Aya dachte an jene Handleserin, die vor ein paar Tagen im Harem zu Gast gewesen war. Eine willkommene Abwechslung, dachten viele. Aber die Frau hatte Unglück gebracht! Sie sprach mit jedem Mädchen, das sie zu sich rief, allein. Aya hatte die Frau gar nicht sehen wollen, denn sie entschied ganz allein über ihre Zukunft – und die stand ihr gewiss nicht von Geburt an in die Hand geschrieben! Schaptu und Mara waren abergläubische, dumme Dinger. Die Alte hatte beiden gesagt, ihre Lebenslinie sei kurz. Sehr kurz! Wer wollte so etwas wissen! Gerüchteweise hatte sie das noch etlichen anderen Mädchen verkündet. Vor allem den Jüngsten. Jenen, die noch nicht das Lager mit Aaron geteilt hatten und dafür alles geben würden. Was erwartete sie?
Ein tiefer, grollender Laut riss Aya aus ihren Gedanken. Sie blickte über den Mauerrand. Unter ihr lag die Löwengrube. Im Gegensatz zu den Wächtern auf der fernen Mauer schienen die Raubkatzen sie bemerkt zu haben. Ein Löwe mit mächtiger schwarzer Mähne stützte die Pfoten gegen die Mauer und blickte zu ihr hinauf. Sternenlicht brach sich in den Raubtieraugen. Aya wich zurück.
Die Gittertür am Ende der Rampe, die hinab in die Grube führte, war offen. Aya hatte davon flüstern hören, dass auf einigen der Höfe des Nachts Löwen als Wachen umherstreiften, hatte es aber nicht geglaubt. Bis jetzt.
Hastig kroch sie weiter. Immer dicht an die niedrige Brüstung gedrückt, die das Flachdach abgrenzte, und blickte verzweifelt über das Meer von Terrassen und Flachdächern. Kaum ein Gebäude war höher als drei Geschosse. Nur der Garten, der Teil des Harems war, ragte weiter empor. Wie eine weite Treppe lagen die verschiedenen Terrassen des Gartens übereinandergestaffelt. Sie alle waren von einer hohen, sehr dicken Mauer umfasst, die neugierige Blicke fernhielt.
Aya kämpfte gegen ihre Niedergeschlagenheit an. Vielleicht musste sie es einfach wagen, auf einen der Höfe hinabzuspringen, auf denen die Löwen umherstreiften. Wenn sie nur leise genug war, würden die Bestien sie ja vielleicht nicht bemerken. Heute hatte sie ohnehin nur vorgehabt, die Dachlandschaft des Palastes zu erkunden. Ein guter Plan musste reifen! Sie würde ihrem Gefängnis schon noch entfliehen!
Aya balancierte über eine hohe Ziegelmauer, die zwei Höfe voneinander trennte. Sie wusste, dass es der blanke Leichtsinn war. Dies hier musste der Palasttrakt sein, in dem die hohen Beamten ihre Quartiere hatten. Erleichtert erreichte sie die Sicherheit des nächsten Flachdachs. Ob sie in die Gemächer eines der Getreuen des Unsterblichen eindringen sollte? Wenn sie an einen wie Juba geriet, würde sie sofort ausgeliefert, aber einen anderen könnte sie vielleicht betören? Einige der Würdenträger kannte sie, denn seine engsten Vertrauten durften Aaron manchmal zu den formellen Essen im Harem begleiten.
Gestern Nacht war der Unsterbliche von einer langen Reise zurückgekehrt. Solche Nachrichten erreichten den Harem stets schnell. Aber er hatte noch keine der Frauen zu sich rufen lassen! Ihm stand nicht der Sinn nach Weibern. Ob er mit Männern das Lager teilte? Auf den Reisen war nie eine Frau in seinem Gefolge. Das war seltsam. Früher war das ganz anders gewesen. Da hatte stets ein ganzer Zug Sänften die Karawane des Herrschers begleitet. Die Zelte der Haremsdamen waren ein eigenes Lager innerhalb des Lagers gewesen. Allerdings waren nie alle, die den Palast verlassen hatten, auch wieder zurückgekehrt … War sie verrückt? Wie konnte sie sich nach dem alten Aaron sehnen? Er war grausam gewesen und brutal und diese Art von Liebesspiel vermisste man selbst dann nicht, wenn man verzweifelt war wie sie.
