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Es ist nicht deine Aufgabe, hier zu sein.

Angst?

Diesmal sprach er es nicht aus.

Was hätten wir schon zu fürchten?

Artax konnte spüren, dass Aaron bei Weitem nicht so selbstsicher war, wie er sich gab. Finsternis umfing ihn. Irgendwo plätscherte Wasser. Mit der Linken tastete er sich an der Felswand entlang. Geröll und Äste lagen auf dem Weg. Zwei Mal strauchelte er. Immer wieder hielt er inne und lauschte. Der Maskenhelm verstärkte das Geräusch seines Atems. Ansonsten war es still. Auch das Wasser war nicht mehr zu hören.

Artax drückte sich mit dem Rücken gegen die Felswand. Jetzt war es so dunkel, dass er die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte. Wenn ihm hier jemand auflauerte, würde er mit Sicherheit überrascht.

Plötzlich erbebte der Boden unter seinen Füßen. Ein tiefes, grollendes Geräusch begleitete die Erschütterung — und dann war da Licht. So unvermittelt, dass Artax zusammenzuckte und sich noch fester gegen den Fels drückte. Es war nicht grün, wie er erwartet hatte … Artax versuchte es einzuordnen. Vergebens! So etwas hatte er nie zuvor gesehen. Es schien direkt aus den Felswänden zu sickern.

Der Atem stand Artax in dichten Wolken vor dem Mund. Es war so kalt wie hoch auf dem Gipfel eines Berges. Dieses Licht … Es verhielt sich nicht so, wie Licht sich verhalten sollte. Es rann die Felsen hinab. Wie eine zähe Flüssigkeit. Es war ohne Strahlkraft, gerade hell genug, um alles in seiner unmittelbaren Nähe aus dem Dunkel zu reißen.

Artax bemerkte, dass er zwischen Knochen stand. Da war kein Geröll auf dem Boden und kein dürres Astwerk. Nur bleiche Gerippe und Waffen und Helme aus grün angelaufener Bronze.

Behutsam tastete sich Artax weiter. Es war unmöglich voranzukommen, ohne auf Knochen zu treten. Die Klamm wand sich in scharfen Kurven durch den Fels. Nie konnte man weiter als höchstens zwanzig Schritt sehen. Merkwürdige Kalkwucherungen überzogen mancherorts den Fels. Wie versteinerte weiße Tränen, dachte Artax. Was war hier verborgen, das selbst Steine weinen ließ?

Er zog sein Schwert und wurde sich im selben Augenblick bewusst, wie sinnlos es war. Bisher hatte er nichts gesehen, was man mit der Waffe in der Hand hätte bekämpfen können.

Wieder bebte der Fels. Ein durchdringendes schleifendes Geräusch ertönte, so eindringlich, dass es jede Faser seines Leibes vibrieren ließ. Kalt klebte die Maske seines Helms auf seinen Wangen. Vorsichtig tastete er sich um eine weitere scharfe Kehre der Klamm und verharrte. Vor ihm weitete sich der Weg. Die Felswände wichen auf etwa dreißig Schritt voneinander zurück, sodass er sogar einen Streifen Himmels, verhangen von blutroten Wolken, sehen konnte. Doch was ihn fesselte und zugleich auch schreckte, war das Ende des Weges. Eine riesige, fremdartig wirkende Statue war aus dem Felsen geschlagen. Eine auf den Fersen kauernde Gestalt mit über der Brust verschränkten Armen. Die Proportionen des Körpers wirkten falsch. Nicht menschlich! Arme und Beine erschienen zu lang und waren zugleich unnatürlich dürr. Die Gelenke von Ellenbogen und Knien hatten die Steinmetze übergroß und kugelig gestaltet, und auch der Kopf passte nicht zu den Maßen des Körpers. Er war zu groß, wie bei einem Neugeborenen. Doch dieser Kopf war nach hinten verlängert. Seine Augen — starrende Kugeln, in schattige Höhlen eingesunken. Der Mund war schmal und wirkte verkniffen, das Kinn zu klein und spitz. Steinerne Bänder wanden sich um die Glieder wie Fesseln, als sollten sie die kauernde Gestalt daran hindern, sich aufzurichten.

Eine weite Treppe führte hinauf zu der Statue. Merkwürdige Kugeln schmückten die Treppenabsätze. Das Abendrot vermischte sich mit dem blauen Licht, das auf unnatürliche Weise aus den Felsen sickerte. Es war ein beklemmender Ort, nicht für Menschen geschaffen.

Entschlossen trat er aus der Klamm. Auch hier lagen überall Leichen, doch diese waren nicht skelettiert, sondern wirkten ausgetrocknet – wie Tote, die man in der Wüste fand, wo niemals Wasser fiel. Manche mussten vor Jahrhunderten gekommen sein. Er entdeckte Speere mit Steinspitzen. Zwei Krieger trugen Röcke aus zotteligem Schafsfell. Bänder aus verblichenem Rot hielten ihre hochgesteckten Frisuren.

