Er hatte den Bach erreicht. Das Wasser war seicht, aber es würde für seine Zwecke genügen. Er musste sich waschen. Immer nur waschen! All das Blut von seinen Händen spülen. Das seiner Opfer und das seiner Schülerinnen. Er streckte sich flach auf den runden Kieseln im Bachbett aus und Eiseskälte umfing ihn. Sie betäubte jeden Schmerz. Löschte jeden Gedanken aus. Nur eine Erinnerung blieb zurück, klar wie Eis und stechend scharf wie die Kälte. Er erinnerte sich an die Winternacht. In Arkadien hatten sie ihn gefunden. Ausgesetzt. Er kannte nur die Geschichten. Er war noch zu jung gewesen … Ein Kind. Aber alt genug, dass er sich hätte erinnern müssen. An seine Eltern, an sein Leben vor dieser Nacht. Doch da war nichts, außer dem Gefühl, beraubt worden zu sein. Man hatte ihm nicht nur seine Eltern, man hatte ihm auch seine Erinnerungen genommen. Vor dieser Winternacht gab es nichts. Keine Kindheit. Keine Gesichter, Gerüche, Geräusche. Nichts! Das Erste, was ihm von seinem neuen Leben im Gedächtnis geblieben war, war das Gefühl von Kälte. Durchdringende, verzehrende Kälte. Wolfsgeheul. Er hatte ein langes Messer in Händen gehalten, mit blutiger Klinge.
So hatten sie ihn gefunden, die Fürstin von Arkadien und ihre Diener, mit denen sie zur Jagd ausgeritten war. Ihn und drei tote Wölfe. Zugleich mit seiner zweiten Geburt hatte die Geschichte vom Klingenmeister begonnen. Hatte wirklich er die Wölfe getötet? Auch daran konnte er sich nicht erinnern, aber alle glaubten es. Die Fürstin Arkadiens hatte ihn aufgenommen. Und da er sich an seinen Namen nicht erinnern konnte, hatte sie ihm einen Namen geschenkt. Einen Namen, der ihn nie vergessen lassen würde, wie sein zweites Leben begonnen hatte. Gonvalon. Das Winterkind.
Er legte den Kopf in den Nacken, tauchte ihn in die Fluten des Gebirgsbachs. Die Kälte drang ihm bis in den Knochen. Nein, tiefer noch. Bis in seine Gedanken. Sie riss die Zweifel fort. Er kämpfte. Sein letztes Begehren sollte vergehen. Alle Glut verlöschen! Seine Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit.
Die Lungen brannten. Das Feuer weitete sich aus! Sein Kopf schnellte hoch. Keuchend rang er um Luft, erhob sich dann müde aus dem Strom und bettete sein Haupt auf einen moosbewachsenen Felsen inmitten weißer Gischt. Warum war er verflucht? Warum ließen die Alben all dies geschehen? Waren ihre Kinder ihnen egal, wie die Himmelsschlangen behaupteten? Gonvalon war nie einem Alben begegnet. Seine Meister waren die Drachen, sie waren real, und manchmal linderte der Goldene seinen Schmerz. Aber den Fluch hatte auch er nicht von ihm genommen. Der Goldene erlaubte nicht, dass er die Schule verließ.
Was nutzte er der Weißen Halle, dachte Gonvalon verzweifelt, wenn seine Schülerinnen dazu verdammt waren zu sterben? Zu schnell zu sterben. All die Jahre, die er verschenkte, um sie zu lehren, wie man inmitten des Klingensturms überlebte. Wie man selbst Pfeilen ausweichen konnte!
Nandalee war von dem Augenblick an verflucht gewesen, in dem man ihn zu ihrem Lehrer erwählt hatte. Sie trug es mit dem leichten Lachen der Jugend, hielt sich für unbesiegbar. Und er hatte sie für überheblich gehalten. Bis zu ihrer beider Besuch in der Blauen Halle. Dort hatte sie ihn beeindruckt. Sie hatte es geschafft, über sich selbst zu triumphieren. Ihren Trotz abzulegen. Sich zu den Magistern zu bekennen, die sie mit Prügel empfangen hatten. Das war groß!
Er stieg aus dem kalten Bach. Der Steinstaub war von seinen Gliedern gespült.
