Hinter dem Vorhang lag ein Flur. Durch zwei offene Türen fiel das warme Licht von Öllampen. Sie stand still und lauschte. Ab und an bewegte eine nächtliche Brise das Laub der Zypresse. Ein Fauchen aus der Löwengrube jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Dann war es wieder still. Vielleicht hatte sie ja Glück und Datames war allein. Er galt als Eigenbrötler. Aber was wussten sie im Harem schon! Von der Welt außerhalb ihrer Mauern erreichten sie zwar viele Gerüchte, doch nur wenige Gewissheiten.
In den steinernen Platten vor der Tür schlummerte noch eine Erinnerung an die Wärme des Tages. Sie stieg in ihre Füße auf. Ein wohliges Gefühl. Es machte sie entscheidungsfreudiger. Es gab ohnehin keinen Weg zurück. Sie trat durch den Perlvorhang. Glatte Flächen liebkosten ihre Wangen.
Leises Klackern folgte ihr noch nach, als sie schon an der Schwelle der vorderen Tür stand. Sie blickte in ein Zimmer, in dem sich erlesener Geschmack mit unpersönlicher Kühle paarte. Jedes Möbelstück war vollkommen. Alles stand so, dass es gut zur Geltung kam und zugleich nützlich war. Drei Öllampen spendeten Licht, ohne die Schatten aus den Ecken des großen Raums zu vertreiben. So erhielt sich das Gemach einen Hauch des Geheimnisvollen. In einer dieser Ecken, im Zwielicht, entdeckte sie ein großes Nachtlager. Decken und Kissen. Auch diese geschmackvoll arrangiert und unberührt.
»Zufrieden mit dem, was du siehst?«
Die Stimme überraschte Aya so sehr, dass sie unfähig war, in irgendeiner Form zu reagieren. Sie zuckte nicht ertappt zurück, antwortete nicht, ja, sie vermochte nicht einmal den Kopf zu drehen, ganz als hätten die wenigen Worte sie versteinern lassen.
»Tritt ein.«
Sie gehorchte, wie unter einem Bann. Datames lehnte dicht bei der Tür an der Wand. Er war halb im Schatten verborgen. Sie sah ihn nur aus dem Augenwinkel. Ein Schauder überlief sie. Schneeweiße Zähne blitzten im Halbdunkel.
»Die mit Abstand schönste Diebin, die mir je begegnet ist.« Mit einem leisen, gewinnenden Lachen trat er vor sie. Der Bann war gebrochen. Aya musterte ihn. Was würde er jetzt tun? Die Wachen rufen? Dazu war es schon zu spät! Er hätte verhindern müssen, dass sie sein Gemach betrat, statt sie aufzufordern hereinzukommen.
»Ich habe dich schon einmal gesehen. Du bist eine der Haremsdamen, nicht wahr?«
Aya war erstaunt. Er hatte sich ihr Gesicht gemerkt unter all den Frauen! Bei den wenigen Anlässen, zu denen er in den Harem gekommen war, um dort gemeinsam mit dem Unsterblichen zu speisen, waren sie beide einander nicht vorgestellt worden. Auch das hatte sich verändert. Früher hatte der Göttliche nie einen Hehl daraus gemacht, welchem seiner zahllosen Weiber er gerade am meisten zugetan war.
»Ich bin ein schlechter Gastgeber. Bitte entschuldige, meine Liebe. Es muss wohl daran liegen, dass mir tagsüber die Dienerschaft alle kleinen Pflichten abnimmt. Bist du durstig? Ich habe hier einen wirklich vorzüglichen Roten von den Aegilischen Inseln. Einen jungen Wein mit Temperament.«
Bei den letzten Worten schwang ein Unterton mit, der fast anzüglich war. Allerdings sah sie kein Lächeln und auch keinen Blick, der dies bekräftigt hätte.
Das sollte ihre Rolle sein! Sie sollte ihn verführen. Es wäre besser, wenn er ihr freiwillig half, statt durch eine Erpressung genötigt. Nur diese Bartlosigkeit … Sie sah sich in dem großen Zimmer um. Nichts wies darauf hin, dass hier eine Frau verkehrte. Im Harem erzählte man sich allerlei über ihn. Aber das meiste war gewiss nur aus Langeweile geborener Tratsch. Es hieß, dass er Knaben den Frauen vorzog, aber was wusste man schon im Harem von der wirklichen Welt?
Er winkte sie zu einem niedrigen Tisch dicht neben der Bettstatt. Aya lächelte. In diesen Spielen war sie mit Sicherheit erfahrener als Datames. Dann reichte er ihr einen goldenen Trinkbecher. Ein außergewöhnliches Stück, in das zwei geflügelte, goldene Löwen graviert waren. Aya hatte einmal einen ähnlichen gesehen. Sie gehörten zum Kronschatz des Unsterblichen!