Knöchellange Lederumhänge, mit runden Bronzeplatten geschmückt, lagen wie Leichentücher auf einigen Toten, deren lederne Helme nun fast dieselbe Farbe wie ihre verschrumpelten Gesichter zeigten. Aus der Brust eines Toten ragte ein abgebrochener Speerschaft. Auch hier war gekämpft worden, ebenso wie bei dem Lagerplatz am Bach, den Juba entdeckt hatte.

Am Fuß der Treppe kauerte eine Gestalt in vertrauten Gewändern. Ein Krieger, ganz ähnlich den Männern in seiner Leibwache. Er schien den Kopf in die Hände zu stützen. Auf seinem Kopf saß ein spitz zulaufender Helm.

Die vertraute Erscheinung flößte Artax Mut ein. Er bahnte sich seinen Weg zwischen den Toten. Das Tal schien viel lang gestreckter zu sein, als es am Ausgang der Klamm den Anschein erweckt hatte. Oder verlangsamte etwas seine Bewegung?

Jedes Mal, wenn er zu der bizarren Statue aufblickte, fühlte er sich klein und unbedeutend.

Endlich erreichte er die Treppe. Der Krieger dort hatte sich sein Schwert durch die Kehle gestoßen. Artax blickte auf die Waffe in seiner Hand. Hastig stieß er sie in die Scheide zurück. Das Klirren hallte unnatürlich laut von den Felswänden wider.

Die Stufen der Treppe waren ungewöhnlich, fast drei Mal so hoch, wie es üblich war. Für wen war dieser Ort geschaffen worden? Nicht für Menschen! Wie gut, dass wir Unsterbliche sind, was?, dachte er, an Aaron gewandt. Das mit der Unsterblichkeit war zwar gelogen, aber immerhin hatten sie eine magische Rüstung und den Segen des Devanthar auf ihrer Seite. Und zum ersten Mal war Artax froh darüber, in gewisser Weise nicht allein zu sein. Natürlich schwieg der Drecksack Aaron jetzt, aber das war egal. Was zählte, war das Wissen, nicht allein zu sein.

Mühsam kämpfte Artax sich bis zum ersten Absatz hinauf. Die Form der steinernen Kugel, die mitten auf den Treppenabsatz gestellt war, schien ihm vertraut. Sie stellte den großen, aufgedunsenen Leib eines Wolkensammlers dar. Seine Fangarme breiteten sich wie Wurzelwerk über den Treppenabsatz aus und erschwerten das Gehen. Welcher Bildhauer hatte diese Kreaturen der Neuen Welt schon vor Jahrhunderten gekannt? Die Devanthar hatten den Menschenvölkern doch erst vor wenigen Jahrzehnten den Weg über den Goldenen Pfad gewiesen! Waren früher schon einmal Menschen in dieser fremden Welt gewesen? Artax sah zu der gewaltigen Statue auf. Was hatten diese ersten Menschen dort angetroffen?

Der Unsterbliche umrundete die Skulptur des Wolkensammlers und kämpfte sich weiter die Treppe hinauf. Zwischen den hageren Beinen der kauernden Riesenstatue klaffte eine dunkle Öffnung. Jetzt, da Artax das Bildnis aus einem anderen Blickwinkel sah, entdeckte er neue, abschreckende Details. Das Geschöpf hatte keine Füße! Es kauerte auf Knochenstümpfen.

Wer verehrte einen gefesselten Gott ohne Füße?

Lass uns gehen!

Artax spürte Aarons Angst, aber er schüttelte den Kopf. Nein, dachte er. Noch nicht.

Weißt du etwas über diesen Ort?

Nur dass er ganz offensichtlich nicht für Menschen geschaffen wurde. Komm mir jetzt nicht mit einfältigen Gedanken über Unsterblichkeit. Was hast du hier verloren? Was haben wir hier verloren?

Wir. Na schau einer an, dachte Artax.

Es ist meine Aufgabe das Reich zu beschützen. Ich sollte …

Du wünschst dir, dass wir dich in Ruhe lassen. Wir werden uns mäßigen, wenn du gehst. Aber tu es jetzt. Zögere nicht länger!

Das Angebot war verlockend. Trotzdem erklomm Artax die letzten Treppen. Er hatte sich Aaron so lange widersetzt, dass er jetzt nicht einfach aufgeben konnte – und ihm war deutlich bewusst, dass das kein guter Grund war.

Narrengedanken sind das!

Artax nickte. Aaron hatte recht, aber er ging dennoch weiter. Schritt für Schritt für Schritt.

Endlich am Eingang zur Höhle angekommen, schlug Artax ein eisiger Hauch entgegen. Nervös tastete er nach seinem Schwert. Dann dachte er an den Krieger am Fuß der Treppe und besann sich eines Besseren.