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Aya entdeckte den Mann mit dem Kapuzenmantel mitten unter den Siedlern. Eben war er noch nicht dort gewesen. Es schien, als habe der Wind ihn hergeweht. Eine Bö riss ihm die Kapuze vom Kopf. Sofort zog er sie wieder auf, doch Aya hatte sein Gesicht gesehen. Es war unverwechselbar. Ein Gesicht, über das wohl schon jeder im Palast gespottet hatte. Datames, der Hofmeister. Jetzt trug er die Kleider eines einfachen Bauern. Aber er war der einzige unter den Siedlern ohne einen Bart. Auf seine grelle Schminke hatte er in dieser Nacht verzichtet und sein Gesicht wirkte unnatürlich blass. Während er die Kapuze wieder über sein gelocktes Haar zog, hob er den Kopf und blickte in ihre Richtung. Aya hatte das Gefühl, dass er über die große Entfernung genau in ihre Augen sah. Erschrocken wich sie von der Brüstung zurück. Es war unmöglich, dass er sie hier oben entdeckt hatte! Aya wagte noch einmal, über die Brüstung zu blicken. Der Hofmeister war verschwunden und mit ihm alle übrigen Siedler. Was tat er dort unten? Warum schlich er sich in aller Heimlichkeit in die Neue Welt davon? Hatte noch jemand anders ihn erkannt? Oder waren sie alle vom Staub geblendet gewesen, den der plötzliche Windstoß aufgewirbelt hatte?

Aya zog sich zurück. Sie würde in die Sicherheit des Harems flüchten. War es möglich, dass Datames sie gesehen hatte? Was hatte er dort unten getan? Und was würde er noch tun? Sie verraten?

Die Blaue Halle

Gonvalon blinzelte gegen das helle Sonnenlicht an, das durch das Laubdach des Eichenhains fiel. Es war lange her, seit er das letzte Mal hier gewesen war. Lyvianne hatte einen Boten geschickt und alles arrangiert. Allein deshalb schon war er skeptisch, dass Nandalee ein gerechtes Urteil erwartete.

Seine Schülerin sah sich aufmerksam um. »Wo sind wir hier?«

»Bei einem oft besuchten Albenstern. Von hier führt ein Weg zu dem Platz, an den ich dich bringen soll.« Gonvalon dachte an seinen Pegasus. Es war lange her, dass er zu den Wolken geflogen war. Er fühlte sich müde. Wenn dies hier vorüber war, würde er die übrigen Meister darum bitten, die Weiße Halle für einige Monde verlassen zu dürfen. Nachtschwinge hatte einer Stute nachgestellt, als er ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Sein Rappe war in Bainne Tyr, dem Milchland, mit seinen weiten, fruchtbaren Weidegründen. Es war das Land der Pegasi und der Hüter. Viele Kobolde siedelten dort. Und abgeschieden von der Welt in einem Felslabyrinth lag der Jadegarten, der Palast des Dunklen, des ältesten unter den Himmelsschlangen.

»Sie geben sich nicht sehr viel Mühe, ihre Spuren zu verwischen«, sagte Nandalee. »Ein Kind könnte ihnen folgen.«

Gonvalon fiel es schwer, mit seinen Gedanken im Hier und Jetzt zu bleiben. So war es oft, wenn er einen der Albensterne öffnete. Diese Art der Magie beunruhigte ihn. Er beherrschte sie trotz all seiner Reisen noch immer nicht gut genug. Er fühlte sich desorientiert und müde. »Was meinst du?«, fragte er, nachdem Nandalee ihn unverwandt ansah.

»Siehst du nicht die Kette von Trittsteinen?«

Er blinzelte. Unwillig betrachtete er den Waldboden. Sie waren von dichten Farnwedeln umringt. Er wusste, wo er hinwollte. Er würde seinen Weg finden, doch sah er nichts Auffälliges. »Zeig sie mir«, sagte er resignierend. Nandalee liebte es, mit ihrem Können zu prahlen. Besonders bei ihm. Ihm war nicht ganz klar, ob sie ihn damit herabwürdigen oder sich selbst interessanter machen wollte.

