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Dein Kriegsmeister wird zu frech. Du solltest ihn zu den Löwen schicken.

Artax seufzte. Er bemerkte, wie auch Mataan den Kriegsmeister verwundert ansah. Selbst ihm erschienen diese Fragen wohl zu dreist. Der Statthalter trat ein Stück von Juba zurück, als fürchte er, der Zorn, der den unbotmäßigen Höfling treffen könnte, würde auch ihn erreichen.

Artax blieb ruhig, obwohl auch er von dem plötzlichen Ausbruch Jubas überrascht war. »Selbst wenn es uns glückt, Luwien keinen Anlass zu neuem Streit zu bieten, nutzt es wenig, wenn wir zwei oder drei Piratengaleeren versenken. Ich will das Übel bei der Wurzel packen. Und wenn es möglich ist, wünsche ich, dass es auf Luwien zurückfällt. Ich bin sicher, dass Muwatta hinter der Sache steckt. Er hat den größten Nutzen davon, wenn unsere Zinnflotten sinken. Aber um das Schwert, das auf unser Herz zielt, gegen ihn zu richten, brauchen wir mehr als eine Kriegsflotte. Was wir brauchen, ist verzweifelter Mut.« Artax blickte zum Stadtfürsten. »Und ich brauche einen Seefahrer, der bereit ist, dahin zu segeln, wohin kein vernünftiger Mann segeln würde. Auch wenn ich unsterblich bin, bin ich doch weit davon entfernt, vollkommen zu sein. Ich fürchte, ich könnte kein Boot steuern. Und mein mürrischer Freund Juba vermag es auch nicht.«

»Euer Wunsch ist mir Befehl, Erhabener!«

»Nein, nein … So nicht, Mataan. Was ich brauche, ist kein Untertan. Für diese Reise brauche ich Gefährten.«

Der Stadtfürst wirkte verwirrt. »Wohin wollt Ihr uns bringen, Herr?«

»Zum Quell des Übels, Mataan von Taruad.«

»Er meint, ins Grab«, bemerkte Juba. »Und beim Löwenhäuptigen, eines Tages wird er es schaffen!«

Ein neuer Weg

Es war noch vor der Dämmerung, als sie die Weiße Halle wieder erreichten. Kalter Nieselregen fiel und Nebel sickerte durch die Hecken. Nandalee fröstelte es. Sie blickte zu Gonvalon. Irgendwie schaffte er es, auch durchnässt noch gut auszusehen. Die nassen Haare in der Stirn gaben ihm eine verwegene Note. Er lächelte ihr zu. »Danke, dass du dich für uns entschieden hast.«

»Ich bin Jägerin.« Sie strich über den nassen Bogen in ihrer Hand. Der Regen perlte von dem gewachsten Holz ab. »Eines Tages werdet auch ihr begreifen, was für eine wunderbare Waffe das ist.«

Sein Lächeln wurde breiter. »Du gibst niemals auf …«

Nie war er ihr sympathischer erschienen. Die Maske des gestrengen Lehrers war verschwunden. Er wirkte traurig, ohne dass sie einschätzen konnte, warum. Sie hatte sich ein wenig über ihn erkundigt. Er hatte keinen guten Ruf. Angeblich hatte jede seiner Schülerinnen in seinem Bett gelegen. Bei ihr hatte er bislang keinerlei Annäherungsversuche gemacht. Manchmal ärgerte sie das. Ob es daran lag, dass er sie schon gleich bei ihrer ersten Begegnung nackt gesehen hatte? War sie ihm zu barbarisch? Suchte er eine Gespielin, mit der man gepflegte Konversation über Kunst halten konnte?

Sie sah in seine traurigen Augen und ihr Zorn verrauchte. Nein, da war etwas anderes. An ihr lag es nicht.

Sie erwiderte sein Lächeln. »Stimmt«, sagte sie. »Ich gebe niemals auf.«

Schweigend standen sie im Regen, nur ein paar Schritt vom überdachten Eingang zur Weißen Halle entfernt. Ihre Reise war zu Ende. Fast. Er sollte noch etwas sagen, fand Nandalee. Etwas Persönlicheres. Nach dem Opfer, das sie in der Blauen Halle gebracht hatte, hatte sie das verdient. Nandalee war sich ganz sicher, dass auch er ihr nahe sein wollte, doch stattdessen stand er stocksteif. Ihr Schweigen dehnte sich, wurde beklemmend. »Wirst du laufen?«, fragte er endlich.

»Natürlich«, sagte sie enttäuscht. Der Augenblick, in dem alles möglich gewesen wäre, war vorüber. Hatte er denn nichts anderes im Kopf!

»Dann treffen wir uns zum Laufen.« Mit diesen Worten ging er davon.

