»Du lässt den Jungen in Ruhe«, mischte sich plötzlich Juba ein. »Meine Schwester hat mich mitgeschickt, damit ich auf ihren Mann achtgebe. Wenn du nicht dein Maul hältst, dann schiebe ich dir meine Faust in den Rachen, sodass du anschließend die letzten paar Zähne, die dir noch geblieben sind, scheißt.«
Der Hagere grinste breit. »Wenn deine Schwester aussieht wie du, kann ich verstehen, warum der Junge lieber in den Krieg zieht, als seine ehelichen Pflichten zu erfüllen.« Gelächter begleitete seine Worte.
»Ich kann mir Wetten nicht leisten, wie du siehst.« Artax zuckte bedauernd mit den Schultern, dann nahm er Juba zur Seite. Die Umstehenden machten noch ein paar spöttische Bemerkungen über sein bulliges Kindermädchen, doch bald blickten alle wieder zum Fackelkreis und der Hagere zog weiter, um sich jemand anders für seine Wetten zu suchen.
Dem blonden Krieger hatte man inzwischen wie angekündigt die Linke auf den Rücken gebunden. In seiner Rechten hielt er ein Schwert mit Bronzeklinge. Die Schneide war schartig, die Waffe nicht gut gepflegt. Ganz anders als die Rüstung des Goldenen. Wahrscheinlich war es nicht sein eigenes Schwert. Artax ahnte, dass man diese Klinge ausgewählt hatte, damit sie brach.
Unter allgemeinem Gejohle trat der Herausforderer in den Kreis. Ein junger Krieger mit langem, sorgsam geöltem Haar, dem gerade der erste Flaum auf den Wangen wuchs. Aber er war groß und durchtrainiert. Wie um seinen Gegner zu verhöhnen, war er nur mit Schild und Schwert bewaffnet und verzichtete auf jegliche Rüstung. Eine grässliche Grimasse zierte den Schild, ein dämonisches Antlitz mit wallendem Schlangenhaar und heraushängender Zunge. Artax vermochte kaum den Blick von diesem Bild zu wenden. Vielleicht war der Schild verzaubert? Er hatte von so etwas schon gehört. Von Bildern, die von der Klinge ablenkten, die hinter dem Schild lauerte.
Licht spiegelte sich auf dem geölten Leib des jungen Kriegers. Er hob seine Waffe zum Himmel. »Freunde, seht zu, wie ich den Mörder meines Bruders richte! Und wenn das Bluthandwerk vollbracht ist, kommt und trinkt mit mir. Ich habe eine Galeere voller Weinamphoren aufgebracht. Lasst den Wein in Strömen fließen, sobald ich diesem Hund die Kehle durchgeschnitten und ihn meinem Bruder als Diener in die ewige Nacht geschickt habe.«
Die Rede des jungen Kriegers wurde begeistert aufgenommen und die Jubelrufe nahmen erst ein Ende, als ein älterer Mann mit halb ergrauten Schläfenzöpfen in das Rund trat. Sein Gesicht war von tiefen Falten durchzogen, seine Armmuskeln knotig wie altes Wurzelwerk, und die Haut verwittert und schlaff. Dennoch strahlte er eine Autorität aus, die die Menge ohne Worte zum Schweigen brachte.
»Hast du noch letzte Worte, Volodi?«, fragte der Alte.
Der Blonde betrachtete seinen jüngeren Herausforderer. »Ich stehe hier, weil ich nicht bin ein Mörder. Bin ich ein Krieger! Darfst du mich angreifen drei Mal, Aigolos. Ich nicht werde schlagen dich. Aber wenn dann noch nicht tot, ich schneiden dir Herz aus Brust. Machen schnell. Wirst haben nicht viel Schmerzen, Jüngelchen. Ganz wie Bruder.«
»Im Morgengrauen nagele ich deinen Kopf an den Vordersteven meiner Galeere, Schwätzer!«
Artax fand die Entgegnung des Jüngeren etwas schwach. Ob er wohl besser kämpfte als fluchte?
»Die Zeit zu reden ist vorbei«, rief der Alte mit volltönender Stimme. »Nun lasst die Klingen sprechen, auf dass die Götter entscheiden mögen, wem ihre Gunst gehört.« Er zog sich aus dem Fackelkreis zurück und kaum, dass er sich wieder zur Menge gesellte, schnellte Aigolos vor, um Volodi die Klinge durch den Hals zu treiben.
Der Blonde wich aus. Der Schwertstoß verfehlte ihn nur knapp. Er wirkte ein wenig unbeholfen, fand Artax. »Eins«, rief Volodi so laut, dass man ihn wohl noch auf den obersten Terrassen der verlassenen Stadt hören musste.
In Aigolos’ Augen trat ein gehetzter Ausdruck. Er hob den Schild und verwehrte seinem Gegner so den Blick auf sein Schwert. Den Drusnier schien das nicht sonderlich zu beeindrucken. Mit leicht federnden Knien stand er in der Mitte des Fackelkreises und erwartete den nächsten Angriff.
