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»Du vergisst Gift und Dolche«, unterbrach ihn Gonvalon. »Und tötet ihr nicht auch Kinder?«

»Willst du behaupten, aus euren Reihen seien noch keine Kindsmörder hervorgegangen? Wir sind dort, wo man uns nicht vermutet, Gonvalon. So werden wir auch zu Zeugen eurer Taten. Wir wissen, warum niemand euch Heldenlieder singt und warum ihr euren Schülern nicht anvertraut, was einmal ihre Aufgabe sein wird. Ihr seid der Schrecken. Auch an unseren Händen haftet Blut, doch weit weniger als an den Händen der Meister der Weißen Halle.«

»Maßt du dir an zu reden, worüber zu schweigen geboten ist?« Gonvalon war versucht, seine Rechte auf den Griff seines Schwertes zu legen.

Talawain lächelte und wandte sich wieder an Nandalee, als hätte er Gonvalons drohenden Unterton nicht gehört. »Siehst du, wie tief es in ihnen steckt, wenn ihre Ausbildung abgeschlossen ist, Nandalee? Wir sind anders. Es ist noch nie geschehen, dass eine Schülerin die Hallen gewechselt hat. Es ist nur möglich, weil die Weißen dich aus freien Stücken geschickt haben. Wenn du bei uns bleiben willst, dann nimm meine Hand.«

Gonvalon hätte erwartet, dass Nandalee sofort einschlagen würde, aber sie tat es nicht. Aufmerksam musterten ihre wachen Augen erst ihn und dann wieder den Blauen Meister. Er verstand nicht, warum sie zögerte, aber die Aussicht, Nandalee zu verlieren, schmerzte ihn mehr, als er erwartet hätte.

Auch Talawain bemerkte Nandalees Zögern. »Manchmal kann ein Einzelner, ein Entschlossener, mit einem Dolchstoß abwenden, was später tausend Schwerter nicht mehr zu verhindern mögen. Doch um mit dem Dolch zu töten, muss man seinem Opfer so nahe sein, dass auch das eigene Leben oft verwirkt ist. Ein Bogenschütze hätte bessere Aussichten zu fliehen. Wenn du uns deine Kunst zu schießen lehrst, wird weniger Elfenblut in der Welt der Menschen vergossen werden.«

Gonvalon konnte sehen, wie Nandalees Widerstand bröckelte. Er wollte nicht, dass sie ging, aber er fühlte sich auch verpflichtet, ehrlich zu ihr zu sein. »Ich kann dir nicht einmal aufrichtigen Herzens versprechen, dass du in der Weißen Halle zur Meisterin aufsteigen wirst«, erklärte er.

»Und nicht nur das«, sagte Talawain. »Weiß sie um das Schicksal deiner Schülerinnen? Sie sterben. Die letzte ist spurlos verschwunden, aber das Schwert, mit dem sie auszog, hängt wieder in der großen Halle. Das lässt keinen Zweifel an ihrem Schicksal. Du solltest dich von ihm trennen, Nandalee. Auf ihm scheint ein Fluch zu liegen. Ich verstehe nicht, warum sie ihn überhaupt noch als Lehrer in der Weißen Halle dulden.«

Nandalees Blick traf ihn ins Innerste. Er hätte es ihr sagen sollen! Es wäre so oft Gelegenheit dazu gewesen. Die anderen Meister der Weißen Halle schwiegen über die vielen Toten, und die Schüler waren nicht lange genug dort, um das ganze Ausmaß des Unheils zu kennen. Trotzdem – er hätte es ihr sagen müssen. Er seufzte. »Es ist wahr. Ich hatte bereits sechs Schülerinnen. Sie alle wurden in den Rang einer Meisterin erhoben – und sie alle starben. Ich habe die Himmelsschlangen Dutzende Male gebeten, mich von meinen Pflichten in der Weißen Halle zu entbinden. Vergebens. Ich weiß nicht, warum sie mich nicht ziehen lassen.«

Nandalee lächelte ihn an. »Aber ich weiß es. Ich weiß es, seit du mich bei dem Schwebenden Meister geholt hast. Sicher hat er dir geraten, mich zu töten. Ich weiß es, seit ich zum ersten Mal mit dir gelaufen bin. Sie lassen dich nicht ziehen, weil du ein guter Lehrer bist. Ein Lehrer, dessen Herz seinen Schülerinnen gehört. Und deshalb werde ich mit dir in die Weiße Halle zurückkehren. Ich werde die sein, die allen beweist, dass es keinen Fluch gibt. Ich werde nicht sterben. Und ich werde das Bild der Himmelsschlangen unter meine Haut stechen lassen.«

Gonvalon schluckte hart. Ein Kloß saß in seinem Hals.

»Ich finde, wir sollten nun gehen«, sagte Nandalee leichthin. Dann wandte sie sich an Talawain. »Wenn ich eine Meisterin der Weißen Halle bin, werde ich hierher zurückkehren. Und ich werde euch lehren, wie Schütze, Bogen, Pfeil und Ziel eins werden. « Sie runzelte die Stirn, dann schüttelte sie sacht den Kopf. »Nein, es ist anders. Sie sind schon eins. Alles ist durch das magische Netz miteinander verbunden. Man muss nur lernen, es zu sehen.«

Und dann drehte sie sich einfach um und ging, als wäre damit alles gesagt.