Nandalee blieb im Regen stehen und sah ihm nach. Sie fühlte sich verlassen. Hier war niemand, dem sie wirklich etwas bedeutete. Trotzig fasste sie ihren Bogen fester und ging durch die große Halle zu ihrem Zimmer hinauf. Sie würde sich nicht unterkriegen lassen. Sie war Einsamkeit gewöhnt!

Ihr Zimmer hatte ganz offensichtlich niemand betreten, seit sie gegangen war. Es roch nach Holzspänen, zu lange getragenen Kleidern und nassen Vogelfedern. Nandalee öffnete das Fenster und blickte hinaus. »Piep!« Die kleine Misteldrossel war verschwunden. Sie kam nicht jeden Morgen, doch heute machte es Nandalee zum ersten Mal zu schaffen, dass sie nicht hier war. Auf dem Fenstersims lagen Vogelkot und ein paar Körner. Sie hätte sich einen besseren Namen für den kleinen Vogel einfallen lassen können. Anfangs hatte sie nur sein Piepen nachgeahmt. Irgendwann hatte sie begonnen, ihn so zu rufen.

In den Hecken zwitscherten bereits die ersten Vögel, obwohl die Dämmerung an diesem Morgen spät begann. Der Tag scheute den Regen, wie es schien. Nandalee schüttelte ihr nasses Haar. Sie war nicht mehr die einsame Jägerin in den eisigen Wäldern Carandamons. Entweder sie akzeptierte das oder sie hörte auf, darüber zu grübeln, dass sie gemieden wurde. Dieses jämmerliche Selbstmitleid passte nicht zu ihr. Und sie konnte hier nicht immer mit allen im Streit liegen. Sie war nicht daran gewöhnt, so viele Elfen um sich zu haben. Es war an ihr, sich an die Regeln hier anzupassen, die Zähne zusammenzubeißen und es durchzustehen. Die Gelegenheit, die Weiße Halle für immer zu verlassen, war verstrichen. Sie hatte so entschieden. Sie sollte nicht mit ihrem Schicksal hadern.

Es war an der Zeit, einige hier zu überraschen, beschloss Nandalee. Sie wollte Frieden. Und den konnte sie sich genauso holen, wie sie sich in die Isolation gedrängt hatte. Mit Ausnahme von Eleborn sprach hier kaum jemand ein freundliches Wort mit ihr. Am meisten aber vermisste sie Bidayn.

Nandalee verließ ihr Zimmer und schlich über den Flur. Lautlos öffnete sie die Türe zu Bidayns Gemach. Es war dunkel hier drinnen. Bidayn hatte dichte Vorhänge vor ihrem Fenster angebracht, und im Zimmer war es stockdunkel. Leichter Rosenduft hing in der Finsternis. Nandalee schlich zum Bett ihrer Freundin. In diesem Zimmer musste sie keine Sorge haben, auf irgendetwas zu treten, das auf dem Boden lag. Bidayn hielt geradezu fanatisch Ordnung.

Die Matratze knarzte leise, als Nandalee sich auf der Bettkante niederließ. Ihre Freundin drehte sich und murmelte etwas Unverständliches im Schlaf. Mit schroffer Herzlichkeit rüttelte sie an Bidayns Schulter. »Aufwachen! Los, du Bärin. Der Winterschlaf ist vorüber.«

Bidayn schreckte hoch.

»Ich bin es …«

Ihre Freundin sah sie verschlafen und misstrauisch an. »Was ist los?«

»Ich wollte mich bei dir entschuldigen!«

»Mitten in der Nacht? Was ist passiert …?«

»Ich habe mich wie eine Idiotin aufgeführt. Und dich ein halbes Jahr lang angeschwiegen. Ich … Es tut mir leid. Unser Streit … Alles war meine Schuld. Ich möchte dich um Verzeihung bitten.«

Bidayn wirkte immer noch misstrauisch. »Was haben sie in der Blauen Halle mit dir gemacht?«

»Sie wollten mich zu einer Meisterin machen.« Nandalee grinste breit. »Natürlich habe ich abgelehnt.«

»Natürlich«, seufzte Bidayn und schüttelte den Kopf. »Du, eine Meisterin?«

»Im Bogenschießen. Sie waren wirklich angetan von mir.«

»Und warum bist du zurückgekehrt?«

»Ich habe dort meine Ziele zu leicht erreicht. Außerdem würde ich vermissen, mit dir zu laufen und … Du bist die einzige Freundin, die ich habe. Ich konnte nicht gehen.«

Bidayn nahm sie überraschend in die Arme und drückte sie fest an sich. »Endlich, du Dickkopf! Ich habe dich entsetzlich vermisst! Lass uns nie, nie wieder streiten!«

Nandalee saß ein Kloß im Hals. Nur mit Mühe brachte sie ein einzelnes Wort hervor. »Versprochen!«