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»Warum hast du mein Gesicht in Stein gehauen?«

»Weil es ein schönes Gesicht ist, Nandalee.« Er strich sanft über ihren Arm. »Der Stein hat dein Gesicht schon immer in sich getragen, weißt du … Man musste es nur befreien.«

»Sagen das Bildhauer allen Mädchen, mit denen sie geschlafen haben?«

Gonvalon lachte laut auf. Er hatte das in der Tat nicht zum ersten Mal gesagt. »Nur den hübschesten.«

Wieder bohrte sie ihm einen Finger in die Brust. »Du nimmst mich nicht ernst!«

»Aber ist die Liebe nicht eine Gabe der Alben, die uns den Ernst des Lebens und all unsere Sorgen vergessen lassen soll?«

Sie ging nicht darauf ein. »Kommst du wieder?«, fragte sie. Ihre Stimme klang ein wenig dunkler.

Er löste sich von ihr. Der Rausch der Liebesnacht war verflogen, und wieder dachte er an Talinwyn. An ihren viel zu frühen Tod. Würde sie noch leben, wenn sie nicht seine Schülerin gewesen wäre? Und was würde mit Nandalee geschehen?

»Ich bringe dich in Gefahr, Nandalee. Wir dürfen nicht zusammen sein. Ich bin verflucht! Ich dürfte nicht dein Lehrer sein und erst recht nicht dein Geliebter. Und trotz allem bin ich hier. Ist das klug? Nein, Nandalee, das ist es nicht. Ich sollte davonlaufen. Wie kann ich dich lieben und bleiben?«

»Und wenn wir gemeinsam davonlaufen?«

Er schüttelte den Kopf. »Wir sind den Drachen verschrieben. Du hast die Tätowierung auf meinem Rücken gesehen. Der Bund mit ihnen geht bis unter die Haut.« Er lachte bitter. »Sie dulden nicht, dass man ihnen davonläuft.«

»Aber können sie den Fluch denn nicht brechen?«

»Und wenn sie es waren, die den Fluch ausgesprochen haben?«

Nandalee runzelte die Stirn. »Warum sollten sie das tun? Welchen Sinn hätte das?«

Er seufzte. Schon Tausende Male hatte er sich diese Frage gestellt und nie eine zufriedenstellende Antwort gefunden. »Einzig den Sinn, sie zu unterhalten?« Er richtete sich auf. »Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es auch gar kein Fluch. Vielleicht sind es nur unglückliche Zufälle. Aber sie alle …«

»Und du hast sie alle geliebt?« Sie fragte das überraschend mitfühlend. Ganz ohne Eifersucht.

Gonvalon nickte. »Ja.«

Sie schlang die Arme um ihn und drückte ihn fest an sich. »Mit mir wird es anders sein. Das verspreche ich dir.«

Seine Kehle wurde ihm eng. Auch dieses Versprechen hörte er nicht zum ersten Mal. Er hätte nicht kommen dürfen! Und er wusste, er würde wieder zu ihr kommen. Immer wieder … Nein, schwor er sich, diesmal musste er einen Ausweg finden. Sie durfte nicht sterben! Sie durfte nicht sterben! Und zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass das Maß an Leid, das er ertragen konnte, eines Tages voll sein würde. Dass alles Eiswasser der Welt seinen Schmerz nicht mehr würde lindern können. Was dann geschehen würde? Er wusste es nicht.

Unter Mördern

Artax stieg eine der Treppen hinab, die zwischen den Ruinen hindurchführte. Kostbare Friese waren zwischen Disteln versunken. Von einer Stunde auf die andere war es mit der Pracht Kyrnas vorbei gewesen. So schnell …

Die Piraten scherten sich nicht darum. Sie lebten ganz im Jetzt, ohne Vergangenheit, und sie hatten nicht einmal Wachen aufgestellt, so sicher fühlten sie sich. Juba hielt das für eine Falle, aber Artax war sich sicher, dass niemand mit ihnen rechnete. Wahrscheinlich hatte dieser Haufen von Halsabschneidern nicht einmal einen gemeinsamen Anführer.

Zwischen einigen der Ruinen waren Segel als Sonnendächer aufgespannt, und Artax entdeckte ein paar liederliche Weiber, die sich augenscheinlich verkauften. Vom Strand drang Geschrei herauf. Mit Fackeln war ein Kreis abgesteckt worden, dicht bei den Schiffsrümpfen, die wie gestrandete Meeresungeheuer auf dem Ufer lagen. Zwei Männer duellierten sich, und die aufgemalten Augen sahen dem Treiben zu.

»Neununddreißig Schiffe«, flüsterte Juba.

