Eine besondere Kunst
Nandalee hatte ihn beeindruckt, dachte Gonvalon, obwohl er das ihr gegenüber niemals zugeben würde. Ihr Ungehorsam und ihre Widerborstigkeit hatten unerträgliche Ausmaße angenommen. Mit ihr war der Geist der Rebellion in die Weiße Halle eingezogen, und er begann auf andere junge Elfen abzufärben. Insbesondere auf Eleborn.
Ihr Widerstreben, sich einer der schönen Künste zu verschreiben, war der Angelpunkt allen Streites. Sie lebte nun mehr als ein halbes Jahr in der Weißen Halle und ihr Name war in aller Munde. Alle Schüler verfolgten ihren Streit mit den Meistern, den Drachenelfen. Zunächst hatte sie ihren Bogen als Holzskulptur gepriesen. Dann hatte sie die Frechheit besessen, ihren Bogen als ein Saiteninstrument zu bezeichnen, und ihm bei einem Vorspiel bei den Meistern der Weißen Halle unvergesslich jämmerliche Töne entlockt. Darauf angesprochen, hatte sie sich höflich entschuldigt und gesagt, sie habe nicht genügend Zeit gehabt, ihr Instrument angemessen zu erlernen. Allen Meistern war bewusst, dass Nandalee die besondere Aufmerksamkeit des Dunklen besaß, des ältesten aller Drachen. Das hatte sie offensichtlich zu dem Trugschluss verleitet, sie könne sich jede Frechheit erlauben. Gonvalon dachte mit Scham daran, dass er zu den Fürsprechern Nandalees gehört hatte. Sie hatten ihr ein halbes Jahr gewährt, ihr Spiel zu verbessern.
Schon drei Tage später hatte Gonvalon gewusst, dass sie niemals die Absicht gehabt hatte, mit ihrem Bogen eine andere Kunst zu praktizieren, als zu schießen. Er hatte sie gewähren lassen und die anderen Meister nicht unterrichtet. Wenn seine Schüler im Schwertkampf Talent erkennen ließen, lehrte Gonvalon sie einen Waffentanz, der ohne jede Melodie auskam. Es waren einhunderteinundzwanzig Figuren, Paraden und Angriffe, die es in Harmonie auszuführen galt. An schönen Tagen versammelte er seine Besten um sich und sie alle gemeinsam übten den Tanz der Krieger. Sieben Schülerinnen und Schüler, die sich in vollkommener Konzentration im Gleichklang miteinander bewegten. Er traf sich mit ihnen tief im Wald und hatte sie schwören lassen, anderen von diesen Stunden nichts zu berichten. Gonvalon befürchtete den Spott der anderen Meister. Schwertkampf und Tanz miteinander zu verbinden war ungewöhnlich. Und er galt schon jetzt als ungewöhnlich genug.
Auch Nandalee hatte er in diesen verschworenen Zirkel aufgenommen. Anders als ihre Freundin Bidayn, die in letzter Zeit erstaunlich schnell in Angriff und Verteidigung geworden war, hatte die rebellische Nandalee die innere Harmonie im Kampf erfühlt. Ihre Fechtkunst war nicht nur effektiv, sie war schön anzusehen. Und weil sie sich in allen Unterrichtsstunden vorbildlich bemühte, hatten die Meister Nandalee ein halbes Jahr lang mit ihrem Bogen gewähren lassen.
Und nun stand Nandalee auf einer weiten Wiese nahe der Schule erneut vor ihren Meistern. Sie trug das Gewand der Weißen Halle, ein enges, ärmelloses Kleid mit Stehkragen, an den Seiten hoch geschlitzt, sodass man sich gut darin bewegen konnte. Dazu weite, weiße Hosen und fast kniehohe, weiche Stiefel. Ihre Kleider waren ohne Schmuckborten, einfach nur weiß. Sie waren frisch gewaschen und gebleicht. Seit ihrer ersten Begegnung, als sie nach ihrem unfreiwilligen Bad nackt und frierend im Schnee gestanden hatte, hatte Gonvalon sie noch nie so sauber gesehen. Ihr Haar war zurückgekämmt und zu einem Pferdeschwanz hochgebunden. Nur eine kleine Strähne, die über ihrem linken Ohr herabhing, war ihrem plötzlichen Sinn für Ordnung entgangen. Es war unübersehbar, dass sie sich bemühte, einen guten Eindruck zu hinterlassen und allen zu zeigen, dass sie sich zumindest an einige der Regeln der Weißen Halle hielt. Allerdings war auch der erbärmliche Zustand ihrer Kammer allgemein bekannt. Aber damit hatte sie gegen keine der niedergeschriebenen Satzungen der Weißen Halle verstoßen. Bisher hatte es hier niemand für möglich gehalten, dass man sein eigenes Zimmer in einen solchen Müllhaufen verwandeln könnte. Gonvalon hatte es als verschrobenen Teil ihrer Rebellion aufgenommen, aber er wusste nur zu gut, dass etliche andere Drachenelfen dadurch bis aufs Blut gereizt waren. Ganz zu schweigen von den Kobolden, die sie hassten und fürchteten und ihr nach Möglichkeit aus dem Weg gingen.
