroch über Artax’ Rücken.

Juba führte ihn um einen großen Felsen. Auf der Rückseite war ein Mann niedergesackt. Das Skelett lehnte in sitzender Haltung am Fels, der Schädel war abgefallen und ein Stück zur Seite gerollt. Vor ihm lagen noch zwei andere Tote. Artax fragte sich, was in diesen Männern vorgegangen war, und warf einen bangen Blick zur Klamm. Von hier aus war der Eingang zur Felsenenge nicht mehr zu sehen. Das ganze Tal lag bereits im Dämmerlicht. Artax spürte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann.

»Was wirklich seltsam ist …«

Jubas Stimme ließ ihn aufschrecken und seine Hand klammerte sich fester um den Griff des Schwertes.

»… ist, dass sie bis zum letzten Mann kämpften. Ich habe schon viele Geschichten darüber gehört, dass Streit unter Kriegern ausbrach. Wegen Weibern oder Plündergut. Oder darum, wer der Anführer sein soll. Gewöhnlich bilden sich zwei Lager. Aber es müsste Überlebende geben! Und die hätten ganz gewiss keine angebundenen Pferde zurückgelassen. Und auch nicht die Geldbeutel an den Gürteln der Toten. Und noch etwas ist mir aufgefallen. Es waren insgesamt zwölf Krieger. Eine übliche Mannschaftsstärke für einen verstärkten Spähtrupp. Wie es scheint, hat der Satrap von Nari die Anfrage des Schmelzmeisters doch nicht einfach in den Wind geschlagen.«

Juba war stehen geblieben und deutete auf eine undeutliche Fährte in dem dicken Polster aus Fichtennadeln. Sie führte geradewegs in die Finsternis. »Zuletzt hat nur einer überlebt«, flüsterte er. »Er ist zur Klamm gegangen.«

Artax dachte an die Zeichnungen des Holzfällers. Er hatte genug gehört. Er ging zurück zu seinem Schimmel und löste den Maskenhelm vom Sattel. Das Metall war noch warm von der Mittagssonne.

»Ihr wollt allein gehen, Herr?« Juba stellte sich ihm in den Weg.

»Wie es scheint, sollte man in diesem Tal seinen Kameraden nicht mehr trauen.«

»Ich bin nicht wie dieses Pack dort drüben!«

Artax setzte sich den Helm auf und schloss die Gesichtsmaske. Dann trat er dicht vor Juba hin und legte seinem Gefährten die Rechte auf die Schulter. »Ich habe keinen zweiten Freund wie dich. Du bist der Treueste der Treuen. Ich weiß, deine Freundschaft würde jede Probe bestehen.« Er zog das Knie hoch und rammte es Juba mit aller Kraft zwischen die Schenkel. Der stämmige Krieger knickte ein und taumelte ein Stück zurück.

Artax riss sein Schwert aus der Scheide. Die Waffe beschrieb einen silbernen Bogen. Der Knauf hämmerte gegen Jubas linke Schläfe. Der Krieger ging zu Boden.

»Verzeih meinen Verrat«, sagte Artax. »Du bist mir zu kostbar, um dich zu verlieren. Und dort, wo ich hingehe, bin ich am stärksten allein.«

Artax schob das Schwert zurück in die Scheide, dann stieg er den Hang hinab und ging auf das Dunkel zu. Er vertraute auf seine Rüstung. Sie war von den Devanthar erschaffen und von Magie durchdrungen. Das Böse würde von ihr abprallen. Und was immer den Verstand der Krieger und Holzfäller so sehr verwirrt hatte, dass sie übereinander hergefallen waren, würde von den Zaubern, die um seinen Maskenhelm gewoben waren, ferngehalten. Zumindest hoffte er das.