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Artax lächelte. »Wasser. Das scheint der Schlüssel zu sein.«

Juba schnaubte. »Wenn du vorhast, die Bucht mit einem Fischerboot zu blockieren, bis die Piraten verdursten, springe ich jetzt über Bord. Wir wissen, wo sie stecken. Das ist gut. Aber mit unüberlegten Heldentaten kommen wir hier nicht weiter. Entweder wir suchen die zweite Zinnflotte oder wir holen die Kriegsgaleeren. Hier haben wir jedenfalls nichts verloren.« Juba sah ihn fast flehentlich an. »Wir können hier nichts ausrichten, Erhabener! «

»Komm schon, Juba. Wir sind für sie wie ein Floh auf einem Hundearsch. Wenn wir nicht stechen, beachten sie uns gar nicht.«

Oh, ihr Götter! Bauernprosa. Was haben wir getan, in diesem Kopf hier festzusitzen? Wir flehen dich an, Löwenhäuptiger, lass einen Blitz vom Himmel fahren und erlöse uns von dem Übel.

Willkommen, Aaron, dachte Artax. Der Gefangene meines Geistes rasselt mal wieder mit seinen Ketten. Ist es hart, wenn man einmal das Ohr eines Gottes hatte und er einen nun so gar nicht mehr erhört? Du hörst dich so verzweifelt an, wie Juba gerade aussieht.

Wie sollte irgendjemand glücklich aussehen, der deinem Irrsinn ausgeliefert ist?

Artax schüttelte den Kopf, um seines Quälgeistes Herr zu werden. Er gestand es sich nicht gern ein, aber trotz der vielen kleinen Siege, die er im Kampf gegen Aaron davongetragen zu haben glaubte, fiel es ihm immer schwerer, bei der Sache zu bleiben, wenn Aaron sich in seine Gedanken schlich.

»Ist dir an der Besatzung der blauen Galeere etwas aufgefallen, Kriegsmeister? Mindestens die Hälfte dieser Piraten kam weder von den Aegilischen Inseln noch aus Luwien. Wir würden gar nicht auffallen, wenn wir uns unter sie mischen.«

Selbst im Dämmerlicht war deutlich zu sehen, wie Juba blasser wurde.

»Nur ein Ausflug, mein Freund. Du weißt doch, bei Nacht sind alle Katzen grau. Und das Glück ist bei den Tapferen. Und damit du ein wenig ruhiger bist, nehmen wir unsere Schwerter mit.«

»Sprüche, nichts als Sprüche«, entgegnete Juba müde. »Du bringst mich ins Grab.«

Uns alle! Juba ist alles andere als ein Poet oder ein sensibles Gemüt. Wenn du ihn mit deinen Bauernweisheiten um den Verstand bringst, hast du es wahrlich weit getrieben.

»Da, seht!«, rief Mataan. Ihr Boot war jetzt auf Höhe der Einfahrt zur Bucht. »Sie sind da, ganz wie du vermutet hast. So viele!«

Artax sank das Herz beim Anblick der Flotte. Sie konnten nur einen Teil der Bucht einsehen. Dort lag der Strand voller Schiffe. Mindestens dreißig waren es. Ringsherum erhoben sich Felsen, manche steil wie von Riesen erbaute Festungswälle. Auf aus dem Stein geschlagenen Terrassen erhoben sich die Ruinen der verlassenen Stadt. Goldenes Abendlicht schmeichelte den verfallenen Mauern, und erste Lagerfeuer leuchteten in den Schatten.

»Dort lagern mehr als tausend Mann«, sagte Juba leise.

»Seht dort, bei der Einfahrt!« Mataans Stimme war voller Begeisterung. »Die Gischt, inmitten der Fahrrinne. Dort gibt es Felsen. Wir haben Flut und man kann sie noch sehen. Davon ist in den alten Geschichten über Kyrna nicht die Rede. Ein Teil der Bergflanke scheint abgerutscht zu sein. Bei Ebbe sitzen die da drinnen fest!«

Rasch trug die Strömung sie an der Einfahrt vorüber und schwarze Steilwände verwehrten ihnen nun den Blick auf die Schiffe. Nur einige der höher an den Bergflanken gelegenen Ruinen waren noch zu sehen. Nirgends in den Felsen konnte Artax Wachen entdecken. Die Piraten schienen sich in der Bucht völlig sicher zu fühlen. Und wen sollten sie auch fürchten? Sie drei waren keine Gefahr, und wenn eine Flotte auslief, um sie zu bekämpfen, würden sie sicher von schnellen Schiffen wie der blauen Galeere gewarnt. Wahrscheinlich gehörten ihre Spötter zu den Spähern der Piraten, die nach lohnender Beute und Feinden Ausschau hielten.

»Du willst da nicht wirklich hin!«, sagte Juba in beschwörendem Tonfall.

