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Was aber haben die Alben uns geschenkt? Einen schmächtigen, verletzlichen Leib. Und tatsächlich, ja, in einem unterscheiden wir uns von allen anderen. In unserer Fähigkeit zu leiden! Doch sind das Eltern, die einem ihrer Kinder ein so grausames Schicksal zudenken? Die einem bestimmen, der Diener aller anderen zu sein?

Ich sage mich los! Ich bin kein Kind der Alben. Nur ein Kind meiner Eltern!

Und ich rufe euch zu, tut es mir gleich! Lasst euch nicht länger vom verlogenen Gerede der Herrschenden umschmeicheln. Benutzt euren Verstand zu erkennen, was man euch antut. Und fasst euch ein Herz und lehnt euch gegen die Ungerechtigkeit auf. (…)«

Elija Glops, Von Dienern, Herren und falschen Göttern, Streitschrift des ehrwürdigen Elija Glops, Begründer der Liga zur Wahrung der Inneren Grösse Albenmarks, Kapitel 4, Seite 32 ff. (Aus der Sammlung verbotener Schriften, zusammengestellt von Alvias dem Hofmeister, Bd. 2, Quellentext 5,C)

Entwaffnet

Artax blickte auf den Beinstumpf, der unter der Decke hervorragte, das ausgefranste Fleisch und die beiden gesplitterten Knochen. Die Sonne hatte das Antlitz des Schiffbrüchigen in eine schrundige Maske verwandelt.

»Nein, es waren gewiss keine Luwier«, beharrte der ausgezehrte Mann. Seine Augen waren in dunkle Höhlen eingesunken und ein fiebriger Glanz lag in ihnen. Artax fragte sich, wie sehr man ihm trauen konnte. War er überhaupt noch bei klarem Verstand?

»Warum ist er nicht besser versorgt worden?«, herrschte der Unsterbliche den Stadtfürsten Mataan an. Der Mann mit dem wettergegerbten Gesicht, der Raubvogelnase und den dunklen Augen hielt seinem Blick stand und zeigte keine Angst. »Die Wunde ist versorgt. Das Bein abgebunden. Wir fürchteten, dass er sterben würde, wenn wir die Knochen absägen und den Stumpf ausbrennen und ihn mit Pech versiegeln. Ich hielt es für wichtiger, dass er noch mit Euch spricht, erhabener Herr aller Schwarzköpfe. «

Artax wandte sich wieder an den Sterbenden. »Wer war das?«

Der Blick des Fiebernden wurde unstet, die Augen rollten in ihren Höhlen. »Der Goldene Mann«, murmelte er. »Er hat mich gerettet. Alle anderen sind tot. Wir hatten die Segel gestrichen und keine Waffe erhoben … Es waren keine luwischen Schiffe. Sie waren wie Meergeister. Wie Meergeister!« Sein Kopf sank erschöpft zur Seite. Der Atem des Schiffbrüchigen ging schwach und unregelmäßig.

»Mein Leibarzt soll sich um ihn kümmern«, befahl Artax. Dann verließ er die kleine Fischerhütte. Er war froh, dem Gestank nach Schweiß und Eiter zu entfliehen.

Die Hütte lag auf einer niedrigen Klippe, dicht bei dem natürlichen Hafen, der diesen wasserlosen Felsen vor der Küste so attraktiv machte, dass alle großen Handelshäuser hier Lager unterhielten. Es war der am weitesten westlich gelegene Hafen Arams. Kaum eine Meile von der Küste entfernt, deren Riffe und Untiefen es unmöglich machten, sich dem Festland zu nähern. Taruad, das war nur ein kleiner Felsen im Meer. Nicht einmal fünfhundert mal fünfhundert Schritt maß der Hafen, und doch bot er Platz für mehr als dreißig Schiffe. Nun lagen dort nur einige Fischerboote und der schnelle Segler, der Artax nach Taruad gebracht hatte.

»Deine Fischer haben ihn vor sieben Tagen gefunden?«, hakte Artax nach.

»Acht sind es nun.«

Juba bedachte Mataan mit einem finsteren Blick, da er es allzu offensichtlich an dem unterwürfigen Respekt fehlen ließ, der dem Unsterblichen sonst entgegengebracht wurde. Artax aber waren Männer wie Mataan allemal lieber als Schmeichler, von denen man nie wusste, was sie taten, sobald man ihnen den Rücken kehrte.

»Und die Zinnflotte?«, fragte Artax.