Einmal mehr dachte Gonvalon an ihre erste Begegnung. Wie sie nackt im Schnee gestanden hatte. Gehetzt. Dem Tode nahe. Eis im Haar. Sie war anders als alle Schülerinnen, die man ihm bisher überantwortet hatte. Sie war ihm ähnlich. Ausgesetzt in einer Winternacht. Ihrem Schicksal überlassen. Schon damals hatte er sich zu ihr hingezogen gefühlt. Er hatte sie in derselben Stunde gefunden, in der Talinwyn ihr Leben verloren hatte. Alles ging ineinander über. Geburt, Liebe, Tod. Nandalee war verloren. Sie hatten sie zu seiner Schülerin gemacht, obwohl er sich dagegen gewehrt hatte. Und nun kam sie und forderte ihn heraus. Welchen Unterschied machte es, wenn er zum Wald bei der Quelle ging? Sie beide waren verdammt. Eine neue Liebe würde ihn von seinen Seelenqualen ablenken. Für ein paar Monde zumindest. Erlösung gab es nicht. Diese Hoffnung hatte er schon lange aufgegeben. Wärme und Geborgenheit würden nie auf Dauer in sein Leben treten. Sie würden ihm immer wieder entrissen werden – so wie sie ihm als Kind geraubt worden waren. Und eines Tages würde er an seiner Verzweiflung verbrennen. Auch das gehörte zu seinen frühesten Erinnerungen. Vielleicht hatte ihm die Vorstellung geholfen, in der Eiseskälte zu überleben. Er würde nicht erfrieren – er würde brennen. Kälte konnte ihm nichts anhaben, ganz gleich, wie lange er sich in eisigen Gebirgsbächen wusch.
Langsam wandte er den Kopf und blickte gen Osten. Dorthin, wo der Wald mit der Quelle lag. Ja, er war ein Narr. Aus Feuer war er geboren – und es war das Feuer, das eines Tages sein Schicksal besiegeln würde.
Ein von den Göttern verlassener Ort
Drei Tage folgten sie der blauen Galeere. Sie blieben nicht unbemerkt, aber das Glück war auf ihrer Seite. Als das Schiff der Piraten sie zu stellen versuchte, gelang es ihnen, zwischen den Riffen einer kleinen Insel in seichtes Fahrwasser zu entkommen. Dorthin konnte die viel größere Galeere ihnen nicht folgen. Als dann noch der Gezeitenstrom wechselte und die Ebbe einsetzte, musste die Galeere endgültig zurück auf See.
Artax hoffte auf den Hochmut der Piraten und darauf, dass die Galeere sie schließlich zum Versteck der Flotte führen würde. Was konnten drei Fischer, denen man auf die Köpfe gepisst hatte, schon gegen eine ganze Flotte ausrichten?
Und endlich, am dritten Tag, wurde ihre Ausdauer belohnt. Das blaue Schiff steuerte eine Bucht an, über deren enger Zufahrt zwei hohe Klippen wachten. An die westliche Klippe klammerte sich eine Tempelruine, deren geborstene weiße Säulen sich deutlich vom dunkleren Felsgestein abhoben. Wie ein Vogelnest kauerte der Tempel hoch über der See.
»Das ist Kyrna«, erklärte Mataan. »Ein von den Göttern verlassener Ort.«
»Und doch gibt es einen Tempel«, bemerkte Juba trocken.
»Ja, einen Tempel, den lange kein Priester mehr betreten hat. Dieser Ort ist verdammt. Vor langer Zeit einmal gab es hier eine reiche kleine Stadt. Die Bucht ist ein vollkommener Hafen. Der flache Strand bietet Platz für fünfzig oder mehr Galeeren. Kein Sturm ist so gewaltig, dass er den Schiffen dort etwas anzuhaben vermag. Und doch lebt dort heute niemand mehr.«
Das rote Segel der Galeere verschwand hinter den Felsen.
Artax änderte den Druck auf das Ruder. Ihr kleines Boot wechselte den Kurs. Es würde in weitem Bogen an der Einfahrt zum Felshafen vorübergleiten. »Du glaubst, die Piraten sind dort?«
»Wenn sie dort sind, dann nicht für lange. Nicht weit von hier verläuft eine viel befahrene Schifffahrtsroute. Die Handelsschiffe suchen an jedem Abend die Nähe des Ufers. Sie wagen sich nur selten außer Sichtweite der Küsten. Vielleicht haben sie noch nicht alle Zinnschiffe abgefangen. Dies wäre ein günstiger Ort, sich für einen Überfall zu sammeln. Allerdings gibt es hier kein Wasser. Die Götter haben die übermütigen Bewohner Kyrnas verflucht. An dem Tag, an dem das Erdbeben den Tempel dort oben auf der Klippe zerstörte, versiegten auch alle drei Quellen der Insel. So tief sie auch gruben, die Bewohner Kyrnas vermochten kein Wasser mehr zu finden und mussten schließlich ihre Heimat verlassen. Seitdem kommt nur noch selten ein Schiff hierher. Kyrna ist der perfekte Unterschlupf — solange das Wasser reicht.«