»Dir gefällt nicht, was du siehst?« Hohngelächter ließ die weite Halle erbeben. »Wenn ich mich recht erinnere, habe ich nicht um deinen Besuch gebeten. Waren die Zeichen draußen nicht deutlich genug? Was war daran missverständlich? Dieser Ort ist nicht für Menschen geschaffen! Ebenso wenig wie die tiefen Kammern des Gefiederten Hauses oder der Gelbe Turm von Garagum. Dieser Ort ist allein meinesgleichen bestimmt!«
»Was wird hier verborgen?«, beharrte Artax. Er wich zurück. Er wollte eine Wand im Rücken haben. Die Klinge wies auf die Brust des Ebermannes.
»Du bedrohst mich? Du hast Glück, dass ich hier bin. Ich habe Sinn für Humor. Andere würden dich für diese Unverschämtheit zerfleischen. Du bist in das Haus der Götter gekommen, Sterblicher! Dein Titel bedeutet hier nichts. Du bist von uns zu dem gemacht worden, was du bist – und wir können dir alles in einem einzigen Augenblick wieder fortnehmen.«
Fall vor ihm auf die Knie, du Depp, und küss den Boden, auf dem er schreitet. Wir haben unglaubliches Glück gehabt, noch zu leben. Verspiel das nicht wieder, verdammt!
Du lebst nicht mehr, Aaron, dachte er gereizt und wandte den Blick nicht von dem Ebermann ab. »Ich bin der Herrscher von Aram. Dies ist mein Reich. Und ich will wissen, was in meinem Reich geschieht!«
Wieder lachte der Ebermann. Er war jetzt nur noch drei Schritt entfernt. Seine Hände endeten in Krallen wie bei einem Raubtier. Er ging leicht geduckt, als würde das Gewicht seiner breiten Schultern ihn niederdrücken. Seine Beine verjüngten sich zu Eberläufen. Statt Füßen hatte er gespaltene Hufe.
»Du bist ein Träumer, Artax. Vielleicht ist es das, was mein Bruder an dir so sehr schätzt. Du willst Geheimnisse enthüllen? Du kennst nicht einmal alle Geheimnisse deines Palastes! Wahrscheinlich verschwört man sich gerade in diesem Augenblick erneut gegen dich. Du willst zu viel zu schnell verändern. Die Mächtigen deines Reiches sehen eine Gefahr in dir. Weißt du, dass sie meinen Bruder angefleht haben, einen von ihnen zum Unsterblichen zu erheben? Du stehst vor der nächsten Palastrevolte, kaum dass du mit den Priestern fertig bist. Und wie hast du dich der Priester entledigt? Aaron hat sich, als du im Fieber lagst, deiner Stimme bemächtigt und hat deinen Schoßhund Juba auf sie losgelassen. Du ahnst das längst. Und du hast es hingenommen, um deine Herrschaft zu retten. Hast du Juba gefragt, was mit den Verschwörern geschehen ist? Hast du dir wenigstens angehört, auf welche Weise sie in deinen Folterkellern ihr Leben herausgeschrien haben? Wenn du ein wirklicher Herrscher sein willst, solltest du dabei sein, wenn deine Feinde verrecken. Wenn du Manns genug dazu bist, wirst du vielleicht der Verschwörer Herr werden. Königreiche sind nicht auf Freundschaften und Nettigkeiten begründet. Ihr Fundament ist Furcht!«
Es wunderte Artax nicht, dass Aaron sich ausgerechnet jetzt zu Wort meldete. Jubelnd fast, mit einer Stimme, die sich vor Furcht und Aufregung nahezu überschlug.
Ja! Höre auf ihn. Er ist ein Gott. Meine Worte schlägst du in den Wind. Aber er ist der Verkünder der Wahrheit. Ein Gott! Beug dich endlich der Wirklichkeit, Träumer.
»Ich werde das Gegenteil beweisen. Man muss kein Tyrann sein, um zu herrschen!« Artax verachtete diese Kreatur. Das war gewiss kein Bruder des Löwenhäuptigen. An dem Ebermann war nichts Edles. Nichts Göttliches!
»Ich lasse mich überraschen. Meine Erfahrung beruht auf Jahrhunderten. Was ist der Quell deiner Weisheit? Ein aufrichtiges Herz?«
»Was ist in der Kammer dort drüben?«
»Dein Verderben, Sterblicher. Ich bin ein Seelendieb. Das dort drüben sind Seelen, Artax. Seelen, die nicht von dieser Welt stammen. Gequält und voller Rachsucht.«
Artax blickte zu dem wirbelnden grünen Licht. Konnte das stimmen? Oder war es eine Lüge?
