Gonvalon dachte an seine Reisen. An seine Toten. Keiner der Meister antwortete Nandalee. Das gehörte zu den ungeschriebenen Gesetzen der Drachenelfen. Niemand sprach über das, was er getan hatte.
»Es war von vornherein klar, dass mir hier keine Gerechtigkeit widerfahren würde. Ich spreche euch das Recht ab, über mich zu urteilen. Ihr seid ja schon tot! Eure Seelen ruhen längst dort, wo ihr eure Morde begeht!«
»Das genügt!« Lyvianne hatte sich gefasst. »Du forderst uns heraus? Vertraust du so sehr darauf, dass du unter dem Schutz des Dunklen stehst? Täusche dich nicht. Du hast in einem recht — wir sollten uns nicht mit dir abgeben. Ich werde dafür sorgen, dass an einem anderen Ort über dich geurteilt wird. Übermorgen schon! An einem Ort, an dem du keine Freunde hast.«
Lyvianne wandte sich ab und ging aufrecht und gemessenen Schrittes zur Schule zurück.
Gonvalon sah ihr lange nach. Er ahnte, was sie im Schilde führte, und es gefiel ihm nicht.
Uber den Dächern von Akšu
Aya schwang sich auf das Flachdach und duckte sich in Deckung. Unter sich hörte sie die Schritte des Kastraten. Die Haremswachen waren durch Juba in den letzten Wochen noch verstärkt worden. Die meisten dieser dummen Gänse fügten sich freiwillig. Für sie war es eine Ehre, im Harem zu leben. Man wurde sein Leben lang versorgt. Es gab das beste Essen. Die besten Ärzte kümmerten sich um ihr Wohl und die Frauen durften ihre Kinder behalten, bis die Jungen ein gewisses Alter erreichten und ihre Anwesenheit im Harem nicht mehr tragbar war. Die Mädchen aber wurden im Palast erzogen, bis man sie an irgendeinen Fürsten verheiratete, um Bündnisse zu stärken. Eine seiner Töchter hatte Aaron in der Vergangenheit sogar zur himmlischen Hochzeit mit Muwatta geschickt. Viel geholfen hatte das ja nicht.
Die Schritte des Wächters verklangen. Aya wagte es, sich ein wenig aufzurichten. Auf der weiten Dachlandschaft des Palastes gab es nur wenig Deckung. Sie konnte leicht von einem der Wächter auf den hohen Außenmauern der Palaststadt gesehen werden. Zum Glück suchte deren aufmerksamer Blick nach Eindringlingen, die von jenseits der Mauer kamen. Sie würden gewiss nur selten nach den Palastdächern sehen.
Geduckt schlich Aya an einer niedrigen Mauer entlang. Ihr Vater hatte sie immer liebevoll neckend eine Bergziege genannt. Er hatte keine Söhne gehabt und lange mit seinem Schicksal gehadert, doch schließlich war ihm seine dritte Tochter die liebste geworden. Sie kletterte und raufte wie ein Junge und war dabei unvergleichlich schön. Jedenfalls hatte ihr Vater das immer wieder beteuert.
Aya stiegen Tränen in die Augen. Sie war für den Harem des Unsterblichen ausgewählt worden. Das war die höchste Ehre, die einer Frau zuteil werden konnte. Das Lager mit dem lebenden Gott zu teilen. Seine Kinder zu gebären! Sie konnte ein leises Schluchzen nicht unterdrücken. Wenn ihr Vater gewusst hätte, wie ihr Leben aussehen würde, er hätte sie sicher nicht hergegeben!
Sie war nicht schwanger geworden. In der Hochzeitsnacht hatte Aaron sie brutal genommen. Ohne ein freundliches Wort. Zwei seiner Berater hatten dabei zugesehen. Aya wusste bis heute nicht zu sagen, was schlimmer gewesen war. Wie Aaron sie schlug und biss oder die Schande, dass andere Männer Zeugen ihrer Schändung wurden. Sie hatte sich wie eine Straßenhure gefühlt, die es in dunklen Gassen mit jedem trieb, der eine Kupfermünze zur Hand hatte.
Noch ehe ihr erster Mond im Harem vorüber war, hatte sie mit ansehen müssen, was mit Frauen geschah, die nicht fügsam waren. Es gab eine Löwengrube im Inneren Palast und ein großes Becken, in dem Krokodile gehalten wurden. Prinzessinnen gab man nicht zurück, wenn man von ihnen enttäuscht wurde. In den Briefen der Hofschreiber hieß es dann, sie seien im Kindbett gestorben.