»Ein Geschenk Aarons«, erklärte der Hofmeister beiläufig. »Unser beider Herr hat einen ausgeprägten Sinn für Schönheit.«
»Nur leider fehlt es ihm manchmal an Beständigkeit.«
Datames bedachte sie mit einem Lächeln. »Ist das der Grund, der dich zu mir führt?«
»Mangelt es dir an Selbstbewusstsein, Hofmeister?«
Sein Lächeln wurde breiter. »Sagen wir einmal, ich gebe mich keinen Illusionen darüber hin, was Frauen über bartlose Männer denken. Es ist bekannt, dass ich schon zu lange dem Palast diene, um noch als ein Jüngling durchgehen zu können.«
Aya beugte sich vor und griff nach dem goldenen Becher. Dabei achtete sie sorgsam darauf, gerade so viel Einblick in ihr Dekolleté zu gewähren, dass die Flügel der Phantasie nicht durch Gewissheit gestutzt wurden. An dem Wein nippte sie nur, denn sie wurde zu leicht berauscht und die Zeit, sich gehen zu lassen, war noch nicht gekommen.
»Sprießt allen Männern deines Volkes kein Bart?«
Etwas im Blick des Hofmeisters veränderte sich. Er wirkte argwöhnisch. Einen Herzschlag lang, dann löschte die Maske des Lächelns diesen Eindruck. »In der Tat, meine Schöne. Den Männern meines Volkes wächst kein Bart. Und manche haben goldenes Haar, wie du sicherlich schon gehört hast.«
»Unterscheidet ihr euch auch noch auf andere Art von den Männern Arams?« Sie sagte das im geübten Plauderton des Harems, der jede Deutung erlaubte und es dem Zuhörer überließ, die Untiefen verborgener Botschaften auszuloten.
»Du meinst, einmal abgesehen davon, die Intrigen bei Hof deutlich länger zu überleben, als dies bei anderen Würdenträgern der Fall ist?«
Sie hütete sich zu antworten und beschränkte sich auf einen vielsagenden Blick. Dann nippte sie erneut am Wein. Man musste den Männern nur Gelegenheit geben, dann fingen sie an zu reden. Darin waren sich alle Frauen im Harem einig.
»Dort, wo ich herkomme, ergötzen sich Männer an Frauen mit einer flinken Zunge.«
Aya stieg das Blut in die Wangen. Das war …
»Schweigen gilt dort nicht als eine Tugend, die einer Frau gut zu Gesicht steht. Ganz im Gegenteil. Wir schätzen die Herausforderung. «
»Überschätzt du vielleicht deine Möglichkeiten …«
»Ich würde eher sagen, ich wachse an meinen Aufgaben.« Diesmal war sein Lächeln auf attraktive Art unzweideutig.
Sollte sie ihm ein wenig entgegenkommen? Schätzte er es, der Eroberer zu sein? Oder würde er es nur bei Worten belassen? Sie war sich unschlüssig, wie sie fortfahren sollte. Verlegen nippte sie wieder am Weinbecher.
»Welches Gefühl beherrscht das Leben im Harem? Melancholie? Einsamkeit? Eifersucht?«
»Ich würde sagen, das hängt von der jeweiligen Frau ab«, erwiderte sie überrascht.
»Mich interessiert im Augenblick nur eine Frau.«
Sie entschied sich, offen zu sein. So drängend, wie er fragte, würde ihn eine weitere vieldeutige Antwort vielleicht erzürnen. »Bei mir ist es die Sehnsucht nach wahrer Liebe.« Sein Lächeln verschwand. Doch in seinen Augen lag ein Ausdruck tiefen Verstehens.
»Und diese Sehnsucht verleiht dir Flügel?«
»Nein, sie erfüllt mich mit todesverachtender Verzweiflung. Ich weiß, was mich erwartet, wenn man mich außerhalb der Mauern des Harems entdeckt.« Sie senkte den Blick. »Und auch, womit ein Mann zu rechnen hat, der mich nicht sofort ausliefert«, fügte sie leise hinzu.
»Und warum fiel deine Wahl auf mich? Weil ich keinen Bart trage?«
»Weil ich dir zutraue, unbemerkt den Palast zu verlassen, wenn du es wolltest.«
Sein Blick wurde hart. »Warum sollte ich das tun? Ich bin der Hofmeister. Ich kann mich frei bewegen.«
Sie hielt dem Blick stand. »Dann war es wohl nur eine romantische Schwärmerei von mir zu hoffen, dass du unter dem magischen Licht des Mondes ein anderer sein könntest. Einer, der auf verwunschenen Pfaden wandelt und wagt, was sonst niemand wagt.«
Das Lächeln kehrte auf sein Antlitz zurück. »Du scheinst mich besser zu kennen als irgendein anderer hier im Palast.« Er beugte sich vor, um ihr ein wenig Wein nachzuschenken, und dabei kam er ihr so nah, dass sie seinen warmen Atem auf dem Gesicht spüren konnte. Er roch gut! Sauber … Und da war noch etwas. Ein Duft, den sie nicht zu benennen vermochte. Der ein tiefes, warmes Gefühl in ihr aufsteigen ließ.