Talawain seufzte. Er hatte Gefallen an dem Liebesspiel mit ihr gefunden. Mehr als erwartet. Es war lange her, dass er sich eine Menschenfrau ins Bett genommen hatte. Menschen und Elfen waren zu verschieden und sollten einander nicht paaren. Aber vielleicht war er auch schon zu lange hier, wenn er aus einer solchen Liebesnacht mit Gefühlen der Wehmut und des Mitleids erwachen konnte.
Leise murmelte er ein Wort der Macht und strich dabei über Ayas Haar. Trocken und spröde fühlte es sich jetzt an. Er konnte ihr nicht mehr zurückgeben, was er ihr genommen hatte. Er war vorsichtig gewesen. Und doch waren ihr viele Jahre verloren gegangen … Zu viele. Traurig strich er über ihre eingefallenen Wangen, die dünnen, flatternden Lider. Er hatte diesen Zauber einst von Lyvianne erlernt, vor langer Zeit, als sie ihn zu ihrem Geliebten erwählt hatte. Sie hatte ihm nicht sagen wollen, wer ihr Lehrer gewesen war. Eine der Himmelsschlangen wahrscheinlich. Sie liebten ihre Drachenelfen und beschenkten sie mit geheimem Wissen. Er hatte nie verstanden, warum Lyvianne ihn damals verlassen hatte. So plötzlich. Ohne einen Streit. Ohne Grund. Zwei Jahre lang war sie wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Als sie wieder in die Weiße Halle zurückgekehrt war, war sie abweisend gewesen. So als hätte es ihre Liebesnächte niemals gegeben. Sie hatte ihn spüren lassen, dass er nur ein Meister der Blauen Halle war und kein Drachenelf.
Talawain lächelte melancholisch. Nur der Zauber war ihm geblieben. Ein Zauber der falschen Liebe, süß und tödlich, wenn er um Menschenkinder gewoben wurde. Er nutzte ihn nur selten. Er war zu verräterisch, auch wenn er in einer Nacht mehr Wissen schenkte, als man sonst in vielen Jahren zu erlangen vermochte. Er seufzte und betrachtete Aya. Sie wäre ihm gewiss treu geblieben. Aber ihre Liebe hätte nicht bestehen können. Niemals.
Wieder strich er ihr übers Haar, liebkoste sie zärtlich, bis sie erwachte. »Komm, meine Liebe.«
Gehorsam richtete sie sich auf. Ihr Blick war verhangen, diesseits des Schlafs und doch nicht wirklich wach.
»Komm«, sagte er entschieden. »Komm mit mir.«
Talawain griff nach ihren Kleidern. Er selbst hatte sich längst angekleidet.
Sie gehorchte, ohne ein Wort zu sagen. Schweigend traten sie in den Garten. Eine Leiter lag hinter üppigem Buschwerk verborgen. Er stellte sie auf.
Das Licht der Sterne vermochte die Dunkelheit nicht vom Hof zu verbannen. Talawain öffnete sein Verborgenes Auge. Er sah die Kraftlinien, das wundersame Netz der Magie, das alles miteinander verband. Er konzentrierte sich, suchte nach den Worten des Verbergens und des Dunkels. Er veränderte die magische Matrix. Ließ das Licht der Sterne sie beide nicht berühren und wob einen Mantel fließender Schatten, der sie umfing.
»Steig die Leiter hinauf, meine Schöne, und zeig mir den Weg, auf dem du gekommen bist.«
Der Zauber umgab sie wie ein dünner Gazeschleier. Er verwischte ihre Gestalt, ohne ein unförmiger, dunkler Klumpen zu sein, der die Aufmerksamkeit der Wachen fast genauso sicher erregt hätte wie eine nackte, stocksteif aufrecht gehende Frau.
Auch Talawain hatte sich mit einem Zauber belegt. Er folgte Aya auf das Dach. Sie stieg mit schlafwandlerischer Sicherheit auf eine der Mauern hinab. Er sollte diese Mauern mit Tonscherben sichern lassen!
Sie führte ihn hinauf auf eines der flachen Palastdächer. Talawain blickte zu den Wachen auf den Mauern und fluchte stumm. Sie beobachteten, was außerhalb des Palastes geschah! Auf eine Bedrohung von innen waren sie nicht vorbereitet. Auch wenn er ein Spitzel war, nahm er seine Aufgabe als Hofmeister sehr ernst. Er wusste um die Nachricht, die Aaron bei diesem unheimlichen Tal erhalten hatte. Darum, dass der Krieg mit Luwien bereits in vollem Gange war, auch wenn es noch mehr als zwei Jahre dauern würde, bis die Armeen in der Ebene von Kush aufeinandertreffen sollten. Sie waren an einer Stelle angegriffen worden, an der selbst er es nicht vermutet hätte.