Artax nickte geistesabwesend. Der Fackelkreis hatte ihn in seinen Bann gezogen. Ein Krieger mit langem, blondem Haar, üppigem Bart und einem Kürass, Bein- und Armschienen aus polierter Bronze war in die Flammenarena getreten. Eine Gestalt aus Gold. War das der Mann, von dem der Überlebende gesprochen hatte? Der eine Gerechte unter all diesen Mördern?

»Wir sehen uns das an«, entschied Artax.

Ein Duell auf Leben und Tod. Das könnte nett werden. Diese Art Unterhaltung fehlt an deinem Hof – und niemand wagt dir zu sagen, wie langweilig es geworden ist! Wirst du uns unterhalten und uns einen deiner tollkühnen Alleingänge bieten?

Hast du keine Sorgen, dass ich mich umbringe?

Sorgen ist da das falsche Wort. Wir wären überaus glücklich, wenn du es endlich schaffen würdest und dieser endlose Alptraum mit dir aufhört. Wir werden dich von gar nichts mehr abhalten, sondern dich nach besten Kräften auf deinem selbstzerstörerischen Weg unterstützen. Von nun an sind wir deine treuesten Verbündeten, Bauer.

Juba unterbrach ihn in seinem inneren Disput. »Du willst mitten ins dichteste Gedränge?«

Artax schüttelte den Kopf. Diese Marotte musste er sich abgewöhnen. »Mach dir keine Sorgen. Da wird keiner auf uns achten, Juba. Die haben nur Augen für den Kampf, den es gleich geben wird.«

»Dann hoffen wir mal, dass wir uns nicht mitten in diesem Kampf wiederfinden.«

Er hörte sich schon an wie Aaron. »Schwarzseher«, zischte Artax und schob sich durch das zunehmende Gedränge. In ihren schmuddeligen Tuniken waren sie auffälliger, als er erwartet hatte. Die meisten der Piraten und Söldner waren besser gekleidet, trugen farbenprächtige Gewänder und kostbar bestickte Umhänge, Perlohrringe, Fibeln mit kunstvoll geschnittenen Gemmen oder breite Armreife. Nur wenige wirkten ärmlich und besaßen so wie sie nur die umgegürteten Schwerter und ein Paar Sandalen.

»Was geht hier vor?«, fragte Artax einen hageren, stoppelbärtigen Kerl mit breitkrempigem Strohhut, aus dessen Gürtel ein beeindruckendes Sortiment an Messergriffen ragte.

Der Mann blickte ihn skeptisch an. »Du warst wohl bei den Spähern, was?«

»Genau.« Artax nickte lächelnd. »Wir sind heute erst eingelaufen. «

»Der Blonde da hat seinen Schiffsführer niedergemetzelt. Der ist wie von Sinnen! Ein Barbar aus Drus halt. Hat nichts im Kopf als seine merkwürdigen Ehrvorstellungen!«

»Ist er ein guter Kämpfer?«

Der Pirat lachte und zeigte dabei seinen zahnlosen Oberkiefer. »Nicht mit der Linken auf den Rücken gebunden. Er ist Linkshänder. Eigentlich sollte er für den Mord am Schiffsführer hingerichtet werden, aber so wird es etwas unterhaltsamer. Magst du nicht wetten? Er wird gegen den Bruder des Toten antreten. Ich jedenfalls wette, dass er schneller die erste Wunde davonträgt, als du bis zwanzig zählen kannst.« Der Zahnlose zwinkerte ihm zu. »Und, schlägst du ein?«

Artax hatte nichts, worum er wetten konnte.

»Du kannst doch bis zwanzig zählen?«

»Natürlich.«

»Dann riskier es doch. Bist du feige?«

»Nein. Ich bin pleite.«

»Ich würde dein Schwert als Wetteinsatz annehmen«, drängte der Pirat.

Artax schüttelte den Kopf. »Ist nicht dein Ernst, oder? Ohne Schwert brauche ich mich auf meinem Schiff nicht mehr blicken lassen. Die lassen mich glatt hier auf dem Felsen sitzen.«

»Ich schlag dir was vor. Du bekommst mein Schwert, wenn du verlierst. Eine hübsche Waffe hast du da.« Der Krieger beugte sich vor. Auch andere waren mittlerweile auf sie aufmerksam geworden und sahen neugierig herüber.

»Was ganz Besonderes, dein Schwert, hmm …«

Artax schalt sich stumm für seine eigene Dummheit. Er trug das Schwert eines Unsterblichen! Zwar hatte er die Scheide mit schmutzigen Stoffstreifen umwickelt und Griff und Parierstange mit einer grünlichen Paste eingerieben, damit das Gold wie schlecht gepflegte Bronze aussah, aber einer näheren Betrachtung würde diese Tarnung nicht standhalten. Der Kerl musste das Schwert nur ziehen. Wenn er die Klinge sah, würde ihm sofort klar, dass er eine Waffe in Händen hielt, wie es sie in ganz Aram nur ein einziges Mal gab.