So, wie sie vor dem Tribunal stand — gerade so weit angepasst, wie es notwendig war, mit stolzem Blick und aufrechter Haltung –, gefiel sie ihm. Wieder dachte er an ihren bloßen, vom Feuerschein beschienenen Körper im Schnee. Sie war eine Schönheit. Nicht im herkömmlichen Sinn. Ihr Gesicht war ein wenig zu hart. An ihren Armen zeichnete sich jeder einzelne Muskel ab, wenn sie sich bewegte, obwohl ihre Glieder durchaus noch schlank waren und nicht zu muskulös. Ihr Kreuz war ungewöhnlich breit für eine Elfe. Vielleicht lag es an ihren Übungen mit dem Bogen? Jede Einzelheit für sich mochte als ein Makel gelten. Doch alle zusammen fügten sie sich zu einem Bild eigenwilliger Schönheit. In Gonvalons Augen war sie begehrenswert, und wenn er sich nicht geschworen hätte, nie wieder etwas mit einer Schülerin anzufangen … Das musste er vergessen!
Er dachte an Talinwyn und all die anderen. Auf ihm lag ein Fluch. Er durfte nicht noch einmal schwach werden.
Nandalee trat vor die Meister und verneigte sich gerade so weit, dass man ihr keine Respektlosigkeit vorwerfen konnte.
»Verehrte Meister, ich will euch nicht mit Spitzfindigkeiten täuschen und so am Ende gar die Ehre unserer Schule besudeln.« Sie stand ganz gerade und richtete ihren Blick fest auf Lyvianne, die an diesem Tag das Wort für alle Meister führen sollte. »Was ihr hier in meiner Hand seht, ist ein Jagdbogen, und ihn ein Saiteninstrument zu nennen ist … weit hergeholt. Ich werde eure Ohren nicht beleidigen, indem ich versuche, diesem Bogen Töne zu entlocken. Stattdessen will ich euch offenen Herzens jene Kunst vorführen, der ich mich verschrieben habe und die meine Seele befreit. Eine gute Bogenschützin muss in der Lage sein, alles von sich abzustreifen, was nicht mit dem Schuss zu tun hat. Sie muss sich in tiefe Meditation versetzen. Muss eins werden mit dem Wind, dem Land, das sie umgibt, und ihrem Ziel. Ich weiß, dass die Kunst des Bogenschießens bislang keine der von euch anerkannten schönen Künste ist, und ich bitte euch, dem, was ich euch nun zeigen werde, mit offenem Geist zu begegnen.«
Gonvalon hatte die letzten Tage versucht, auf sie einzuwirken, die Meister nicht schon mit ihrer Vorrede herauszufordern. Sie hatte darauf trotzig reagiert. Jetzt war er angenehm überrascht, dass seine Worte letztlich wohl doch auf fruchtbaren Boden gefallen waren.
Die Meister und etliche Schüler hatten sich auf einer Wiese unweit der Weißen Halle versammelt. Es war ein wolkiger Tag mit unbeständigem, böigem Wind. Nandalee hatte etwa achtzig Schritt entfernt eine Zielscheibe aufstellen lassen. In ihrer Mitte war ein schwarzes Auge aufgemalt. Nicht größer als ein Trollauge. Eine Anspielung, fragte sich Gonvalon? Oder nur ein Zufall? Die übrige Scheibe war ganz in Weiß gehalten, sodass sich das Auge deutlich absetzte.
»Damit mir keiner den Vorwurf machen kann, dass ich einen Schwindel aufziehe, möchte ich eine der Meisterinnen, die unverdächtig ist, mit mir auf gutem Fuß zu stehen, aufrufen. Bitte, Ailyn, hilf mir.«
Alle Blicke richteten sich auf die Schwertmeisterin, deren Antlitz zu einer bleichen Maske wurde. Gonvalon wusste, wie sehr sie es hasste, im Mittelpunkt zu stehen. Ihr war ihr Ärger anzusehen, als sie die Gruppe der Meister verließ und zu Nandalee hinüberging.
Gonvalon seufzte. Nandalee konnte es einfach nicht lassen zu provozieren! Wo würde das hinführen? Obwohl er ihr Vertrauter unter den Meistern war und er jeden Tag viele Stunden mit ihr verbrachte, hatte sie ihm mit keinem Wort verraten, was sie heute tun wollte.
Nandalee hatte eine schwarze Augenbinde vorbereitet. Sie bat Ailyn, zu prüfen, ob das Tuch blickdicht sei, und es ihr anzulegen. Die Schwertmeisterin kam der Aufgabe gewissenhaft nach, obwohl ihr weiterhin eine gewisse Anspannung anzumerken blieb. Zuletzt bat Nandalee Ailyn, sie mehrfach im Kreis zu drehen.