Lyvianne warf Gonvalon einen abschätzigen Blick zu. »Was für Kinderspiele sind das?«
Er konnte nur mit den Schultern zucken. »Ich kenne sie nicht als Kind. Auffällig wurde sie als Mörderin. Und ich bin überzeugt, darin hat sie sehr viel Talent.«
Die Elfe bedachte ihn mit einem spöttischen Lächeln. »War das jetzt ein Lob oder ein Tadel?«
Statt zu antworten, sah er wieder zu Nandalee. Ailyn trat von ihr zurück. Seine Schülerin atmete tief ein. Sie hatte den Kopf leicht gesenkt. Er empfand es als beklemmend, sie so mit verbundenen Augen zu sehen. Wie viel Verzweiflung lag wohl hinter ihrer Auflehnung? Vielleicht war er nicht der richtige Meister für sie? Sie hätte sich ihm anvertrauen müssen.
Nandalee richtete sich zur Scheibe hin aus. Sie hielt sich auf anmutige Art gerade und jede Bewegung wirkte natürlich, ja vollkommen. Gonvalon musste daran denken, wie der Schwebende Meister vor langer Zeit einmal die Schwingen für ihn ausgebreitet hatte, um ihn zu lehren, was der Unterschied zwischen Bewegung und Harmonie war. Er hatte das niemals vergessen und versuchte es seinerseits an seine Schüler weiterzugeben. Was Nandalee hier zeigte, war ein Spiegelbild dessen, was er mit seinem Schwerttanz zu erreichen hoffte.
Sie zog einen Pfeil aus dem Köcher an ihrer Hüfte. Legte ihn auf die Sehne des Bogens, der länger war als sie selbst. So verharrte sie, die Waffe gesenkt. Die Zeit verstrich quälend langsam. Etwas veränderte sich ringsherum. Er konnte spüren, wie sie Magie wob, war sich aber sicher, dass sie es auf die ihr eigene intuitive Art tat. Vielleicht war sie sich dessen gar nicht bewusst. Der Zauber war kraftvoll und hatte etwas kaum greifbares Fremdes an sich. Ganz so, als sei in ein vertrautes Gericht der Hauch eines fremden Gewürzes hineingeraten.
Unvermittelt hob sie den Bogen und zog die Sehne bis hinter ihr rechtes Ohr durch. So verharrte sie einen Herzschlag. Dann ließ sie den Pfeil davonschnellen.
Das Geschoss traf mitten ins Auge.
»Was für ein Schuss!«, rief er mit unverhohlener Begeisterung. Die übrigen Meister verhielten sich reservierter.
»Mag es sein, dass es dir in der Beurteilung deiner Schülerin an der nötigen Objektivität fehlt?«, bemerkte Lyvianne kühl.
»Aber es war doch eine großartige Leistung!«
»Nur leider ganz kriegerischer Natur«, entgegnete die Elfe.
Nandalee rief einigen Schülern zu, die Zielscheibe fünfzig Schritt weiter nach hinten zu rücken.
»Was will sie damit beweisen?«, fragte nun auch Ailyn. »Ohne Frage war der Schuss eine herausragende Leistung. Aber heute geht es doch um ganz anderes.«
»Ist es nicht ein Gebot der Höflichkeit, sie ihre Vorstellung zum Ende bringen zu lassen, bevor wir ein Urteil fällen?«, fragte Gonvalon, verärgert über die Engstirnigkeit der Meister. Was gut war, verdiente Anerkennung!
Lyvianne nickte, doch in ihrem Blick lag die Andeutung einer Frage. Unterstellte sie ihm etwa eine Affäre? Er wandte sich ab und sah erneut zu Nandalee. War Lyvianne womöglich nicht die Einzige, die so dachte? Wenn dem so wäre, hätte sein Wort bei den Meistern kein Gewicht mehr.
Gonvalon beobachtete Nandalee nervös. Hatte er etwas getan, das die Meister veranlasste, ihm eine Affäre zu unterstellen? Oder war es allein seine Vergangenheit, die zu dieser Fehleinschätzung führte? Er musste das klären. Doch jetzt war nicht der rechte Zeitpunkt dafür.
Es war eine Freude, Nandalee zuzusehen. Jede ihrer Bewegungen war vollendete Harmonie. Sie war schön, auf eine wilde, äußerst anziehende Art. Sie hatte etwas von der Schönheit von Raubkatzen an sich. Das war unsachlich, ermahnte er sich in Gedanken. Dann öffnete er sein Verborgenes Auge. Auch auf dieser Ebene hatte sie zur Harmonie gefunden. Wie er vermutet hatte, wob sie einen Zauber, doch fügte er sich vollkommen in die natürlichen Kraftlinien, die sie umgaben. Sie zwang nichts eine neue Form auf. Allerdings gab es eine neue Linie. Sie hatte einen goldenen Ton und entsprang ihrer Stirn. Sie verband Nandalee mit dem Ziel. Kaum, dass sie den Pfeil von der Sehne schnellen ließ, verblasste sie.
