Lange saßen sie so und hielten einander einfach nur fest. Schließlich war es Bidayn, die das Schweigen brach. »Ich muss dir etwas sagen. Ich … Ich habe dich und Ailyn betrogen. Bei den Schwertkampfstunden. Ich …«
»Das weiß ich.«
Bidayn löste sich aus der Umarmung. »Und du hast nichts verraten, obwohl wir uns gestritten haben?«
»Natürlich nicht. Ich glaube allerdings, dass Ailyn es auch weiß. Du bist so plötzlich besser geworden. Das ist irgendein Zauber, nicht wahr?«
»Ich kann es dir beibringen!«
Nandalee senkte den Kopf. »Lieber nicht.«
»Lyvianne, meine Meisterin, ist wunderbar! Sie kann es dich lehren. Ganz bestimmt. Man bewegt sich schneller. Es sieht so aus, als sei alles um einen herum plötzlich viel langsamer. Aber in Wahrheit ist man selbst schneller. Es ist nur ein einziges Wort, das man lernen muss! Du wirst es meistern!«
»Lieber nicht. Ich denke immer wieder an Sayn … Vielleicht war wirklich ich es, die ihn getötet hat. Ich habe es nicht mit Absicht getan. Ehrlich! Zauber zu weben ist nicht mein Weg. Ich bin nur eine Bogenschützin.«
»Du zauberst auch, wenn du schießt. Das weißt du!«
»Das ist anders«, entgegnete Nandalee. »Es ist leicht. So wie atmen. Ich muss dafür nicht denken. Es passiert einfach.«
»Magie ist in allem, was wir tun«, beharrte Bidayn. »Wenn du verhindern willst, dass ein Unglück geschieht — falls es überhaupt deine Schuld war, dass Sayn etwas zugestoßen ist –, musst du deine Gaben beherrschen. Du bist weit mehr als nur eine Bogenschützin, Nandalee. Der Dunkle hat dich zu sich gerufen! Du bist anders als wir alle. Gerade weil das so ist, solltest du dich nicht gegen die Magie sperren.« Sie lächelte und knuffte ihre Freundin liebevoll in die Seite. »Was du aber als Erstes lernen musst, ist, dein Temperament zu beherrschen. Ich glaube, heute Morgen hast du einen großen Schritt auf diesem Weg getan.«
Langsam wurde Nandalee das altkluge Geschwätz Bidayns zu viel. Ihre Freundin sollte lernen, ihre Grenzen zu kennen, dachte sie und wechselte abrupt das Thema. »Wir müssen laufen. Es dämmert bereits.«
»Erst musst du mir versprechen, dass du mit mir zusammen zu Lyvianne kommst. Vertrau mir! Sie ist eine viel bessere Lehrerin als der Schwebende Meister. Sie weiß um so viele Geheimnisse!«
»Ich kann mir ja einmal anhören, was sie sagt«, lenkte Nandalee ein. »Aber jetzt komm!«
»Du wirst von ihr begeistert sein!«
Lyvianne?, dachte Nandalee. Eine gute Lehrerin? »Sie scheint nicht viele Freunde in der Weißen Halle zu haben«, sagte sie und dachte bei sich, dass dies bei dem langweiligen Unterricht über die Sprachen der Menschenkinder auch kein Wunder war.
Bidayn lachte. »Lyvianne ist eine unterschätzte Einzelgängerin, genau wie du. Deshalb werdet ihr euch sicher gut verstehen. Ihr seid beide etwas Besonderes!«
Nandalee blieb skeptisch. Aber sie hatte sich erst vor weniger als einer halben Stunde geschworen, einen neuen Weg zu gehen. Sie würde nicht schon jetzt zurückstecken. Stattdessen dachte sie an die anderen Dinge, die sie sich vorgenommen hatte, und lächelte. Sie würde noch manchen überraschen in den nächsten Tagen!
Angepisst
Jubas Laune war auf dem Tiefpunkt angelangt. Er war Kriegsmeister Arams! Was tat er hier? »Das ganze verfluchte Boot stinkt nach Fisch! Ich stinke nach Fisch! Und zu fressen gibt es nichts als Fisch! Selbst unser Trinkwasser stinkt nach Fisch!«
»So ist das auf einem Fischerboot«, entgegnete Mataan gut gelaunt.
Juba blickte zu Aaron, der am Heck stand und sich auf das Steuerruder lehnte. Er trug eine ungewaschene Tunika, sein Haar war zerzaust. Und er stank nach Fisch! Niemand wäre je auf die Idee gekommen, ihn für einen Unsterblichen zu halten.
»Würdet Ihr uns nun vielleicht doch noch in Eure Pläne einweihen, Erhabener? Wie gedenkt Ihr mit drei nach Fisch stinkenden Männern die Piraten zu besiegen?«
»Ich habe noch keinen Plan«, entgegnete Aaron leichthin.
Das war genau, was Juba befürchtet hatte. Sosehr er seinen Herrn liebte, so sehr war ihm diese sprunghafte Art, die Aaron seit dem Himmelssturz an den Tag legte, verhasst. Er dachte daran, wie viele Kränkungen sein Vater hatte hinnehmen müssen und wie hart sein eigener Weg bis unter die Vertrauten des Unsterblichen gewesen war. Disziplin war der Schlüssel zum Erfolg. Regeln! Das schätzte er am Leben als Krieger so sehr. Es gab für alles klare Regeln. Natürlich blieben immer auch einige Unwägbarkeiten, aber je gründlicher man plante, desto sicherer wurde der Erfolg. Aaron scherte sich neuerdings einen verdammten Dreck darum.