Sie dachte an die Haare, die Aaron seit Kurzem aus den Ohren sprossen. Da waren früher keine gewesen! Konnte ein Sturz aus dem Himmel einem über Nacht Haare aus den Ohren wachsen lassen? Oder war Aaron tatsächlich ein anderer, wie manche der Mädchen tuschelten? Gab sich jemand, der ihm so ähnlich wie ein Bruder war, für ihn aus? Hätte der Löwenhäuptige das zugelassen? Niemals! Es sei denn … Es sei denn, der Devanthar hatte den Betrug gewollt. Betrogen die Götter die Menschen? Was für ein verrückter Gedanke! Sie musste fort aus dem Palast! Wenn sie dem Harem nicht entfliehen konnte, würde sie noch wahnsinnig. Sie wäre nicht die Erste, die …
Schritte! Sie presste sich flach auf das Dach. Eine Wache! Wenn sie hier gefunden wurde, wäre es aus mit ihr. Sie hielt den Atem an. Hatten die unruhigen Löwen jemanden aufgeschreckt? Die Schritte hatten etwas Unentschlossenes. Sah der Wächter sich um? Sie schloss die Augen, wie sie es als Kind getan hatte. Natürlich war das albern, dumm sogar. Als Kind hatte sie geglaubt, wenn sie die Welt nicht mehr sehen könne, würde die Welt auch sie nicht mehr sehen. Einfach verschwinden, nicht mehr als ein Lidschlag. In diesem Augenblick wünschte Aya sich, sie wäre noch einmal Kind. Noch einmal der Liebling ihres Vaters. Dürfte noch einmal mit dem Kopf auf seinem Schoß einschlafen, während er Geschichten von seinen Reisen erzählte.
Die Schritte entfernten sich und sie spähte vorsichtig über den Rand der Brüstung. Der Wächter befand sich unter ihr in dem Säulengang, der den Hof umgab. Sie konnte ihn nicht sehen, aber seine Schritte ließen Bilder in ihrem Kopf entstehen. Ein Schatten zwischen Säulen, der langsam davonschwebte.
Sie sollte umkehren. Für diese Nacht hatte sie genug gewagt. Verzweifelt blickte sie zu den hohen Mauern, die den Palast einschlossen. Sie wusste, dass keines der Gebäude den Mauern näher als zehn Schritt kam. Sie würde nicht entkommen. Nicht so. Das Tor des Morgens oder das Tor des Abends. Nur so konnte sie den Palast verlassen. Durch das Tor des Abends gingen die Karawanen, die aus der Neuen Welt kamen. Manchmal waren es Hunderte! Händler, Viehtreiber, Lastenträger. Sie sollte in die Neue Welt flüchten! Dort gab es zu wenige Frauen. Sie würde sicherlich einen reichen Mann finden.
Ein Schatten erschien zwischen den Kolonnaden auf der anderen Seite des Hofes und eilte dem Durchgang zum nächsten Hof entgegen. Der nächtliche Wanderer bewegte sich mit der arroganten Anmut einer Katze; ein dunkler Kapuzenmantel verhüllte seine Gestalt. Wer war das?
Aya lief quer über das Dach. Wenn sie sich beeilte, konnte sie kurz vor dem Durchgang einen Blick auf ihn erhaschen. Ganz gleich, wer es war, es war eine verwandte Seele. Sie beide schlichen bei Nacht durch den Palast. Aber er musste ein Mann sein! Eine Frau würde dort unten nicht herumlaufen.
Mit leisem Scharren öffnete sich die Pforte zum nächsten Hof. Dieser Ort war belebter. Sie sah Schreiber mit breiten Gürteln, in denen Griffel steckten. Auf den Armen die Holzrahmen mit den nicht einmal handgroßen Kästchen, in die feuchter Ton gestrichen war. Einige Krieger lungerten herum. Zum Glück waren sie nicht sonderlich aufmerksam. Ein fluchender Viehtreiber zerrte seine Lastesel über den Hof und durch das gegenüberliegende Tor wurde eine ganze Kolonne von Männern in ärmlicher Kleidung herangeführt. Jetzt erkannte Aya, wo sie sich befand. Es war der Hof, von dem aus der magische Pfad zur Goldenen Stadt führte. Die Männer waren neue Siedler.
Die Gestalt im Kapuzenumhang war verschwunden. Aya wagte sich noch etwas weiter vor und streckte den Kopf über die Brüstung. Unter ihr sprachen mehrere Krieger mit einem Mann, der eine Perücke aus schwarzem Pferdehaar trug. Wahrscheinlich einer der Satrapen des Reiches. Sie zog sich ein wenig zurück.
Fackelträger hasteten über den weiten Platz, ein unverständlicher Ruf erklang und plötzlich war da der große silberne Löwe, den sie schon einmal gesehen hatte, als sie aus der Neuen Welt zurückgekehrt war. Ein Bogen aus schillerndem Licht hob sich aus dem staubigen Boden.
Prickeln lief über Ayas Haut. Einige der Siedler schrien erschrocken auf, andere warfen sich zu Boden. Einige erfahrene Weltengänger wagten es als Erste, auf dem Goldenen Pfad ins Dunkel zu treten. Die Krieger drängten die Siedler zusammen. Einer schien es sich anders überlegt zu haben. Er wollte davonlaufen, doch kam er nicht weit. Die Krieger packten ihn und zerrten ihn dem Lichtbogen entgegen. Plötzlich kam ein Wind auf. Wolken schoben sich vor das Narbengesicht des Mondes. Staub wurde auf dem weiten Platz aufgewirbelt. Flüche und Rufe hallten durch die Nacht. Ein Lastesel bockte und sein Huftritt schickte den Viehtreiber in den Staub.