»Wir beide werden gar nicht auffallen, Juba! Wir sind nur zwei Krieger mehr in einem Lager voller Krieger aus aller Herren Länder. Das da sind Söldner, Glücksritter … Ein bunter Haufen. Vertrau mir. Die werden uns gar nicht bemerken.«

»Und wenn wir auf einen der Kerle treffen, die uns auf die Köpfe gepisst haben. Die wissen doch, dass wir ihnen gefolgt sind.«

Artax machte eine wegwerfende Geste. »Zu viel Grübelei macht jeden Plan kaputt! Wenn wir entdeckt werden, werden wir improvisieren. Das sind über tausend Krieger dort! Und es wird Nacht sein, wenn wir in ihr Lager gehen. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden?« Er wandte sich an Mataan. »Gibt es irgendeinen Platz außer Sichtweite dieser Bucht, an dem du uns an Land lassen könntest?«

»Auf der Rückseite der Insel liegt ein seichter Küstenstreifen. Dort könnt ihr an Land waten. Kyrna ist nicht sehr groß. Ihr hättet dann einen Fußmarsch von drei Meilen vor euch, vielleicht vier. Wo soll ich euch wieder aufnehmen?«

Artax blickte die Küste entlang. »Der Felsfinger dort drüben. Wir werden uns irgendwie dorthin durchschlagen. Warte da bei Morgengrauen auf uns.«

Mataan nickte. Juba seufzte. Und Aaron setzte erneut zu einer Schmähtirade an. Nur Artax blieb ruhig. Die Götter lieben die Tapferen, dachte er voller Zuversicht und wurde sich plötzlich bewusst, dass dies keine Bauernweisheit war. Er veränderte sich!

Der Fluch

»Liebst du mich?«

Die Frage kam für Gonvalon so überraschend, wie ihn alles an dieser Nacht überrascht hatte. Ja, glaube ich, wäre die ehrlichste Antwort gewesen. Er war sich sicher, dass er sie begehrte. Aber Liebe … Und ihm war klar, dass diese ehrliche Antwort alles zerstören würde. Außerdem brauchte er schon zu lange, um zu antworten. Auch das mochte sie verletzen. Warum stellte sie nur diese verdammte Frage? Er musste sich herausreden. Und das schnell!

»Ich liebe dich, wie der Wolf den Mond liebt.«

Sie stützte sich auf den Ellenbogen und sah ihn an. Sie war schön! Es war nicht die makellose Schönheit, die er an Talinwyn bewundert hatte. Es war die Schönheit der Wildnis. Unvollkommen und gerade deshalb faszinierend.

Sie bohrte ihm den Zeigefinger in die Brust. »Du hattest schon viele Frauen, nicht wahr? Du weißt, wie man sich herausredet.«

»Natürlich.« Er lächelte. Meistens half das. »Du weißt das. Du selbst hast gesagt, dass du dich für mich interessierst, weil ich einen gewissen Ruf habe. Und du? Hattest du schon viele Männer?«

»Ziemlich viele. Du weißt ja, wir Wilden aus dem Norden haben recht lockere Moralvorstellungen.« Sie lachte. Dabei bildeten sich leichte Grübchen in den Mundwinkeln und ihre Lippen wichen so weit zurück, dass man ihr Zahnfleisch sah. Es war ein durch und durch echtes Lachen. Unwiderstehlich. Ganz anders als bei Talinwyn. Über ein wohleinstudiertes Lächeln war es bei ihr nie hinausgegangen. Sie hatte immer in allem perfekt sein wollen.

Gonvalon glaubte ihr kein Wort. Gewiss hatte Nandalee schon ein oder zwei Liebhaber gehabt, aber viel mehr konnten es nicht gewesen sein. Sie war unerfahren gewesen … Auch darin unterschied sie sich sehr von Talinwyn. »Es sind diese Moralvorstellungen, die einen wesentlichen Teil deines Charmes ausmachen.« Er lächelte breit. Nicht ganz echt, aber ziemlich unwiderstehlich. Ein Wassertropfen streifte Gonvalons Wange und ihn schauderte.

Nandalee hatte einen Unterstand aus ineinander verflochtenen Ästen gebaut. Er lag windgeschützt an einem dicht bewaldeten Hang. Verborgen. Niemand würde hier zufällig vorbeikommen. Ihr Lager erinnerte Gonvalon ein wenig an das Nest eines Tieres. Sie lagen auf Eberfellen. Darunter war ein Polster aus Moos. Zu ihren Füßen schwelte ein kleines Feuer. Wenn der Wind drehte, trieb Rauch in ihre Zuflucht. Es regnete, doch erstaunlich wenige Tropfen fanden den Weg zu ihnen hinab. Nandalee lag nackt an seiner Seite. Er hatte eines der Felle bis über die Hüften hochgezogen. Er fror.

Es war unübersehbar, dass dieser Unterschlupf nicht erst an diesem Abend entstanden war. War das ihr Versteck, wenn sie nachts durch die Wälder streifte? Er wusste, dass sie sich oft aus der Weißen Halle davonschlich und ihren Schlaf ihrer Freiheit opferte.