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Zögerlich streckte Nandalee die Hand aus, und der Ärger über die Täuschung war ihr deutlich anzusehen. Entschlossen trat sie auf die Treppe. »Gibt es noch etwas, was ich wissen sollte?«

»Vieles. Aber Lyvianne hat mir ausdrücklich untersagt, dich zu warnen. Du sollst deine Erfahrungen selbst machen.«

Sie stellte keine Fragen mehr. Gemeinsam stiegen sie in die Tiefe. Gonvalon genoss den Blick in den falschen Himmel. Wieder dachte er an Nachtschwinge, an den Wind auf den Wangen und wie wunderbar es war zu fliegen.

Am Fuß der Treppe erwarteten sie drei Elfen. Zwei Männer und eine Frau. Gonvalon kannte keinen von ihnen. Sie waren wohlfrisiert, rochen nach Parfüm und alle drei trugen lange, nachtblaue Gewänder, ganz ähnlich denen, die auch in der Weißen Halle gebräuchlich waren. Keiner hatte auf die Goldstickereien, die den Rang des Meisters bezeugten, verzichtet.

»Willkommen, Gonvalon und Nandalee.« Der mittlere der drei sprach sie an. Seine Haut hatte eine leichte Goldtönung, als sei er sehr lange unter freiem Himmel gereist. Das blonde Haar ringelte sich in den Spitzen zu Locken. Er sprach höflich, aber Gonvalon war es unangenehm, dass die drei wussten, wer sie waren, sie umgekehrt aber nichts über die Blauen Meister wussten.

»Diese junge Schülerin gilt also als aufsässig und stellt das Urteil eurer Meister infrage?« Es war der Blonde, der sprach, und er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

»Mit wem habe ich die Ehre?«

»Talawain ist mein Name.« Der Wortführer der Blauen machte keine Anstalten, die anderen beiden vorzustellen. »Es geht darum, was Kunst ist, wenn ich recht informiert bin.«

Gonvalon nickte. Aus dieser Sache würde nichts Gutes erwachsen, dachte er. Was hatte Lyvianne nur geritten, als sie entschied, Nandalee hierherzuschicken? Gonvalon war sich sicher, mitten in irgendeiner Intrige zu stecken. Derlei war nicht seine Stärke, und er hasste es, nur eine Figur in einem undurchschaubaren Spiel zu sein.

»Wir haben bereits eine Zielscheibe aufstellen lassen«, erklärte Talawain. »Dort drüben.«

Gonvalon drehte sich um. Auf allen Seiten umgab sie unendliches Blau und der Boden sah aus wie sorgsam gepflegter Rasen. Jetzt bedrückte den Elfen die blaue Weite. Nichts hier war echt. Weder der Himmel noch die kühle Sachlichkeit, mit der sie empfangen wurden.

»Welche Einstellung zur Kunst hast du, Gonvalon? Ist schon der Akt des Schaffens Kunst? Deine junge Bogenschützin hat eine interessante Frage aufgeworfen. Wir drei haben bereits den ganzen Morgen angeregt darüber diskutiert.«

»Ich bin Bildhauer.«

Talawain hob eine Augenbraue. »Wie brachial. Nur leider vermag ich daraus keine Antwort abzuleiten.«

Ist das nicht Antwort genug, dachte Gonvalon ärgerlich. »Ich arbeite mit Steinen, um mich gänzlich zu erschöpfen und zu verlieren. Ich glaube nicht, dass es erbauend ist mir zuzusehen, wenn ich am Stein arbeite. Für mich ist der Akt des Schaffens egoistisch. Es geht allein um mich und um meine Gefühle. Ich denke nicht an Dritte, sie sind ausgeschlossen. Für sie ist das Werk, wenn es vollendet ist. Dann ist es Kunst.«

»Ich schätze, du gibst keine Erklärungen zu deinen Werken ab. Entweder sie erschließen sich dem Betrachter oder nicht.«

»Richtig.«

»Und was hältst du von Künsten, die nichts Greifbares erschaffen, einmal abgesehen von einem schönen Augenblick? Von Tanz und Musik?« Diesmal war es die Elfe, die das Wort ergriffen hatte, doch Gonvalon war nicht in der Stimmung, mit den Blauen zu plaudern. »Wenig.«

Die Elfe hob eine Braue und musterte ihn forschend. »Würdest du sagen, dass dies die Einstellung der Mehrheit der Meister der Weißen Halle ist?«

Es war Nandalee, die ihn einer Antwort enthob. »Ich bin bereit«, sagte sie, als habe die vorangehende Unterhaltung nicht stattgefunden. Sie hatte die Sehne auf ihren Bogen gezogen und wartete.

Gonvalon war erleichtert, dass diese überflüssige Unterhaltung ein Ende hatte.