Gonvalon vertraute sich wieder dem Blick seiner Augen an. Nandalee streifte die schwarze Binde ab. Sie sah kaum zur Zielscheibe. Sie wusste, dass sie getroffen hatte. Voller Erwartung und Zuversicht wandte sie sich an die Meister.
»Dies ist meine Kunst«, erklärte sie stolz. »Die Kunst, mit mir, der Natur und dem Ziel in Harmonie zu treten. Wenn ich hinausgehe, um mit dem Bogen zu üben, dann wird meine Seele frei von allem, was mich bedrückt. Das ist es doch, was wir durch die Ausübung von Kunst erreichen wollen. Uns läutern und somit zugleich auch kräftigen für das, was kommen mag.«
»Für mich beinhaltet Kunst, dass am Ende eines wie auch immer gearteten Schaffensprozesses ein Werk steht«, sagte Lyvianne betont sachlich. »In einem Pfeil, der in einer Zielscheibe steckt, vermag ich kein Kunstwerk zu erkennen.«
Nandalees Züge verhärteten sich. »Was ist mit jenen Schülern, die singen oder tanzen? Oder mit Eleborn, der Skulpturen aus Licht und Wasser erschafft, die vergehen, sobald er keine Kraft mehr in seine Zauber gibt? All das erkennt ihr an, ohne dass ein greifbares Werk bleibt!«
»Weil all das unseren Zielen entspricht. Wir alle hier sind uns darüber im Klaren, dass dein grundlegendes Problem darin besteht, dich Regeln zu unterwerfen. Unsere Regeln zur Ausübung einer Kunst sind weit gefasst, aber wir werden dir nicht gestatten, sie gegen ihre Intentionen zu verkehren.«
»Und was lehrt ihr hier? Die Kunst zu töten, nicht wahr? Wo stehe ich also im Widerspruch? Warum lasst ihr mich nicht meinen Weg gehen?«
»Weil wir dich schützen wollen.« Gonvalon hatte das Wort ergriffen, da er befürchtete, dass Nandalee Lyvianne im nächsten Augenblick schon offen anfeinden würde. »Wenn du unter die Drachenelfen aufsteigen solltest, dann wirst du Dinge tun, die einen Schatten auf deiner Seele hinterlassen. Ich gestehe offen ein, dass ich mir das nicht recht vorstellen konnte, bevor ich zum ersten Mal ausgeschickt wurde, um zu töten. Alles, was wir in der Weißen Halle lehren, ist auf Jahrhunderten von Erfahrungen begründet. Vertraue uns, Nandalee. Es ist keine weise Entscheidung, wenn du dich in der Kunst des Tötens üben willst, um die Last des Tötens abzustreifen. Wenn du von einer Mission wiederkehrst, dann brauchst du Abstand. Und den wirst du mit einem Bogen in der Hand nicht gewinnen.«
»Macht ihr noch neue Erfahrungen oder seid ihr alle im Althergebrachten erstarrt?«
»Wir haben unsere Erfahrungen gemacht, damit unsere Schüler nicht unsere Fehler wiederholen«, sagte Ailyn. Nicht harsch, wie es sonst ihre Art war, sondern fast wehmütig.
Selbst Nandalee war darüber einen Augenblick lang zu verblüfft, um zum Gegenangriff anzusetzen.
Lyvianne streckte die Hand aus. »Den Bogen. Es ist ehrlos, dem Feind, den zu töten man gekommen ist, nicht Aug in Aug gegenüberzutreten. Das ist nicht die Art der Drachenelfen.«
»Nennt ihr etwa das, was ihr tut, einen gerechten Kampf? Ihr habt jahrelang geübt zu töten. Ihr habt es zu einer Kunst erhoben. Und dann tretet ihr einem Troll gegenüber, der immer nur ein Jäger war, und metzelt ihn nieder. Oder gar einem Menschen, der ein Leben lang üben könnte und euch nicht gewachsen wäre. Was ist da der Unterschied zu einem Pfeil? Die Opfer sind auf jeden Fall rettungslos verloren.«
Lyvianne gab ihr eine Ohrfeige, so heftig, dass all ihr Finger auf Nandalees Wange abgemalt waren. »Glaube nicht, dass du weißt, was dich da draußen erwartet. Bevor du nicht dort warst, gestatte ich dir nicht so zu reden. Und da es dir an Demut fehlt, wirst du die Bronzetafeln unter den Schwertern putzen, die in der Eingangshalle hängen. Jede einzelne. Und merke dir die Namen. Jeder von denen, die gegangen sind, war mehr wert als du.«
Nandalee nahm die Ohrfeige hin, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken. Ihren Bogen hielt sie eng an ihren Körper gepresst. »Was erwartet uns denn in der Welt? Alle hier schweigen! Was für Aufgaben sind das, für die wir zum Töten ausgebildet werden? Was ist so schrecklich, dass man darüber nicht reden kann und sich in irgendeinen nutzlosen Unsinn flüchtet, um es vielleicht zu vergessen? Hat einer von euch ehrbaren Meistern seine Morde vergessen? Wenn dem so ist, dann wird er meinen Bogen bekommen und ich werde mich fügen und obendrein versuchen, die Kunst zu erlernen, die sein Gewissen einzuschläfern vermag.«