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»Wir haben gar keine Münzen an Bord!«

Die Schiffe hatten nun einander fast passiert. Auf der Achterplattform stand der Steuermann und grinste zu ihnen hinab. Ebenso wie die mit langen Speeren bewaffneten Männer, die ihn umringten.

»Vielleicht haben wir ja doch noch was für euch«, rief ein Krieger mit breiten grauen Strähnen im Bart und hob seine Tunika. In hohem Bogen pisste er von der Kampfplattform auf das Fischerboot. Die anderen Krieger taten es ihm gleich. »Na los, macht’s Maul auf!«

Gelächter.

Juba hob schützend die Hände, was natürlich nichts nutzte. Fluchend duckte er sich unter dem goldenen Schauer.

Augenblicke später war die blaue Galeere an ihnen vorüber. Ihre Ruder stießen erneut ins Wasser und unbändiges Gelächter schallte über das Wasser. Die Krieger im Heck winkten ihnen.

Juba blickte zu Aaron. Auch der Unsterbliche war der Demütigung nicht entgangen.

»Diese Geschichte bleibt unter uns«, sagte Aaron beherrscht. »Sie findet nicht den Weg an den Hof von Akšu!«

Auf der Galeere wurde der Mast aufgerichtet und ein rotes Segel gehisst.

»Gut«, murmelte Aaron. »Können wir ihnen folgen, ohne dass sie uns bemerken?«

»Bis zur Dämmerung«, entgegnete Mataan. »Wenn sie ihr Schiff in der Nacht nicht auf einen Strand ziehen, werden wir sie verlieren.«

Das Winterkind

Gonvalon lehnte die Stirn gegen den rauen Stein. Sein Atem ging keuchend. Er hatte viele Stunden gearbeitet und jetzt war er angenehm müde. Sanftes Abendlicht floss über die Lichtung. Erschöpft ließ er den Flachmeißel fallen. Sein Kopf war leer, alle Gedanken mit dem Stein verbunden. Knapp zwei Schritt hoch war er, und heute war es Gonvalon gelungen, dem rotbraunen Fels erste Konturen abzuringen. Es war ein tückischer Stein, der leicht splitterte und sich nur widerwillig eine Form aufzwingen ließ. Kein Stein für einen Bildhauer. Aber die Farbe war wunderbar! Er würde etwas daraus machen, auch wenn es ihm noch viele Stunden abverlangte.

Plötzlich fühlte er sich beobachtet. Es war jemand gekommen, da war er ganz sicher, obwohl das abendliche Vogelgezwitscher nicht einen Herzschlag lang verstummt war. Langsam drehte Gonvalon sich um. Nandalee lehnte an einen Fichtenstamm.

»Bist du schon lange hier?«

»Ist das von Bedeutung?«

Er mochte es nicht, wenn man ihm zusah, wenn er an einem Stein arbeitete. Aber das würde er ihr nicht sagen. Gar nichts sollte sie über seine Arbeit wissen. Die Stunden mit den Steinen gehörten ihm allein. »Du bist weit fort von der Weißen Halle.«

»Man kann dich sehr weit im Wald hören.«

Sie trug das weiße Kleid der Schule, aber weder Hose noch Stiefel. Für ihre Verhältnisse war das Kleid ungewöhnlich sauber. Ihr blondes Haar fiel ungebändigt über ihre Schultern. Das Kleid war bis zur Hüfte geschlitzt. Sie hatte eine gute Figur … Gonvalon verscheuchte den Gedanken. Sie war seine Schülerin!

Er trug nur einen Lendenschurz. Wenigstens das … Oft arbeitete er ganz nackt an den Steinen. Er wollte sie spüren. Mit seinem ganzen Leib.

Staub und feine Steinsplitter hatten sich mit seinem Schweiß vermengt, und verlegen räusperte er sich. »Ich bin schmutzig. Ich werde mich waschen.«

»Ich finde, du siehst überaus anziehend aus.« Nandalee trat auf die Lichtung und sah ihn an, als sei er ein Gaul auf einem Pferdemarkt.

»In der Tat, mir ist bereits aufgefallen, dass Schmutz dich nicht sonderlich stört«, entgegnete er kühl.

»Und der Geruch von Schweiß auch nicht.« Sie stand jetzt dicht bei ihm. »Du riechst nie nach dem Schoß einer Frau.«

Gonvalon traute seinen Ohren nicht. Wie konnte sie …! »In den einsamen Wäldern Carandamons mag es ungewöhnlich sein, aber hier ist es durchaus üblich, sich nach einer Liebesnacht zu waschen.«

»Einem Elfen, der die meiste Zeit des Tages seine Sinne in vier gemauerte Wände einsperrt, mag es ungewöhnlich erscheinen, aber das wilde Mädchen aus den Wäldern Carandamons würde den Duft einer Liebesnacht auch dann noch wahrnehmen, wenn du ein Bad aus Rosenwasser genommen hättest.« Sie lächelte herausfordernd.

