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»Im Mondeslicht auf verwunschenen Pfaden zu wandeln … So viel Sinn für romantische Abenteuer hat mir bislang noch niemand unterstellt.«

Sie hob ihren Kopf. Nur wenige Zoll trennten ihre Lippen voneinander. Sie wollte diesen seltsamen bartlosen Mann. Sie würde ihn nicht erpressen! Sie wollte seine Liebe. Sie hatte schon zu viel gesagt. »Sind Abenteuer nicht das Salz unseres Lebens?«

»Nein, sie sind unser Untergang.« Und mit diesen Worten küsste er sie so leidenschaftlich, dass sie ein tiefer Schmerz ergriff, der das Verlangen gebar, in einer einzigen Nacht all das nachzuholen, was ihr das Leben bislang verwehrt hatte.

Datames war zärtlich, aber bestimmend, hob sie empor und trug sie zu seinem Lager. Seine langen, schlanken Hände schälten sie aus ihren Gewändern. Und mit den perlenbestickten Kleidern fielen alle Erinnerungen und Beschränkungen des Harems von ihr ab. Seine Lippen liebkosten sie unablässig, erkundeten jeden Zoll ihres Leibes. Seine Zunge war ein wenig rau, ähnlich einer Katzenzunge. Im ersten Augenblick zuckte sie vor ihrer Berührung zurück, doch dann entlockte die Leidenschaft ihr kurze, kehlige Schreie. Es war ihr ein wenig peinlich. Nie war sie so unbeherrscht gewesen, hatte sich nie so gehen lassen. Bisher war es ihre Aufgabe gewesen, Lust zu schenken. Sie zu empfangen war ihr fremd.

Sie schloss die Augen, um dem Anblick der ungewöhnlich blassen Haut des Hofmeisters zu entgehen. Aber diese Haut zu berühren … Ihre Hände fuhren von den Schultern an seinen Rücken hinab. Sie schob sein Obergewand zurück, dessen Stickereien ihr über Bauch und Brüste kratzten. Nie hatte sie solche Haut berührt. Sie war glatt wie die glasierten Oberflächen der Schmuckamphoren aus den fernen Küstenstädten Arams. Und zugleich zart wie ein Kirschblütenblatt. Keine der Haremsdamen kam ihm gleich. Eifersüchtig hüteten sie untereinander ihre Geheimnisse um die Erhaltung einer glatten, jugendlichen Haut. Seien es nun Bäder in Milch und Honig oder Behandlungen mit kostbaren Blütenölen. Und dann traf sie diesen oft heimlich belächelten Hofbeamten, und er hatte den Schlüssel zur Vollkommenheit gefunden.

Ihre Finger ertasteten die Schnur, die seinen Wickelrock hielt. Sie löste den Knoten. Er rollte zur Seite und zog sie auf sich. Seine schlanken Hände griffen nach ihren Brüsten. Sie blinzelte. So hell und makellos war diese Haut. Geradezu unheimlich. Und immer noch trug er seine hohe Mütze mit den aufgestickten Stierhörnern, was ein wenig albern aussah.

Er zog sie zu sich hinab. Ihre Lippen fanden einander. Er roch so gut!

Aya schob die Mütze von seinem Kopf. Langes, leicht gewelltes Haar quoll über die seidenbestickten Kissen des Lagers. Unter der Mütze war ein breites, rotes Stirnband verborgen, das wohl seine Haare aus der Stirn hatte fernhalten sollen. Sie tastete danach … Datames ergriff ihre Hände. »Nicht jetzt, meine Liebste. Mein Haar würde mir vor das Gesicht fallen, und ich möchte dich sehen. « Mit diesen Worten schwang er sich herum und drückte sie in die Kissen.

Erneut schloss sie die Augen. Jetzt war der romantische Teil vorbei und es würde so werden, wie es mit dem Unsterblichen gewesen war. Sie kannte nur diesen einen Liebhaber … Nein, Eroberer, das war das passende Wort. Bei ihren ersten Liebesnächten hatte es nichts Romantisches gegeben. Sie hatte lediglich das rechte Maß zwischen Widerstand und Hingabe bewahren müssen. Erst bei der Reise auf dem fliegenden Palast war es anders geworden. Zärtlicher, aber auch unbeholfener. Besonders in jener Nacht, in der sie sich Aaron mit Schaptu und Mara geteilt hatte.

Aber Datames war anders. Er schien nur an ihre Lust zu denken. Mal war er sanft, mal bestürmte er sie und flüsterte fremde, betörende Worte. Sie fühlte sich schwächer und schwächer. Seine Küsse machten sie ganz schwindelig. Es war so schön mit ihm, so sonderbar, so einzigartig. Und dann, als sie glaubte, dass keine Woge der Lust sie jemals würde höher tragen können, verschwamm sein Bild vor ihren Augen und ihr schwanden die Sinne.