»Warum sind sie hier?«
»Weil die Meinen nicht duldsam sind, wenn Diener Herren sein wollen!« Er machte einen Satz nach vorn und Artax erkannte, dass seine plumpe Erscheinung Täuschung war. Der Ebermann war so schnell, dass seine Bewegungen zu Schemen verschwammen. Der Devanthar packte sein Handgelenk und drehte es schmerzhaft herum, bis die Klinge des Schwertes ein zweites Mal auf seine Brust zeigte. Der Devanthar verharrte und ließ Artax das volle Ausmaß seiner Hilflosigkeit spüren. Dann stieß er die Waffe hinab. Das Schwert fuhr scharrend in die Scheide.
»Du gehst jetzt, Menschensohn. Und komm nie wieder hierher! Fordere mich nicht heraus! Du lebst, weil du der Liebling meines Bruders bist. Denk über meine Worte nach! Herrsche! Und was deine Neugier anbelangt – ich werde dir nichts erklären, aber du hast fast alles gesehen. Füge die Bilder mit dem, was ich gesagt habe, zusammen und lebe künftig in Furcht. Oder vergiss sie und behalte deinen Frieden – jedenfalls, was die Angelegenheiten der Götter angeht. Am Ende sind alle Götter erbarmungslos, auch wenn sie sich gütig geben. Wer seine Macht erhalten will, muss sie ausüben!«
Es wäre klüger gewesen, den Mund zu halten, aber Artax wollte nicht einfach zurechtgewiesen und gedemütigt davonschleichen. »Wie schrecklich muss Unsterblichkeit sein, wenn alles vorhersehbar ist und sich wiederholt wie die Jahreszeiten. Sterben Götter zuletzt an Langeweile?«
Wie ein Sturm schossen Aarons Worte durch seine Gedanken. Hörst du mich, Göttlicher? Wir sind völlig deiner Meinung! Bitte verschone uns, wenn den Bauern deine gerechte Strafe trifft.
Feigling!, dachte Artax. Elender Feigling. Schleichst dich in meinen Geist und lässt Dutzende in deinen Kerkern dahinschlachten! Und dann wimmerst du wie ein altes Weib. Schäm dich, du … Du … Gibt es überhaupt ein Wort für so etwas wie dich?
Der Ebermann bleckte seine Zähne. Ein Lächeln? Hatte er Aarons Aufschrei gehört?
»Es stimmt, Artax. Überraschungen sind der größte Schatz, wenn man alles besitzen kann. Ich werde dich in Zukunft aufmerksamer beobachten. Vielleicht bist du ja für eine Überraschung gut. Deshalb zum Schluss ein Rat. Der Krieg, den du angezettelt hast, wird nicht erst in dreißig Monden auf dem Schlachtfeld ausgetragen, das für das Ringen der Heere bestimmt wurde. Er hat schon längst begonnen. Wenn du bis zum Tag der Feldschlacht wartest, um zu kämpfen, hast du bereits verloren, ehe der erste deiner Krieger sein Schwert zieht. Und nun geh!«
Der Boden erbebte. Stein schliff über Stein. Die mächtige Falltür am Eingang öffnete sich. »Geh, Artax! Überrasche mich! Zeig mir, dass die Welt anders ist, als ich, ein Gott, es glaube!«
Artax wandte sich um. Er wusste, er würde niemals an dem Devanthar vorbei in die nächste Halle gelangen. Er konnte sich glücklich schätzen, noch zu leben. Diese Schlacht hier war nicht zu gewinnen.
Er presste seine Rechte auf die Wunde in seiner Brust. Sie hatte aufgehört zu bluten, aber ein stechender Schmerz ging von ihr aus. Das blaue Leuchten der Felswände wies ihm den Weg. In fahlem Weiß hoben sich die Gebeine vom dunklen Weg ab. Wozu hatten all diese Menschen ihr Leben lassen müssen? Waren sie gestorben, weil die Götter sich langweilten?
Er würde dieses Spiel beenden, dachte er voller Zorn. Die Mauer, die er bauen würde, würde künftig alle Neugierigen vom Dunklen Tal fernhalten.
Juba war wieder zu sich gekommen. Er erwartete ihn, benommen und übellaunig. Artax musste dem Kriegsmeister auf sein Pferd helfen und hielt sich dann dicht neben ihm, damit sein Gefährte nicht aus dem Sattel stürzte. Im Dunkel der Nacht kamen sie nur langsam voran. Die Sterne waren weit über den Himmel gewandert und die Dämmerung nicht mehr fern, als sie vor sich die Feuer des Nachtlagers entdeckten.
Im Lager herrschte Unruhe. Niemand schien Schlaf gefunden zu haben. Alle Männer waren auf den Beinen und umringten ihn und Juba, als sie in den Lichtkreis der Feuer kamen. Artax war unendlich müde, aber er lächelte. Der Devanthar hatte sich geirrt. Herrscher konnten doch Freunde haben!
»Erhabener!« Datames, der Hofmeister, drängte zu ihm vor. »Erhabener, kaum dass wir das Tal verlassen hatten, hat ein Bote aus Akšu uns gefunden. Etwas Schreckliches ist geschehen. Wir müssen sofort aufbrechen!«