Die drei Meister sahen einander an, dann nickten sie. »Bitte beginne mit deiner Vorführung.«

Wie schon vor der Weißen Halle verschoss Nandalee zwei Pfeile und Gonvalon war erneut angetan von der Anmut, mit der sie sich bewegte. Es war eine Freude, ihr zuzusehen.

Einmal mehr trafen beide Pfeile mitten in das Auge.

Die Meister der Blauen Halle zogen sich außer Hörweite zurück. Sie sprachen eine Weile miteinander, wobei die Elfe heftig gestikulierte. Stritten sie? Oder war auch das nur Teil des Spiels? Wenn Lyvianne bei den Meistern der Blauen Halle den Eindruck erweckt hatte, dass Nandalee unbeliebt war, würde die junge Bogenschützin hier auf Unterstützung hoffen dürfen. Es sei denn, die Blauen spekulierten darauf, dass man ihnen heimtückisch eine missliebige Schülerin unterschieben wollte. Gonvalon seufzte! Intrigen! Er hasste das!

Nandalee hatte die Sehne von ihrem Bogen gelöst und aufgerollt. Sie wirkte nervös. Gonvalon entschied, sich zu ihr zu gesellen.

»Was bereden die so lange?« Sie flüsterte, obwohl die Blauen außer Hörweite waren.

»Das bedeutet, dass zumindest einer von deinen Vorstellungen über Kunst angetan zu sein scheint.«

»Wenn sie für mich entscheiden, was wird dann geschehen?«

In manchen Dingen war sie geradezu kindlich naiv, dachte Gonvalon. »Man wird um deinetwillen nicht die Gesetze der Weißen Halle umschreiben. Bogen sind bei uns geächtet. Ganz gleich, welches Urteil sie fällen, du wirst deine Waffe niederlegen müssen.«

»Aber warum?«

»Ist das wirklich so schwer zu verstehen? Einmal abgesehen von der alten Ordnung, könnten wir Meister nicht dulden, dass eine Schülerin uns ihren Willen aufzwingt. Das ist unmöglich. Nicht einmal ich würde dich unterstützen.«

Nandalee sah ihn durchdringend an. Was ging in ihr vor? Bedeutete seine Freundschaft ihr etwas? Bislang hatte sie sich davon nichts anmerken lassen.

Talawain kam zu ihnen herüber. »Auch wir werden den Bogen nicht als ein Instrument akzeptieren, mit dem man eine der schönen Künste ausübt. Dies zu tun hieße unsere Grundsätze ins Gegenteil zu verkehren. Wir schließen uns dem Urteil der Weißen Halle an.«

Nandalee presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Gonvalon wich ein Stück von ihr zurück. Er musste daran denken, was der Schwebende Meister ihm berichtet hatte, als er Nandalee aus der Höhle in den Bergen geholt hatte. Wie sie im Zorn einen Mitschüler getötet hatte.

»Allerdings hast du uns alle mit deiner Meisterschaft im Bogenschießen beeindruckt. Wir möchten deine Kunstfertigkeit von dir erlernen. Wir machen dir deshalb ein Angebot, wie es in der Geschichte der Blauen Halle noch niemals unterbreitet wurde. Du kannst bei uns bleiben, und du wirst gleichermaßen Schülerin und Meisterin sein. Wir heißen dich in unseren Reihen willkommen, Nandalee.« Talawain streckte ihr die Hand entgegen.

Gonvalon schluckte. Sie wollten Nandalee hierbehalten? Mit dieser Antwort hatte er nicht gerechnet. »Du solltest ihr sagen, was ihr tut, Talawain. Und dass keiner aus der Blauen Halle je in die Reihen der Drachenelfen aufsteigen kann.«

Talawain parierte den Angriff mit einem Lächeln. »Das weiß sie doch sicher längst. Ist es so wichtig, den Drachen nahe zu sein? Die Drachenelfen lassen sich ein Drachenbild unter die Haut stechen, wenn sie ihre letzte Prüfung bestanden haben. Es ist unauslöschlich. Wir aber sind die Wandelbaren, Nandalee. Wir sperren uns nicht gegen das Neue, und die Aufgaben, die uns erwarten, erfordern nicht weniger Mut. Allerdings sind kühne Waffentaten nur selten unser Geschäft. Wir sind die im Schatten. Jetzt, zu dieser Stunde, sind einundachtzig unserer Schüler in der Welt der Menschen. Sie sind Späher. Sie versuchen die Ziele der Devanthar zu ergründen. Und sie versuchen, die Menschen zu manipulieren, so wie die Widersacher der Alben es tun. Jene von uns, die entdeckt werden, erwartet ein schreckliches Schicksal. Wir kämpfen nicht mit dem Schwert in der Hand. Unsere Waffen sind List und Täuschung. Wir …«