Sie hatte es verstanden, Aaron nicht zu enttäuschen, wenn er sie zu sich befahl, was zum Glück nicht zu oft geschah. Es gab so unendlich viele Frauen hier. Manche hatte sich der Unsterbliche nie ins Bett geholt. Sie waren im Glauben, etwas Besonderes zu sein, nach Akšu gekommen. Dann war hinter den Mauern des Harems ihre Schönheit verblüht, ohne dass sie den Unsterblichen je zu Gesicht bekamen.
Dichter nannten den Harem einen Rosengarten. Die Narren hatten keine Ahnung. Es war ein Garten voller giftiger Blumen. Ein Ort der Intrigen und der stillen Trauer. Ein Ort für Kindsmörderinnen und Huren. Manche suchten die Freundschaft der Kastraten, die ihre Wächter waren. Was sie taten, damit Männer, denen die Männlichkeit fehlte, Gefallen an ihnen fanden, vermochte Aya sich nicht vorzustellen.
Am gefährlichsten jedoch war es, plötzlich die Gunst des Unsterblichen zu finden. Alle hier hofften darauf. Und manche der Frauen waren keine großen Dulderinnen – sie kämpften. Mit den Waffen des Harems. Mit Verrat und Intrige. Mit Lügen! Und selten auch mit dem Pulver aus zerstoßenem Glas. Es zerschnitt die Innereien, man blutete sich zu Tode. Und Männer, dämlich wie sie waren, hielten es für ein tragisches Frauenschicksal, wenn man auf diese Weise verblutete. Sie sahen nicht nach, aus welcher Körperöffnung das Blut kam.
Aya wollte fort von diesem Ort. Sicherlich, der Unsterbliche war weniger gewalttätig seit jenem Tag, als er aus dem Himmel gefallen war und als ein veränderter Mann zurückkehrte.
Anfangs hatte Aya Angst gehabt, als sie zu den wenigen Frauen gehörte, die für die Reise im fliegenden Palast ausgewählt wurden, aber als Aaron dann sie und die rothaarige Schaptu in der Nacht nach dem Himmelssturz auswählte, um mit ihm das Lager zu teilen, war Aya überzeugt gewesen, dass ihr Schicksal nun endlich eine glückliche Wendung genommen hatte. Er hatte auch noch Mara erwählt, aber diese liederliche Schlampe hatte er nie wieder zu sich gerufen!
Aaron war sehr verändert gewesen. Er hatte geradezu schüchtern gewirkt. Später wurde er sehr leidenschaftlich, aber nie grob, so wie früher. Während der Reise im fliegenden Palast hatte er sie mehrmals auf sein Lager gerufen. Auch allein! Nach der Einsamkeit und den Gefahren des Harems war es fast wie eine richtige Liebesgeschichte gewesen. Doch mit der Rückkehr in den Palast von Akšu wurden all ihre Hoffnungen zerschmettert. Aaron war fast nie dort. Er unternahm endlose Reisen. War er im Palast, kam er nur selten in den Harem, und wenn doch, so meist nur, um mit ihnen allen gemeinsam zu speisen und ein wenig zu plaudern. Einigen Frauen gefiel das. Vor allem den älteren und denen, die Kinder von ihm hatten. Aber viele verzweifelten daran. Ihr Schicksal war es, in ihrem ganzen Leben nur einen Mann zu haben, den sie mit vielen anderen teilen mussten. Und nun erschien dieser Mann nicht mehr, um im Harem seine Pflicht zu tun.
Manche munkelten, er sei gar nicht der richtige Aaron. Muttermale waren verschwunden oder an anderer Stelle und wenn er sie liebte, so tat er es mit mehr Kraft und Leidenschaft, er war zärtlich und hatte keine von ihnen mehr verletzt. Jedenfalls nicht körperlich. Dafür umso mehr ihre Seelen! Sie waren dazu verdammt, im Harem zu versauern. Es gab hier allein dreiundzwanzig Mädchen, die ihm noch nie beigelegen hatten. Jungfrauen! Sie würden alt werden, ohne jemals die Liebe genossen zu haben. Manche entschieden von sich aus, sich geriebenes Glas ins Essen zu mischen.
Sie würde das niemals tun, hatte Aya schon vor einiger Zeit entschieden. Sie war eine Kämpferin. Sie war das Mädchen, das ihrem Vater den Jungen ersetzt hatte. Sie würde nicht einfach aufgeben. Sie war entschlossen, einen Weg aus dem Palast zu finden. Nach Hause könnte sie nie mehr zurück und sie hatte keine Ahnung, was ihr die Zukunft bieten würde, aber alles war besser, als im Harem langsam zu versauern. Es hieß, dass Frauen, die keinem Manne beiwohnten, mit der Zeit einen sauren Körpergeruch annahmen. Einige der älteren Frauen, jene, die sich auch nicht mehr jeden Tag wuschen, verströmten tatsächlich einen solchen Duft. Das hatte sie selbst schon gerochen.