»Ist überfällig. Ich habe noch drei Schiffe draußen, die nach ihnen suchen … Aber nach allem, was der Ruderer sagt, sollten wir uns wohl keine großen Hoffnungen mehr machen. Es scheinen Piraten von den Aegilischen Inseln gewesen zu sein.«

»Und die haben goldene Männer?«, mischte sich Juba ein. »Das hört sich nach einem Krieger in einem Bronzepanzer an und nicht nach Piraten.«

»Falls du andeuten möchtest, dass es die Luwier waren, dann kann ich nur widersprechen«, entgegnete Mataan ruhig. »Der Verdacht liegt nahe, aber meine Fischer haben kein einziges luwisches Schiff in unseren Gewässern gesichtet. Die Piraten auf den Aegilischen Inseln hingegen werden immer dreister. Sie sollen eine große Flotte versammelt haben. Manche fürchten, dass sie bald schon Küstenstädte überfallen werden. In Luwien ist das angeblich schon geschehen.«

Artax blickte auf das weite Meer hinaus. War es ein Zufall, dass die Piraten ausgerechnet jetzt erstarkten? Oder steckte Muwatta dahinter? Aber wie passte da ins Bild, dass auch Muwatta selbst überfallen wurde? Das Meer lag spiegelglatt, die tiefe Herbstsonne tauchte die See in gleißendes Licht und der Gestank von faulendem Seetang stieg von der felsigen Küste auf. Alles wirkte so friedlich. Artax seufzte. Ohne das Zinn nutzte ihm das Kupfer aus den heimischen Minen nichts. Sie brauchten Zinn, um Bronze zu gießen. Und er brauchte die Bronze, um seine Truppen besser auszurüsten. Niemand in seinem Reich wusste, wie man Eisenwaffen schmiedete. Die Luwier hüteten das Geheimnis eifersüchtig. Und selbst wenn er einen ihrer Eisenschmiede entführen würde, würde er bis zum Tag der Schlacht nicht ausreichend Waffen herstellen können. Ihm blieb nur die Möglichkeit, die Rüstungen seiner Krieger zu verbessern. Glockenkürasse und Schuppenhemden sollten die Männer in den vordersten Kampfreihen schützen. Und er bräuchte mehr Bogenschützen. In den Deva Kush, hohen Bergen am Rande seines Reiches, sollte es Jäger mit außergewöhnlich starken Jagdbogen geben. Vielleicht konnte man diese Waffen auch im Krieg nutzen? Und vielleicht vermochte er genügend Jäger zu rekrutieren, um das Schlachtenglück zu wenden. Ja, der sicherere Weg war, seine Krieger mit besseren Rüstungen zu versorgen. Doch auch dieser Weg wurde ihm verlegt. Er hatte das Gefühl, dass sein Reich entwaffnet wurde.

Wütend ballte Artax die Fäuste. Er würde das nicht zulassen! Er würde nicht zulassen, dass Männer, die ihm anvertraut waren, abgeschlachtet wurden. Noch hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben, die Schlacht vielleicht doch noch abwenden zu können. Aber seinem Wunschdenken wollte er nicht seine Männer opfern. Sie sollten den besten Schutz haben, den er ihnen verschaffen konnte, falls der Kampf unvermeidlich war. »Du glaubst, es gibt noch Hoffnung, dass nicht alle Zinnschiffe auf dem Meeresgrund liegen, Mataan?«

»Versprechen kann ich Euch nichts, Erhabener, aber üblicherweise fahren die Schiffe in verschiedenen Flotten. Ihnen bleibt nicht mehr viel Zeit heimzukehren. Vielleicht noch drei Wochen, danach wird es zu stürmisch für Fahrten auf offener See.«

»Das ist Aufgabe der Flotte«, bemerkte Juba mit beunruhigtem Unterton. Er ahnte wohl, was kommen würde. »Ich habe die Flotten bereits in Gefechtsbereitschaft versetzen lassen. Jede Galeere entlang der Küste kann binnen drei Stunden, nachdem sie der Befehl erreicht, den Hafen verlassen.«

»Und was erreichen wir damit?«

Du hast dich doch längst erkundigt, was geschehen wird, du Heuchler. Langsam beginnst du dich wie ein Herrscher zu verhalten und nicht mehr wie ein Bauer. Sollte vielleicht ein Tag kommen, an dem wir noch stolz auf dich sein können?

»Die Piraten werden in ihren Schlupflöchern verschwinden«, stellte Mataan fest.

»Schlimmer noch — wenn auch nur eines der Schiffe in luwisches Seegebiet eindringt, eskaliert der Streit noch weiter«, fügte Artax hinzu. »Ich bin sicher, Muwatta ist uns für jeden Vorfall dankbar, der ihm erlaubt, schon früher gegen uns zu kämpfen. Wir können die Flotte nicht nutzen. Bei dem umstrittenen Grenzverlauf im Gebiet der Aegilischen Inseln wird es ganz sicher zu einem Zwischenfall kommen.«

»Wozu haben wir dann eine verdammte Flotte? Wir können doch nicht immer nur den Schwanz einkneifen!«, grollte Juba. »Wozu haben wir unsere Kriegsgaleeren? Für Flottenparaden? Wir können sie nicht als Eskorte für unsere Handelsschiffe einsetzen, weil unsere Handelspartner sie für eine Invasionsflotte halten könnten. Und jetzt können wir sie auch nicht auf Piratenjagd schicken. Könnt Ihr mir erklären, Erhabener, wozu diese teuren, bunt bemalten Schiffchen dann nutzen?«