Er wich einen Schritt zurück und Steinsplitter knirschten unter seinen nackten Füßen. »Was willst du?«

»Ist das nicht offensichtlich? Du brauchst eine Liebesnacht und keinen Stein, Gonvalon.« Ihre Stimme klang ein wenig dunkler. Sinnlicher … Sie gefiel ihm. Schon damals, als er sie das erste Mal gesehen hatte. Aber er durfte nicht. Er hatte es sich geschworen! Er würde sie nur beide ins Unglück stürzen. Und im Gegensatz zu ihr wusste er das. Er durfte nicht auf dieses Spiel eingehen. Auch wenn er sich danach sehnte, nicht mehr einsam zu sein.

Gonvalon nahm ein Tuch und begann sich den Schweiß vom Leib zu reiben. »Und da hast du gedacht, du erbarmst dich meiner … Für eine Liebesnacht oder zwei.«

»Du weißt, dass ich nicht selbstlos bin. Ich will dich. Ich mag den Geruch von Schweiß. Und du hast einen gewissen Ruf, was deine Schülerinnen angeht.«

»Ja, das habe ich. Sie sterben.«

Sie lachte. »Ich habe es dir schon bei den Blauen gesagt – ich bin nicht wie die anderen. Ich bin schwer umzubringen.«

Fast dasselbe hatte Talinwyn auch gesagt. Und er hatte ihr nachgegeben. Und dann …

»Ich bin einsam.« Nandalee legte eine seiner Hände auf ihre Brust. Sie duftete nach Vanille. Ein vertrauter Duft. »Ich habe zu lange bei keinem Mann gelegen. Das macht das Blut und die Seele sauer.«

Was war das für ein Spruch? Wollte sie ihn aufziehen? »Wie kommst du darauf, dass ich dich begehren könnte?«

»Es gibt da gewisse Hinweise.« Sie blickte auf seinen Schoß und zwinkerte ihm zu.

Gonvalon schoss das Blut in die Wangen. Er drehte sich ab.

»Du hast einen hübschen Hintern.«

Das war die Höhe! So direkt war ihm noch keine Frau gekommen. »Seid ihr alle in Carandamon so unverblümt? So schamlos! «

»Warum viele Worte an das Offensichtliche verschwenden? Was ist so verwerflich daran, wenn wir uns für eine Nacht gegenseitig Lust schenken? Ich bin nicht darauf aus, dich durch irgendwelche Eide an mich zu binden. Du gehst keinerlei Verpflichtungen ein.«

Gonvalon fühlte sich völlig überrollt. Noch nie hatte ihn eine Frau so offen nach einer Liebesnacht gefragt. Umeinander zu werben war eine hohe Kunst. Üblicherweise verfasste er Gedichte, und eine seiner Schülerinnen hatte er einst darum gebeten, ihm für eine Skulptur Modell zu stehen. Am Ende lief all das auf das hinaus, was ihm Nandalee gerade angeboten hatte. Nur langsamer. Deutlich langsamer.

»Eine halbe Meile von hier entspringt ein Quell. Du kennst den Ort. Ganz in der Nähe hast du mein Gesicht in einen schroffen Felsen geschlagen.« Sie lächelte. »Ich werde in dieser Nacht dort sein. Es ist trocken dort. Ein Ort, ganz wie ihn die Liebesdichter beschreiben. Vielleicht singt uns sogar eine Nachtigall oder eine Misteldrossel.« Mit frechem Grinsen wandte sie sich ab und war binnen Augenblicken im Wald verschwunden.

Sie kannte Gedichte! Nandalee steckte voller Überraschungen. Er würde sie enttäuschen und nicht zur Quelle kommen. Er konnte das nicht tun! Das wäre völlig verantwortungslos. Ob sie wirklich riechen konnte, wann er eine Liebesnacht gehabt hatte? Selbst nach einem Bad in Rosenwasser? Das war sicher Aufschneiderei! Allerdings hatte sie nicht geirrt. Es war lange her, dass er bei einem Weib gelegen hatte. Und sie war hübsch …

Gonvalon nahm sein Gewand von der Astgabel, an der er es aufgehängt hatte, und ging dem leisen Rauschen des Baches entgegen. Stets achtete er darauf, seine Felsen in der Nähe eines Bachlaufs zu suchen, denn wenn er sich müde gearbeitet hatte, nahm er stets ein langes Bad in eiskaltem Wasser.

Plötzlich hatte er wieder den Vanilleduft in der Nase. War Nandalee hier entlanggegangen? Beunruhigt sah er sich um. Er konnte keine Spur von ihr entdecken, aber das musste nichts bedeuten. Sie kam aus den Wäldern. Sie konnte hier unsichtbar werden. Ganz ohne Magie.

Plötzlich musste er lachen. Der Vanilleduft. Jetzt wusste er, warum er ihm vertraut vorgekommen war. Bidayn benutzte so ein Parfüm. Nandalee hatte sich wirklich ins Zeug gelegt. Er konnte sich nicht erinnern, jemals auch nur einen Hauch von Parfüm an ihr wahrgenommen zu haben. Das war gar nicht ihr Stil … Sie veränderte sich. Gestern hatte er sie mit Lyvianne in vertrautem Gespräch gesehen. Ausgerechnet mit ihr. Mit der Dunklen! Niemand wusste, was Lyvianne tat, wenn sie manchmal auf Jahre verschwand. Sie machte ihm Angst. Und nicht nur ihm. Sie gehörte nicht hierher. Sie sollte in der Blauen Halle unterrichten. Nein, dachte er – sie sollte gar nicht unterrichten.