»Wir kennen unseren Feind nicht, Juba«, sagte der Unsterbliche, ganz als habe er in seinen Gedanken gelesen. »Welche Pläne können wir schmieden, wenn wir nicht wissen, mit wem wir es zu tun haben?«
»Was ist an ein paar verdammten Piraten so geheimnisvoll? Die gab es auf den Aegilischen Inseln schon immer. Stinkende Ziegenhirten, Fischer und Piraten. Mehr bringen diese Steinhaufen im Meer nicht hervor. Wir hätten die Flotte zusammenziehen sollen, um sie auszuräuchern.«
Aaron blickte zu dem Fischerfürsten. »Was, glaubst du, wäre geschehen, wenn wir es so gemacht hätten?«
Mataan zuckte mit den Schultern. »Die Piraten hätten getan, was sie immer tun, wenn man ihnen an den Kragen will, Erhabener. Sie wären unsichtbar geworden. Es gibt über dreihundert kleinere und größere Inseln in der Aegilischen See. Die Piraten hätten ihre Flotten aufgelöst. Die Männer wären in ihre Heimatdörfer zurückgekehrt und wieder Fischer und Bauern geworden. Übrigens hast du bei deiner Aufzählung die Weinbauern vergessen, Juba. Hast du noch nie die Redensart gehört: Das Gold der Aegilen ist rot. Ihr Wein bringt ihnen Reichtum. Zumindest einigen der größeren Inseln.«
»Dann sollten sich die Fürsten der größeren Inseln darum kümmern, dass ihre Untertanen nicht auf Raubzug gehen.«
»Ihnen gehört der dritte Teil der Beute, Juba. Sie werden nicht gegen die Piraten vorgehen.«
Es war zum aus der Haut fahren, dachte er. »Dann brennen wir diese Fürstensitze eben nieder! Das wird sie lehren, sich mit den Piraten einzulassen!«
»Wie viele Unschuldige würden dabei umkommen, Juba?«, fragte der Unsterbliche. »Du meinst, wir sollten unseren Krieg gegen die Piraten damit beginnen, dass wir jene kleinen Städte niederbrennen, die das Pech haben, von einem Fürsten regiert zu werden, der auch mit Piraten Geschäfte macht?«
»Wann wurde je ein Krieg geführt, in dem keine Unschuldigen umgekommen wären?«, entgegnete Juba. »So ist das nun einmal, wenn man Kriege führt.« Er hasste es, sich plötzlich in die Rolle des Schurken gedrängt zu fühlen, dem es egal war, ob Frauen und Kinder starben. So war er nicht!
»Du hast vollkommen recht, Juba, so verlaufen Kriege. Aber müssen wir das als eine unabänderliche Regel akzeptieren, nur weil es bisher immer so war? Die Devanthar versuchen, das zu verändern. Wenn ich in knapp zwei Jahren gegen die Streitmacht Luwiens antreten muss, kämpfen allein Krieger gegen Krieger. Es gibt keine geplünderten Städte und verwüsteten Landstriche. Es wird ein Krieg allein unter Kriegern sein.«
»Und was geschieht gerade jetzt? Diese Piraten? Sind sie nicht auch Teil dieses Krieges, Erhabener? Haben sie nicht die Besatzungen von mindestens einer Zinnflotte hingemordet?«, warf plötzlich Mataan ein.
Juba war überrascht, in dem Fischerfürsten einen Verbündeten zu finden. »Genau. Was ist mit den Piraten los, Erhabener? Früher haben sie die Seeleute gefangen genommen und als Sklaven verkauft. Oder gegen ein Lösegeld freigelassen. Warum dieses Massaker?«
»Ich fürchte, die Seeleute sind Opfer der politischen Umstände geworden.« Juba hörte die kaum verhohlene Wut in Aarons Stimme. »Früher hat man viele Sklaven nach Aram verkauft. Natürlich wagen sie es jetzt nicht, uns unsere eigenen Männer anzubieten. Die Luwier werden sie auch nicht nehmen, denn dann könnten wir ihnen vorwerfen, mit den Piraten gemeinsame Sache zu machen. Gleiches gilt für die Stadtfürsten der Aegilischen Inseln. Verschärfend kommt noch hinzu, dass sie Hunderte Ruderer und Seemänner gefangen haben. Die Besatzung einer ganzen Flotte. Früher haben die Piraten allenfalls einmal ein einzelnes Schiff aufgebracht, das durch Unwetter oder andere Umstände von der Zinnflotte getrennt wurde. Eine Handvoll Sklaven konnte man noch irgendwo verhökern, ohne Aufsehen zu erregen. Aber die Besatzung einer ganzen Flotte … Es war ungefährlicher, sie umzubringen. Und damit kommen wir zum nächsten Punkt. Wie kommt es dazu, dass die Piraten in der Lage sind, eine ganze Flotte anzugreifen? Was hat sich bei ihnen verändert? Bevor ich das nicht weiß, kann ich sie nicht bestrafen. Und ich werde sie bestrafen. Alle, bis auf den Goldenen, der Gnade gezeigt hat.«