Wie ein ausgelesenes Buch

Talawain blickte auf die Haremsdame. Ihr Haar war an den Schläfen ergraut, Krähenfüße hatten sich in die Haut der Augenwinkel gegraben und nisteten unter den dunklen Ringen, die sie sich unter die Augen gemalt hatte. Er lächelte. Diese unselige Vorliebe war nach Aarons letzter Reise in die Neue Welt in den Harem eingezogen. Sie schien durch die Art, wie die Frauen der Ischkuzaia sich schminkten, beeinflusst zu sein.

Ayas Schönheit war nicht ganz verflogen, dachte er, doch hatte sie in dieser Nacht einen weiten Schritt auf dem kurzen Weg genommen, der die Menschen von der Geburt zum Grab führte. Es war seltsam mit den Menschen. Sie hatten nicht gelernt, würdevoll zu altern. Ganz anders als die Elfen. Bei den Menschenkindern war das Altern Verfall. Ein Sichannähern an das, was mit ihnen im Grab geschehen würde. Anfangs war ihm das sehr fremd gewesen, doch über die Jahre hatte sich Talawain daran gewöhnt, dass der faulige Geruch des Todes sich hier schon bei den Lebenden einnistete.

Aya schlief. So voller Unschuld und Leidenschaft war sie gewesen. Und gehorsam. Fast hätte sie seine Ohren berührt, die er unter dem Stirnband wohl verbarg. Daimonenohren nannten die Menschen sie. Talawain wusste, dass ihn ein grausamer Tod erwartete, wenn sie entdeckten, wer er wirklich war. Wenn er Glück hatte, würden sie ihn nur totprügeln, waren sie aber besonnen, würden sie ihn an einen der Devanthar ausliefern. Die Kleine war seinem Geheimnis nähergekommen, als gut für ihn war. Ihre Anspielung vom magischen Licht des Mondes hatte er sehr wohl verstanden. Sie musste ihn gesehen haben, als er zur Prüfung dieser jungen Elfe aus der Weißen Halle gerufen worden war. Er musste vorsichtiger sein.

Er seufzte leise. Er konnte Aya nicht hierbehalten. Was sollte er ihr sagen, wenn sie in einen der kleinen bronzenen Handspiegel blickte? Auch durfte niemand sie hier sehen. Wenn man eine flüchtige Haremsdame in seinen Gemächern fand, war sein Leben verwirkt. Sicherlich, er würde sich eine Zeit lang seiner Haut erwehren können. Auch wenn er nur ein Elf der Blauen Halle war und keiner jener Todesbringer, wie sie in der Weißen Halle ausgebildet wurden, so war er den Menschen doch überlegen. Aber wie weit würde er kommen? Auf sich allein gestellt in einem Palast, in dem es Hunderte Wachen gab? Und welchen Schaden würde ihre Sache nehmen, wenn er die Stellung als Hofmeister aufgeben musste? So viele Jahre hatte es ihn gekostet, in den Palast zu gelangen. Bestimmt könnte er noch ein Jahrzehnt bleiben, bevor es auffiel, dass er nicht alterte. Wenn er geschickt war, und sein Gaukelspiel vervollkommnete, mochten es vielleicht sogar zwei Jahrzehnte werden.

Ganz sachlich betrachtet, konnte er keinen Gewinn mehr aus Aya ziehen. Sie war wie ein ausgelesenes Buch. Aya hatte nicht einmal bemerkt, wie er während des Liebesspiels seinen Zauber gewoben hatte, um all ihr Wissen zu trinken. All die kleinlichen Intrigen, die hinter den Haremsmauern gesponnen wurden, waren ihm nun wohlbekannt. Und der Verdacht, den Aya gegen den Unsterblichen hegte. Talawain wusste jetzt um die Dinge, die nur die Geliebten des Unsterblichen zu ergründen vermochten. Längst hatte er vermutet, dass die Devanthar gelegentlich die allmächtigen Herrscher der Sieben Reiche austauschten. Nun hatte er Gewissheit.

Er hatte noch ihren Geschmack auf den Lippen. Salzig, mit einem Hauch von Blütenölen. Nein, dachte er, es war unangebracht, sentimental zu sein. Sie hatte sich bei ihm eingeschlichen. Sie hatte ihm keine Wahl gelassen. Und doch – war sie zu ihm gekommen wie ein kleiner, aus dem Nest gefallener Vogel. Er hatte ihn aufgehoben – und nun würde er nie mehr in sein Nest zurückkehren können. Nun haftete ihm der falsche Geruch an. Die Alten würden ihn aus dem Nest werfen. Oder seine Brutgeschwister. Aya konnte nicht mehr zurück in den Harem. Die Veränderungen waren zu offensichtlich. Sie würde über das sprechen, was ihr geschehen war. Sie hätte gar keine Wahl. Und hierbleiben konnte sie auch nicht.