»Dieser Baumstumpf liegt hier nicht zufällig. Sie laufen über den Stamm. Leichtfüßig, das muss ich zugeben, aber hier vorne, wo sie abspringen, ist die Rinde gesplittert.«

»Vielleicht hat sich ein Wildschwein daran geschubbert?«

»Das sieht ganz anders aus«, sagte sie mit einer wegwerfenden Geste. »Außerdem würden wir dann auch Borsten am Holz finden. Da ist aber nichts. Und schau einmal, hier hinten der große Stein im Farn liegt nicht zufällig an diesem Fleck. Hier landen sie, wenn sie vom Baumstamm abspringen.«

»Du glaubst also, sie treten vom Albenstern auf den Baumstamm, balancieren darüber und springen dann auf diesen großen flachen Stein?«

»Es ist absolut offensichtlich!«

»Was? Dass du mir irgendwelche Jägergeschichten erzählst?«

Nandalee seufzte und sah ihn an wie ein Kind, das nicht begreifen wollte, dass Feuer heiß war und ihm schaden konnte. »Es ist hier feucht und schattig, aber oben auf dem Stein wächst kein Moos. Nur an den Seiten. So etwas geschieht nicht ohne Grund.«

Sollte sie es je schaffen, unter die Drachenelfen aufzusteigen, würde sie bei den Schülern sicherlich die bestgehasste Meisterin der Weißen Halle werden. Ihre herablassend schulmeisterliche Art war unerträglich! »Das langt«, sagte er barsch und wies den Hang hinauf. Er würde sie von nun an führen, statt sie nach dem Weg suchen zu lassen. Sie war zu gut darin! »Wir gehen dort hinauf.«

»Das dachte ich mir.«

Gonvalon rang um Gleichmut, dachte an die letzte Überraschung, die er für sie parat hatte, und ließ sie vorangehen. Sie hielt weiter nach all den Spuren Ausschau, die für ihn nicht so offensichtlich waren. Manchmal murmelte sie etwas leise vor sich hin. Schließlich hielt sie vor einem Felsblock, der sich groß wie ein Haus aus dem rasenbewachsenen Hang schob. Hier verharrte sie unschlüssig.

Gonvalon blieb stehen und genoss ihre Verwirrung. Sie umrundete den Felsen, dann kletterte sie hinauf und sah sich gründlich um. Als sie wieder herabkam, spiegelte sich Verwirrung in ihrem Antlitz.

»Die Spur führt zum Fels, Meister. Da endet sie, als seien sie davongeflogen. Ich kann ringsherum keine weiteren Fährten entdecken. «

»Mit anderen Worten, du brauchst Hilfe, um weiterzukommen? « Er konnte sich einen gewissen ironischen Unterton nicht verkneifen, obwohl ihm bewusst war, dass er seinem Rang nicht angemessen war.

Sie sah ihn grimmig an. Die Bitte um Hilfe kam ihr nicht über die Lippen. Sie nickte lediglich.

Er trat vor den Felsen und bewunderte die vollkommene Illusion. Dann sagte er mit lauter Stimme: »Liuvar!« Auf den Willkommensgruß hin verzerrte sich die Oberfläche des Gesteins und eine große hölzerne Tür erschien. Lächelnd wandte er sich zu Nandalee um. »Überrascht? Manchmal kannst du von deinem Lehrer noch etwas lernen.«

Einen Moment lang gaffte sie fassungslos den Fels an, dann breitete sich ein Lächeln über ihrem Gesicht aus. Sie verbeugte sich übertrieben. »Nach dir … Meister!«

Gonvalon schluckte. Sie sah hinreißend aus, wenn sie lächelte. Vielleicht war es besser, vor ihr zu gehen.

Die Türangeln waren gut gefettet und die Eichentür schwang lautlos auf. Dahinter wand sich eine Treppe in weiten Spiralen durch den Himmel. Es gab keine Wände rings um die Treppe und keinen Berg, obwohl sie durch einen Felsen in einen Berg hineintraten. Da war nur Himmel, nichts als Himmel.

Gonvalon hörte Nandalee hinter sich aufkeuchen. »Was ist das für ein Ort?«

»Willkommen in der Blauen Halle. Auch hierher werden auserwählte junge Elfen gebracht, die den Drachen dienen sollen. Du musst doch schon davon gehört haben. Diese Auserwählten sind anders als wir. Alles, was du hier siehst, gibt einen tiefen Einblick in ihr Wesen. Meist verbergen sie sich und versuchen unauffällig zu agieren – und manchmal haben sie leichte Anflüge von Größenwahn. Wie ich schon sagte. Sie sind vollkommen anders als wir.«

»Und sie sollen über mich urteilen?«

Gonvalon drehte sich um. Nandalee hatte noch immer keinen Fuß auf die Treppe gesetzt. »So kann es kommen, wenn du dich mit Lyvianne anlegst. Man weiß nie, was die Blauen tun werden. Sie sind … ein wenig … verrückt. Es heißt, sie seien die Lieblinge des Goldenen, der Himmelsschlange, die dem Rat vorsteht. Der Goldene soll sehr oft hier weilen. In der Gestalt eines Elfen. Hier ist nur wenig so, wie es scheint, Nandalee.« Er streckte die Hand aus und klopfte gegen den Himmel. Ein leises Pochen war zu hören. »Versuch es, Nandalee. Tatsächlich windet sich diese Treppe durch soliden Fels.«