Aigolos bewegte sich langsam am äußeren Rand des Kreises entlang. Sein Lauern erinnerte Artax an die Löwen in seinem Palast, die auch manchmal stundenlang am Rand der großen Grube entlangstrichen.
Volodi drehte sich, ohne den Jungen aus den Augen zu lassen. Plötzlich schnellte Aigolos vor und versuchte, den Drusnier mit dem Schild niederzustoßen. Krachend schlugen die beiden Kämpfer gegeneinander. Volodi war stark, und er trotzte dem Angriff. Die Schildkante stieß hart gegen seinen Bronzepanzer. Den Schwertstoß, der auf seine Kehle zielte, lenkte er mit der rechten Armschiene ab, statt seine Waffe zur Parade zu nutzen.
»Zwei«, rief Volodi laut.
In der ganzen Bucht war kein Laut zu hören. Nur das Keuchen des Aigolos durchschnitt die Nacht. Schweiß stand dem jungen Krieger auf der Stirn. Schweiß, der nicht von körperlicher Anstrengung stammen konnte.
Aigolos trat in den Sand, sodass dieser seinem Gegner ins Gesicht spritzte. Der Drusnier drehte den Kopf zur Seite, um nicht geblendet zu werden. Aigolos nutzte den Augenblick und sprang mit einem Schrei vor.
Volodi duckte sich. Mit kreischendem Laut fuhr die Bronzeklinge über seinen Brustpanzer. Blut spritzte auf. Sein linker Arm, der ihm mit einem breiten Lederriemen auf den Rücken gebunden war, war verletzt. Etliche Zuschauer schrien auf. Der Kampf wendete sich endlich zugunsten des Jünglings. Die Wunde am Arm des Drusniers schien jedoch nicht sehr tief zu sein.
Volodi stöhnte. Er hatte es geschafft, sich von Aigolos fortzudrehen, und hielt den Krieger mit vorgestreckter Klinge auf Abstand.
»Drei!«, sagte der Drusnier laut. Dann hob er den linken Arm. Der Lederriemen war durchschnitten. »Hast du selbst durchtrennt meine Fessel, Jüngelchen. Denke ich willst du, ich wechsele Schwert in andere Hand. Richtig?«
Der Jüngling stieß ein entsetztes Keuchen aus und wich zurück.
Volodi stürmte ihm entgegen. Er riss die schartige Bronzeklinge hoch über den Kopf.
Aigolos hob den Schild, um seinen Kopf zu schützen, und nahm sich so selbst die Sicht.
»Der Kampf ist …«, rief der alte Pirat mit den Schläfenzöpfen.
Im selben Moment war Volodi über dem Jüngling. Er rammte die rechte Schulter gegen den Schild. Aigolos stürzte. Noch während er fiel, packte der Drusnier nach dem Schildrand, drückte ihn hinab und stach über den Rand des Schildes hinweg. Seine Klinge fand das ungeschützte Herz des Jünglings, der lieber seine geölten Muskeln gezeigt hatte, als einen Brustpanzer zu tragen.
»Ergreift den Drusnier!«, rief der Anführer der Piraten. »Ergreift ihn!«
Überall erhob sich Geschrei. Der Fackelkreis wurde niedergetreten. Juba zog sein Schwert und stürmte auf den Kampfplatz. Breitbeinig stellte er sich vor den Drusnier. »Wer meinen Kameraden anrührt, stirbt!«, brüllte der Kriegsmeister mit tiefem Bass. »Die Götter haben für Volodi entschieden!«
»Er hat gegen die Regeln des Kampfes verstoßen!«, schrien gleich mehrere Männer durcheinander. Artax schätzte, dass sie eher über ihren verlorenen Wetteinsatz erbost waren als über den Tod des Jünglings. Der Unsterbliche stellte sich an Jubas Seite, bückte sich und griff nach dem Schwert des Toten. Seine eigene Waffe zu ziehen wäre keine gute Idee. »War es klug, dass du dich eingemischt hast?«, zischte er Juba zu.
»Ich dachte, ich komme dir einfach mal damit zuvor, Dummheiten zu machen. Ich hatte gehofft, du würdest die Gelegenheit nutzen und in der Menge unsichtbar werden.«
»Wer seid ihr?«, rief der Alte über den Lärm hinweg. »Von welchem Schiff kommt ihr?«
»Das sein Freunde!«, erklärte der blonde Drusnier. »Kann man sehen nicht?« Er lachte. »Sind verrückt wie Männer von Drus.«
»Das sind Spitzel!« Ein Mann aus den hinteren Reihen drängte nach vorne. Der Steuermann der blauen Galeere!
Artax ließ das Bronzeschwert fallen und legte die Hand an den Griff seiner Waffe.