Talawain folgte Aya über eine weitere Mauer auf ein zweites Dach und ließ sie bis etwa zur Mitte gehen. »Halt!«
Mit raschen Schritten schloss er zu ihr auf. Er vermochte durch den Schleier aus Dunkelheit zu blicken. Als der Zauberweber, der dieses Blendwerk erschaffen hatte, war er gegen die Täuschung gefeit. Sie blinzelte in seine Richtung.
»Bist du das, Geliebter? Ich kann dich nicht richtig sehen.« Aya machte eine fahrige Bewegung, als wolle sie einen Schleier zurückziehen. »Wo sind wir?«
Er nahm sie in die Arme und drückte sie fest an sich. »Du wolltest dem Harem entfliehen, meine Liebste. Ich werde dir helfen, ihm auf immer zu entkommen. Nie wieder soll die Angst vor den Intrigen der anderen Konkubinen dir die Nachtruhe rauben. Nie wieder wirst du einsam sein.«
Sie schluchzte leise. »Danke«, hauchte sie in sein offenes Haar. »Danke.«
Er küsste sie. Ihre salzigen Tränen benetzten seine Lippen. Talawain atmete schwer. Es galt einen Krieg zu gewinnen, rief er sich in Erinnerung. Nur deshalb war er hier. Einen Krieg, viel schrecklicher als alles, was Aram oder Luwien erwarten mochte. Er trat zurück. Wie töricht seine Gefühle doch waren. Hatte er vergessen, was er in der Blauen Halle gelernt hatte? Wem er die Treue gelobt hatte?
»Geh dort entlang, meine Liebste«, sagte er mit fester Stimme.
Aya lächelte ihn an. Dann drehte sie sich um. Sie ging, ohne zu zögern, bis zu der niedrigen Brüstung, die das Dach einfasste.
»Ein Schritt noch, meine Schöne. Nur einen Schritt noch.« Er war ihr gefolgt und sie blickte ängstlich zu ihm zurück. Sie würde erwachen. Der Zauber war fast gebrochen.
»Ein Schritt noch!«, befahl er.
Sie setzte einen Fuß auf die Brüstung. Dann den zweiten. Verharrte zitternd. Wieder drehte sie sich um. Das feine Kohlenpulver, mit dem sie ihre Augen umrandet hatte, ließ sie schwarze Tränen weinen. »Bitte …«
Er stieß sie hinab. Unten im Zwinger brüllten die Löwen auf.
Talawain hörte Ayas Körper aufschlagen. Sie schrie nicht. Sie flehte nicht. Nicht einmal, als die Löwen über ihr waren.
Er hatte keine Wahl gehabt, sagte er sich, und wusste es doch besser. Er hatte sich bereits für diesen Weg entschieden, als sie in sein Gemach getreten war. Einen anderen Weg hatte er gar nicht erst in Erwägung gezogen. Hastig trat er von der Mauer zurück und versuchte sich gegen das Fauchen und Geräusch der zupackenden Kiefer zu wappnen. Aber es war umsonst – er hörte es doch. Und weil er fand, dass er es ihr schuldig war, blieb er, bis das letzte Knirschen und Knacken und das Geräusch reißenden Fleisches erstarb und die Stille der Nacht sich erneut über den Palast senkte. Als er zu seinen Gemächern zurückging, weinte er.
Von der Ungerechtigkeit der Schöpfung
»(…) und ihr nennt euch stolz Kinder der Alben, ihr Narren. Und glaubt, wenigstens im Namen seiet ihr alle gleich? Seht ihr denn nicht, wie das süße Gift dieser Lügen euch eures Verstandes beraubt? Habt ihr ihn jemals benutzt? Seht ihr denn nicht, wie ungleich die Alben ihre Kinder behandelten? Wie groß und übermächtig stark sind die Trolle! Und sie vermögen nackt im Schnee zu schlafen, ohne Schaden zu nehmen. Wie viele der Unseren aber starben, von den Trollen verschleppt, in den Eiswüsten der Snaiwamark! Betrachten wir die Lamassu mit all ihrer Zaubermacht! Sie haben keine Arme, doch wurden sie durch die Alben mehr als reichlich entschädigt. Ihre Kunstfertigkeit im Zauberweben übertrifft selbst die Elfen. Und was ist mit den Elfen selbst? Wie überreich sind sie beschenkt! Ihr Leben zählt nach Jahrhunderten! Krankheit vermag sie nicht zu berühren. Gegen Kälte und Hitze schützen sie sich mit einem einzigen Wort der Macht. Und wenn ihre Weiber bei einem Manne liegen, vermögen sie zu empfangen, ohne dass die Frucht in ihnen zu wachsen beginnt. So werden sie niemals in Zeiten der Not schwanger. Ich selbst war Zeuge, wie einer Elfe, die seit mehr als drei Jahren nicht mehr Umgang mit Ihresgleichen gehabt hatte, der Bauch anschwoll und sie ein Kind austrug.