Gonvalon nickte wortlos, aber innerlich lachte er. Seit über einem halben Jahr verbrachte er jeden Tag mit Nandalee. Er hatte gedacht, sie zu kennen. Aber er wusste nichts von ihr.

Die Flucht

Aya schob vorsichtig das lose Brett zur Seite, griff nach dem Deckenbalken und zog sich hoch. Das war der schwerste Teil. Es ziemte sich eigentlich für eine Haremsdame nicht, Arme zu haben, die einen solchen Kraftakt zuließen. Keuchend kletterte sie auf das Flachdach. Vor einer Woche erst hatte sie die schadhafte Stelle im Dach einer der kleinen Nebenkammern des Badehauses entdeckt. Wer immer das hier repariert hatte, war ein ehrloser Lump gewesen. Statt die Arbeit ordentlich zu machen, hatte er ein paar Bretter, auf die ein Öltuch genagelt war, über das Loch im Dach gelegt. Vielleicht waren es auch gar keine richtigen Handwerker gewesen … Würde man irgendwelche Arbeiter so nah an den Harem lassen? Nein, entschied Aya, vermutlich nicht.

Sie ließ sich auf den Rücken sinken und blickte zum weiten Sternenhimmel hinauf. Von hier sah er unendlich schöner und größer aus als aus den Höfen des Harems. Sie fühlte sich frei, wenn sie auf dem Dach lag – zumindest so lange, bis ihr wieder einfiel, dass sie hier oben nicht weniger gefangen war als in den Gemächern des Harems. Es gab kein Entrinnen aus dem Palast von Akšu. Nicht einmal durch das verwunschene Tor, das in die Neue Welt führte. Durch dieses Tor gingen kaum je Frauen, und als Mann verkleiden konnte sie sich auch nicht. So schäbige, abgerissene Kleider, wie die einfachen Bauern sie trugen, waren im Harem einfach nicht aufzutreiben.

Seit ihrem ersten Ausflug auf das Dach hatte sie über nichts anderes mehr nachgedacht als über ihre Flucht und in dieser ersten Nacht hatte sie bei ihrer Rückkehr in den Harem vor Aufregung nicht schlafen können. Die Freiheit war ihr so nah erschienen! Aber mit jeder weiteren Nacht, die sie nachgedacht hatte, war ihr klarer geworden, wie fern sie in Wahrheit war. Nur wenn sie einen ganz und gar ehrlosen Weg beschritt, dann mochte es ihr vielleicht gelingen zu entkommen. Sie hatte Erkundigungen über den Hofmeister eingezogen. Datames. Sehr vorsichtige Erkundigungen, denn es war nicht gut, wenn eines der Mädchen aus dem Harem zu offen nach einem Mann fragte. Sie hatte Scherze über den Bartlosen gemacht und dabei aufmerksam zugehört, was die anderen Mädchen über ihn zu sagen hatten. Auch bei den alten Frauen war sie gewesen. Datames war schon seit mindestens fünfzehn Jahren Hofmeister. Es hieß, er sei einst ein Sklave gewesen, bis sein früherer Herr, einer der Satrapen des Reiches, seine besonderen Talente entdeckte. Er konnte wunderbare Feste organisieren und auch dafür sorgen, dass die alltäglichen Geschäfte eines großen Hauses ohne Lärm abliefen und ohne dass Klagen den Hausherrn erreichten. Bei einem Fest des Satrapen war der Unsterbliche auf diesen verdienstvollen Sklaven aufmerksam geworden, und als er nach Datames fragte, war dem Satrapen gar keine andere Wahl geblieben, als seinen Hofmeister dem göttlichen Aaron zu schenken. Seither war Datames einer der heimlichen Herrscher des Palastes von Akšu.

Er war kein Tyrann und er wusste, dass man über ihn spottete, weil ihm kein Bart wuchs. Anfangs hatte man noch gedacht, er sei so jung, aber jetzt glaubte im Harem die Mehrheit der Frauen, er stamme von einem fremden Volk weit im Westen. Auf den Inseln in der Meerlunge oder vielleicht auch von den Schwimmenden Inseln. Dort wuchs den Männern kein Bart, so hieß es, und die Weiber konnten sich in Fische verwandeln. Es gab sogar die verrückte Geschichte, Datames wüchse auch auf dem Kopf gar kein richtiges Haar, sondern Fäden aus reinem Gold. Aya musste lächeln. Es gab auch im Harem Frauen mit goldenem Haar. Es war kostbar, sicherlich, aber kein Metall. Das war gewiss auch bei Datames nicht anders. Da glaubte sie schon eher an Weiber, die sich in Fische verwandelten. Vielleicht, so dachte sie, trug er ja auch eine Perücke und ihm spross in Wahrheit nirgends ein Haar. Wer wusste das schon? Wann immer er seine Kammer verließ, hatte er den Kopf bedeckt. Er trug eine auffällige hohe Haube, auf die zwei übereinanderliegende Paare Hörner aufgestickt waren. Darunter wickelte er noch einen Schal um seinen Kopf. Ganz gleich, wie heiß es war. Das tat kein Mann mit Haaren auf dem Kopf! Es hieß auch, er schwitze niemals und sein Blut sei kalt wie das einer Echse.